Zukunft der Innenstädte nach Corona: Rezepte gegen die Verödung gesucht Martin Krause Bielefeld. Die Angst vor einer Verödung der Innenstädte ist kein ganz neues Phänomen mehr. Schon in den 80er Jahren gab es warnende Stimmen, die argwöhnisch auf die wachsende Konkurrenz für den innerstädtischen Einzelhandel durch immer größere SB-Warenhäuser, Baumärkte und Möbelhäuser vor den Toren der Städte hinwiesen. Die Angst vor der Übermacht auf der "grünen Wiese" machte die Runde. Seit Jahren wird diese Sorge durch eine andere in den Schatten gestellt - jetzt gilt der Online-Handel als Hauptgrund für die drohende Verdrängung von Ladengeschäften. Online boomtDurch die Coronakrise gewann die moderne Variante des Versandhandels an Dynamik, der elektronische Handel legte nach Zahlen des Handelsverbandes HDE 2020 um 21 Prozent auf fast 72 Milliarden Euro Umsatz zu. Hingegen dümpelte der stationäre Handel mit einem mageren Plus von 3,9 Prozent auf 506 Milliarden Euro Umsatz, der stationäre Handel mit Mode und Schuhen allein schrumpfte um 21 Prozent. Dadurch stieg der E-Commerce-Anteil am gesamten Einzelhandel 2020 auf 12,4 Prozent. Drohen also die Pleite zehntausender Ladengeschäfte und enorme Leerstände in den Straßen und Fußgängerzonen? Renaissance möglichDer Bielefelder Architekt Markus Bergedieck schüttelt den Kopf: "Ich sehe das nicht ganz so schwarz". Es werde zwar Veränderungen geben, "aber so war das immer schon". Handel bringt Wandel. Den Wunsch, die Ware vor dem Kauf direkt anzusehen, werde es weiterhin geben. Nach dem coronabedingten Boom des Onlinehandels werde das "reale" Shopping eine Renaissance erleben, prognostiziert er. "Das haptische Erlebnis wird wieder gefragt sein", glaubt Bergedieck. Zudem habe der Onlinehandel auch Nachteile. Denn erstens bedeute er für den Kunden, der Unpassendes wieder zurücksenden muss, einen lästigen Aufwand. Und zweitens widerspreche der Ablauf des E-Commerce dem wachsenden Umweltbewusstsein vor allem jüngerer Käufer: "Die vielen nötigen Verpackungen und der erhöhte Transportaufwand sind die Schattenseiten." Sinkende MietenDer Bauingenieur Klaus Bockermann aus Enger, dessen Büro die Verkehrsführung für den im Umbau befindlichen Bielefelder Jahnplatz geplant hat, dämpft die Befürchtungen ebenfalls: "Einzelhandel ist auch Lebensqualität", sagt er, Panik sei nicht angebracht. Die Veränderung des Einkaufsverhaltens hält er allerdings für ein Zeichen gesellschaftlicher Veränderungen, die den Anpassungsdruck auf die Städte erhöhen - und die Coronakrise beschleunige diese Entwicklung. "Die Innenstädte müssen mehr zu Erlebnisräumen werden", ist Bockermann überzeugt. Die Mischung von Einzelhandel, Gastronomie und Wohnraum werde sich ändern müssen. "Manche Einzelhändler werden den Umbruch nicht überstehen, aus Gründen, die sie nicht zu verantworten haben", fürchtet er. Händler könnten aber versuchen, sich durch Spezialisierungen oder eigene Online-Sparten zu behaupten."Und in manchen Lagen wird der Einzelhandel nicht mehr die gewohnten Mieten zahlen können, die Hausbesitzer müssen mit geringeren Einnahmen rechnen." Schrumpfung als ChanceGenau dies ist auch in OWL bereits in einigen Städten zu beobachten, weiß Gerald Staake, Planungsreferent der IHK Bielefeld. In Bielefeld seien die Mieten der 1-A-Lagen in der Spitze seit 2015 bereits leicht gesunken (von maximal 120 auf 110 Euro je Quadratmeter), ähnlich sei es in Gütersloh (von 60 auf 50 Euro) und Herford (von 40 auf 30 Euro). Hohe Leerstandsquoten seien in der Region allerdings noch nicht zu beobachten. Allerdings gebe es Anzeichen, dass Filialisten wie C&A oder Saturn sich tendenziell aus kleineren und mittleren Städten zurückziehen, so Staake. Nach der Coronakrise sei eine unterschiedliche Entwicklung in Metropolen und attraktiven Schwarmstädten einerseits und wettbewerbsschwächeren Städten andererseits zu erwarten. Mancherorts müsse überlegt werden, wie Fußgängerzonen kontrolliert geschrumpft werden können: "Denn es ist sinnvoll, dass die Einkaufszonen kompakt bleiben, um hohe Aufenthaltsqualität zu bieten", sagt Staake. Einzelne Städte wie Herford versuchten den Prozess bereits aktiv zu steuern, so der promovierte Geograph. Städte könnten leerstehende Gewerberäume etwa selbst anmieten und günstig weitervermieten. Ohne Eingriff drohten im Extremfall "Donut-Städte" mit leeren Kernen - auch, weil eine Sanierung von Immobilien mit allzu niedrigen Mieten kaum noch finanzierbar sei. Sanierungsstau und später der Verfall seien die Folge. Neue FreiräumeIn Einzelfällen - etwa in Leipzig - sind veraltete Einkaufszentren in Stadtteilen bereits abgerissen worden und durch Grünanlagen ersetzt worden, so Gerald Staake. Und Markus Bergedieck weist darauf hin, dass auch Veränderungen der Mobilität das Gesicht der Städte ändern: Wenn der private Pkw an Bedeutung verliert und die Bürger vermehrt mit Bussen, Bahnen, dem Rad oder zu Fuß in die Städte kommen, werde es neue Freiräume (und weniger Parkhäuser) geben, "das Stadtbild wird grüner". Klaus Bockermann bestätigt den Trend zur Abkehr vom Auto und fordert eine Anpassung der Verkehrsinfrastruktur: "Denn die Städte müssen erreichbar bleiben, der Personennahverkehr muss ausgebaut werden." Zurück aufs Land?Noch nicht absehbar sind die Folgen, die eine stetige Verschiebung von Büroarbeiten ins Homeoffice haben könnte. Bisher erwarten die Stadtplaner, dass der coronabedingte Umzug ins Homeoffice sich nach der Pandemie großteils wieder umkehrt. "Viele wollen nicht immer nur zuhause arbeiten", sagt Bockermann. Auch Architekt Bergedieck ist überzeugt, dass Firmen weiterhin ihre Verwaltungsstandorte haben wollen - wenn auch mit flexibleren Arbeitsplätzen mit Dockingstationen. Andererseits führen Makler eine erhöhte Nachfrage nach größeren Wohnungen derzeit auf den Platzbedarf fürs Homeoffice zurück - und zugleich gebe es Investoren, die ihre Pläne für neue Bürogebäude auf Eis gelegt hätten, wie Staake sagt. Denkbar wäre es, dass die Aktivität und die Kaufkraft der Menschen künftig wieder gleichmäßiger aufs Land verteilt wird: "Dies würde zusätzlichen Aderlass für die Innenstädte bedeuten." Es wäre nur ein Grund mehr für die Städte, über eine Steigerung der Erlebnisqualität in ihren Mauern nachzudenken.

