Petershagen

Kontrolleur mit schützender Hand - Ralf Schlingmann tritt nach 30 Jahren zurück

Sebastian Külbel

Abschied mit einem Lächeln: Ralf Schlingmann zieht sich nach 30 Jahren von seinen Fußball-Ämtern zurück und kann bald häufiger auf der Bank im Zentrum von Wietersheim sitzen. MT- - © Foto: Sebastian Külbel
Abschied mit einem Lächeln: Ralf Schlingmann zieht sich nach 30 Jahren von seinen Fußball-Ämtern zurück und kann bald häufiger auf der Bank im Zentrum von Wietersheim sitzen. MT- (© Foto: Sebastian Külbel)

Petershagen (mt). Respekt ja, Wertschätzung sowieso, aber Angst? Die muss im regelmäßigen Kontakt mit Ralf Schlingmann keiner empfinden. Seit 30 Jahren sitzt er als Staffelleiter an den entscheidenden Hebeln im Fußballkreis Minden und ist bekannt als zugänglicher Ansprechpartner. „Es war nicht immer einfach mit mir“, sagt der 72-Jährige zwar. Wenn er am Saisonende seine Ämter abgibt, hinterlässt er dennoch ein anderes Bild als jenes, das er mitunter von sich selbst zeichnet.

Im Beruf griff Ralf Schlingmann regelmäßig zum Befehlston. Als Zugführer und Ausbilder bei der Bundeswehr gingen viele Soldaten durch seine Hände. Wer ihn als Sport-Funktionär kennt, hätte kaum darauf getippt. Der Mann aus Wietersheim ist umgänglich, bedächtig, akribisch – und gerecht. Das war ihm schon im Job wichtig. Anstatt militärischer Ansagen nutzt er im Ehrenamt aber lieber ein verschmitztes Lächeln. Seine Prinzipien vertritt er trotzdem.

„Ich habe immer meine Meinung gehabt und auch mal eine Entscheidung im Alleingang getroffen“, sagt Schlingmann über eine Arbeit, die mitunter mühsam ist. Staffeln einteilen, Spielpläne erstellen, Spielberichte prüfen, Strafmaße aussprechen, dazu die persönliche Betreuung der Vereine – ein Staffelleiter steht im grauen Alltag des Fußballs im Zentrum und in dessen Glanzmomenten eher am Rand.

Wer das 30 Jahre lang macht, darf keine Bürokratie scheuen. Und er muss seine Rolle zwischen Kontrolleur und Freund der Vereine finden. Schlingmann war immer ganz klar der Freund. „Wo ich helfen konnte, habe ich geholfen. Ich tue sehr viel für die Vereine und habe über manchen meine schützende Hand gehalten.“ Dass es da auch andere Ansätze gibt, ist Schlingmann bewusst. Wo einige seiner Weggefährten im Kreisvorstand auf Ordnungsgelder pochen, drückt Schlingmann auch mal ein Auge zu. „Wir müssen auch daran denken, wofür wir eigentlich da sind.“ Er will den Spielbetrieb zwar auch überprüfen, vor allem aber ermöglichen.

Mit dieser Haltung ist der Wietersheimer immer gut gefahren. Bei den Vereinen sowieso, „mit denen habe ich immer sehr sehr gut zusammengearbeitet“. Aber auch im Kreisvorstand. „Ich habe immer meine Meinung gehabt“, sagt Schlingmann: „Aber ich spreche auch mit den Leuten, und dann ist das erledigt. Man muss einen Konflikt auch mal austragen.“ So hat es Schlingmann mit dem früheren Kreisvorsitzenden Walter Schütte gehalten, der nur 200 Meter entfernt von ihm wohnt. Und so arbeitet er auch mit dessen Nachfolger Thomas Schickentanz zusammen, gegen den er einst in einer Kampfabstimmung antrat.

