Gier und Glaube: GWD Minden stellt Bestwert auf

Marcus Riechmann

Bis zum Schlusspfiff machte GWD Tempo. Kevin Gulliksen, hier im Anflug auf Carsten Lichtlein, profitierte davon. Neun Tore erzielte der Rechtsaußen gegen den VfL Gummersbach. Foto: Noah Wedel - © Noah Wedel
Bis zum Schlusspfiff machte GWD Tempo. Kevin Gulliksen, hier im Anflug auf Carsten Lichtlein, profitierte davon. Neun Tore erzielte der Rechtsaußen gegen den VfL Gummersbach. Foto: Noah Wedel (© Noah Wedel)

Minden (mt). Christoffer Rambo versuchte es einmal. Er versuchte es ein zweites Mal. „Dreimal hat er das Anspiel probiert“, hatte Frank Carstens mitgezählt. Dann endlich sah der Trainer, dass der Pass des Linkshänders auf Jonas Gertges funktionierte und der am Kreis eingelaufene Linksaußen genau wusste, was er mit dem Ball anzufangen hatte. Er warf ihn zum 38:27 ins Tor. Ein Höhepunkt des 40:28-Heimsieges von GWD Minden gegen den VfL Gummersbach, mit dem die Gastgeber historisches vollbrachten: Erstmals in der Bundesliga-Geschichte knackte GWD die 40-Tore-Marke.

Der Versuch Rambos, den jungen Gertges, der als Aushilfe für den absenten Profi Luka Zvizej in den Kader gerutscht war, unbedingt zu seinem ersten Bundesligator zu verhelfen, mag als Beleg für die Spielfreude und den Teamgeist bei GWD dienen. Ebenso der Umstand, dass Coach Carstens den beiden Reservisten aus dem Mindener Drittliga-Team in der Schlussphase noch Einsatzzeit bei der Handballgala vor mehr als 2.600 Zuschauern ermöglichte. Wie Gertges erlebte auch Maximilian Nowatzki besondere Momente. Der Linkshänder – Mitglied des erweiterten Profi-Kaders – netzte gleich zweimal ein. „Im letzten Jahr wäre ich noch nervös gewesen“, sagte Nowatzki zu seinem ersten Treffer, als er mit seinem ersten Ballkontakt auf das leere Gummersbacher Tor zugestürmt war und das 37:27 erzielte, „heute war ich das nicht.“

Das GWD-Team dieser Saison präsentiert sich in jeder Hinsicht als Einheit. „Unser Erfolgsrezept ist derzeit, dass wir als Mannschaft spielen“, meinte Spielgestalter Dalibor Doder, der sich nicht nur seiner sieben Treffer wegen erneut für eine Vertragsverlängerung bewarb. „Es gab positive Gespräche“, berichtet der 39-Jährige zum aktuellen Stand der Verhandlungen.

„Die Chemie stimmt“ beschrieb Rechtsaußen Kevin Gulliksen eine Stärke seiner Mannschaft. Der Norweger stellte nach den Punkten 15 und 16 sowie dem Sprung auf Tabellenplatz sieben lässig fest: „Wir spielen eine ganz gute Saison.“ Gründe dafür gibt es viele. Einer dürfte der Hunger nach Erfolg sein, den Abwehrchef Miljan Pusica – am Sonntag auch überzeugender Torjäger – dokumentierte: „28 Gegentore sind zuviel“, fand der Serbe trotz seiner Freude über den klaren Sieg und über blitzsaubere sechs eigene Tore noch Verbesserungspotenzial.

Die Gier der Gastgeber mussten die tief in den Abstiegskampf verstrickten Gäste leidvoll erfahren. GWD ließ nicht locker, zog das Spiel mit einer Mischung aus Spaß und Tordrang durch und fertigte den Altmeister auch dank 21 gelaufener Tempogegenstöße deutlich ab. „Am Ende war es easy. Da hatten der VfL auch keine Lust mehr“, hatte GWD-Torwart Kim Sonne festgestellt. „So darf man sich nicht präsentieren“, haderte VfL-Geschäftsführer Christoph Schindler dass „wir mit so einer Packung nach Hause fahren“ und stellte die Charakterfrage.