Zukunft der Innenstädte nach Corona: Rezepte gegen die Verödung gesucht

Die Corona-Pandemie hat monatelang für gähnende Leere in den Fußgängerzonen gesorgt. Einzelhändler sind besorgt, dass die Kunden sich ans Online-Shoppen gewöhnen. Dann wäre ein Ladensterben unausweichlich. © picture alliance / Robert B.Fishman

Bielefeld. Die Angst vor einer Verödung der Innenstädte ist kein ganz neues Phänomen mehr. Schon in den 80er Jahren gab es warnende Stimmen, die argwöhnisch auf die wachsende Konkurrenz für den innerstädtischen Einzelhandel durch immer größere SB-Warenhäuser, Baumärkte und Möbelhäuser vor den Toren der Städte hinwiesen. Die Angst vor der Übermacht auf der "grünen Wiese" machte die Runde. Seit Jahren wird diese Sorge durch eine andere in den Schatten gestellt - jetzt gilt der Online-Handel als Hauptgrund für die drohende Verdrängung von Ladengeschäften.

Online boomt

Durch die Coronakrise gewann die moderne Variante des Versandhandels an Dynamik, der elektronische Handel legte nach Zahlen des Handelsverbandes HDE 2020 um 21 Prozent auf fast 72 Milliarden Euro Umsatz zu. Hingegen dümpelte der stationäre Handel mit einem mageren Plus von 3,9 Prozent auf 506 Milliarden Euro Umsatz, der stationäre Handel mit Mode und Schuhen allein schrumpfte um 21 Prozent. Dadurch stieg der E-Commerce-Anteil am gesamten Einzelhandel 2020 auf 12,4 Prozent. Drohen also die Pleite zehntausender Ladengeschäfte und enorme Leerstände in den Straßen und Fußgängerzonen?

Renaissance möglich

Der Bielefelder Architekt Markus Bergedieck schüttelt den Kopf: "Ich sehe das nicht ganz so schwarz". Es werde zwar Veränderungen geben, "aber so war das immer schon". Handel bringt Wandel. Den Wunsch, die Ware vor dem Kauf direkt anzusehen, werde es weiterhin geben. Nach dem coronabedingten Boom des Onlinehandels werde das "reale" Shopping eine Renaissance erleben, prognostiziert er. "Das haptische Erlebnis wird wieder gefragt sein", glaubt Bergedieck. Zudem habe der Onlinehandel auch Nachteile. Denn erstens bedeute er für den Kunden, der Unpassendes wieder zurücksenden muss, einen lästigen Aufwand. Und zweitens widerspreche der Ablauf des E-Commerce dem wachsenden Umweltbewusstsein vor allem jüngerer Käufer: "Die vielen nötigen Verpackungen und der erhöhte Transportaufwand sind die Schattenseiten."

