Volles Haus und volle Pulle: GWD steht gegen Kiel kurz vor dem Sieg - dann zieht Duvnjak den Stöpsel

Marcus Riechmann

Gute Leistung, großer Frust: Mindens Max Staar im Angesicht der Niederlage. Foto: Wedel - © Noah Wedel
Gute Leistung, großer Frust: Mindens Max Staar im Angesicht der Niederlage. Foto: Wedel (© Noah Wedel)

Minden (mt). Es war feierlich für ein Festbankett angerichtet. Knapp 3.800 Zuschauer hatten erwartungsfroh an der Tafel Platz genommen und wurden mit feinster Handballkost verwöhnt. Die Zutaten fügten sich lange Zeit zu einem Sterne-Menü. Doch der Kieler Küchenchef versalzte beim Mindener Bankett der Festgesellschaft den Hauptgang.

Pure Entschlossenheit: Mindens Christoffer Rambo ist auf dem Weg zu einem seiner fünf Treffer von Kiels Miha Zarabec (links) nicht zu stoppen, Nikola Bilyk (rechts) schaut dem GWD-Torjäger nach. Foto: Noah Wedel - © Noah Wedel
Pure Entschlossenheit: Mindens Christoffer Rambo ist auf dem Weg zu einem seiner fünf Treffer von Kiels Miha Zarabec (links) nicht zu stoppen, Nikola Bilyk (rechts) schaut dem GWD-Torjäger nach. Foto: Noah Wedel (© Noah Wedel)

Maître de Cuisine war Domagoj Duvnjak. Der Superstar sorgte auf beeindruckende Art dafür, dass der THW Kiel die kleine Siegesserie GWD Mindens beendete und den heimischen Bundesligisten aus höheren Umlaufbahnen wieder zurück auf die Erde beförderte. 37:29 (19:17) gewann der Rekordmeister gestern Nachmittag vor der Rekordkulisse und feierte damit beim zehnten Gastspiel in der ausverkauften Kampa-Halle den zehnten Sieg in Folge. Ganz nebenbei bauten die Kieler ihre Erfolgsbilanz in der Liga aus: Mit dem achten Sieg in Folge untermauerte die Mannschaft von Trainer Alfred Gislason ihre Ambitionen im Titelrennen.

Die Spieler jubeln, der Trainer betet. Trainer Alfred Gislason hält nach einem Kieler Tor kurz inne. Foto: Wedel - © Noah Wedel
Die Spieler jubeln, der Trainer betet. Trainer Alfred Gislason hält nach einem Kieler Tor kurz inne. Foto: Wedel (© Noah Wedel)

Danach hatte es allerdings zwischenzeitlich nicht ausgesehen. Denn die Mindener Handballer ließen gestern ihren hehren Vorsätzen Taten folgen und brachten den Favoriten in große Not. „Ich muss sagen, das war ein schweres Spiel heute“, gab Gislason später zu Protokoll. Kiels Sportlicher Leiter Viktor Szilagyi gestand ein: „Das Endergebnis spiegelt nicht wider, was heute an Arbeit notwendig war.“ Das Lob munterte die tief frustrierten GWD-Athleten nicht auf. „Alle sind total enttäuscht“, berichtete Teamkapitän Dalibor Doder von der Stimmung in der Kabine. Torhüter Kim Sonne fasste die Gefühle in Worte: „Wir haben uns gut präsentiert, aber das war nicht, was wir wollten. Wir wollten mehr.“ Auch der Applaus der Fans, die trotz der letztlich deutlichen Pleite im Stehen applaudierten, war kein Trost.

Garanten des Kieler Erfolgs: Torwart Andreas Wolff jubelt hinter Domagoj Duvnjak. Foto: Wedel - © Noah Wedel
Garanten des Kieler Erfolgs: Torwart Andreas Wolff jubelt hinter Domagoj Duvnjak. Foto: Wedel (© Noah Wedel)

Zu Beginn der Partie schien es, als würden die eigenen Erwartungen den Hausherren die Luft abschnüren. Bis zum 6:11-Rückstand nach 15 Minuten gelang wenig, die Gäste spielten ihren Stiefel routiniert runter. Immer wieder lief das Kieler Spiel erfolgreich an der GWD-Abwehr vorbei. Mindens Trainer Frank Carstens hatte Gesprächsbedarf, nahm beim 8:13 eine Auszeit, setzte auf Risiko und stellte auf den siebten Feldspieler um: Keeper Kim Sonne machte im Angriff Platz für Anton Mansson.