Die stellt sich bei den Gastgebern in dieser Saison nicht. Der wohl hervorstechendste Faktor ist die mentale Stabilität. Die Spieler haben in den vergangenen Monaten Vertrauen in die eigene Stärke und in den Matchplan des Trainers gefunden. „Wir haben uns an die Abmachung gehalten“, nannte Linksaußen Mats Korte den Schlüssel für den klaren Heimsieg, „man weiß: Es funktioniert.“ Und zwar schon seit Monaten.

Dies hob auch Coach Carstens am Tag nach seiner Vertragsverlängerung hervor. „Wir haben immer die Ruhe behalten“, befand der Trainer zur hakeligen Auftakt-Viertelstunde und lobte: „Cool, wie geschlossen die Mannschaft das gelöst hat. Alle haben mitgezogen.“ Das galt auch für Magnus Gullerud: Der Kreisläufer hatte am Morgen noch unter derartigen Rückenproblemen gelitten, dass er nicht spielfähig schien. „Dank an Jörg Pöhlmann und Philipp Roessler“, lobte Carstens die medizinische Abteilung. Da auch bei Andreas Cederholm (im Training umgeknickt) der Einsatz vage war, sei er „vor dem Spiel extrem nervös gewesen“ gab Carstens zu: „Wir hatten Respekt vor Gummersbach.“

Wie Carstens bemühte sich auch Frank von Behren die Euphorie zu dämpfen. „Das Ergebnis ist zu hoch ausgefallen“, sagte der Sport-Geschäftsführer, „wir wollen das nicht zu hoch hängen.“ Von Behren will die Spannung im Team hochhalten, schließlich stehen im Dezember noch vier Spiele auf dem Programm: Beim Bergischen HC, zuhause gegen FA Göppingen, in Flensburg und dann am 2. Weihnachtstag das OWL-Derby gegen den TBV Lemgo. „Wir können eine runde Sache daraus machen“, schielt von Behren auf die 20-Punkte-Marke bereits nach dem ersten Saisonabschnitt.

Die nächsten Spiele könnte Kim Sonne als frischgebackener Vater bestreiten. Seine hochschwangere Frau weilte am Sonntag auf der Tribüne. „Es kann jeden Moment soweit sein“, berichtete der Däne von besonderer Anspannung sowie einer ungewöhnlichen Absprache: „Ich habe mit meiner Frau einen Deal gehabt. Erst gewinnen wir, dann ist das Kind dran.“ Das mit dem Gewinnen wäre dann schon mal erledigt.

