Streik Zu wenig Hebammen in Kreißsälen: "Hier geht es um lebensgefährliche Zustände" Mitten im reichen Deutschland gibt es nicht mehr genug Geburtshelferinnen, um sichere Geburten zu gewährleisten. Mütter und Hebammen erzählen, was sie deshalb schon erlebt haben. Anneke Quasdorf Berlin/Bielefeld. Seit drei Wochen streiken die Kreißsaal-Hebammen in Berlin. Dabei geht es nicht um mehr Lohn. Sondern um eine angemessene Versorgung von Müttern und ihren Babys. Denn in einer Industrienation wie Deutschland geht es hier mittlerweile um alarmierende und auch lebensgefährliche Zustände - auch in OWL. Eine Hebamme für eine Geburt - das ist die zentrale Forderung der Streikenden. Dieser Schlüssel ist in Deutschland utopisch, im Schnitt betreuen zwei Hebammen mindestens vier Geburten pro Schicht. Was das für Hebammen bedeutet, beschreibt Hebamme Luisa Strunk in einem emotionalen Post auf Instagram so: Acht Stunden Rennen, acht Stunden ohne Essen, Trinken oder Toilettengang. Fruchtwasser und Blut überall, aber keine Zeit, es abzuwaschen, Angst, Druck, totale Erschöpfung. "Und das können wir so nicht mehr verantworten." Strunk ist eine der Hebammen, die seit über drei Wochen in Berlin für bessere Arbeitsbedingungen auf die Straße gehen. Sie ist auch Sprecherin der Jungen Werdenden Hebammen (JuWeHen), einer Organisation des Deutschen Hebammenverbandes. Elf Frauen hat sie neulich in einer einzigen Schicht betreut, sieben davon bekamen in dieser Nacht ihr Kind. "Diese Unterversorgung ist gefährlich, für Mütter und Babys. Und sie macht uns Angst vor jeder Schicht, Angst in der Hektik etwas zu übersehen, Angst Fehler zu machen.""Das Baby rutschte mir aus den Händen" Was diese Situation für Gebärende bedeutet, haben mittlerweile viele Frauen in Deutschland erlebt. Lisa ist eine von ihnen. Ihr erstes Kind brachte sie auf einer Geburtsstation  ganz allein zur Welt, weil die Hebamme vollauf mit anderen Gebärenden beschäftigt war. "Ich war mit meinem Mann im Kreißsaal, als ich plötzlich merkte, dass sich irgendwas in meinem Körper veränderte. Ich wusste, dass die Hebamme im Kreißsaal nebenan bei einer anderen Geburt war und schickte ihn los, sie zu holen. Dort war aber gerade Alarmstufe, so dass er sich nicht traute, zu klopfen oder einzutreten. Und dann kam eine starke Wehe, ich musste mich hinhocken und auf einmal war mein Sohn schon da." Und rutschte auf den blanken Klinikboden, weil nichts vorbereitet war, keine Matte, keine Unterlage. "Ich konnte ihn beim Rauskommen noch halten, aber beim Hinlegen ist er mir aus der Hand gerutscht, weil ich körperlich plötzlich zu gar nichts mehr in der Lage war." So fand Lisas Mann seine Frau, als er zurückkehrte: kauernd auf dem Boden, zwischen ihren Beinen das schreiende Neugeborene. "Die Hebamme war auch vollkommen schockiert, das merkte man." Im Endeffekt waren Mutter und Kind gesund, auch wenn Lisas Sohn lange mit Anpassungsstörungen zu kämpfen hatte. Verena hatte dieses Glück nicht. Im Februar kam ihr gesundes Baby mit einem schweren Sauerstoffmangel zur Welt, an dem es fünf Tage später starb. "Es gab im Verlauf der Geburt eine Komplikation, die viel zu spät aufgefallen ist, weil wir die ganze Zeit alleine und unbegleitet waren. Wenn eine Hebamme dauerhaft an meiner Seite gewesen wäre und das Kind, wie in der Leitlinie empfohlen, kontrolliert hätte... Unser Kind wurde am Ende seiner Geburt aber fast zwei Stunden lang nicht kontrolliert und dann war es zu spät. Alle Geburten sind individuell, deshalb sollte eine 1-zu-1-Betreuung ab dem Beginn der aktiven Eröffnungsphase einfach durchgängig gegeben sein. Es ist schrecklich, dass wir uns dies in einem hochentwickelten Land wie Deutschland nicht leisten wollen oder können." "Es geht mir immer noch schlecht mit dieser Geburt" Bis zur absoluten Horrorvorstellung, dem Verlust eines Kindes, muss es aber gar nicht gehen. Auch wenn Mutter und Kind