Bad Oeynhausen Wie ist es um den Hochwasserschutz in Bad Oeynhausen bestellt? Nicole Bliesener Bad Oeynhausen. Der Schock über das verheerende Ausmaß der Flutkatastrophe im Westen von NRW und in Rheinland-Pfalz sitzt tief. Medienberichte geben kaum das tatsächliche Ausmaß und das Leid der Menschen wieder. Allein im Erftkreis sind innerhalb kürzester Zeit mehr als 180 Liter Regen pro Quadratmeter niedergegangen, insgesamt waren es in der vergangenen Woche mehr als 240 Liter pro Quadratmeter. Kleinste Bäche wurden so zu reißenden Flüssen. Die Antwort auf die Frage, ob ein solches Ereignis auch Bad Oeynhausen treffen kann, liegt im Bereich der Spekulation. Als sicher gilt dagegen, dass sich Starkregenereignisse, angetrieben durch den Klimawandel, mehren - auch in Bad Oeynhausen. Wie ist es also um den Hochwasserschutz in der Kurstadt bestellt? Wie belastbar ist das Abwassersystem der Stadt? Und welche Folgen hatten bisherige Ereignisse auf das Handeln von Stadt und Politik? Wie belastbar das 497 Kilometer lange Kanalnetz der Stadt ist, das ermitteln die Stadtwerke über eine Computersimulation. Das Programm soll helfen, die Daten aus dem Jahr 1996 zu aktualisieren. "Das Programm lässt es virtuell über die Stadt regnen und zeigt, wohin das Wasser fließt", erklärt Andreas Kollmeyer, Bereichsleiter Abwasser bei den Stadtwerken. Das Programm zeigt, welche Schächte bei welcher Menge Regenwasser überlaufen. Die Daten aus dem 2019 begonnenen Projekt fließen in das Kanalsanierungskonzept der Stadtwerke ein. "Und", sagt Andreas Kollmeyer, "die Daten haben auch Auswirkungen auf die Ausweisung neuer Bauflächen." Lokale Starkregenereignisse sind die eine Gefahr, extremes Hochwasser die andere. Über die Werre strömt dann Wasser aus dem Kreis Lippe, Bielefeld und dem Kreis Herford nach Bad Oeynhausen. Und die Weser nimmt über ihre Quellflüsse Werra und Fulda Niederschlagswasser aus Bayern, Thüringen, Hessen und Niedersachsen auf. Bad Oeynhausen selbst verfügt zudem über ein 130 Kilometer langes und weitverzweigtes System aus Bächen, die in Werre und Weser münden. Zudem wird auch das Regenwasser aus der Kurstadt über das Kanalnetz in die Werre geleitet. Welche dramatischen Auswirkungen heftige Niederschläge auf Bad Oeynhausen haben, hat das Jahrhunderthochwasser vom Februar 1946 gezeigt - damals fielen innerhalb kürzester Zeit 130 Liter pro Quadratmeter. Die Weser maß am Pegel Porta einen Stand von 8,20 Meter. Große Teile von Dehme, Rehme und Werste standen unter Wasser. Im Sielpark stand das Wasser zwei Meter hoch. Das 46er-Hochwasser wird als Jahrhunderthochwasser eingestuft. Hochwassergefahrenkarten, die das Land in Zusammenarbeit mit den Kommunen erstellt hat, zeigen, dass die Retentionsflächen an Weser und Werre wie die Flutmulde, auf die das Wasser ausweichen kann, auch heute für ein "hundertjähriges Ereignis" nicht ausreichen. Auch im besiedelten Gebiet nördlich der Werre könnte das Wasser bis zur Werster Straße reichen. Das Szenario für ein extremes Hochwasser zeichnet ein noch dramatischeres Bild. Demnach könnte das Hochwasser im Osten bis zur Dehmer Straße reichen, im Norden über die Werster Straße hinaus. "Niederschlagsereignisse, die weit über ein „Hundertjähriges" hinausgehen, stellen die Städte, Kreise sowie Bürger und Bürgerinnen vor neue Herausforderungen", bestätigt auch der technische Beigeordnete der Stadt, Thomas Lüer, auf Anfrage der NW. Aus Sicht der Stadt habe zum Schutz vor den Folgen von Starkregenereignissen das Zurückhalten von Regenwasser aus den Ortslagen oberste Priorität, teilte Lüer weiter mit. Dies soll auch künftig durch die Schaffung von Retentionsräumen in der freien Landschaft und Aufweitung der Gewässerabflussquerschnitte in Ortslagen geschehen. Von Seiten der Politik läge der Verwaltung aktuell ein SPD-Fraktionsantrag zur Aktualisierung der Starkregengefahrenkarten vor sowie der Antrag der Grünen, den Hochwasserschutz in der Kurstadt zu überprüfen. Mit der Intensivierung des Hochwasserschutzes hat die Stadt Bad Oeynhausen nach dem Pfingsthochwasser von 1997 begonnen. Damals fielen innerhalb kürzester Zeit 80 Liter Niederschlag pro Quadratmeter. Seit dem Jahr 2000 ist rund die Hälfte des 130 Kilometer langen Bachsystems in Bad Oeynhausen in vielen Einzelmaßnahmen renaturiert worden.
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Wie ist es um den Hochwasserschutz in Bad Oeynhausen bestellt?