Sinkende Mieten

Der Bauingenieur Klaus Bockermann aus Enger, dessen Büro die Verkehrsführung für den im Umbau befindlichen Bielefelder Jahnplatz geplant hat, dämpft die Befürchtungen ebenfalls: "Einzelhandel ist auch Lebensqualität", sagt er, Panik sei nicht angebracht. Die Veränderung des Einkaufsverhaltens hält er allerdings für ein Zeichen gesellschaftlicher Veränderungen, die den Anpassungsdruck auf die Städte erhöhen - und die Coronakrise beschleunige diese Entwicklung. "Die Innenstädte müssen mehr zu Erlebnisräumen werden", ist Bockermann überzeugt. Die Mischung von Einzelhandel, Gastronomie und Wohnraum werde sich ändern müssen. "Manche Einzelhändler werden den Umbruch nicht überstehen, aus Gründen, die sie nicht zu verantworten haben", fürchtet er. Händler könnten aber versuchen, sich durch Spezialisierungen oder eigene Online-Sparten zu behaupten."Und in manchen Lagen wird der Einzelhandel nicht mehr die gewohnten Mieten zahlen können, die Hausbesitzer müssen mit geringeren Einnahmen rechnen."

Schrumpfung als Chance

Genau dies ist auch in OWL bereits in einigen Städten zu beobachten, weiß Gerald Staake, Planungsreferent der IHK Bielefeld. In Bielefeld seien die Mieten der 1-A-Lagen in der Spitze seit 2015 bereits leicht gesunken (von maximal 120 auf 110 Euro je Quadratmeter), ähnlich sei es in Gütersloh (von 60 auf 50 Euro) und Herford (von 40 auf 30 Euro). Hohe Leerstandsquoten seien in der Region allerdings noch nicht zu beobachten. Allerdings gebe es Anzeichen, dass Filialisten wie C&A oder Saturn sich tendenziell aus kleineren und mittleren Städten zurückziehen, so Staake.

Nach der Coronakrise sei eine unterschiedliche Entwicklung in Metropolen und attraktiven Schwarmstädten einerseits und wettbewerbsschwächeren Städten andererseits zu erwarten. Mancherorts müsse überlegt werden, wie Fußgängerzonen kontrolliert geschrumpft werden können: "Denn es ist sinnvoll, dass die Einkaufszonen kompakt bleiben, um hohe Aufenthaltsqualität zu bieten", sagt Staake. Einzelne Städte wie Herford versuchten den Prozess bereits aktiv zu steuern, so der promovierte Geograph. Städte könnten leerstehende Gewerberäume etwa selbst anmieten und günstig weitervermieten. Ohne Eingriff drohten im Extremfall "Donut-Städte" mit leeren Kernen - auch, weil eine Sanierung von Immobilien mit allzu niedrigen Mieten kaum noch finanzierbar sei. Sanierungsstau und später der Verfall seien die Folge.

Neue Freiräume
In Einzelfällen - etwa in Leipzig - sind veraltete Einkaufszentren in Stadtteilen bereits abgerissen worden und durch Grünanlagen ersetzt worden, so Gerald Staake. Und Markus Bergedieck weist darauf hin, dass auch Veränderungen der Mobilität das Gesicht der Städte ändern: Wenn der private Pkw an Bedeutung verliert und die Bürger vermehrt mit Bussen, Bahnen, dem Rad oder zu Fuß in die Städte kommen, werde es neue Freiräume (und weniger Parkhäuser) geben, "das Stadtbild wird grüner". Klaus Bockermann bestätigt den Trend zur Abkehr vom Auto und fordert eine Anpassung der Verkehrsinfrastruktur: "Denn die Städte müssen erreichbar bleiben, der Personennahverkehr muss ausgebaut werden."

Zurück aufs Land?
Noch nicht absehbar sind die Folgen, die eine stetige Verschiebung von Büroarbeiten ins Homeoffice haben könnte. Bisher erwarten die Stadtplaner, dass der coronabedingte Umzug ins Homeoffice sich nach der Pandemie großteils wieder umkehrt. "Viele wollen nicht immer nur zuhause arbeiten", sagt Bockermann. Auch Architekt Bergedieck ist überzeugt, dass Firmen weiterhin ihre Verwaltungsstandorte haben wollen - wenn auch mit flexibleren Arbeitsplätzen mit Dockingstationen.

Andererseits führen Makler eine erhöhte Nachfrage nach größeren Wohnungen derzeit auf den Platzbedarf fürs Homeoffice zurück - und zugleich gebe es Investoren, die ihre Pläne für neue Bürogebäude auf Eis gelegt hätten, wie Staake sagt. Denkbar wäre es, dass die Aktivität und die Kaufkraft der Menschen künftig wieder gleichmäßiger aufs Land verteilt wird: "Dies würde zusätzlichen Aderlass für die Innenstädte bedeuten." Es wäre nur ein Grund mehr für die Städte, über eine Steigerung der Erlebnisqualität in ihren Mauern nachzudenken.

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