Gedanken zur Krise: Bundesliga - Ende einer Leidenschaft

Sebastian Külbel

Bevor ein falscher Eindruck entsteht: Ich bin Fußball-Fan, seit ich denken kann. Als Achtjähriger verfolgte ich gebannt, wie Werder Bremen beim 6:2 gegen Spartak Moskau das erste „Wunder von der Weser“ vollbrachte. 2004 gruben mein Bruder und ich im Weserstadion ein Stück Meisterrasen aus, in den Jahren danach verfolgten wir auf der Haupttribüne die Champions-League-Glanzzeit unserer Bremer und bebten vor Begeisterung. Heute frage ich mich, wo diese Begeisterung geblieben ist.

Das schleichende Ende einer einstmals großen Leidenschaft hat sicher auch mit dem sportlichen Dahinsiechen meines grün-weißen Herzensvereins zu tun. Seit Jahren folgt einer hoffnungsvollen Phase eine miserable, zurzeit steht Werder als Vorletzter vor dem Abstieg. Andere Fans schimpfen, hadern und zittern, ich tue es nicht mehr. Und das hat Gründe.

Mit zunehmender Resignation verfolge ich, wie der sportliche Mittelstand von den Mühlen des großen Geldes zerrieben wird. Profi-Fußball war immer ein Geschäft, schon klar. Aber spätestens mit der Explosion der Fernseh-Erlöse und Investoren aus China oder Katar ist es ein wahnsinniges geworden. Für Mittelklasse-Spieler werden schnell zehn Millionen Euro fällig, die Top-Stars wechseln kaum unter 150 Millionen – und das sind nur die Ablösesummen. Aberwitzige Gehälter bereits im Teenageralter tragen bei manch einem Profi nicht gerade positiv zur Charakterbildung bei. Gemessen an der Zahl seiner Aktiven ist Fußball Volkssport, doch er hat in der Spitze das Maß verloren. Die Vereine hecheln der rasanten Entwicklung verzweifelt hinterher, suchen nach geschäftlichen Nischen und machen in ihrer Not am Ende doch jede finanzielle Fantasterei mit. Auch, weil die Fans das beim Blick auf die sportliche Qualität so wollen, heißt es.

In der Corona-Krise geht die Jagd nach den Einnahmen so weit, dass die 1. und 2. Liga an diesem Wochenende ihren Spielbetrieb wieder aufnehmen – nicht, um den geplagten Bürgern ein wenig Freude zu bereiten, sondern allein, um die letzte Rate aus einem hoch dotierten TV-Vertrag zu erhalten. Damit gehen die Manager sogar offen um. Das Ergebnis ist ein fragwürdiger Kompromiss voller absurder Regeln. Während Kinder auf dem Spielplatz penibel Abstände einhalten sollen, werfen sich die Fußballer schwer schnaufend in die Zweikämpfe. Gemeinsam jubeln dürfen sie aber nicht. Willkommen im Corona-Land.

Es gibt durchaus Fans, die sich diesem Zerrbild ihrer Passion verweigern. Ich bewundere sie, denn ich bin nicht stark genug für einen Boykott. Als Sportredakteur könnte ich berufliches Interesse vorschieben, denn die Geisterspieltage sind ein Experiment von historischem Wert. Wahrscheinlich geht es aber auch bei mir um das, was der Wiederbeginn der Bundesliga bewirken soll: Ein Hauch von Rückkehr in die gewohnte Normalität.

Diese Normalität hat sich allerdings in den vorigen Wochen grundlegend gewandelt. Und in einer Zeit der Beschränkung auf das Wesentliche hat der Fußball kaum gefehlt. Umfragen zeigen, dass die Vorfreude auf den Start so gering ist wie noch nie. Es geht um das brutale Durchziehen, das graue Runterspielen einer Saison, die immer mit einem Makel behaftet sein wird. Um eines geht es aber ganz sicher nicht: Begeisterung.

Gedanken zur Krise

Alex Lehn ist MT-Fotograf und Grafiker. Mit aufs Wesentliche reduzierten Illustrationen, die erst bei genauerer Betrachtung ihre Tiefe enthüllen, bereichert er das Mindener Tageblatt seit Jahren mit seiner besonderen Sicht der Dinge – aktuell auch zur Corona-Pandemie. Die MT-Redaktion schreibt dazu Persönliches: Essays, Glossen, Tagebucheinträge und mehr.

