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MT-Serie, Schiedsrichter: Die Nummer eins an der Pfeife - Wenn aus Torhütern Unparteiische werden

Fabian Terwey

Johannes Kuse vom SV Hausberge lehnt an seiner Heimspielstätte in Torwart- und Schiedsrichterdress am Pfosten. Der ehemalige Keeper pfeift mittlerweile Spiele in der Fußball-Bezirksliga. MT- - © Foto: Fabian Terwey
Johannes Kuse vom SV Hausberge lehnt an seiner Heimspielstätte in Torwart- und Schiedsrichterdress am Pfosten. Der ehemalige Keeper pfeift mittlerweile Spiele in der Fußball-Bezirksliga. MT- (© Foto: Fabian Terwey)

Minden. Dem Fußball und Handball mangelt es chronisch an Unparteiischen. Lösung für das Problem könnte der vermehrte Gewinn von ehemaligen Aktiven sein. Dieses Modell schlug jüngst der Schiedsrichterwart des Handball-Kreises Minden-Lübbecke vor. „Wenn der große Sport im Alter um die 30 vorbei ist, hören die meisten ganz auf mit dem Handball“, sagt Rolf Burmester: „Gerade sie haben aber alle Fähigkeiten zu pfeifen.“ Zwei Männer gehen mit gutem Beispiel voran: Johannes Kuse vom SV Hausberge im Fußball und Jan-Frederic Krutschek vom TSV Hahlen im Handball. Und die beiden Mittdreißiger verbindet noch mehr als nur die Rolle als Referee.

Denn sowohl Kuse als auch Krutschek blicken auf eine lange Torhüter-Karriere zurück. „Als Torwart kannst du 90 Minuten fehlerfrei bleiben und greifst dann plötzlich daneben. Als Schiedsrichter ist es ähnlich“, sagt Kuse. Krutschek spitzt die herausfordernde Rolle sogar noch zu: „Mein ehemaliger Lehrwart im Handballverband Westfalen hat immer gesagt: Die Zuschauer zahlen dafür, euch 60 Minuten anzupöbeln. Erschwerend hinzu kommt die Konfrontation mit den Spielern. Die kann unangenehm sein. Denn auf dem Feld weiß es jeder besser.“

Jan-Frederic Krutschek steht immer noch im Tor und pfeift für den TSV Hahlen. MT- - © Foto: Fabian Terwey
Jan-Frederic Krutschek steht immer noch im Tor und pfeift für den TSV Hahlen. MT- (© Foto: Fabian Terwey)

Da drängt sich die Frage auf: Warum tun sich die beiden das überhaupt an? Kuse erklärt: „Ich bin ein Gerechtigkeitsfanatiker. Und mein Vater Klaus war auch Schiedsrichter. Er hat bis zu meiner Geburt in der Landesliga gepfiffen. Schon in meiner Kindheit war ich da sehr interessiert.“ Der Kreis-Jugendspielbetriebskoordinator Manfred Flake befeuerte Kuses Faible noch: „Auf unseren damaligen Jugendfahrten mit dem Verein hat er uns häufig mit kuriosen Regelfragen unterhalten. Die Lösungen waren für einen Jugendlichen oft sehr überraschend.“

Johannes Kuse ist seit dem Ende seiner Torwart-Laufbahn beim SV Hausberge als Schiedsrichter tätig. MT- - © Foto: Fabian Terwey
Johannes Kuse ist seit dem Ende seiner Torwart-Laufbahn beim SV Hausberge als Schiedsrichter tätig. MT- (© Foto: Fabian Terwey)

Schiedsrichter ist Kuse aber erst seit 2013. Aktuell leitet der 37-Jährige Partien bis hoch zur Bezirksliga: „Seit ich pfeife, bin ich jedes Jahr aufgestiegen. Im Grunde ärgere ich mich jetzt, dass ich nicht vorher angefangen habe. Mein Talent als Schiedsrichter ist größer als als Torwart. Für ganz oben ist es nun aber zu spät. Da hätte ich schon mit 20 Jahren weiter sein müssen.“

