Forschung im Schnelldurchlauf: Forum Wissen in Göttingen Von Maurice Arndt, dpa Nach zehn Jahren Bau- und Planungszeit öffnet am Pfingstwochenende in Göttingen das Forum Wissen erstmals für Besucher. Anhand von über 1500 Ausstellungsstücken aus den Sammlungen der Universität Göttingen erfahren Interessierte vor allem, wie Forschung in verschiedenen Fachrichtungen funktioniert. Die Basisausstellung des neuen Wissenschaftsmuseums «Räume des Wissens» ist auf rund zehn Jahre ausgelegt. Nach langen Verzögerungen in der Bauphase treffe die Eröffnung des Forums Wissen nun unbeabsichtigt den Zeitgeist, sagte Projektleiterin Marie Luisa Allemeyer. «Die Wissenschaft hat keine angeborene Autorität mehr und muss sich gegenüber der Öffentlichkeit erklären.» Dem großen Bedürfnis nach Einblicken in die Forschung und dem Entstehungsprozess von Wissen, wolle das neue Museum entsprechen. «Wir wollen hier Wissenschaft nachvollziehbar machen», sagte Allemeyer. Vor allem aber soll Wissen auf den 1400 Quadratmetern Ausstellungsfläche erlebbar sein. Dabei spielen auch digitale Elemente eine wichtige Rolle. An rund 70 Ausstellungsstücken finden sich sogenannte NFC-Chips. Diese können mit kompatiblen Smartphones und der zugehörigen App abgelesen werden, wie Besucher und Besucherinnen im sogenannten Prolog der Ausstellung erfahren. So erhalten sie zu den jeweiligen Exponaten verschiedene Meinungen und Einschätzungen. Dadurch solle deutlich gemacht werden, dass es trotz feststehender Erkenntnisse auch in der Wissenschaft «nie nur eine Wahrheit» gebe, erklärte Allemeyer. Weitere multimediale Elemente sind Filme zu Arbeitsweisen in der Wissenschaft oder über NFC-Chips sammelbare digitale Objekte für weiterführendes Wissen. Da das Wissen und die Forschung als solche im Mittelpunkt des Museums stehen, sind die einzelnen Ausstellungsräume nicht nach Fachrichtungen oder Epochen aufgeteilt. Dem Ausstellungstitel entsprechend, werden Besucher im Schnelldurchlauf durch verschiedene entsprechend eingerichtete Räume geführt, in denen Wissen entsteht: Der «Schreibtisch» ist tatsächlich ein Schreibtisch mit übergroßem Laptop und Notizheft, im «Hörsaal» stoßen Besucher auf die charakteristische Tribüne mit Arbeitsplätzen. Vom Labor bis zur Feldforschung sollen alle Facetten des wissenschaftlichen Arbeitens dargestellt und dabei auch Gemeinsamkeiten verschiedener Fachrichtungen verdeutlicht werden. Auch weniger sichtbare Bereiche der Forschung finden ihren Platz: Labormitarbeiter werden in Filmen gewürdigt oder das Thema Forschungsfinanzierung erhält mit dem «Markt» einen eigenen Ausstellungsraum. Kontroversen und Debatten erhalten ebenfalls eine Bühne. Über die Menge und Form der dargestellten Wissenschaftskritik wurde im Vorfeld öffentlich gestritten. Nun befasst sich das Forum Wissen gleich im zweiten Ausstellungsraum mit dem ehemaligen Menschenforscher Johann Friedrich Blumenbach, der menschliche Schädel untersuchte. Die nicht in dem Museum ausgestellten Gebeine sind noch heute im Besitz der Universität. Man könne diese Art der Forschung wichtig und auch richtig finden oder auch falsch und respektlos gegenüber anderen Kulturen und Ethnien, sagte Allemeyer. Mitten in der Ausstellung, im größten Raum des Rundgangs, geht es ausschließlich um Debatten. In von der Decke baumelnden Glas-Sesseln können Besucher im sogenannten Salon Hörspielen mit unterschiedlichen Meinungen zu historischen und aktuellen Wissenschaftskonflikten lauschen. Bunte von der Decke hängende Leuchtbälle und historische Porträt-Gemälde an den Wänden verdeutlichen die Beständigkeit von Diskussionen in der Wissenschaft. Mit dem «Holzweg» ist ein kompletter Raum dem Scheitern von Forschung gewidmet. «Die Zahl der Beispiele in diesem Raum soll stetig weiter wachsen. Statt Schelte zu betreiben, wollen wir aber den Mut hervorheben, Risiken bei der Forschung einzugehen», sagte Projektleiterin Allemeyer. Scheitern sei ein wichtiger Teil in der Entstehung von Wissen und müsse erlaubt sein. In der mit einem gut vier Meter hohen Bücherturm inszenierten «Bibliothek» werden die Grenzen der Dokumentation aufgezeigt. Es wird etwa die Geschichte einer historischen Göttinger Bibliothek erzählt. Als Gegenentwurf zur Göttinger Unibibliothek rückte sie feministische Themen in den Mittelpunkt, die an der Universität kaum bis gar nicht zu finden waren. Auch das Thema Zensur wird hier behandelt. Das Forum Wissen ist bereits das dritte Wissenschaftsmuseum der Stadt Göttingen. Bereits 1773 eröffnete auf dem Gelände der Universität das Akademische Museum. 140 Jahre später wurde in der Nähe des Bahnhofs das Naturhistorische Museum gebaut, in dessen Gebäude sich nun das Forum Wissen befindet. Der historische Bau wurde durch einen gläsernen Anbau auf der Rückseite erweitert, der unter anderem das Museumscafé beherbergt. Das Zoologische Museum, das bisher in dem Gebäude untergebracht war, soll ab 2025 im zweiten Stockwerk als Biodiversitätsmuseum wiedereröffnet werden. Der Eintritt in das Wissensmuseum soll mindestens die nächsten fünf Jahre kostenfrei sein. So lange wird die Einrichtung hauptsächlich von Fördergeldern des Bundes und des Landes Niedersachsen getragen. «Das freut uns sehr», sagte Allemeyer. Mit über 1500 Ausstellungsstücke sei das Museum auch darauf ausgelegt, dass Menschen die Ausstellung mehrfach besuchen.

