Landgericht Hamburg Opfer im Prozess um Entführungen: Tägliche Herausforderungen Im Hamburger Prozess um die zweimalige Entführung einer Frau nach Niedersachsen hat am Donnerstag das Opfer ausgesagt. Die 42-Jährige berichtete, wie die Polizei im Februar 2020 völlig überraschend ihre Wohnung im Stadtteil Eidelstedt durchsucht habe. Alles sei auf den Kopf gestellt worden. «Ich war total durch den Wind», sagte die Zeugin. Sie habe erfahren, dass ihr damaliger Lebensgefährte - den sie bei ihrer Aussage nur als Angeklagten bezeichnete oder mit Nachnamen nannte - in Untersuchungshaft saß. Dessen Anwältin habe sie dann gebeten, ihm Sachen ins Gefängnis zu bringen. «Da habe ich den Entschluss gefasst, mich von ihm zu trennen», sagte die 42-Jährige, die auch Nebenklägerin in dem Verfahren ist. Der 52-jährige Deutsche soll laut Anklage nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft versucht haben, sie mit Entführungen, Schlägen und Todesdrohungen zur Fortsetzung der Beziehung zu zwingen. Der 26-jährige Sohn des Mannes und dessen 25 Jahre alter Freund sollen ihm bei der zweiten Entführung geholfen haben. Nach sechs Tagen hatte die Polizei die Frau am 25. April 2020 in Nordhorn (Grafschaft Bentheim, Niedersachsen) befreit und den 52-Jährigen festgenommen. Bei ihrer Aussage blieb die 42-Jährige oft klar und präzise, rang aber hin und wieder um Fassung und schluchzte gelegentlich. Der Richter unterbrach die Verhandlung am Donnerstag dreimal für Pausen. Die Frau hatte den Mann als 16-Jährige auf Usedom (Mecklenburg-Vorpommern) kennengelernt, als dieser dort auf einer Baustelle arbeitete. Gegen den Willen ihrer Eltern sei sie die Beziehung mit dem damals schon verheirateten Mann und Vater mehrerer Kinder eingegangen. Nach ihrem Umzug nach Hamburg sei ein gemeinsamer Sohn geboren worden. Es habe Streit um das Sorgerecht und andere Dinge gegeben. Als der Mann im April 2020 aus der Untersuchungshaft kam, habe er die Trennung nicht akzeptiert. Erst habe er versucht, sie «einzulullen», dann habe es «Telefonterror» gegeben, sagte die Verkäuferin. Um eine weitere Eskalation zu vermeiden, habe sie eingewilligt, ihn im Auto zu einem Freund in Richtung Bad Bentheim zu begleiten. Unterwegs sei er in einen Wald gefahren, habe sie mit der Faust zu Boden geschlagen und mit Kabelbindern gefesselt. Dann habe er gedroht, sie zu erschießen. Erst als sie einwilligte, die Beziehung fortzusetzen, sei er mit ihr am nächsten Morgen nach Hamburg zurückgefahren. Dort erstattete sie Anzeige bei der Polizei. Auch mit der Anwältin ihres Partners habe sie telefoniert und sie gebeten, sie möge mit dem Mann sprechen und ihm klarmachen, dass er sich nicht so verhalten könne. «Sie hat einfach gelacht», sagte die 42-Jährige. Einige Tage später sei sie mit ihrem damals 18 Jahre alten Sohn von einem Besuch bei einer Freundin zurückgekommen. Als sie am frühen Nachmittag in die Tiefgarage ihrer Wohnung fuhren, hätten drei schwarz gekleidete Männer auf sie gewartet. Es seien ihr Ex-Partner, sein 26 Jahre alter Sohn und dessen 25-jähriger Freund gewesen. «Papa will mit dir reden», habe der 26-Jährige zu ihr gesagt. Ihr Sohn habe sich jedoch vor sie gestellt und gesagt, es sei schon genug geredet worden. Daraufhin habe der 26-Jährige mit einem Taser (Elektroschockpistole) auf ihren Sohn geschossen, ihn aber nicht getroffen. Die beiden Halbbrüder und der Freund hätten sich geprügelt. Schließlich sei ihr Sohn aus der Tiefgarage geflüchtet. Die drei Männer hätten sie an den Haaren in ein Auto gezerrt und seien mit ihr davongefahren. Einer von ihnen habe ihr gesagt, sie solle keine Faxen machen, und hinzugefügt: «Ich hätte auch kein Problem damit, dir eine Kugel in den Kopf zu jagen.» Die Frau berichtete, dass sie noch immer unter den Folgen der Tat leide. «Jeder Tag ist für mich eine neue Herausforderung.» Als sie von dem Beginn des Prozesses erfahren habe, sei sie zusammengebrochen und für sechs Wochen krankgeschrieben worden. Wegen der Corona-Pandemie habe sie erst kürzlich mit einer Therapie beginnen können.
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Landgericht Hamburg

