Minden/Bad Oeynhausen

Der Blick geht unter die Mütze: Stahlhelm-Symbolik beschert dem Fußballkreis erneut eine Rechtsextremismus-Debatte

Marcus Riechmann und Ulf Hanke

Der Blick der Fußballszene richtet sich seit gestern auf die „Wölfe“ des SuS Wulferdingsen. Symbolfoto: MT-Archiv
Der Blick der Fußballszene richtet sich seit gestern auf die „Wölfe“ des SuS Wulferdingsen. Symbolfoto: MT-Archiv

Minden/Bad Oeynhausen (mt/nw). Erneut muss sich der Fußball im Mindener Land mit einem Problem von Rechts auseinandersetzen. Beim SuS Wulferdingsen stellt sich die Frage: Wie geht der Verein mit seinem Trainer Marcel D. um? Gestern Abend traf sich der Vorstand zu einer außerordentlichen Sitzung, um unter Beteiligung des Fußballkreisvorsitzenden Thomas Schickentanz die Lage zu beraten.

Der Stein des Anstoßes ist eine Wollmütze, die D. am vergangenen Sonntag als Trainer der 1. Mannschaft des SuS am Rande einer Partie der Kreisliga B getragen hat. Die Mütze ist gehalten in den Farben der Flagge des deutschen Kaiserreichs, Motive sind ein großflächig abgebildetes Eisernen Kreuz und ein Stahlhelm tragender Totenkopf. Das Tragen einer solchen Mütze, deren Symbolik in der rechten Szene aber auch in anderen Gruppierungen benutzt wird, ist erlaubt. Doch es geht im Fall des SuS Wulferdingsen auch weniger um die Mütze, als vielmehr um das, was sie bedeckt.

Denn Recherchen auf der Facebook-Seite „Marcel von Nordhemmern" belegen zahlreiche Verbindungen in die rechte Szene. Einsehbar ist das nicht mehr. Die Seite ist im sozialen Netzwerk nicht mehr auffindbar. Im Umfeld von D., der vor seinem Einstieg in Wulferdingsen beim SC Hille Fußball spielte, wird über die rechte politische Ausrichtung des Coaches nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen. Man möchte sich öffentlich nicht äußern. Das gilt auch für D. selbst. „Kein Kommentar", wehrte er gestern Fragen der MT-Redaktion ab.

Stellung bezogen hingegen Thomas Schickentanz sowie Michael Grützkowski als Vorsitzender des SuS Wulferdingsen. Er habe die ersten Informationen unverzüglich an den Fußball und Leichtathletik-Verband Westfalen weitergeleitet, sagte Schickentanz gestern, dort seien derartig gelagerte Sachverhalte zu bewerten und anhand des Ethik-Kodex des Verbandes zu messen. „Das ist eine schwierige Situation. Das Ehrenamt ist mit solchen Fällen schnell überfordert", sagte der Vorsitzende des Fußballkreises Minden. Er werde dem SuS Wulferdingsen beratend zur Seite stehen und sich informieren.

Informationsbedarf bestand gestern auch beim Verein, der sich am Abend in einer Krisensitzung beraten und auf die Suche nach der Wahrheit machen wollte. Bestätigen sich die Indizien? Wie will man sich positionieren? Er habe viel telefoniert, sagt Michael Grützkowski. Aber mit dem Trainer - und damit mit der wichtigsten Person - hatte er noch nicht gesprochen, sagte der Vereinsvorsitzende, der als Funktionär vielfältig tätig ist. Er sitzt für die CDU im Rat der Stadt Bad Oeynhausen, beim Fußballkreis ist er Vorsitzender des Jugendausschusses. Der Vorstandssitzung wollte er nicht vorgreifen, sagte er, doch für den SuS-Chef ist klar: „Wenn sich das alles bestätigt, ist das nicht zu tolerieren. Das ist ein absolutes No-Go." Dem Vorstand sollen vor Wochen bereits Hinweise auf eine rechtslastige Ausrichtung des Trainers zugegangen sein, auch in den sozialen Netzwerken gab es entsprechende Kommentare. Der Vereinsvorsitzende sagte dazu: „Ich wusste nichts davon und der Vorstand auch nicht. Uns hat keiner was erzählt. Das ist ja das Traurige: alle gucken weg und sagen nix." Gleichwohl verwies er gestern noch einmal auf die kulturelle Vielfalt im Verein: „Bei uns spielen sieben, acht Nationalitäten zusammen."