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Gedanken zur Krise: Bundesliga - Ende einer LeidenschaftSebastian KülbelBevor ein falscher Eindruck entsteht: Ich bin Fußball-Fan, seit ich denken kann. Als Achtjähriger verfolgte ich gebannt, wie Werder Bremen beim 6:2 gegen Spartak Moskau das erste „Wunder von der Weser“ vollbrachte. 2004 gruben mein Bruder und ich im Weserstadion ein Stück Meisterrasen aus, in den Jahren danach verfolgten wir auf der Haupttribüne die Champions-League-Glanzzeit unserer Bremer und bebten vor Begeisterung. Heute frage ich mich, wo diese Begeisterung geblieben ist. Das schleichende Ende einer einstmals großen Leidenschaft hat sicher auch mit dem sportlichen Dahinsiechen meines grün-weißen Herzensvereins zu tun. Seit Jahren folgt einer hoffnungsvollen Phase eine miserable, zurzeit steht Werder als Vorletzter vor dem Abstieg. Andere Fans schimpfen, hadern und zittern, ich tue es nicht mehr. Und das hat Gründe. Mit zunehmender Resignation verfolge ich, wie der sportliche Mittelstand von den Mühlen des großen Geldes zerrieben wird. Profi-Fußball war immer ein Geschäft, schon klar. Aber spätestens mit der Explosion der Fernseh-Erlöse und Investoren aus China oder Katar ist es ein wahnsinniges geworden. Für Mittelklasse-Spieler werden schnell zehn Millionen Euro fällig, die Top-Stars wechseln kaum unter 150 Millionen – und das sind nur die Ablösesummen. Aberwitzige Gehälter bereits im Teenageralter tragen bei manch einem Profi nicht gerade positiv zur Charakterbildung bei. Gemessen an der Zahl seiner Aktiven ist Fußball Volkssport, doch er hat in der Spitze das Maß verloren. Die Vereine hecheln der rasanten Entwicklung verzweifelt hinterher, suchen nach geschäftlichen Nischen und machen in ihrer Not am Ende doch jede finanzielle Fantasterei mit. Auch, weil die Fans das beim Blick auf die sportliche Qualität so wollen, heißt es. In der Corona-Krise geht die Jagd nach den Einnahmen so weit, dass die 1. und 2. Liga an diesem Wochenende ihren Spielbetrieb wieder aufnehmen – nicht, um den geplagten Bürgern ein wenig Freude zu bereiten, sondern allein, um die letzte Rate aus einem hoch dotierten TV-Vertrag zu erhalten. Damit gehen die Manager sogar offen um. Das Ergebnis ist ein fragwürdiger Kompromiss voller absurder Regeln. Während Kinder auf dem Spielplatz penibel Abstände einhalten sollen, werfen sich die Fußballer schwer schnaufend in die Zweikämpfe. Gemeinsam jubeln dürfen sie aber nicht. Willkommen im Corona-Land. Es gibt durchaus Fans, die sich diesem Zerrbild ihrer Passion verweigern. Ich bewundere sie, denn ich bin nicht stark genug für einen Boykott. Als Sportredakteur könnte ich berufliches Interesse vorschieben, denn die Geisterspieltage sind ein Experiment von historischem Wert. Wahrscheinlich geht es aber auch bei mir um das, was der Wiederbeginn der Bundesliga bewirken soll: Ein Hauch von Rückkehr in die gewohnte Normalität. Diese Normalität hat sich allerdings in den vorigen Wochen grundlegend gewandelt. Und in einer Zeit der Beschränkung auf das Wesentliche hat der Fußball kaum gefehlt. Umfragen zeigen, dass die Vorfreude auf den Start so gering ist wie noch nie. Es geht um das brutale Durchziehen, das graue Runterspielen einer Saison, die immer mit einem Makel behaftet sein wird. Um eines geht es aber ganz sicher nicht: Begeisterung. Gedanken zur Krise Alex Lehn ist MT-Fotograf und Grafiker. Mit aufs Wesentliche reduzierten Illustrationen, die erst bei genauerer Betrachtung ihre Tiefe enthüllen, bereichert er das Mindener Tageblatt seit Jahren mit seiner besonderen Sicht der Dinge – aktuell auch zur Corona-Pandemie. Die MT-Redaktion schreibt dazu Persönliches: Essays, Glossen, Tagebucheinträge und mehr.