danach gesund sind, hinterlässt eine traumatisch verlaufende Geburt Spuren. Das erlebt gerade Madeleine. Vor gut einem Jahr brachte sie ihren Sohn im Krankenhaus auf die Welt - überwiegend mutterseelenallein, weil ihr Mann in Corona-Quarantäne war. Erst am Schluss kümmerte sich ein Team aus Hebammen und Ärzten um sie, für eine PDA war es da zu spät, einen Kaiserschnitt verweigerte man ihr. "Die meiste Zeit habe ich mich unglaublich einsam gefühlt, ich hatte Angst, um mich, um unseren Sohn, vor den Schmerzen. Ich dachte, ich schaffe es nicht, unmöglich." Dieses Erlebnis wirkt nach. "Vor allem die Erinnerung daran, so ohnmächtig und ausgeliefert zu sein, nicht über mich entscheiden zu können. Damit kann ich nicht abschließen. Und damit geht es mir auch immer noch schlecht." Stephanie Batram-Zantvoort weiß, dass diese Reaktion kein Einzelfall ist. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Bielefeld und schreibt ihre Doktorarbeit zum Thema "Integritätswahrung und Integritätsverletzung während der Geburt". "Dazu gehört auch eine unzureichende Begleitung. Diese Erfahrung und ihre Auswirkungen sind in Deutschland noch längst nicht gut genug erforscht. Was sich aber immer mehr durchsetzt, ist die Erkenntnis, dass es eben nicht reicht, dass das Baby gut 'rausgekommen' ist. Sondern dass der Weg dahin eine essentielle Bedeutung für Mutter und Kind hat." Dieser Weg fußt aber maßgeblich auf einer gut begleiteten Geburt. Bereits Anfang 2020 zeigte eine bundesweite Studie des IGES Instituts zur Versorgung durch Hebammen in Kreißsälen an dieser Stelle erhebliche Versorgungsengpässe auf. Bereits 2018 hatte jede dritte Geburtsklinik in Deutschland mindestens einmal Schwangere abweisen müssen. 85 Prozent der befragten Hebammen hatten zudem angegeben, dass sie im Schnitt mindestens drei Frauen pro Schicht betreuen müssten - auch nach Beginn der aktiven Geburtsphase. "Leben geben rechnet sich nicht" Für NRW zeigte eine Studie der Bonner Hochschule für Gesundheit 2019, dass sichere Geburten im bevölkerungsreichsten Bundesland nicht mehr gewährleistet sind. Fast die Hälfte der befragten 2.000 Hebammen hatte zudem angegeben, in den vergangenen vier Wochen mindestens einmal Gefahrenanzeige gemeldet zu haben: eine nicht mehr zu leistende sichere Geburt wegen Überlastung des Personals. Für Barbara Blomeier, Landesvorsitzende der Hebammen NRW, sind das alles um so bitterere Erkenntnisse, als dass sich nichts ändert. "Geburtshilfe rechnet sich nicht. Leben geben rechnet sich nicht. Das klingt zynisch, aber anders kann man es nicht ausdrücken. Das können wir nur ändern, indem Geburtshilfe Teil der Grundversorgung wird. Ist sie nämlich nicht, das wissen viele nicht. Unfallchirurgie ist es, Schlaganfallhilfe auch - Geburten nach wie vor nicht." Vor diesem Hintergrund werden in Blomeiers Augen auch die Maßnahmen zur Personalgewinnung nicht fruchten. "Es ist richtig und wichtig, dass die Hebammenausbildung akademisiert wurde. Aber wir erleben schon jetzt, dass ein Teil dieser künftigen Hebammen von vornherein sagt: Ich werde nicht in der Geburtshilfe arbeiten, sondern nur in Vor- und Nachsorge. Weil die Eindrücke aus den Praxiseinheiten in den Kliniken einfach zu abschreckend sind, und junge Kolleginnen sich nicht von Anfang an derartig verheizen lassen wollen." Auch Luisa Strunk von den Jungen und Werdenden Hebammen ist schon öfter an diesem Punkt gewesen. "Dieses Hamsterrad macht einen kaputt." Doch bevor sie aufgibt, will sie erst laut werden. "Das fehlt uns Hebammen. Wir müssen uns viel besser gewerkschaftlich organisieren, auf unsere und die Rechte unserer Patientinnen pochen. Und wir brauchen mehr Lobby. Das ist einfach so schade, dass viele denken: Das Thema betrifft mich nicht. Dabei ist fast jeder ein Vater, eine Mutter, eine Schwester, ein Bruder oder ein Freund von einer Frau, die ein Kind bekommt oder bekommen wird."
Streik

Zu wenig Hebammen in Kreißsälen: "Hier geht es um lebensgefährliche Zustände"

Auf sich gestellt: Viele Frauen in Deutschland werden während einer Geburt nicht genügend begleitet. Hebammen fordern eine 1-zu-1-Betreuung. © picture alliance / imageBROKER | Judith Thomandl

Berlin/Bielefeld. Seit drei Wochen streiken die Kreißsaal-Hebammen in Berlin. Dabei geht es nicht um mehr Lohn. Sondern um eine angemessene Versorgung von Müttern und ihren Babys. Denn in einer Industrienation wie Deutschland geht es hier mittlerweile um alarmierende und auch lebensgefährliche Zustände - auch in OWL.

Eine Hebamme für eine Geburt - das ist die zentrale Forderung der Streikenden. Dieser Schlüssel ist in Deutschland utopisch, im Schnitt betreuen zwei Hebammen mindestens vier Geburten pro Schicht. Was das für Hebammen bedeutet, beschreibt Hebamme Luisa Strunk in einem emotionalen Post auf Instagram so: Acht Stunden Rennen, acht Stunden ohne Essen, Trinken oder Toilettengang. Fruchtwasser und Blut überall, aber keine Zeit, es abzuwaschen, Angst, Druck, totale Erschöpfung.

"Und das können wir so nicht mehr verantworten." Strunk ist eine der Hebammen, die seit über drei Wochen in Berlin für bessere Arbeitsbedingungen auf die Straße gehen. Sie ist auch Sprecherin der Jungen Werdenden Hebammen (JuWeHen), einer Organisation des Deutschen Hebammenverbandes. Elf Frauen hat sie neulich in einer einzigen Schicht betreut, sieben davon bekamen in dieser Nacht ihr Kind. "Diese Unterversorgung ist gefährlich, für Mütter und Babys. Und sie macht uns Angst vor jeder Schicht, Angst in der Hektik etwas zu übersehen, Angst Fehler zu machen."

"Das Baby rutschte mir aus den Händen"

Was diese Situation für Gebärende bedeutet, haben mittlerweile viele Frauen in Deutschland erlebt. Lisa ist eine von ihnen. Ihr erstes Kind brachte sie auf einer Geburtsstation  ganz allein zur Welt, weil die Hebamme vollauf mit anderen Gebärenden beschäftigt war. "Ich war mit meinem Mann im Kreißsaal, als ich plötzlich merkte, dass sich irgendwas in meinem Körper veränderte. Ich wusste, dass die Hebamme im Kreißsaal nebenan bei einer anderen Geburt war und schickte ihn los, sie zu holen. Dort war aber gerade Alarmstufe, so dass er sich nicht traute, zu klopfen oder einzutreten. Und dann kam eine starke Wehe, ich musste mich hinhocken und auf einmal war mein Sohn schon da."

Und rutschte auf den blanken Klinikboden, weil nichts vorbereitet war, keine Matte, keine Unterlage. "Ich konnte ihn beim Rauskommen noch halten, aber beim Hinlegen ist er mir aus der Hand gerutscht, weil ich körperlich plötzlich zu gar nichts mehr in der Lage war." So fand Lisas Mann seine Frau, als er zurückkehrte: kauernd auf dem Boden, zwischen ihren Beinen das schreiende Neugeborene. "Die Hebamme war auch vollkommen schockiert, das merkte man." Im Endeffekt waren Mutter und Kind gesund, auch wenn Lisas Sohn lange mit Anpassungsstörungen zu kämpfen hatte.

Verena hatte dieses Glück nicht. Im Februar kam ihr gesundes Baby mit einem schweren Sauerstoffmangel zur Welt, an dem es fünf Tage später starb. "Es gab im Verlauf der Geburt eine Komplikation, die viel zu spät aufgefallen ist, weil wir die ganze Zeit alleine und unbegleitet waren. Wenn eine Hebamme dauerhaft an meiner Seite gewesen wäre und das Kind, wie in der Leitlinie empfohlen, kontrolliert hätte... Unser Kind wurde am Ende seiner Geburt aber fast zwei Stunden lang nicht kontrolliert und dann war es zu spät. Alle Geburten sind individuell, deshalb sollte eine 1-zu-1-Betreuung ab dem Beginn der aktiven Eröffnungsphase einfach durchgängig gegeben sein. Es ist schrecklich, dass wir uns dies in einem hochentwickelten Land wie Deutschland nicht leisten wollen oder können."