Nun kam GWD in Schwung. Nach dem 9:14 gelangen vier Tore in Folge. Bereits als der exzellente Rechtsaußen Max Staar einen Gegenstoß zum 11:14 (20.) vollendete, gingen Arme und Köpfe hoch. Kurz darauf warf sich Magnus Gullerud mit vollem Einsatz in ein Anspiel zu Kiels bärenstarkem Kreisläufer Patrick Wiencek. Im Liegen spielte Gullerud den Ball zu Andreas Cederholm, und der Schwede vollendete den Konter zum 13:14. Die Halle tobte. GWD war im Spiel angekommen.

Die Abwehr biss, Kiel geriet unter Druck. Als Mats Korte zum 16:16 der erste Ausgleich gelang, standen die Fans zum ersten Mal auf. Es roch nach Melsungen-Gala, die Führung lag in der Luft. Mit Mühe blieb der THW vorn, Duvnjak sorgte mit einem Gewaltwurf für die 18:16-Führung zur Halbzeitpause.

Nach dem Seitenwechsel legte Minden nach. Gullerud traf zum Ausgleich, der Führungstreffer war an Symbolik reich: Abwehrchef Miljan Pusica eroberte den Ball, spielte im Fallen zu Christoffer Rambo. Der Norweger nahm von der Mittellinie ein paar Schritte Anlauf und drosch das Leder mit Urgewalt zum 21:20 in die Maschen. GWD war nun voll auf Touren, spielte fokussiert und legte beim 24:22 (Siebenmeter Luka Zvizej) in der 40. Minute sogar eine Zwei-Tore-Führung vor. „Da habe ich gedacht: Wir gewinnen das heute, jetzt machen wir den Sack zu“, beschrieb Mittelmann Dalibor Doder, was auch viele Zuschauer empfanden. Doch als GWD die Kontrolle übernahm, warf Duvnjak sein ganzes Gewicht in die Waagschale. Drei Tore erzielte der Kroate in den folgenden Minuten und brachte sein taumelndes Team mit der 26:25-Führung (45.) auch emotional zurück in die Spur.

Als auch der bereits beim 20:20 (34.) eingewechselte Torhüter Andreas Wolff zur Hochform fand und einige Mindener Würfe abwehrte, war es, als hätte man einem 40 Minuten immer praller aufgepumpten Schlauchboot den Stöpsel gezogen. Zischend entwich die Luft. Spätestens als Wolff einen freien Wurf Cederholms abwehrte, Harald Reinkind im Gegenzug zur Kieler 28:25-Führung traf und sich Mindens Savvas Savvas bei seiner Bundesliga-Premiere auch gleich die erste Zeitstrafe einhandelte, war den ihrer Träume beraubten GWD-Spielern alle Energie entzogen. Lukas Nilsson vollendete mit beeindruckender Wurfgewalt, was Duvnjak, Wiencek und Wolff vorbereitet hatten und machte den Festbraten, den die Kieler in Minden aus dem Ofen stahlen, fetter als er eigentlich war.

Reaktionen zum Spiel

Frank Carstens (GWD-Trainer): „Das war ein verdienter Sieg für Kiel. Aber wir haben über weite Strecken Moral und Qualität gezeigt. Der Unterschied war heute Duvnjak in dieser überragenden Form.“

Frank von Behren (Geschäftsführer Sport GWD): „Wir haben gegen eine Weltklasse-Mannschaft verloren, die in Duvnjak den Spieler hatte, der den Unterschied gemacht hat. Irgendwann waren wir mit dem Latein am Ende. Aber unser Team entwickelt sich, die Zuschauer merken das. Ich glaube, die Fans sind heute trotz der Niederlage auf ihre Kosten gekommen.“

Alfred Gislason (THW-Trainer): „Als wir in der zweiten Hälfte in der Abwehr 6:0 gespielt haben, hat Wolff überragend gehalten. Er, Duvnjak und Wiencek haben uns wieder reingeholt. Ein Spiel wie dieses hätten wir letztes Jahr verloren. Aber heute sind wir nicht in Hektik verfallen.“

Domagoj Duvnjak (THW-Spieler): „Wir haben nach der klaren Führung in der ersten Halbzeit zu viele Fehler gemacht, und GWD hat das genutzt. Als wir mit zwei Toren hinten lagen, haben wir Charakter gezeigt und am Ende überragend Handball gespielt.“

