Wittekindshof: Wurde CS-Gas gegen Behinderte eingesetzt? Bad Oeynhausen. Es zieht immer weitere Kreise: Das Ermittlungsverfahren gegen einen suspendierten Geschäftsbereichsleiter des Wittekindshofes zeigt, dass illegaler Freiheitsentzug und Fixierungen offenbar zum Standard im ehemaligen Geschäftsbereich 4 gehörten. Seit unserer bislang letzten Berichterstattung wird nicht nur gegen den Leiter, sondern auch gegen weitere Pfleger, Ärzte und Betreuer ermittelt. Das bestätigte am Wochenende ein Sprecher der Bielefelder Staatsanwaltschaft, ohne weitere Details zu nennen. Wie die Polizei Minden-Lübbecke erklärte, geht es auch um den Vorwurf der Körperverletzung. In das Verfahren ist inzwischen auch das NRW-Gesundheitsministerium eingeschaltet. Dort sei eine Projektgruppe eingerichtet worden, die den Vorwürfen gegen Mitarbeiter der Einrichtung nachgehen soll, erklärte das Ministerium. Im Oktober 2019 durchsuchte die Polizei den betroffenen Bereich, nachdem die Schwester eines 28-Jährigen im Mai 2019 juristische Schritte eingeleitet hatte. Ihr Bruder soll elf Monate lang in einem neun Quadratmeter großen Zimmer ohne Freigang und Fernseher, vollgepumpt mit Medikamenten, eingesperrt worden sein. Vorwürfe und Details, die sich offenbar auch an anderen Stellen wiederfinden: In den Akten finden sich nach NW-Informationen Hinweise auf möglicherweise illegales Einsperren, unerlaubtes Festschnallen auf Matratzen, Schläge, Tritte und den Einsatz von CS-Gas. Das Spray soll mit Geld der Einrichtung beschafft worden sein. Gegen den Leiter des Geschäftsbereichs, einen 55-jährigen Mann, bestand der Anfangsverdacht, dass er insbesondere im Bereich „Heilpädagogische Intensivbetreuung" Zwangsmaßnahmen wie Verschluss im eigenen Zimmer und in einem speziell hierfür angelegten Raum sowie Fixierungen von Bewohnern anordnete, ohne dass ein richterlicher Beschluss hierfür vorlag beziehungsweise zur Weiterführung der Maßnahme eingeholt wurde. Es wird gegen ihn wegen des Vorwurfs der Freiheitsberaubung ermittelt. Bei der mehrstündigen Aktion wurden von 70 Beamten - darunter auch IT-Experten – mehrere Gebäude auf dem weitläufigen Gelände in Volmerdingsen durchsucht. Dabei stellten die Ermittler umfangreiches Beweismaterial sicher. Rund ein halbes Jahr später machte Superintendent Andreas Huneke, zugleich Vorsitzender des Stiftungsrates der Diakonischen Stiftung Wittekindshof, in seiner Rede zum Aschermittwochsempfang deutlich: „Wir müssen den Ermittlungen entnehmen, dass es sich wahrscheinlich nicht um einen Einzelfall handelt. Unsere Sorge ist, dass es hier zu Versäumnissen und systemischen Fehlern gekommen sein könnte." Mit diesen deutlichen Worten nahm er erstmals öffentlich Stellung zu den Vorwürfen der Freiheitsberaubung und Körperverletzung eines ehemaligen Bewohners durch einen Mitarbeiter. In dem betroffenen Geschäftsbereich leben, so Andreas Huneke, rund 120 Menschen mit einem sehr hohen bis extremen Unterstützungsbedarf. Selbst- und Fremdgefährdungen seien dort an der Tagesordnung. „Bezugspersonen werden dabei leider auch verbal und körperlich angegriffen, werden teilweise auch schwer verletzt oder lebensbedrohlich gewürgt." Die Mitarbeiter müssten in solchen Situationen aber trotzdem entscheiden, welches die passende Maßnahme sei und das mit den rechtlichen Betreuern absprechen. In den darauffolgenden Wochen reagiert der Wittekindshof mit organisatorischen Maßnahmen auf die Misshandlungsvorwürfe. Vorstand Dierk Starnitzke kündigte in einem Interview mit der NW im Juli Strukturveränderungen an. Der betroffene Geschäftsbereich zur Intensivbetreuung wurde aufgelöst, eine neue Fachdienstleitung sollte für zusätzliche Kontrolle sorgen. Die Ermittlungen gegen den Mitarbeiter sind noch nicht abgeschlossen. Das NRW-Gesundheitsministerium wurde nach eigenen Angaben im Juli 2020 informiert, dass die Ermittlungen auf weitere Mitarbeiter ausgedehnt worden seien. Daraufhin seien die Bezirksregierungen angewiesen worden, "sämtliche Einrichtungen der Diakonischen Stiftung Wittekindshof zu prüfen". Dabei fielen den Angaben nach in einer weiteren Einrichtung "Mängel hinsichtlich freiheitsentziehender Maßnahmen" auf. Das Ministerium habe daraufhin unter anderem Schulungen zu freiheitsentziehenden Maßnahmen und eine Auswertung von Gewaltvorkommnissen verlangt. Im Dezember 2020 habe das Ministerium dann weitere Ermittlungsergebnisse erhalten. "Dabei wurde bekannt, dass es nicht nur um freiheitsentziehende Maßnahmen geht, die nicht vollumfänglich durch richterliche Genehmigung oder entsprechende Einwilligung gedeckt sind. Vielmehr wurden weitere Ermittlungsergebnisse vorgestellt, die vermuten lassen, dass es zu einer Reihe von schwerwiegenden Übergriffen gekommen ist", erklärte das Ministerium. Die Diakonische Stiftung Wittekindshof sicherte den Behörden Unterstützung zu. Laut Ministerium wurde die Einrichtung mittlerweile personell aufgestockt. Nach dem "Mehraugenprinzip" sei nun ein Team aus vier Personen zuständig. Zu den Vorwürfen machten die Behörden zunächst keine weiteren Angaben. Bestätigt wurde von Seiten des Ministeriums auch die Einrichtung eines Krisenstabes beim Kreis Minden-Lübbecke, der die Heimaufsicht für die Einrichtung habe. Im Dezember war es auch, als in einem Verfahren vor dem Landgericht Bielefeld die Polizei schwere Vorwürfe (die NW berichtete) gegen den Wittekindshof erhob. Ein eigentlich standardisiertes Sicherungsverfahren vor dem Landgericht in Bielefeld gegen einen Bewohner der Einrichtung zeigte: Der 24-Jährige soll unter Dauerverschluss gestanden und mit CS-Gas ruhig gestellt worden sein.