Er selbst habe am Sonntag die Mütze nicht wahrgenommen, sagte Grützkowski. Das gilt auch für Schickentanz, der zunächst das C-Liga-Spiel von SuS Wulferdingsen II leitete und sich sodann die Partie der 1. Mannschaft anschaute. „Das mag kurios klingen, aber mir ist da nichts aufgefallen", sagte Schickentanz.

D. betreut als Interimscoach gemeinsam mit zwei Spielertrainern die 1. Mannschaft des SuS, nachdem sich der Klub vom bisherigen Coach des Tabellendritten getrennt hatte. Vor allem aber ist D. als Trainer der 2. Mannschaft tätig. Er hat neue Spieler zum Verein geholt, erst im August lotste er einen einstigen Westfalenliga-Spieler in die C-Liga. Es geht die Sorge, dass einige Spieler ihre Zukunft beim Verein an das Schicksal des Trainers knüpfen. Gestern äußerten sich zwei Spieler der 1. Mannschaft öffentlich, beschrieben den Trainer im Portal FuPa als nett und unauffällig. Auch ihnen war die Mütze angeblich nicht aufgefallen.

Zwei Monate nach den Naziparolen in der Umkleide des TuS Holzhausen/Porta steht das Thema Rechtsextremismus erneut auf der Tagesordnung des organisierten Amateurfußballs. Schickentanz sagt dazu: „Es ist gut, dass das sportliche Umfeld für das Thema sensibilisiert ist und ich wünsche mir noch mehr Aufmerksamkeit. Der Sport kann aber nicht die Fehler der Gesellschaft reparieren." Für Januar plant er in Zusammenarbeit mit der Initiative „NRWeltoffen" Schulungen der ehrenamtlichen Vereinsfunktionäre.