Hochwasser am Großen Weserbogen in der 90er Jahren. Der eigentliche Verlauf der Weser ist auch aus der Luft kaum zu erkennen. Welche Auswirkungen Jahrhunderthochwasser heute simulieren Gefahrenkarten. © Detlef Wittig

Bad Oeynhausen. Der Schock über das verheerende Ausmaß der Flutkatastrophe im Westen von NRW und in Rheinland-Pfalz sitzt tief. Medienberichte geben kaum das tatsächliche Ausmaß und das Leid der Menschen wieder. Allein im Erftkreis sind innerhalb kürzester Zeit mehr als 180 Liter Regen pro Quadratmeter niedergegangen, insgesamt waren es in der vergangenen Woche mehr als 240 Liter pro Quadratmeter. Kleinste Bäche wurden so zu reißenden Flüssen.

Die Antwort auf die Frage, ob ein solches Ereignis auch Bad Oeynhausen treffen kann, liegt im Bereich der Spekulation. Als sicher gilt dagegen, dass sich Starkregenereignisse, angetrieben durch den Klimawandel, mehren - auch in Bad Oeynhausen. Wie ist es also um den Hochwasserschutz in der Kurstadt bestellt? Wie belastbar ist das Abwassersystem der Stadt? Und welche Folgen hatten bisherige Ereignisse auf das Handeln von Stadt und Politik?

Wie belastbar das 497 Kilometer lange Kanalnetz der Stadt ist, das ermitteln die Stadtwerke über eine Computersimulation. Das Programm soll helfen, die Daten aus dem Jahr 1996 zu aktualisieren. "Das Programm lässt es virtuell über die Stadt regnen und zeigt, wohin das Wasser fließt", erklärt Andreas Kollmeyer, Bereichsleiter Abwasser bei den Stadtwerken. Das Programm zeigt, welche Schächte bei welcher Menge Regenwasser überlaufen. Die Daten aus dem 2019 begonnenen Projekt fließen in das Kanalsanierungskonzept der Stadtwerke ein. "Und", sagt Andreas Kollmeyer, "die Daten haben auch Auswirkungen auf die Ausweisung neuer Bauflächen."

Lokale Starkregenereignisse sind die eine Gefahr, extremes Hochwasser die andere. Über die Werre strömt dann Wasser aus dem Kreis Lippe, Bielefeld und dem Kreis Herford nach Bad Oeynhausen. Und die Weser nimmt über ihre Quellflüsse Werra und Fulda Niederschlagswasser aus Bayern, Thüringen, Hessen und Niedersachsen auf. Bad Oeynhausen selbst verfügt zudem über ein 130 Kilometer langes und weitverzweigtes System aus Bächen, die in Werre und Weser münden. Zudem wird auch das Regenwasser aus der Kurstadt über das Kanalnetz in die Werre geleitet.

Welche dramatischen Auswirkungen heftige Niederschläge auf Bad Oeynhausen haben, hat das Jahrhunderthochwasser vom Februar 1946 gezeigt - damals fielen innerhalb kürzester Zeit 130 Liter pro Quadratmeter. Die Weser maß am Pegel Porta einen Stand von 8,20 Meter. Große Teile von Dehme, