Petershagen

MT-Interview mit Stefan Müller, Vorsitzender des Kreisjugendsportgerichts im Fußballkreis Minden: „Die Probleme kommen oft von der Seitenlinie“

Astrid Plaßhenrich

Zwischen Gesetzbüchern, Akten und Ordnern: Rechtsanwalt Stefan Müller steht dem Kreisjugendsportgericht des Fußballkreises vor und muss mit seinem Team im Jahr zwischen fünf und zehn Fälle bearbeiten. MT- - © Foto: Astrid Plaßhenrich
Zwischen Gesetzbüchern, Akten und Ordnern: Rechtsanwalt Stefan Müller steht dem Kreisjugendsportgericht des Fußballkreises vor und muss mit seinem Team im Jahr zwischen fünf und zehn Fälle bearbeiten. MT- (© Foto: Astrid Plaßhenrich)

Petershagen (mt). Auch dieser Fall landete bei Stefan Müller auf dem Schreibtisch: Die B-Juniorinnen des SC Borchen brachen am ersten Juniwochenende das letzte Saisonspiel bei der SV Kutenhausen-Todtenhausen eigenmächtig ab. Der Vorwurf: Die SVKT-Mädels seien beim Stand von 7:1 zu hart eingestiegen. Der Vorsitzende des Kreisjugendsportgerichts im Fußballkreis Minden spricht im MT-Interview über diese Vorfälle, Tätlichkeiten, Höchststrafen und Spielmanipulation.

Wie viele Fälle müssen Sie in der Saison bearbeiten?

Wir haben immer zwischen fünf und zehn Fälle pro Kalenderjahr zu verhandeln. Zuletzt war die Tendenz allerdings steigend. Trotzdem sind es im Vergleich noch relativ wenige. Wenn ich mich mit Kollegen aus anderen Fußballkreisen unterhalte, werden ganz andere Zahlen genannt. Im Ruhrgebiet werden mehrere hundert Fälle pro Jahr bearbeitet. Dabei ist allerdings zu bedenken, dass es dort auch viel mehr Vereine und Mannschaften gibt als in unserem ländlich geprägten Kreis Minden.

Wofür ist das Kreisjugendsportgericht grundsätzlich zuständig?

Wir greifen ein, wenn Verfehlungen im Jugendfußball stattfinden, die über das normale Maß, sprich eine Gelbe oder Rote Karte, hinausgehen. Diese Vorfälle, wie beispielsweise eine Tätlichkeit, dürfen die Staffelleiter nicht mehr bestrafen.

Immer wieder werden Vorfälle im Jugendfußball bekannt, in denen auch die Polizei eingeschaltet wird. Ist das auch schon im Fußballkreis Minden vorgekommen?

Teilweise beschäftigen die Vorfälle nicht nur uns, sondern auch Strafgerichte. Beispielsweise wenn Gegenspieler gezielt niedergeschlagen werden. Aber: Wir dürfen, wollen und können kein staatliches Gericht ersetzen. Unser Job ist es, den Sport sauber zu halten. Wir ahnden die Tätlichkeiten mit langen Sperren, denn wenn Jugendliche nicht in der Lage sind, die körperliche Integrität des Gegenspielers zu achten und schwerste Verletzungen in Kauf nehmen, sind sie charakterlich nicht für den Fußball geeignet. In den Verhandlungen geht es auch darum, genau das zu hinterfragen. Dazu müssen wir aber auch Denkzettel verpassen und Abschreckung herstellen, damit nicht noch andere auf den Plätzen ausrasten.

Wie finden Sie Ihr Urteil?

Wir richten uns nach Satzungen, ähnlich wie Gesetze, die sich der Fußball- und Leichtathletikverband Westfalen gegeben hat. Die sind für uns verbindlich. Dazu gehört auch eine Rechts- und Verfahrensordnung. Das ist eine Art Prozessordnung, in der beispielsweise geregelt ist, wie wir mit Beschwerden oder Anklagen umzugehen haben.