Kuse beendete seine aktive Laufbahn im Sommer 2014 nach einer Knochenabsplitterung im Fuß. Von der F-Jugend an hatte der heutige Vorarbeiter eines Industriebetriebs für den SV Hausberge das Tor gehütet. „Zu meiner aktiven Zeit wusste ich immer alles besser als der Schiedsrichter. Das habe ich dem Unparteiischen auch gerne lautstark mitgeteilt. Immer, wenn sich der Referee umgedreht hat, habe ich ihm etwas zugerufen. So konnte er nicht zuordnen, woher das kommt“, berichtet Kuse: „Mein langjähriger Senioren-Trainer hat mir damals gesagt: 'Ich bin froh, dass du die meiste Zeit so weit vom Schiedsrichter entfernt spielst.' Ich war eben ziemlich wild.“ Darum war für den passionierten Anhänger von Werder Bremen sogar der einstige Bayern-Torwart Oliver Kahn das große Vorbild: „Er hatte so viel Feuer. Wenn es nicht lief, wollte ich als Torwart auch immer am liebsten in den Pfosten beißen.“

Krutschek nennt vor allem den Spaß am Handball als Grund für seine Schiedsrichter-Tätigkeit. Der 35-Jährige pfeift bereits seit seiner A-Jugend-Zeit: „Schon damals hatte man uns wegen des Mangels an Unparteiischen angesprochen. So richtig Spaß am Pfeifen hatte ich damals aber noch nicht. Das ging erst vor acht, neun Jahren richtig los.“

Als Unparteiischer feierte Krutschek Aufstieg um Aufstieg. Bis in die Frauen- und Männer-Oberliga schaffte er es. Nach dem Wechsel seines Gespannpartners stieg er wieder ab. Grund: Sein neuer Kollege Mathias Wernich war noch nicht so weit wie Krutschek. Mittlerweile hat sich das Duo aber schon in die Männer-Landesliga und die Frauen-Verbandsliga hochgearbeitet. „Eine Oberliga-Rückkehr wäre schon schön. Zur nächsten Saison wollen wir das erst einmal bei den Frauen schaffen“, sagt Krutschek.

Als Keeper war die Vertretungslehrkraft für Sport und Sozialwissenschaft an der Freiherr-von-Vincke-Realschule unter anderem für GWD Minden II in der 3. Liga aktiv. „Wenn auch nur als Ersatz“, wie Krutschek bemerkt: „Es war dennoch ein toller Sprung von GWD Mindens dritter Mannschaft in der Bezirksliga hoch in die 3. Liga. Vom damaligen Trainer Aaron Ziercke habe ich viel gelernt.“

Noch heute hütet Krutschek das Tor von TSV Hahlen III in der Kreisliga: „Als Spieler meckere ich auch mal, als Schiedsrichter bin ich ausgleichend. Es sind zwei völlig verschiedene Rollen. Als Schiedsrichter achte ich aber natürlich besonders auf den Keeper und dessen Schutz. Es passiert ja häufiger, dass der mal einen Kopftreffer kassiert. Ein Kollege von mir musste deshalb sogar auf ärztliches Anraten mit dem Handball aufhören.“ Kuse hat vor allem Verständnis für die Emotionen eines Torhüters: „Die stauen sich bei ihm eher auf als bei einem Feldspieler. Denn der Torwart kann sie nicht rauslaufen.“

Auf eines darf Kuse allerdings keine Rücksicht nehmen: „Im Fünfmeterraum genießt der Torwart – anders als viele denken – keinen besonderen Schutz. Das ist ein Regel-Mythos, der sich hartnäckig hält.“ Krutschek meint passend dazu: „Als Schiedsrichter musst du einfach regelsicher sein, aber auch sportlich, loyal und erzieherisch. Dabei ist vor allem das Fingerspitzengefühl ganz wichtig.“ All das liegt nicht jedem. Deshalb möchte Krutschek auch in Zeiten des Schiedsrichter-Mangels niemanden drängen, Unparteiischer zu werden: „Das muss schon von innen kommen.“ So sieht es auch Kuse: „Es ist natürlich schade, dass immer noch Schiris gesucht werden. Ich kann es zwar jedem empfehlen, aber der Antrieb muss von selbst kommen.“

