Kassel

Traum-Debüt ohne Krönung - Grabensteins Glanzleistung kann GWD-Niederlage nicht verhindern

Sebastian Külbel

Er kam, er sah und hielt: Leon Grabenstein zeigte eine herausragende Leistung. Foto: Sippel/Eibner-Pressefoto - © Eibner-Pressefoto
Er kam, er sah und hielt: Leon Grabenstein zeigte eine herausragende Leistung. Foto: Sippel/Eibner-Pressefoto (© Eibner-Pressefoto)

Kassel (mt). Leon Grabenstein hätte sich ärgern können, doch GWD Mindens Nachwuchs-Torhüter strahlte trotz der 21:26 (12:15)-Niederlage bei der MT Melsungen übers ganze Gesicht. Der 19-Jährige feierte am Samstag ein Traum-Debüt in der Handball-Bundesliga und parierte in der zweiten Halbzeit zehn Würfe – aber auch das reichte nicht, weil die Gäste beim favorisierten Tabellenfünften im Angriff einen ganz schwachen Tag erwischten.

„Ich bin mit keinem Rückraum-Spieler zufrieden“: Auch Andreas Cederholm (am Ball) fand am Samstag keine Mittel gegen die Deckung der MT Melsungen. Foto: Sippel/Eibner-Pressefoto - © EIBNER/Roland Sippel
„Ich bin mit keinem Rückraum-Spieler zufrieden“: Auch Andreas Cederholm (am Ball) fand am Samstag keine Mittel gegen die Deckung der MT Melsungen. Foto: Sippel/Eibner-Pressefoto (© EIBNER/Roland Sippel)

Das sah auch Trainer Frank Carstens als Hauptgrund für die am Ende klare Niederlage: „Wir hatten im Positionsangriff eine Wurfquote von 30 Prozent. Das ist indiskutabel.“ Denn während die Abwehr erneut sicher stand und die Basis für starke 14 Tempo-Tore legte, konnten die Mindener mit dauerhaftem Ballbesitz am Samstag wenig anfangen und erwirtschafteten daraus nur mickrige sieben Tore: „Das ist mit Abstand das schlechteste, was ich in meiner Zeit bei GWD bislang erfasst habe“, sagte Carstens.

Diese Defizite führten auch dazu, dass dem „Wahnsinns-Auftritt“ (Carstens) von Grabenstein die Krönung versagt blieb. Der junge Keeper war kurzfristig wegen der Verletzungen von Espen Christensen (Oberschenkel) und Maurice Paske (Hüfte) in den Kader gerutscht. Als Kim Sonne in der ersten Hälfte gleich drei Kopftreffer kassierte, schlug Grabensteins Stunde. „Ich habe Kim gegen seinen Willen ausgewechselt. Aber er war gerade erst mit einer Gehirnerschütterung ausgefallen und klagte über Kopfschmerzen“, schilderte Carstens.

Die Befürchtung, der unerfahrene Youngster könnte seine Vorderleute verunsichern, wich schnell einer anderen Erkenntnis: Grabenstein legte mit seinen Paraden die Grundlage, dass GWD überhaupt noch einmal heran kam. Denn danach hatte es in der 39. Minute nicht ausgesehen, als Melsungen beim 20:13 auf sieben Tore davon gezogen war.

Die Mindener bissen sich jedoch zurück ins Spiel und kämpften sich in ihrer besten Phase seit dem 4:1-Beginn auf 20:17 heran. Für mehr reichte es nicht, weil die GWD-Angreifer ihre kurzzeitige Effektivität schnell wieder verloren. „Ich bin heute mit keinem Rückraum-Spieler zufrieden“, benannte Carstens das Hauptproblem.

Ein Sinnbild dafür war Christoffer Rambo, dem die Veränderung seiner privaten Situation als dreifacher Familienvater auf dem Feld anzumerken ist. „Aber er ist es nicht allein“, betonte Carstens: „Wir hatten keinen Spieler, der dauerhaft gefährlich war.“ Das lag vor allem daran, dass die Mindener Abschlüsse schlecht vorbereiteten und oft zu früh warfen – auf beides hatte der Coach im Vorfeld hingewiesen.