Christoffer Rambo (GWD-Spieler): „Ich bin sehr enttäuscht. Zu viele einfache Fehler und ein guter Torwart Wolff haben den Ausschlag gegeben. Es ist schade, weil wir vor so einer tollen Kulisse gespielt haben. Volle Halle, geile Atmosphäre. Die Zuschauer hatten heute mehr verdient. Und wir vielleicht auch.“

GWD Minden - THW Kiel 29:37 (17:19)

Tore für GWD Minden: Gullerud 5, Rambo 5, Staar 5, Cederholm 4, Michalczik 4, Zvizej 3/3, Mansson 2, Korte 1

Tore für THW Kiel: Duvnjak 8, Nilsson 8, Wiencek 7, Ekberg 5/4, Bilyk 3, M. Landin 3, Reinkind 3

Schiedsrichter: Christoph Maier (Steinbach)/Michael Kilp (Oberursel)

Zuschauer: 3800.

Strafminuten: 6 / -.

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Volles Haus und volle Pulle: GWD steht gegen Kiel kurz vor dem Sieg - dann zieht Duvnjak den StöpselMarcus RiechmannMinden (mt). Es war feierlich für ein Festbankett angerichtet. Knapp 3.800 Zuschauer hatten erwartungsfroh an der Tafel Platz genommen und wurden mit feinster Handballkost verwöhnt. Die Zutaten fügten sich lange Zeit zu einem Sterne-Menü. Doch der Kieler Küchenchef versalzte beim Mindener Bankett der Festgesellschaft den Hauptgang. Maître de Cuisine war Domagoj Duvnjak. Der Superstar sorgte auf beeindruckende Art dafür, dass der THW Kiel die kleine Siegesserie GWD Mindens beendete und den heimischen Bundesligisten aus höheren Umlaufbahnen wieder zurück auf die Erde beförderte. 37:29 (19:17) gewann der Rekordmeister gestern Nachmittag vor der Rekordkulisse und feierte damit beim zehnten Gastspiel in der ausverkauften Kampa-Halle den zehnten Sieg in Folge. Ganz nebenbei bauten die Kieler ihre Erfolgsbilanz in der Liga aus: Mit dem achten Sieg in Folge untermauerte die Mannschaft von Trainer Alfred Gislason ihre Ambitionen im Titelrennen. Danach hatte es allerdings zwischenzeitlich nicht ausgesehen. Denn die Mindener Handballer ließen gestern ihren hehren Vorsätzen Taten folgen und brachten den Favoriten in große Not. „Ich muss sagen, das war ein schweres Spiel heute“, gab Gislason später zu Protokoll. Kiels Sportlicher Leiter Viktor Szilagyi gestand ein: „Das Endergebnis spiegelt nicht wider, was heute an Arbeit notwendig war.“ Das Lob munterte die tief frustrierten GWD-Athleten nicht auf. „Alle sind total enttäuscht“, berichtete Teamkapitän Dalibor Doder von der Stimmung in der Kabine. Torhüter Kim Sonne fasste die Gefühle in Worte: „Wir haben uns gut präsentiert, aber das war nicht, was wir wollten. Wir wollten mehr.“ Auch der Applaus der Fans, die trotz der letztlich deutlichen Pleite im Stehen applaudierten, war kein Trost. Zu Beginn der Partie schien es, als würden die eigenen Erwartungen den Hausherren die Luft abschnüren. Bis zum 6:11-Rückstand nach 15 Minuten gelang wenig, die Gäste spielten ihren Stiefel routiniert runter. Immer wieder lief das Kieler Spiel erfolgreich an der GWD-Abwehr vorbei. Mindens Trainer Frank Carstens hatte Gesprächsbedarf, nahm beim 8:13 eine Auszeit, setzte auf Risiko und stellte auf den siebten Feldspieler um: Keeper Kim Sonne machte im Angriff Platz für Anton Mansson. Nun kam GWD in Schwung. Nach dem 9:14 gelangen vier Tore in Folge. Bereits als der exzellente Rechtsaußen Max Staar einen Gegenstoß zum 11:14 (20.) vollendete, gingen Arme und Köpfe hoch. Kurz darauf warf sich Magnus Gullerud mit vollem Einsatz in ein Anspiel zu Kiels bärenstarkem Kreisläufer Patrick Wiencek. Im Liegen spielte Gullerud den Ball zu Andreas Cederholm, und der Schwede vollendete den Konter zum 13:14. Die Halle tobte. GWD war im Spiel angekommen. Die Abwehr biss, Kiel geriet unter Druck. Als Mats Korte zum 16:16 