Als Schütte 2013 sein Amt nach 21 Jahren abgab, wollte Schickentanz dieses in der bisherigen Ausprägung übernehmen – inklusive des Vorsitzes im Kreisfußballausschuss. Diesen Posten machte Schlingmann ihm streitig und setzte sich beim Kreistag durch. Was der neue Chef damals zähneknirschend zur Kenntnis nahm, bezeichnet er heute als „meine schönste Niederlage“. Für Schlingmann war sein Abstimmungssieg kein Triumph, sondern eine pragmatische Notwendigkeit: „Thomas hätte das alleine alles gar nicht geschafft.“

Denn ein Spielbetrieb funktioniert nicht nur mit Verwaltung. „Manche Vereinsvertreter sitzen regelmäßig bei mir, weil sie mit den Statuten nicht vertraut sind“, sagt Schlingmann über freiwillige Beraterdienste. Auch das Verhängen der Strafmaße zieht Arbeit nach sich: Übersteigt das Vergehen eine Sperre von vier Wochen, wird es ans Kreissportgericht abgegeben. „In 30 Jahren waren das bestimmt an die 170 Sitzungen“, meint Schlingmann. Bei fast allen war er dabei.

Einer dieser Fälle führte zu seinen schwersten Stunden als Staffelleiter. Beim Kreisliga-A-Spiel zwischen RW Rehme und Makedonikos Minden kommt es 2009 zu einem Gewaltausbruch, der bis tief in die Nacht vor der damaligen Kreisspruchkammer verhandelt wird. Auch andere Auswüchse auf den Fußballplätzen beschäftigen Schlingmann. „Mich stören vor allem die Schiedsrichterbeleidigungen. Das geht teilweise gegen die Menschenwürde. Und dann werden die betreffenden Spieler in den Verhandlungen oft auch noch von ihren Vereinen gedeckt.“

Das ärgert den 72-Jährigen, verdirbt ihm aber nicht den Spaß am Ehrenamt. „Mir fällt es schon sehr schwer, das aufzugeben“, sagt er. Was ihm am meisten fehlen wird? „Alles.“ Dennoch hat Schlingmann gute Gründe, jetzt aufzuhören: „Der Akku ist leer, ich hatte nicht mehr richtig Lust.“ Auch an die Gesundheit muss er denken, zurzeit erholt er sich von einer Herzklappen-Operation. Seine Nachfolger wird er aber noch einarbeiten. Vor allem aber möchte der langjährige Funktionär den Fußball fernab seiner Verpflichtungen genießen: „Ich freue mich darauf, zum Platz zu gehen und nicht gleich wieder den ersten Anschiss von einem Vereinsvertreter zu kriegen.“

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PetershagenKontrolleur mit schützender Hand - Ralf Schlingmann tritt nach 30 Jahren zurückSebastian KülbelPetershagen (mt). Respekt ja, Wertschätzung sowieso, aber Angst? Die muss im regelmäßigen Kontakt mit Ralf Schlingmann keiner empfinden. Seit 30 Jahren sitzt er als Staffelleiter an den entscheidenden Hebeln im Fußballkreis Minden und ist bekannt als zugänglicher Ansprechpartner. „Es war nicht immer einfach mit mir“, sagt der 72-Jährige zwar. Wenn er am Saisonende seine Ämter abgibt, hinterlässt er dennoch ein anderes Bild als jenes, das er mitunter von sich selbst zeichnet. Im Beruf griff Ralf Schlingmann regelmäßig zum Befehlston. Als Zugführer und Ausbilder bei der Bundeswehr gingen viele Soldaten durch seine Hände. Wer ihn als Sport-Funktionär kennt, hätte kaum darauf getippt. Der Mann aus Wietersheim ist umgänglich, bedächtig, akribisch – und gerecht. Das war ihm schon im Job wichtig. Anstatt militärischer Ansagen nutzt er im Ehrenamt aber lieber ein verschmitztes Lächeln. Seine Prinzipien vertritt er trotzdem. „Ich habe immer meine Meinung gehabt und auch mal eine Entscheidung im Alleingang getroffen“, sagt Schlingmann über eine Arbeit, die mitunter mühsam ist. Staffeln einteilen, Spielpläne erstellen, Spielberichte prüfen, Strafmaße aussprechen, dazu die persönliche Betreuung der Vereine – ein Staffelleiter steht im grauen Alltag des Fußballs im Zentrum und in dessen Glanzmomenten eher am Rand. Wer das 30 Jahre lang macht, darf keine Bürokratie scheuen. Und er muss seine Rolle zwischen Kontrolleur und Freund der Vereine finden. Schlingmann war immer ganz klar der Freund. „Wo ich helfen konnte, habe ich geholfen. Ich tue sehr viel für die Vereine und habe über manchen meine schützende Hand gehalten.“ Dass es da auch andere Ansätze gibt, ist Schlingmann bewusst. Wo einige seiner Weggefährten im Kreisvorstand auf Ordnungsgelder pochen, drückt Schlingmann auch mal ein Auge zu. „Wir müssen auch daran denken, wofür wir eigentlich da sind.“ Er will den Spielbetrieb zwar auch überprüfen, vor allem aber ermöglichen. Mit dieser Haltung ist der Wietersheimer immer gut gefahren. Bei den Vereinen sowieso, „mit denen habe ich immer sehr sehr gut zusammengearbeitet“. Aber auch im Kreisvorstand. „Ich habe immer meine Meinung gehabt“, sagt Schlingmann: „Aber ich spreche auch mit den Leuten, und dann ist das erledigt. Man muss einen Konflikt auch mal austragen.“ So hat es Schlingmann mit dem früheren Kreisvorsitzenden Walter Schütte gehalten, der nur 200 Meter entfernt von ihm wohnt. Und so arbeitet er auch mit dessen Nachfolger Thomas Schickentanz zusammen, gegen den er einst in einer Kampfabstimmung antrat. Als Schütte 2013 sein Amt nach 21 Jahren abgab, wollte Schickentanz dieses in der bisherigen Ausprägung übernehmen – inklusive des Vorsitzes im Kreisfußballausschuss. Diesen Posten machte Schlingmann ihm streitig und setzte sich beim Kreistag durch. Was der neue Chef damals zähneknirschend zur Kenntnis nahm, bezeichnet er heute als „meine schönste Niederlage“. Für Schlingmann war sein Abstimmungssieg kein Triumph, sondern eine pragmatische Notwendigkeit: „Thomas hätte das alleine alles gar nicht geschafft.“ Denn ein Spielbetrieb funktioniert nicht nur mit Verwaltung. „Manche Vereinsvertreter sitzen regelmäßig bei mir, weil sie mit den Statuten nicht vertraut sind“, sagt Schlingmann über freiwillige Beraterdienste. Auch das Verhängen der Strafmaße zieht Arbeit nach sich: Übersteigt das Vergehen eine Sperre von vier Wochen, wird es ans Kreissportgericht abgegeben. „In 30 Jahren waren das bestimmt an die 170 Sitzungen“, meint Schlingmann. Bei fast allen war er dabei. Einer dieser Fälle führte zu seinen schwersten Stunden als Staffelleiter. Beim Kreisliga-A-Spiel zwischen RW Rehme und Makedonikos Minden kommt es 2009 zu einem Gewaltausbruch, der bis tief in die Nacht vor der damaligen Kreisspruchkammer verhandelt wird. Auch andere Auswüchse auf den Fußballplätzen beschäftigen Schlingmann. „Mich stören vor allem die Schiedsrichterbeleidigungen. Das geht teilweise gegen die Menschenwürde. Und dann werden die betreffenden Spieler in den Verhandlungen oft auch noch von ihren Vereinen gedeckt.“ Das ärgert den 72-Jährigen, verdirbt ihm aber nicht den Spaß am Ehrenamt. „Mir fällt es schon sehr schwer, das aufzugeben“, sagt er. Was ihm am meisten fehlen wird? „Alles.“ Dennoch hat Schlingmann gute Gründe, jetzt aufzuhören: „Der Akku ist leer, ich hatte nicht mehr richtig Lust.“ Auch an die Gesundheit muss er denken, zurzeit erholt er sich von einer Herzklappen-Operation. Seine Nachfolger wird er aber noch einarbeiten. Vor allem aber möchte der langjährige Funktionär den Fußball fernab seiner Verpflichtungen genießen: „Ich freue mich darauf, zum Platz zu gehen und nicht gleich wieder den ersten Anschiss von einem Vereinsvertreter zu kriegen.“