Welche Sperren dürfen Sie verhängen?

Ich darf Spieler bis zu einem Jahr sperren. Das ist die Höchststrafe für Jugendliche. Bei Erwachsenen gibt es sogar lebenslange Sperren. Die Vorfälle häufen sich, dass der Gegenüber als Mensch gar nicht mehr wahrgenommen wird, dass selbst auf den am Boden liegenden eingetreten wird. Einige Male wurden Spieler mit dem Krankenwagen abtransportiert. All das haben wir leider schon erlebt. Dann ist die Höchststrafe unumgänglich.

Haben Sie die Höchststrafe schon einmal verhängt?

Ja, leider ja. Das war im abgelaufenen Jahr. Dabei handelte es sich um gefährliche Körperverletzung.

Wie alt sind die Jugendlichen, die die Taten begehen?

Es handelt sich vorwiegend um A- und B-Jugendliche, also Jugendliche im Alter von 15 bis 18 Jahren. Ich hatte kürzlich aber auch eine Tätlichkeit im C-Jugend-Bereich. Wir stellen fest, dass die Täter jünger werden. Es ist aber auch eine allgemeine gesellschaftliche Entwicklung, dass die Kinder früher reif werden. Zwölfjährige sind durch gesellschaftliche Entwicklungen ganz anders gelenkt als es noch vor 20, 30 Jahren der Fall war. Ich finde, es wird auch mehr Gewalt dargestellt, sei es im Netz, Kino oder TV. Das wirkt sich auch auf das Verhalten der Kinder aus.

Was geht den Taten voraus?

Wir stellen immer wieder fest, dass die Probleme oft von der Seitenlinie kommen. Dort stehen Trainer oder Eltern, die schlechte Vorbilder sind. Sie lassen die Autorität des Schiedsrichters per sé nicht gelten. Es ist wie eine Lawine. Es fängt mit kleineren Meckereien an, dann wird jede Entscheidung kommentiert – auch polemisch und lautstark. Das setzt sich dann bei den Spielern fort. Die Jugendlichen fühlen sich gerechtfertigt, Widerstand aufzubieten.

Wie gehen die Vereine mit den Tätern um?

Die auffälligen Jugendlichen werden von den Vereinen oft nicht mehr akzeptiert, sie werden ausgeschlossen. Das ist meiner Meinung nach auch die richtige Entscheidung.

Wie werden die Fälle verhandelt?

Die Prozessordnung wurde vor zwei Jahren vom Verband geändert. Davor war die mündliche Verhandlung Vorschrift, und ich durfte nur ausnahmsweise schriftlich verhandeln. Das ist jetzt umgedreht worden, das schriftliche Verfahren ist nun der Regelfall. Jetzt schreibe ich die beteiligten Vereine an, weise auf die Vorwürfe hin und gebe Gelegenheit Stellung zu beziehen. Die Änderung war nötig, um mancherorts die Jugendgerichte zu entlasten.

Ist der Lerneffekt für einen Jugendlichen nicht größer, wenn er sich vor einem Sportgericht mit fünf Erwachsenen rechtfertigen muss?

Ich fand das auch besser. Wir haben den einen oder anderen sicherlich erreicht und konnten ihm ins Gewissen reden. Es ist für einen 14-, 15-Jährigen nicht leicht, vor einer Kommission zu sitzen und Stellung zu beziehen. Das hatte oft eine heilsame Wirkung. Allerdings wurde uns als Sportgericht von Vereinsseite auch nicht immer der nötige Respekt entgegen gebracht. Einige blieben den Verhandlungen fern. Sie störte es auch nicht, wenn wir Ordnungsgelder verhängt haben. Dabei müssen Menschen, die im Jugendfußball Verantwortung übernehmen, sich ihrer Vorbildfunktion bewusst sein. Die jungen Spieler schauen sich das Verhalten von Trainern, Betreuern und Eltern ab. Dessen sind sich aber viele nicht bewusst. Mangelnde soziale Kompetenz und Respektlosigkeit setzt sich so fort.