der erste Ausgleich gelang, standen die Fans zum ersten Mal auf. Es roch nach Melsungen-Gala, die Führung lag in der Luft. Mit Mühe blieb der THW vorn, Duvnjak sorgte mit einem Gewaltwurf für die 18:16-Führung zur Halbzeitpause. Nach dem Seitenwechsel legte Minden nach. Gullerud traf zum Ausgleich, der Führungstreffer war an Symbolik reich: Abwehrchef Miljan Pusica eroberte den Ball, spielte im Fallen zu Christoffer Rambo. Der Norweger nahm von der Mittellinie ein paar Schritte Anlauf und drosch das Leder mit Urgewalt zum 21:20 in die Maschen. GWD war nun voll auf Touren, spielte fokussiert und legte beim 24:22 (Siebenmeter Luka Zvizej) in der 40. Minute sogar eine Zwei-Tore-Führung vor. „Da habe ich gedacht: Wir gewinnen das heute, jetzt machen wir den Sack zu“, beschrieb Mittelmann Dalibor Doder, was auch viele Zuschauer empfanden. Doch als GWD die Kontrolle übernahm, warf Duvnjak sein ganzes Gewicht in die Waagschale. Drei Tore erzielte der Kroate in den folgenden Minuten und brachte sein taumelndes Team mit der 26:25-Führung (45.) auch emotional zurück in die Spur. Als auch der bereits beim 20:20 (34.) eingewechselte Torhüter Andreas Wolff zur Hochform fand und einige Mindener Würfe abwehrte, war es, als hätte man einem 40 Minuten immer praller aufgepumpten Schlauchboot den Stöpsel gezogen. Zischend entwich die Luft. Spätestens als Wolff einen freien Wurf Cederholms abwehrte, Harald Reinkind im Gegenzug zur Kieler 28:25-Führung traf und sich Mindens Savvas Savvas bei seiner Bundesliga-Premiere auch gleich die erste Zeitstrafe einhandelte, war den ihrer Träume beraubten GWD-Spielern alle Energie entzogen. Lukas Nilsson vollendete mit beeindruckender Wurfgewalt, was Duvnjak, Wiencek und Wolff vorbereitet hatten und machte den Festbraten, den die Kieler in Minden aus dem Ofen stahlen, fetter als er eigentlich war. Reaktionen zum Spiel Frank Carstens (GWD-Trainer): „Das war ein verdienter Sieg für Kiel. Aber wir haben über weite Strecken Moral und Qualität gezeigt. Der Unterschied war heute Duvnjak in dieser überragenden Form.“ Frank von Behren (Geschäftsführer Sport GWD): „Wir haben gegen eine Weltklasse-Mannschaft verloren, die in Duvnjak den Spieler hatte, der den Unterschied gemacht hat. Irgendwann waren wir mit dem Latein am Ende. Aber unser Team entwickelt sich, die Zuschauer merken das. Ich glaube, die Fans sind heute trotz der Niederlage auf ihre Kosten gekommen.“ Alfred Gislason (THW-Trainer): „Als wir in der zweiten Hälfte in der Abwehr 6:0 gespielt haben, hat Wolff überragend gehalten. Er, Duvnjak und Wiencek haben uns wieder reingeholt. Ein Spiel wie dieses hätten wir letztes Jahr verloren. Aber heute sind wir nicht in Hektik verfallen.“ Domagoj Duvnjak (THW-Spieler): „Wir haben nach der klaren Führung in der ersten Halbzeit zu viele Fehler gemacht, und GWD hat das genutzt. Als wir mit zwei Toren hinten lagen, haben wir Charakter gezeigt und am Ende überragend Handball gespielt.“ Christoffer Rambo (GWD-Spieler): „Ich bin sehr enttäuscht. Zu viele einfache Fehler und ein guter Torwart Wolff haben den Ausschlag gegeben. Es ist schade, weil wir vor so einer tollen Kulisse gespielt haben. Volle Halle, geile Atmosphäre. Die Zuschauer hatten heute mehr verdient. Und wir vielleicht auch.“ GWD Minden - THW Kiel 29:37 (17:19) Tore für GWD Minden: Gullerud 5, Rambo 5, Staar 5, Cederholm 4, Michalczik 4, Zvizej 3/3, Mansson 2, Korte 1 Tore für THW Kiel: Duvnjak 8, Nilsson 8, Wiencek 7, Ekberg 5/4, Bilyk 3, M. Landin 3, Reinkind 3 Schiedsrichter: Christoph Maier (Steinbach)/Michael Kilp (Oberursel) Zuschauer: 3800. Strafminuten: 6 / -.