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Gier und Glaube: GWD Minden stellt Bestwert aufMarcus RiechmannMinden (mt). Christoffer Rambo versuchte es einmal. Er versuchte es ein zweites Mal. „Dreimal hat er das Anspiel probiert“, hatte Frank Carstens mitgezählt. Dann endlich sah der Trainer, dass der Pass des Linkshänders auf Jonas Gertges funktionierte und der am Kreis eingelaufene Linksaußen genau wusste, was er mit dem Ball anzufangen hatte. Er warf ihn zum 38:27 ins Tor. Ein Höhepunkt des 40:28-Heimsieges von GWD Minden gegen den VfL Gummersbach, mit dem die Gastgeber historisches vollbrachten: Erstmals in der Bundesliga-Geschichte knackte GWD die 40-Tore-Marke. Der Versuch Rambos, den jungen Gertges, der als Aushilfe für den absenten Profi Luka Zvizej in den Kader gerutscht war, unbedingt zu seinem ersten Bundesligator zu verhelfen, mag als Beleg für die Spielfreude und den Teamgeist bei GWD dienen. Ebenso der Umstand, dass Coach Carstens den beiden Reservisten aus dem Mindener Drittliga-Team in der Schlussphase noch Einsatzzeit bei der Handballgala vor mehr als 2.600 Zuschauern ermöglichte. Wie Gertges erlebte auch Maximilian Nowatzki besondere Momente. Der Linkshänder – Mitglied des erweiterten Profi-Kaders – netzte gleich zweimal ein. „Im letzten Jahr wäre ich noch nervös gewesen“, sagte Nowatzki zu seinem ersten Treffer, als er mit seinem ersten Ballkontakt auf das leere Gummersbacher Tor zugestürmt war und das 37:27 erzielte, „heute war ich das nicht.“ Das GWD-Team dieser Saison präsentiert sich in jeder Hinsicht als Einheit. „Unser Erfolgsrezept ist derzeit, dass wir als Mannschaft spielen“, meinte Spielgestalter Dalibor Doder, der sich nicht nur seiner sieben Treffer wegen erneut für eine Vertragsverlängerung bewarb. „Es gab positive Gespräche“, berichtet der 39-Jährige zum aktuellen Stand der Verhandlungen. „Die Chemie stimmt“ beschrieb Rechtsaußen Kevin Gulliksen eine Stärke seiner Mannschaft. Der Norweger stellte nach den Punkten 15 und 16 sowie dem Sprung auf Tabellenplatz sieben lässig fest: „Wir spielen eine ganz gute Saison.“ Gründe dafür gibt es viele. Einer dürfte der Hunger nach Erfolg sein, den Abwehrchef Miljan Pusica – am Sonntag auch überzeugender Torjäger – dokumentierte: „28 Gegentore sind zuviel“, fand der Serbe trotz seiner Freude über den klaren Sieg und über blitzsaubere sechs eigene Tore noch Verbesserungspotenzial. Die Gier der Gastgeber mussten die tief in den Abstiegskampf verstrickten Gäste leidvoll erfahren. GWD ließ nicht locker, zog das Spiel mit einer Mischung aus Spaß und Tordrang durch und fertigte den Altmeister auch dank 21 gelaufener Tempogegenstöße deutlich ab. „Am Ende war es easy. Da hatten der VfL auch keine Lust mehr“, hatte GWD-Torwart Kim Sonne festgestellt. „So darf man sich nicht präsentieren“, haderte VfL-Geschäftsführer Christoph Schindler dass „wir mit so einer Packung nach Hause fahren“ und stellte die Charakterfrage. Die stellt sich bei den Gastgebern in dieser Saison nicht. Der wohl hervorstechendste Faktor ist die mentale Stabilität. Die Spieler haben in den vergangenen Monaten Vertrauen in die eigene Stärke und in den Matchplan des Trainers gefunden. „Wir haben uns an die Abmachung gehalten“, nannte Linksaußen Mats Korte den Schlüssel für den klaren Heimsieg, „man weiß: Es funktioniert.“ Und zwar schon seit Monaten. Dies hob auch Coach Carstens am Tag nach seiner Vertragsverlängerung hervor. „Wir haben immer die Ruhe behalten“, befand der Trainer zur hakeligen Auftakt-Viertelstunde und lobte: „Cool, wie geschlossen die Mannschaft das gelöst hat. Alle haben mitgezogen.“ Das galt auch für Magnus Gullerud: Der Kreisläufer hatte am Morgen noch unter derartigen Rückenproblemen gelitten, dass er nicht spielfähig schien. „Dank an Jörg Pöhlmann und Philipp Roessler“, lobte Carstens die medizinische Abteilung. Da auch bei Andreas Cederholm (im Training umgeknickt) der Einsatz vage war, sei er „vor dem Spiel extrem nervös gewesen“ gab Carstens zu: „Wir hatten Respekt vor Gummersbach.“ Wie Carstens bemühte sich auch Frank von Behren die Euphorie zu dämpfen. „Das Ergebnis ist zu hoch ausgefallen“, sagte der Sport-Geschäftsführer, „wir wollen das nicht zu hoch hängen.“ Von Behren will die Spannung im Team hochhalten, schließlich stehen im Dezember noch vier Spiele auf dem Programm: Beim Bergischen HC, zuhause gegen FA Göppingen, in Flensburg und dann am 2. Weihnachtstag das OWL-Derby gegen den TBV Lemgo. „Wir können eine runde Sache daraus machen“, schielt von Behren auf die 20-Punkte-Marke bereits nach dem ersten Saisonabschnitt. Die nächsten Spiele könnte Kim Sonne als frischgebackener Vater bestreiten. Seine hochschwangere Frau weilte am Sonntag auf der Tribüne. „Es kann jeden Moment soweit sein“, berichtete der Däne von besonderer Anspannung sowie einer ungewöhnlichen Absprache: „Ich habe mit meiner Frau einen Deal gehabt. Erst gewinnen wir, dann ist das Kind dran.“ Das mit dem Gewinnen wäre dann schon mal erledigt.