Wie können Vereine dem entgegenwirken?

Ich wünsche mir von Vereinen, dass sie genau hinschauen, wen sie als Jugendtrainer und als Mannschaftsverantwortlichen einsetzen. Ich weiß aber auch, dass die Vereine an Grenzen stoßen und kaum noch Verantwortliche finden, die als Jugendtrainer arbeiten wollen.

Müssen Sie in manchen Fällen besonderes Fingerspitzengefühl zeigen?

Ja, klar. Das kommt auch vor. Vor zehn Jahren stand ein B-Jugendlicher vor mir, der aus Frustration den Schiedsrichter angefasst hat. Es war kein schlimmes Vergehen, er hat ihn nicht geschubst, geschlagen oder ähnliches. Aber sobald ein Schiedsrichter involviert ist, müssen mindestens sechs Monaten Sperre verhängt werden. Dem Jungen standen die Tränen in den Augen, dass er ein halbes Jahr nicht Fußballspielen durfte. Dann hatte ich die Möglichkeit, einen Teil der Strafe als Bewährung auszusetzen, so dass er nur drei Monate gesperrt war.

Sie verhandeln aber nicht nur die Fälle von Jugendlichen, sondern alle Vergehen, die sich während eines Jugendspiels ereignen.

Das ist richtig. Es kommt beispielsweise immer häufiger vor, dass Trainer ihre Mannschaften vom Platz holen, damit das Spiel eigenmächtig abbrechen, weil sie sich ungerecht behandelt fühlen. Das ist auch eine dieser Unarten. Der Fall landet dann bei uns, und es ist sehr schwierig, damit umzugehen. Wir erleben aber auch immer öfter, dass das Amt des Spielleiters missbraucht wird. In vielen Jugendspielen wird kein Kreisschiedsrichter angesetzt, sondern es muss einer der Trainer oder jemand aus dem Mannschaftsumfeld das Spiel leiten. Angriffe der gegnerischen Teams werden dann einfach wegen angeblichen Abseits abgepfiffen, oder es werden seltsame Elfmeter gepfiffen. Allerdings ist es schwierig an diese Sachen heranzukommen. Wir hatten im vergangenen Jahr zum ersten Mal einen Fall, bei dem es objektive Anhaltspunkte dafür gab, dass gezielt falsch gepfiffen wurde. Mehrere Vereine hatten sich in einem kurzen Zeitraum über einen Trainer beschwert. Den habe ich dann wegen Spielmanipulation unter Anklage gestellt. Die Person hat dann seine Ämter niedergelegt und ist so einer Strafe zuvorgekommen.

Wird Ihnen im Zuge der Digitalisierung auch Videomaterial zugespielt?

Mir bisher noch nicht, aber ich weiß von Kollegen, denen Bilder zugespielt worden sind. Das ist auch immer ein großes Thema mit der Frage, ob es zulässig ist oder nicht. Juristisch ist es ein Beweismittel, was grundsätzlich nicht ausgeschlossen ist. Ich würde mir das Video anschauen. Aber das heißt noch lange nicht, dass ich davon überzeugt bin, was mir vorgespielt wird. Ein Video kann man schließlich auch manipulieren.

Gewaltenteilung im Fußball

„Wir sind nicht dafür da, ein staatliches Gericht zu ersetzen“, sagt Stefan Müller, Vorsitzender des Kreisjugendsportgerichts: „Der Gedanke der Rechtsstaatlichkeit, der im Grundgesetz verankert ist, muss aber die gesamte Gesellschaft durchdringen und sich somit auch im Freizeitfußball widerspiegeln.“

Deshalb gibt es auch im Fußballkreis Minden die Gewaltenteilung. Die Legislative ist die Kreisjugendversammlung. „Die Delegierten der Vereine stimmen dort ab, es ist vergleichbar mit einem kleinen Parlament“, erklärt Müller.