Wittekindshof: Wurde CS-Gas gegen Behinderte eingesetzt?

Der Wittekindshof muss sich mit mit immer mehr Vorwürfen auseinandersetzen. © Anke Marholdt

Bad Oeynhausen. Es zieht immer weitere Kreise: Das Ermittlungsverfahren gegen einen suspendierten Geschäftsbereichsleiter des Wittekindshofes zeigt, dass illegaler Freiheitsentzug und Fixierungen offenbar zum Standard im ehemaligen Geschäftsbereich 4 gehörten. Seit unserer bislang letzten Berichterstattung wird nicht nur gegen den Leiter, sondern auch gegen weitere Pfleger, Ärzte und Betreuer ermittelt. Das bestätigte am Wochenende ein Sprecher der Bielefelder Staatsanwaltschaft, ohne weitere Details zu nennen.

Wie die Polizei Minden-Lübbecke erklärte, geht es auch um den Vorwurf der Körperverletzung. In das Verfahren ist inzwischen auch das NRW-Gesundheitsministerium eingeschaltet. Dort sei eine Projektgruppe eingerichtet worden, die den Vorwürfen gegen Mitarbeiter der Einrichtung nachgehen soll, erklärte das Ministerium.

Im Oktober 2019 durchsuchte die Polizei den betroffenen Bereich, nachdem die Schwester eines 28-Jährigen im Mai 2019 juristische Schritte eingeleitet hatte. Ihr Bruder soll elf Monate lang in einem neun Quadratmeter großen Zimmer ohne Freigang und Fernseher, vollgepumpt mit Medikamenten, eingesperrt worden sein. Vorwürfe und Details, die sich offenbar auch an anderen Stellen wiederfinden: In den Akten finden sich nach NW-Informationen Hinweise auf möglicherweise illegales Einsperren, unerlaubtes Festschnallen auf Matratzen, Schläge, Tritte und den Einsatz von CS-Gas. Das Spray soll mit Geld der Einrichtung beschafft worden sein.

Gegen den Leiter des Geschäftsbereichs, einen 55-jährigen Mann, bestand der Anfangsverdacht, dass er insbesondere im Bereich „Heilpädagogische Intensivbetreuung" Zwangsmaßnahmen wie Verschluss im eigenen Zimmer und in einem speziell hierfür angelegten Raum sowie Fixierungen von Bewohnern anordnete, ohne dass ein richterlicher Beschluss hierfür vorlag beziehungsweise zur Weiterführung der Maßnahme eingeholt wurde.