Forschung im Schnelldurchlauf: Forum Wissen in Göttingen

© Swen Pförtner/dpa

Nach zehn Jahren Bau- und Planungszeit öffnet am Pfingstwochenende in Göttingen das Forum Wissen erstmals für Besucher. Anhand von über 1500 Ausstellungsstücken aus den Sammlungen der Universität Göttingen erfahren Interessierte vor allem, wie Forschung in verschiedenen Fachrichtungen funktioniert. Die Basisausstellung des neuen Wissenschaftsmuseums «Räume des Wissens» ist auf rund zehn Jahre ausgelegt.

Nach langen Verzögerungen in der Bauphase treffe die Eröffnung des Forums Wissen nun unbeabsichtigt den Zeitgeist, sagte Projektleiterin Marie Luisa Allemeyer. «Die Wissenschaft hat keine angeborene Autorität mehr und muss sich gegenüber der Öffentlichkeit erklären.» Dem großen Bedürfnis nach Einblicken in die Forschung und dem Entstehungsprozess von Wissen, wolle das neue Museum entsprechen. «Wir wollen hier Wissenschaft nachvollziehbar machen», sagte Allemeyer.

Vor allem aber soll Wissen auf den 1400 Quadratmetern Ausstellungsfläche erlebbar sein. Dabei spielen auch digitale Elemente eine wichtige Rolle. An rund 70 Ausstellungsstücken finden sich sogenannte NFC-Chips. Diese können mit kompatiblen Smartphones und der zugehörigen App abgelesen werden, wie Besucher und Besucherinnen im sogenannten Prolog der Ausstellung erfahren. So erhalten sie zu den jeweiligen Exponaten verschiedene Meinungen und Einschätzungen.

Dadurch solle deutlich gemacht werden, dass es trotz feststehender Erkenntnisse auch in der Wissenschaft «nie nur eine Wahrheit» gebe, erklärte Allemeyer. Weitere multimediale Elemente sind Filme zu Arbeitsweisen in der Wissenschaft oder über NFC-Chips sammelbare digitale Objekte für weiterführendes Wissen.