MT-Serie Schiedsrichter

„Zwischen den Fronten“ – Ohne sie geht nichts. Und doch stehen sie als Erste in der Kritik. Warum werden junge Menschen Schiedsrichter? Was erleben erfahrene Pfeifenmänner? Und was tun Verbände, um dem Mangel zu begegnen? Mit der Schiedsrichter-Serie beleuchtet das MT zahlreiche Themen rund um den anspruchsvollen Job an der Pfeife.

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Minden.MT-Serie, Schiedsrichter: Die Nummer eins an der Pfeife - Wenn aus Torhütern Unparteiische werdenFabian TerweyMinden. Dem Fußball und Handball mangelt es chronisch an Unparteiischen. Lösung für das Problem könnte der vermehrte Gewinn von ehemaligen Aktiven sein. Dieses Modell schlug jüngst der Schiedsrichterwart des Handball-Kreises Minden-Lübbecke vor. „Wenn der große Sport im Alter um die 30 vorbei ist, hören die meisten ganz auf mit dem Handball“, sagt Rolf Burmester: „Gerade sie haben aber alle Fähigkeiten zu pfeifen.“ Zwei Männer gehen mit gutem Beispiel voran: Johannes Kuse vom SV Hausberge im Fußball und Jan-Frederic Krutschek vom TSV Hahlen im Handball. Und die beiden Mittdreißiger verbindet noch mehr als nur die Rolle als Referee. Denn sowohl Kuse als auch Krutschek blicken auf eine lange Torhüter-Karriere zurück. „Als Torwart kannst du 90 Minuten fehlerfrei bleiben und greifst dann plötzlich daneben. Als Schiedsrichter ist es ähnlich“, sagt Kuse. Krutschek spitzt die herausfordernde Rolle sogar noch zu: „Mein ehemaliger Lehrwart im Handballverband Westfalen hat immer gesagt: Die Zuschauer zahlen dafür, euch 60 Minuten anzupöbeln. Erschwerend hinzu kommt die Konfrontation mit den Spielern. Die kann unangenehm sein. Denn auf dem Feld weiß es jeder besser.“ Da drängt sich die Frage auf: Warum tun sich die beiden das überhaupt an? Kuse erklärt: „Ich bin ein Gerechtigkeitsfanatiker. Und mein Vater Klaus war auch Schiedsrichter. Er hat bis zu meiner Geburt in der Landesliga gepfiffen. Schon in meiner Kindheit war ich da sehr interessiert.“ Der Kreis-Jugendspielbetriebskoordinator Manfred Flake befeuerte Kuses Faible noch: „Auf unseren damaligen Jugendfahrten mit dem Verein hat er uns häufig mit kuriosen Regelfragen unterhalten. Die Lösungen waren für einen Jugendlichen oft sehr überraschend.“ Schiedsrichter ist Kuse aber erst seit 2013. Aktuell leitet der 37-Jährige Partien bis hoch zur Bezirksliga: „Seit ich pfeife, bin ich jedes Jahr aufgestiegen. Im Grunde ärgere ich mich jetzt, dass ich nicht vorher angefangen habe. Mein Talent als Schiedsrichter ist größer als als Torwart. Für ganz oben ist es nun aber zu spät. Da hätte ich schon mit 20 Jahren weiter sein müssen.“ Kuse beendete seine aktive Laufbahn im Sommer 2014 nach einer Knochenabsplitterung im Fuß. Von der F-Jugend an hatte der heutige Vorarbeiter eines Industriebetriebs für den SV Hausberge das Tor gehütet. „Zu meiner aktiven Zeit wusste ich immer alles besser als der Schiedsrichter. Das habe ich dem Unparteiischen auch gerne lautstark mitgeteilt. Immer, wenn sich der Referee umgedreht hat, habe ich ihm etwas zugerufen. So konnte er nicht zuordnen, woher das kommt“, berichtet Kuse: „Mein langjähriger Senioren-Trainer hat mir damals gesagt: 'Ich bin froh, dass du die meiste Zeit so weit vom Schiedsrichter entfernt spielst.' Ich war eben ziemlich wild.