Opfer im Prozess um Entführungen: Tägliche Herausforderungen

© Christian Charisius/dpa/Archivbild

Im Hamburger Prozess um die zweimalige Entführung einer Frau nach Niedersachsen hat am Donnerstag das Opfer ausgesagt. Die 42-Jährige berichtete, wie die Polizei im Februar 2020 völlig überraschend ihre Wohnung im Stadtteil Eidelstedt durchsucht habe. Alles sei auf den Kopf gestellt worden. «Ich war total durch den Wind», sagte die Zeugin. Sie habe erfahren, dass ihr damaliger Lebensgefährte - den sie bei ihrer Aussage nur als Angeklagten bezeichnete oder mit Nachnamen nannte - in Untersuchungshaft saß. Dessen Anwältin habe sie dann gebeten, ihm Sachen ins Gefängnis zu bringen. «Da habe ich den Entschluss gefasst, mich von ihm zu trennen», sagte die 42-Jährige, die auch Nebenklägerin in dem Verfahren ist.

Der 52-jährige Deutsche soll laut Anklage nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft versucht haben, sie mit Entführungen, Schlägen und Todesdrohungen zur Fortsetzung der Beziehung zu zwingen. Der 26-jährige Sohn des Mannes und dessen 25 Jahre alter Freund sollen ihm bei der zweiten Entführung geholfen haben. Nach sechs Tagen hatte die Polizei die Frau am 25. April 2020 in Nordhorn (Grafschaft Bentheim, Niedersachsen) befreit und den 52-Jährigen festgenommen. Bei ihrer Aussage blieb die 42-Jährige oft klar und präzise, rang aber hin und wieder um Fassung und schluchzte gelegentlich. Der Richter unterbrach die Verhandlung am Donnerstag dreimal für Pausen.

Die Frau hatte den Mann als 16-Jährige auf Usedom (Mecklenburg-Vorpommern) kennengelernt, als dieser dort auf einer Baustelle arbeitete. Gegen den Willen ihrer Eltern sei sie die Beziehung mit dem damals schon verheirateten Mann und Vater mehrerer Kinder eingegangen. Nach ihrem Umzug nach Hamburg sei ein gemeinsamer Sohn geboren worden. Es habe Streit um das Sorgerecht und andere Dinge gegeben.

Als der Mann im April 2020 aus der Untersuchungshaft kam, habe er die Trennung nicht akzeptiert. Erst habe er versucht, sie «einzulullen», dann habe es «Telefonterror» gegeben, sagte die Verkäuferin. Um eine weitere Eskalation zu vermeiden, habe sie eingewilligt, ihn im Auto zu einem Freund in Richtung Bad Bentheim zu begleiten. Unterwegs sei er in einen Wald gefahren, habe sie mit der Faust zu Boden geschlagen und mit Kabelbindern gefesselt. Dann habe er gedroht, sie zu erschießen. Erst als sie einwilligte, die Beziehung fortzusetzen, sei er mit ihr am nächsten Morgen nach Hamburg zurückgefahren.

Dort erstattete sie Anzeige bei der Polizei. Auch mit der Anwältin ihres Partners habe sie telefoniert und sie gebeten, sie möge mit dem Mann sprechen und ihm klarmachen, dass er sich nicht so verhalten könne. «Sie hat einfach gelacht», sagte die 42-Jährige. Einige Tage später sei sie mit ihrem damals 18 Jahre alten Sohn von einem Besuch bei einer Freundin zurückgekommen. Als sie am frühen Nachmittag in die Tiefgarage ihrer Wohnung fuhren, hätten drei schwarz gekleidete Männer auf sie gewartet. Es seien ihr Ex-Partner, sein 26 Jahre alter Sohn und dessen 25-jähriger Freund gewesen.

«Papa will mit dir reden», habe der 26-Jährige zu ihr gesagt. Ihr Sohn habe sich jedoch vor sie gestellt und gesagt, es sei schon genug geredet worden. Daraufhin habe der 26-Jährige mit einem Taser (Elektroschockpistole) auf ihren Sohn geschossen, ihn aber nicht getroffen. Die beiden Halbbrüder und der Freund hätten sich geprügelt. Schließlich sei ihr Sohn aus der Tiefgarage geflüchtet. Die drei Männer hätten sie an den Haaren in ein Auto gezerrt und seien mit ihr davongefahren. Einer von ihnen habe ihr gesagt, sie solle keine Faxen machen, und hinzugefügt: «Ich hätte auch kein Problem damit, dir eine Kugel in den Kopf zu jagen.»

Die Frau berichtete, dass sie noch immer unter den Folgen der Tat leide. «Jeder Tag ist für mich eine neue Herausforderung.» Als sie von dem Beginn des Prozesses erfahren habe, sei sie zusammengebrochen und für sechs Wochen krankgeschrieben worden. Wegen der Corona-Pandemie habe sie erst kürzlich mit einer Therapie beginnen können.


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