Da das Wissen und die Forschung als solche im Mittelpunkt des Museums stehen, sind die einzelnen Ausstellungsräume nicht nach Fachrichtungen oder Epochen aufgeteilt. Dem Ausstellungstitel entsprechend, werden Besucher im Schnelldurchlauf durch verschiedene entsprechend eingerichtete Räume geführt, in denen Wissen entsteht: Der «Schreibtisch» ist tatsächlich ein Schreibtisch mit übergroßem Laptop und Notizheft, im «Hörsaal» stoßen Besucher auf die charakteristische Tribüne mit Arbeitsplätzen.

Vom Labor bis zur Feldforschung sollen alle Facetten des wissenschaftlichen Arbeitens dargestellt und dabei auch Gemeinsamkeiten verschiedener Fachrichtungen verdeutlicht werden. Auch weniger sichtbare Bereiche der Forschung finden ihren Platz: Labormitarbeiter werden in Filmen gewürdigt oder das Thema Forschungsfinanzierung erhält mit dem «Markt» einen eigenen Ausstellungsraum.

Kontroversen und Debatten erhalten ebenfalls eine Bühne. Über die Menge und Form der dargestellten Wissenschaftskritik wurde im Vorfeld öffentlich gestritten. Nun befasst sich das Forum Wissen gleich im zweiten Ausstellungsraum mit dem ehemaligen Menschenforscher Johann Friedrich Blumenbach, der menschliche Schädel untersuchte. Die nicht in dem Museum ausgestellten Gebeine sind noch heute im Besitz der Universität. Man könne diese Art der Forschung wichtig und auch richtig finden oder auch falsch und respektlos gegenüber anderen Kulturen und Ethnien, sagte Allemeyer.

Mitten in der Ausstellung, im größten Raum des Rundgangs, geht es ausschließlich um Debatten. In von der Decke baumelnden Glas-Sesseln können Besucher im sogenannten Salon Hörspielen mit unterschiedlichen Meinungen zu historischen und aktuellen Wissenschaftskonflikten lauschen. Bunte von der Decke hängende Leuchtbälle und historische Porträt-Gemälde an den Wänden verdeutlichen die Beständigkeit von Diskussionen in der Wissenschaft.

Mit dem «Holzweg» ist ein kompletter Raum dem Scheitern von Forschung gewidmet. «Die Zahl der Beispiele in diesem Raum soll stetig weiter wachsen. Statt Schelte zu betreiben, wollen wir aber den Mut hervorheben, Risiken bei der Forschung einzugehen», sagte Projektleiterin Allemeyer. Scheitern sei ein wichtiger Teil in der Entstehung von Wissen und müsse erlaubt sein.

In der mit einem gut vier Meter hohen Bücherturm inszenierten «Bibliothek» werden die Grenzen der Dokumentation aufgezeigt. Es wird etwa die Geschichte einer historischen Göttinger Bibliothek erzählt. Als Gegenentwurf zur Göttinger Unibibliothek rückte sie feministische Themen in den Mittelpunkt, die an der Universität kaum bis gar nicht zu finden waren. Auch das Thema Zensur wird hier behandelt.

Das Forum Wissen ist bereits das dritte Wissenschaftsmuseum der Stadt Göttingen. Bereits 1773 eröffnete auf dem Gelände der Universität das Akademische Museum. 140 Jahre später wurde in der Nähe des Bahnhofs das Naturhistorische Museum gebaut, in dessen Gebäude sich nun das Forum Wissen befindet. Der historische Bau wurde durch einen gläsernen Anbau auf der Rückseite erweitert, der unter anderem das Museumscafé beherbergt. Das Zoologische Museum, das bisher in dem Gebäude untergebracht war, soll ab 2025 im zweiten Stockwerk als Biodiversitätsmuseum wiedereröffnet werden.

Der Eintritt in das Wissensmuseum soll mindestens die nächsten fünf Jahre kostenfrei sein. So lange wird die Einrichtung hauptsächlich von Fördergeldern des Bundes und des Landes Niedersachsen getragen. «Das freut uns sehr», sagte Allemeyer. Mit über 1500 Ausstellungsstücke sei das Museum auch darauf ausgelegt, dass Menschen die Ausstellung mehrfach besuchen.


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