Es wird gegen ihn wegen des Vorwurfs der Freiheitsberaubung ermittelt. Bei der mehrstündigen Aktion wurden von 70 Beamten - darunter auch IT-Experten – mehrere Gebäude auf dem weitläufigen Gelände in Volmerdingsen durchsucht. Dabei stellten die Ermittler umfangreiches Beweismaterial sicher.

Rund ein halbes Jahr später machte Superintendent Andreas Huneke, zugleich Vorsitzender des Stiftungsrates der Diakonischen Stiftung Wittekindshof, in seiner Rede zum Aschermittwochsempfang deutlich: „Wir müssen den Ermittlungen entnehmen, dass es sich wahrscheinlich nicht um einen Einzelfall handelt. Unsere Sorge ist, dass es hier zu Versäumnissen und systemischen Fehlern gekommen sein könnte." Mit diesen deutlichen Worten nahm er erstmals öffentlich Stellung zu den Vorwürfen der Freiheitsberaubung und Körperverletzung eines ehemaligen Bewohners durch einen Mitarbeiter.

In dem betroffenen Geschäftsbereich leben, so Andreas Huneke, rund 120 Menschen mit einem sehr hohen bis extremen Unterstützungsbedarf. Selbst- und Fremdgefährdungen seien dort an der Tagesordnung. „Bezugspersonen werden dabei leider auch verbal und körperlich angegriffen, werden teilweise auch schwer verletzt oder lebensbedrohlich gewürgt." Die Mitarbeiter müssten in solchen Situationen aber trotzdem entscheiden, welches die passende Maßnahme sei und das mit den rechtlichen Betreuern absprechen.

In den darauffolgenden Wochen reagiert der Wittekindshof mit organisatorischen Maßnahmen auf die Misshandlungsvorwürfe. Vorstand Dierk Starnitzke kündigte in einem Interview mit der NW im Juli Strukturveränderungen an. Der betroffene Geschäftsbereich zur Intensivbetreuung wurde aufgelöst, eine neue Fachdienstleitung sollte für zusätzliche Kontrolle sorgen.

Die Ermittlungen gegen den Mitarbeiter sind noch nicht abgeschlossen. Das NRW-Gesundheitsministerium wurde nach eigenen Angaben im Juli 2020 informiert, dass die Ermittlungen auf weitere Mitarbeiter ausgedehnt worden seien. Daraufhin seien die Bezirksregierungen angewiesen worden, "sämtliche Einrichtungen der Diakonischen Stiftung Wittekindshof zu prüfen". Dabei fielen den Angaben nach in einer weiteren Einrichtung "Mängel hinsichtlich freiheitsentziehender Maßnahmen" auf. Das Ministerium habe daraufhin unter anderem Schulungen zu freiheitsentziehenden Maßnahmen und eine Auswertung von Gewaltvorkommnissen verlangt.

Im Dezember 2020 habe das Ministerium dann weitere Ermittlungsergebnisse erhalten. "Dabei wurde bekannt, dass es nicht nur um freiheitsentziehende Maßnahmen geht, die nicht vollumfänglich durch richterliche Genehmigung oder entsprechende Einwilligung gedeckt sind. Vielmehr wurden weitere Ermittlungsergebnisse vorgestellt, die vermuten lassen, dass es zu einer Reihe von schwerwiegenden Übergriffen gekommen ist", erklärte das Ministerium. Die Diakonische Stiftung Wittekindshof sicherte den Behörden Unterstützung zu.

Laut Ministerium wurde die Einrichtung mittlerweile personell aufgestockt. Nach dem "Mehraugenprinzip" sei nun ein Team aus vier Personen zuständig. Zu den Vorwürfen machten die Behörden zunächst keine weiteren Angaben. Bestätigt wurde von Seiten des Ministeriums auch die Einrichtung eines Krisenstabes beim Kreis Minden-Lübbecke, der die Heimaufsicht für die Einrichtung habe.

Im Dezember war es auch, als in einem Verfahren vor dem Landgericht Bielefeld die Polizei schwere Vorwürfe (die NW berichtete) gegen den Wittekindshof erhob. Ein eigentlich standardisiertes Sicherungsverfahren vor dem Landgericht in Bielefeld gegen einen Bewohner der Einrichtung zeigte: Der 24-Jährige soll unter Dauerverschluss gestanden und mit CS-Gas ruhig gestellt worden sein.

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