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Minden/Bad OeynhausenDer Blick geht unter die Mütze: Stahlhelm-Symbolik beschert dem Fußballkreis erneut eine Rechtsextremismus-DebatteMarcus Riechmann,Ulf HankeMinden/Bad Oeynhausen (mt/nw). Erneut muss sich der Fußball im Mindener Land mit einem Problem von Rechts auseinandersetzen. Beim SuS Wulferdingsen stellt sich die Frage: Wie geht der Verein mit seinem Trainer Marcel D. um? Gestern Abend traf sich der Vorstand zu einer außerordentlichen Sitzung, um unter Beteiligung des Fußballkreisvorsitzenden Thomas Schickentanz die Lage zu beraten. Der Stein des Anstoßes ist eine Wollmütze, die D. am vergangenen Sonntag als Trainer der 1. Mannschaft des SuS am Rande einer Partie der Kreisliga B getragen hat. Die Mütze ist gehalten in den Farben der Flagge des deutschen Kaiserreichs, Motive sind ein großflächig abgebildetes Eisernen Kreuz und ein Stahlhelm tragender Totenkopf. Das Tragen einer solchen Mütze, deren Symbolik in der rechten Szene aber auch in anderen Gruppierungen benutzt wird, ist erlaubt. Doch es geht im Fall des SuS Wulferdingsen auch weniger um die Mütze, als vielmehr um das, was sie bedeckt. Denn Recherchen auf der Facebook-Seite „Marcel von Nordhemmern" belegen zahlreiche Verbindungen in die rechte Szene. Einsehbar ist das nicht mehr. Die Seite ist im sozialen Netzwerk nicht mehr auffindbar. Im Umfeld von D., der vor seinem Einstieg in Wulferdingsen beim SC Hille Fußball spielte, wird über die rechte politische Ausrichtung des Coaches nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen. Man möchte sich öffentlich nicht äußern. Das gilt auch für D. selbst. „Kein Kommentar", wehrte er gestern Fragen der MT-Redaktion ab. Stellung bezogen hingegen Thomas Schickentanz sowie Michael Grützkowski als Vorsitzender des SuS Wulferdingsen. Er habe die ersten Informationen unverzüglich an den Fußball und Leichtathletik-Verband Westfalen weitergeleitet, sagte Schickentanz gestern, dort seien derartig gelagerte Sachverhalte zu bewerten und anhand des Ethik-Kodex des Verbandes zu messen. „Das ist eine schwierige Situation. Das Ehrenamt ist mit solchen Fällen schnell überfordert", sagte der Vorsitzende des Fußballkreises Minden. Er werde dem SuS Wulferdingsen beratend zur Seite stehen und sich informieren. Informationsbedarf bestand gestern auch beim Verein, der sich am Abend in einer Krisensitzung beraten und auf die Suche nach der Wahrheit machen wollte. Bestätigen sich die Indizien? Wie will man sich positionieren? Er habe viel telefoniert, sagt Michael Grützkowski. Aber mit dem Trainer - und damit mit der wichtigsten Person - hatte er noch nicht gesprochen, sagte der Vereinsvorsitzende, der als Funktionär vielfältig tätig ist. Er sitzt für die CDU im Rat der Stadt Bad Oeynhausen, beim Fußballkreis ist er Vorsitzender des Jugendausschusses. Der Vorstandssitzung wollte er nicht vorgreifen, sagte er, doch für den SuS-Chef ist klar: „Wenn sich das alles bestätigt, ist das nicht zu tolerieren. Das ist ein absolutes No-Go." Dem Vorstand sollen vor Wochen bereits Hinweise auf eine rechtslastige Ausrichtung des Trainers zugegangen sein, auch in den sozialen Netzwerken gab es entsprechende Kommentare. Der Vereinsvorsitzende sagte dazu: „Ich wusste nichts davon und der Vorstand auch nicht. Uns hat keiner was erzählt. Das ist ja das Traurige: alle gucken weg und sagen nix." Gleichwohl verwies er gestern noch einmal auf die kulturelle Vielfalt im Verein: „Bei uns spielen sieben, acht Nationalitäten zusammen." Er selbst habe am Sonntag die Mütze nicht wahrgenommen, sagte Grützkowski. Das gilt auch für Schickentanz, der zunächst das C-Liga-Spiel von SuS Wulferdingsen II leitete und sich sodann die Partie der 1. Mannschaft anschaute. „Das mag kurios klingen, aber mir ist da nichts aufgefallen", sagte Schickentanz. D. betreut als Interimscoach gemeinsam mit zwei Spielertrainern die 1. Mannschaft des SuS, nachdem sich der Klub vom bisherigen Coach des Tabellendritten getrennt hatte. Vor allem aber ist D. als Trainer der 2. Mannschaft tätig. Er hat neue Spieler zum Verein geholt, erst im August lotste er einen einstigen Westfalenliga-Spieler in die C-Liga. Es geht die Sorge, dass einige Spieler ihre Zukunft beim Verein an das Schicksal des Trainers knüpfen. Gestern äußerten sich zwei Spieler der 1. Mannschaft öffentlich, beschrieben den Trainer im Portal FuPa als nett und unauffällig. Auch ihnen war die Mütze angeblich nicht aufgefallen. Zwei Monate nach den Naziparolen in der Umkleide des TuS Holzhausen/Porta steht das Thema Rechtsextremismus erneut auf der Tagesordnung des organisierten Amateurfußballs. Schickentanz sagt dazu: „Es ist gut, dass das sportliche Umfeld für das Thema sensibilisiert ist und ich wünsche mir noch mehr Aufmerksamkeit. Der Sport kann aber nicht die Fehler der Gesellschaft reparieren." Für Januar plant er in Zusammenarbeit mit der Initiative „NRWeltoffen" Schulungen der ehrenamtlichen Vereinsfunktionäre.