GWD machte es Melsungen daher leicht, nach zwei Niederlagen in die Erfolgsspur zurückzufinden. Zwar war auch MT-Trainer Heiko Grimm mit seiner Offensive nicht zufrieden, in den entscheidenden Momenten setzte seine Mannschaft aber ihre individuellen Vorteile durch. Lasse Mikkelsen etwa traf achtmal und verwandelte dabei alle fünf Siebenmeter, Marino Maric zeigte sich nach seinem Bizeps-Sehnenriss mit fünf Toren auf dem Weg zu alter Klasse.

Der entscheidende Faktor stand am Samstag jedoch im Melsunger Tor: Nebojsa Simic zeigte 17 Paraden und hielt 46 Prozent der Mindener Würfe. Eine ähnliche Quote hatte auch Grabenstein, seine Vorderleute kamen da aber nicht mit. „Wir hatten 20 Fehlwürfe und dazu zehn technische Fehler. Damit kommt man nicht weit“, rechnete Coach Carstens vor.

Während der nun im Training einen „Schwerpunktwechsel vornehmen“ und sich verstärkt dem kriselnden Angriff widmen will, nimmt zumindest sein Nachwuchskeeper viel Selbstvertrauen mit aus Kassel: „Ich hatte gehofft, dass ich überhaupt etwas spielen darf. So eine Leistung ist natürlich ein gutes Gefühl“, sagte er im Fernseh-Interview. Dass die GWD-Profis nicht mal ein eigenes Trikot für ihn dabei hatten, konnte er verschmerzen: „Ich habe einfach irgendeins genommen.“

Stimmen zum Spiel

Frank Carstens (Trainer GWD Minden): „Wir haben heute nur 50 Prozent richtig gemacht und auch nur in der Abwehr und im Gegenstoß. Mit Ball, das müssen wir nochmal üben. Wir haben in die Vorarbeit zu unseren Abschlüssen nicht genug investiert. Im Angriff haben wir den Ansprüchen heute leider nicht genügt.“

Heiko Grimm (Trainer MT Melsungen): „Wir haben nach einem sehr schweren Start die Ruhe bewahrt. Das ist positiv. Wir wollten in der Zone verteidigen und das hat gut funktioniert. Dagegen war der Angriff vor allem in der zweiten Halbzeit Stückwerk. Da müssen wir mehr Ruhe bewahren.“

Frank von Behren (Geschäftsführer Sport GWD Minden): „Wir haben nicht mutig genug gespielt, das ist das Enttäuschende. Es war bezeichnend, dass unser bester Mann im Tor stand. Es ist unglaublich, wie cool und abgezockt Leon Grabenstein aufgetreten ist. Allein er hätte es für seine Leistung verdient gehabt, wenn wir heute hier gewonnen hätten.“