Die Exekutive ist der Kreisvorstand und der Kreisjugendausschuss. Die Judikative sind die Sport- und Jugendsportgerichte. Die Sport- und Jugendsportgerichte werden während der Kreisversammlungen gewählt.

Über Sperren von Rote Karten kann in Westfalen der Staffelleiter bestimmen. Andere Landesverbände wie beispielsweise Bayern lehnen das strikt ab. Dort werden Platzverweise auch von den Sportgerichten verhandelt, weil ihrer Meinung nach bis in die unterste Distanz die Rechtsstaatlichkeit gewährt sein muss. „Die Handhabung um Fußball- und Leichtathletikverband Westfalen ist aber keinesfalls rechtsstaatswidrig, weil im staatlichen Recht auch Sanktionen von der Verwaltung verhängt werden, ein Beispiel ist der Verkehrs-Bußgeld-Bereich“, sagt Müller. (apl)

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Im Ruhrgebiet werden mehrere hundert Fälle pro Jahr bearbeitet. Dabei ist allerdings zu bedenken, dass es dort auch viel mehr Vereine und Mannschaften gibt als in unserem ländlich geprägten Kreis Minden. Wofür ist das Kreisjugendsportgericht grundsätzlich zuständig? Wir greifen ein, wenn Verfehlungen im Jugendfußball stattfinden, die über das normale Maß, sprich eine Gelbe oder Rote Karte, hinausgehen. Diese Vorfälle, wie beispielsweise eine Tätlichkeit, dürfen die Staffelleiter nicht mehr bestrafen. Immer wieder werden Vorfälle im Jugendfußball bekannt, in denen auch die Polizei eingeschaltet wird. Ist das auch schon im Fußballkreis Minden vorgekommen? Teilweise beschäftigen die Vorfälle nicht nur uns, sondern auch Strafgerichte. Beispielsweise wenn Gegenspieler gezielt niedergeschlagen werden. Aber: Wir dürfen, wollen und können kein staatliches Gericht ersetzen. Unser Job ist es, den Sport sauber zu halten. Wir ahnden die Tätlichkeiten mit langen Sperren, denn wenn Jugendliche nicht in der Lage sind, die körperliche Integrität des Gegenspielers zu achten und schwerste Verletzungen in Kauf nehmen, sind sie charakterlich nicht für den Fußball geeignet. In den Verhandlungen geht es auch darum, genau das zu hinterfragen. Dazu müssen wir aber auch Denkzettel verpassen und Abschreckung herstellen, damit nicht noch andere auf den Plätzen ausrasten. Wie finden Sie Ihr Urteil? Wir richten uns nach Satzungen, ähnlich wie Gesetze, die sich der Fußball- und Leichtathletikverband Westfalen gegeben hat. Die sind für uns verbindlich. Dazu gehört auch eine Rechts- und Verfahrensordnung. Das ist eine Art Prozessordnung, in der beispielsweise geregelt ist, wie wir mit Beschwerden oder Anklagen umzugehen haben. Welche Sperren dürfen Sie verhängen? Ich darf Spieler bis zu einem Jahr sperren. Das ist die Höchststrafe für Jugendliche. Bei Erwachsenen gibt es sogar lebenslange Sperren. Die Vorfälle häufen sich, dass der Gegenüber als Mensch gar nicht mehr wahrgenommen wird, dass selbst auf den am Boden liegenden eingetreten wird. Einige Male wurden Spieler mit dem Krankenwagen abtransportiert. All das haben wir leider schon erlebt. Dann ist die Höchststrafe unumgänglich. Haben Sie die Höchststrafe schon einmal verhängt? Ja, leider ja. Das war im abgelaufenen Jahr. Dabei handelte es sich um gefährliche Körperverletzung. Wie alt sind die Jugendlichen, die die Taten begehen? Es handelt sich vorwiegend um A- und B-Jugendliche, also