"Es geht mir immer noch schlecht mit dieser Geburt"

Bis zur absoluten Horrorvorstellung, dem Verlust eines Kindes, muss es aber gar nicht gehen. Auch wenn Mutter und Kind danach gesund sind, hinterlässt eine traumatisch verlaufende Geburt Spuren. Das erlebt gerade Madeleine. Vor gut einem Jahr brachte sie ihren Sohn im Krankenhaus auf die Welt - überwiegend mutterseelenallein, weil ihr Mann in Corona-Quarantäne war. Erst am Schluss kümmerte sich ein Team aus Hebammen und Ärzten um sie, für eine PDA war es da zu spät, einen Kaiserschnitt verweigerte man ihr. "Die meiste Zeit habe ich mich unglaublich einsam gefühlt, ich hatte Angst, um mich, um unseren Sohn, vor den Schmerzen. Ich dachte, ich schaffe es nicht, unmöglich." Dieses Erlebnis wirkt nach. "Vor allem die Erinnerung daran, so ohnmächtig und ausgeliefert zu sein, nicht über mich entscheiden zu können. Damit kann ich nicht abschließen. Und damit geht es mir auch immer noch schlecht."

Stephanie Batram-Zantvoort weiß, dass diese Reaktion kein Einzelfall ist. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Bielefeld und schreibt ihre Doktorarbeit zum Thema "Integritätswahrung und Integritätsverletzung während der Geburt". "Dazu gehört auch eine unzureichende Begleitung. Diese Erfahrung und ihre Auswirkungen sind in Deutschland noch längst nicht gut genug erforscht. Was sich aber immer mehr durchsetzt, ist die Erkenntnis, dass es eben nicht reicht, dass das Baby gut 'rausgekommen' ist. Sondern dass der Weg dahin eine essentielle Bedeutung für Mutter und Kind hat."

Dieser Weg fußt aber maßgeblich auf einer gut begleiteten Geburt. Bereits Anfang 2020 zeigte eine bundesweite Studie des IGES Instituts zur Versorgung durch Hebammen in Kreißsälen an dieser Stelle erhebliche Versorgungsengpässe auf. Bereits 2018 hatte jede dritte Geburtsklinik in Deutschland mindestens einmal Schwangere abweisen müssen. 85 Prozent der befragten Hebammen hatten zudem angegeben, dass sie im Schnitt mindestens drei Frauen pro Schicht betreuen müssten - auch nach Beginn der aktiven Geburtsphase.

"Leben geben rechnet sich nicht"

Für NRW zeigte eine Studie der Bonner Hochschule für Gesundheit 2019, dass sichere Geburten im bevölkerungsreichsten Bundesland nicht mehr gewährleistet sind. Fast die Hälfte der befragten 2.000 Hebammen hatte zudem angegeben, in den vergangenen vier Wochen mindestens einmal Gefahrenanzeige gemeldet zu haben: eine nicht mehr zu leistende sichere Geburt wegen Überlastung des Personals.

Für Barbara Blomeier, Landesvorsitzende der Hebammen NRW, sind das alles um so bitterere Erkenntnisse, als dass sich nichts ändert. "Geburtshilfe rechnet sich nicht. Leben geben rechnet sich nicht. Das klingt zynisch, aber anders kann man es nicht ausdrücken. Das können wir nur ändern, indem Geburtshilfe Teil der Grundversorgung wird. Ist sie nämlich nicht, das wissen viele nicht. Unfallchirurgie ist es, Schlaganfallhilfe auch - Geburten nach wie vor nicht."

Vor diesem Hintergrund werden in Blomeiers Augen auch die Maßnahmen zur Personalgewinnung nicht fruchten. "Es ist richtig und wichtig, dass die Hebammenausbildung akademisiert wurde. Aber wir erleben schon jetzt, dass ein Teil dieser künftigen Hebammen von vornherein sagt: Ich werde nicht in der Geburtshilfe arbeiten, sondern nur in Vor- und Nachsorge. Weil die Eindrücke aus den Praxiseinheiten in den Kliniken einfach zu abschreckend sind, und junge Kolleginnen sich nicht von Anfang an derartig verheizen lassen wollen."

Auch Luisa Strunk von den Jungen und Werdenden Hebammen ist schon öfter an diesem Punkt gewesen. "Dieses Hamsterrad macht einen kaputt." Doch bevor sie aufgibt, will sie erst laut werden. "Das fehlt uns Hebammen. Wir müssen uns viel besser gewerkschaftlich organisieren, auf unsere und die Rechte unserer Patientinnen pochen. Und wir brauchen mehr Lobby. Das ist einfach so schade, dass viele denken: Das Thema betrifft mich nicht. Dabei ist fast jeder ein Vater, eine Mutter, eine Schwester, ein Bruder oder ein Freund von einer Frau, die ein Kind bekommt oder bekommen wird."

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