“ Darum war für den passionierten Anhänger von Werder Bremen sogar der einstige Bayern-Torwart Oliver Kahn das große Vorbild: „Er hatte so viel Feuer. Wenn es nicht lief, wollte ich als Torwart auch immer am liebsten in den Pfosten beißen.“ Krutschek nennt vor allem den Spaß am Handball als Grund für seine Schiedsrichter-Tätigkeit. Der 35-Jährige pfeift bereits seit seiner A-Jugend-Zeit: „Schon damals hatte man uns wegen des Mangels an Unparteiischen angesprochen. So richtig Spaß am Pfeifen hatte ich damals aber noch nicht. Das ging erst vor acht, neun Jahren richtig los.“ Als Unparteiischer feierte Krutschek Aufstieg um Aufstieg. Bis in die Frauen- und Männer-Oberliga schaffte er es. Nach dem Wechsel seines Gespannpartners stieg er wieder ab. Grund: Sein neuer Kollege Mathias Wernich war noch nicht so weit wie Krutschek. Mittlerweile hat sich das Duo aber schon in die Männer-Landesliga und die Frauen-Verbandsliga hochgearbeitet. „Eine Oberliga-Rückkehr wäre schon schön. Zur nächsten Saison wollen wir das erst einmal bei den Frauen schaffen“, sagt Krutschek. Als Keeper war die Vertretungslehrkraft für Sport und Sozialwissenschaft an der Freiherr-von-Vincke-Realschule unter anderem für GWD Minden II in der 3. Liga aktiv. „Wenn auch nur als Ersatz“, wie Krutschek bemerkt: „Es war dennoch ein toller Sprung von GWD Mindens dritter Mannschaft in der Bezirksliga hoch in die 3. Liga. Vom damaligen Trainer Aaron Ziercke habe ich viel gelernt.“ Noch heute hütet Krutschek das Tor von TSV Hahlen III in der Kreisliga: „Als Spieler meckere ich auch mal, als Schiedsrichter bin ich ausgleichend. Es sind zwei völlig verschiedene Rollen. Als Schiedsrichter achte ich aber natürlich besonders auf den Keeper und dessen Schutz. Es passiert ja häufiger, dass der mal einen Kopftreffer kassiert. Ein Kollege von mir musste deshalb sogar auf ärztliches Anraten mit dem Handball aufhören.“ Kuse hat vor allem Verständnis für die Emotionen eines Torhüters: „Die stauen sich bei ihm eher auf als bei einem Feldspieler. Denn der Torwart kann sie nicht rauslaufen.“ Auf eines darf Kuse allerdings keine Rücksicht nehmen: „Im Fünfmeterraum genießt der Torwart – anders als viele denken – keinen besonderen Schutz. Das ist ein Regel-Mythos, der sich hartnäckig hält.“ Krutschek meint passend dazu: „Als Schiedsrichter musst du einfach regelsicher sein, aber auch sportlich, loyal und erzieherisch. Dabei ist vor allem das Fingerspitzengefühl ganz wichtig.“ All das liegt nicht jedem. Deshalb möchte Krutschek auch in Zeiten des Schiedsrichter-Mangels niemanden drängen, Unparteiischer zu werden: „Das muss schon von innen kommen.“ So sieht es auch Kuse: „Es ist natürlich schade, dass immer noch Schiris gesucht werden. Ich kann es zwar jedem empfehlen, aber der Antrieb muss von selbst kommen.“ MT-Serie Schiedsrichter „Zwischen den Fronten“ – Ohne sie geht nichts. Und doch stehen sie als Erste in der Kritik. Warum werden junge Menschen Schiedsrichter? Was erleben erfahrene Pfeifenmänner? Und was tun Verbände, um dem Mangel zu begegnen? Mit der Schiedsrichter-Serie beleuchtet das MT zahlreiche Themen rund um den anspruchsvollen Job an der Pfeife.