Jugendliche im Alter von 15 bis 18 Jahren. Ich hatte kürzlich aber auch eine Tätlichkeit im C-Jugend-Bereich. Wir stellen fest, dass die Täter jünger werden. Es ist aber auch eine allgemeine gesellschaftliche Entwicklung, dass die Kinder früher reif werden. Zwölfjährige sind durch gesellschaftliche Entwicklungen ganz anders gelenkt als es noch vor 20, 30 Jahren der Fall war. Ich finde, es wird auch mehr Gewalt dargestellt, sei es im Netz, Kino oder TV. Das wirkt sich auch auf das Verhalten der Kinder aus. Was geht den Taten voraus? Wir stellen immer wieder fest, dass die Probleme oft von der Seitenlinie kommen. Dort stehen Trainer oder Eltern, die schlechte Vorbilder sind. Sie lassen die Autorität des Schiedsrichters per sé nicht gelten. Es ist wie eine Lawine. Es fängt mit kleineren Meckereien an, dann wird jede Entscheidung kommentiert – auch polemisch und lautstark. Das setzt sich dann bei den Spielern fort. Die Jugendlichen fühlen sich gerechtfertigt, Widerstand aufzubieten. Wie gehen die Vereine mit den Tätern um? Die auffälligen Jugendlichen werden von den Vereinen oft nicht mehr akzeptiert, sie werden ausgeschlossen. Das ist meiner Meinung nach auch die richtige Entscheidung. Wie werden die Fälle verhandelt? Die Prozessordnung wurde vor zwei Jahren vom Verband geändert. Davor war die mündliche Verhandlung Vorschrift, und ich durfte nur ausnahmsweise schriftlich verhandeln. Das ist jetzt umgedreht worden, das schriftliche Verfahren ist nun der Regelfall. Jetzt schreibe ich die beteiligten Vereine an, weise auf die Vorwürfe hin und gebe Gelegenheit Stellung zu beziehen. Die Änderung war nötig, um mancherorts die Jugendgerichte zu entlasten. Ist der Lerneffekt für einen Jugendlichen nicht größer, wenn er sich vor einem Sportgericht mit fünf Erwachsenen rechtfertigen muss? Ich fand das auch besser. Wir haben den einen oder anderen sicherlich erreicht und konnten ihm ins Gewissen reden. Es ist für einen 14-, 15-Jährigen nicht leicht, vor einer Kommission zu sitzen und Stellung zu beziehen. Das hatte oft eine heilsame Wirkung. Allerdings wurde uns als Sportgericht von Vereinsseite auch nicht immer der nötige Respekt entgegen gebracht. Einige blieben den Verhandlungen fern. Sie störte es auch nicht, wenn wir Ordnungsgelder verhängt haben. Dabei müssen Menschen, die im Jugendfußball Verantwortung übernehmen, sich ihrer Vorbildfunktion bewusst sein. Die jungen Spieler schauen sich das Verhalten von Trainern, Betreuern und Eltern ab. Dessen sind sich aber viele nicht bewusst. Mangelnde soziale Kompetenz und Respektlosigkeit setzt sich so fort. Wie können Vereine dem entgegenwirken? Ich wünsche mir von Vereinen, dass sie genau hinschauen, wen sie als Jugendtrainer und als Mannschaftsverantwortlichen einsetzen. Ich weiß aber auch, dass die Vereine an Grenzen stoßen und kaum noch Verantwortliche finden, die als Jugendtrainer arbeiten wollen. Müssen Sie in manchen Fällen besonderes Fingerspitzengefühl zeigen? Ja, klar. Das kommt auch vor. Vor zehn Jahren stand ein B-Jugendlicher vor mir, der aus Frustration den Schiedsrichter angefasst hat. Es war kein schlimmes Vergehen, er hat ihn nicht geschubst, geschlagen oder ähnliches. Aber sobald ein Schiedsrichter involviert ist, müssen mindestens sechs Monaten Sperre verhängt