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KasselTraum-Debüt ohne Krönung - Grabensteins Glanzleistung kann GWD-Niederlage nicht verhindernSebastian KülbelKassel (mt). Leon Grabenstein hätte sich ärgern können, doch GWD Mindens Nachwuchs-Torhüter strahlte trotz der 21:26 (12:15)-Niederlage bei der MT Melsungen übers ganze Gesicht. Der 19-Jährige feierte am Samstag ein Traum-Debüt in der Handball-Bundesliga und parierte in der zweiten Halbzeit zehn Würfe – aber auch das reichte nicht, weil die Gäste beim favorisierten Tabellenfünften im Angriff einen ganz schwachen Tag erwischten. Das sah auch Trainer Frank Carstens als Hauptgrund für die am Ende klare Niederlage: „Wir hatten im Positionsangriff eine Wurfquote von 30 Prozent. Das ist indiskutabel.“ Denn während die Abwehr erneut sicher stand und die Basis für starke 14 Tempo-Tore legte, konnten die Mindener mit dauerhaftem Ballbesitz am Samstag wenig anfangen und erwirtschafteten daraus nur mickrige sieben Tore: „Das ist mit Abstand das schlechteste, was ich in meiner Zeit bei GWD bislang erfasst habe“, sagte Carstens. Diese Defizite führten auch dazu, dass dem „Wahnsinns-Auftritt“ (Carstens) von Grabenstein die Krönung versagt blieb. Der junge Keeper war kurzfristig wegen der Verletzungen von Espen Christensen (Oberschenkel) und Maurice Paske (Hüfte) in den Kader gerutscht. Als Kim Sonne in der ersten Hälfte gleich drei Kopftreffer kassierte, schlug Grabensteins Stunde. „Ich habe Kim gegen seinen Willen ausgewechselt. Aber er war gerade erst mit einer Gehirnerschütterung ausgefallen und klagte über Kopfschmerzen“, schilderte Carstens. Die Befürchtung, der unerfahrene Youngster könnte seine Vorderleute verunsichern, wich schnell einer anderen Erkenntnis: Grabenstein legte mit seinen Paraden die Grundlage, dass GWD überhaupt noch einmal heran kam. Denn danach hatte es in der 39. Minute nicht ausgesehen, als Melsungen beim 20:13 auf sieben Tore davon gezogen war. Die Mindener bissen sich jedoch zurück ins Spiel und kämpften sich in ihrer besten Phase seit dem 4:1-Beginn auf 20:17 heran. Für mehr reichte es nicht, weil die GWD-Angreifer ihre kurzzeitige Effektivität schnell wieder verloren. „Ich bin heute mit keinem Rückraum-Spieler zufrieden“, benannte Carstens das Hauptproblem. Ein Sinnbild dafür war Christoffer Rambo, dem die Veränderung seiner privaten Situation als dreifacher Familienvater auf dem Feld anzumerken ist. „Aber er ist es nicht allein“, betonte Carstens: „Wir hatten keinen Spieler, der dauerhaft gefährlich war.“ Das lag vor allem daran, dass die Mindener Abschlüsse schlecht vorbereiteten und oft zu früh warfen – auf beides hatte der Coach im Vorfeld hingewiesen. GWD machte es Melsungen daher leicht, nach zwei Niederlagen in die Erfolgsspur zurückzufinden. Zwar war auch MT-Trainer Heiko Grimm mit seiner Offensive nicht zufrieden, in den entscheidenden Momenten setzte seine Mannschaft aber ihre individuellen Vorteile durch. Lasse Mikkelsen etwa traf achtmal und verwandelte dabei alle fünf Siebenmeter, Marino Maric zeigte sich nach seinem Bizeps-Sehnenriss mit fünf Toren auf dem Weg zu alter Klasse. Der entscheidende Faktor stand am Samstag jedoch im Melsunger Tor: Nebojsa Simic zeigte 17 Paraden und hielt 46 Prozent der Mindener Würfe. Eine ähnliche Quote hatte auch Grabenstein, seine Vorderleute kamen da aber nicht mit. „Wir hatten 20 Fehlwürfe und dazu zehn technische Fehler. Damit kommt man nicht weit“, rechnete Coach Carstens vor. Während der nun im Training einen „Schwerpunktwechsel vornehmen“ und sich verstärkt dem kriselnden Angriff widmen will, nimmt zumindest sein Nachwuchskeeper viel Selbstvertrauen mit aus Kassel: „Ich hatte gehofft, dass ich überhaupt etwas spielen darf. So eine Leistung ist natürlich ein gutes Gefühl“, sagte er im Fernseh-Interview. Dass die GWD-Profis nicht mal ein eigenes Trikot für ihn dabei hatten, konnte er verschmerzen: „Ich habe einfach irgendeins genommen.“ Stimmen zum Spiel Frank Carstens (Trainer GWD Minden): „Wir haben heute nur 50 Prozent richtig gemacht und auch nur in der Abwehr und im Gegenstoß. Mit Ball, das müssen wir nochmal üben. Wir haben in die Vorarbeit zu unseren Abschlüssen nicht genug investiert. Im Angriff haben wir den Ansprüchen heute leider nicht genügt.“ Heiko Grimm (Trainer MT Melsungen): „Wir haben nach einem sehr schweren Start die Ruhe bewahrt. Das ist positiv. Wir wollten in der Zone verteidigen und das hat gut funktioniert. Dagegen war der Angriff vor allem in der zweiten Halbzeit Stückwerk. Da müssen wir mehr Ruhe bewahren.“ Frank von Behren (Geschäftsführer Sport GWD Minden): „Wir haben nicht mutig genug gespielt, das ist das Enttäuschende. Es war bezeichnend, dass unser bester Mann im Tor stand. Es ist unglaublich, wie cool und abgezockt Leon Grabenstein aufgetreten ist. Allein er hätte es für seine Leistung verdient gehabt, wenn wir heute hier gewonnen hätten.“