werden. Dem Jungen standen die Tränen in den Augen, dass er ein halbes Jahr nicht Fußballspielen durfte. Dann hatte ich die Möglichkeit, einen Teil der Strafe als Bewährung auszusetzen, so dass er nur drei Monate gesperrt war. Sie verhandeln aber nicht nur die Fälle von Jugendlichen, sondern alle Vergehen, die sich während eines Jugendspiels ereignen. Das ist richtig. Es kommt beispielsweise immer häufiger vor, dass Trainer ihre Mannschaften vom Platz holen, damit das Spiel eigenmächtig abbrechen, weil sie sich ungerecht behandelt fühlen. Das ist auch eine dieser Unarten. Der Fall landet dann bei uns, und es ist sehr schwierig, damit umzugehen. Wir erleben aber auch immer öfter, dass das Amt des Spielleiters missbraucht wird. In vielen Jugendspielen wird kein Kreisschiedsrichter angesetzt, sondern es muss einer der Trainer oder jemand aus dem Mannschaftsumfeld das Spiel leiten. Angriffe der gegnerischen Teams werden dann einfach wegen angeblichen Abseits abgepfiffen, oder es werden seltsame Elfmeter gepfiffen. Allerdings ist es schwierig an diese Sachen heranzukommen. Wir hatten im vergangenen Jahr zum ersten Mal einen Fall, bei dem es objektive Anhaltspunkte dafür gab, dass gezielt falsch gepfiffen wurde. Mehrere Vereine hatten sich in einem kurzen Zeitraum über einen Trainer beschwert. Den habe ich dann wegen Spielmanipulation unter Anklage gestellt. Die Person hat dann seine Ämter niedergelegt und ist so einer Strafe zuvorgekommen. Wird Ihnen im Zuge der Digitalisierung auch Videomaterial zugespielt? Mir bisher noch nicht, aber ich weiß von Kollegen, denen Bilder zugespielt worden sind. Das ist auch immer ein großes Thema mit der Frage, ob es zulässig ist oder nicht. Juristisch ist es ein Beweismittel, was grundsätzlich nicht ausgeschlossen ist. Ich würde mir das Video anschauen. Aber das heißt noch lange nicht, dass ich davon überzeugt bin, was mir vorgespielt wird. Ein Video kann man schließlich auch manipulieren. Gewaltenteilung im Fußball „Wir sind nicht dafür da, ein staatliches Gericht zu ersetzen“, sagt Stefan Müller, Vorsitzender des Kreisjugendsportgerichts: „Der Gedanke der Rechtsstaatlichkeit, der im Grundgesetz verankert ist, muss aber die gesamte Gesellschaft durchdringen und sich somit auch im Freizeitfußball widerspiegeln.“ Deshalb gibt es auch im Fußballkreis Minden die Gewaltenteilung. Die Legislative ist die Kreisjugendversammlung. „Die Delegierten der Vereine stimmen dort ab, es ist vergleichbar mit einem kleinen Parlament“, erklärt Müller. Die Exekutive ist der Kreisvorstand und der Kreisjugendausschuss. Die Judikative sind die Sport- und Jugendsportgerichte. Die Sport- und Jugendsportgerichte werden während der Kreisversammlungen gewählt. Über Sperren von Rote Karten kann in Westfalen der Staffelleiter bestimmen. Andere Landesverbände wie beispielsweise Bayern lehnen das strikt ab. Dort werden Platzverweise auch von den Sportgerichten verhandelt, weil ihrer Meinung nach bis in die unterste Distanz die Rechtsstaatlichkeit gewährt sein muss. „Die Handhabung um Fußball- und Leichtathletikverband Westfalen ist aber keinesfalls rechtsstaatswidrig, weil im staatlichen Recht auch Sanktionen von der Verwaltung verhängt werden, ein Beispiel ist der Verkehrs-Bußgeld-Bereich“, sagt Müller. (apl)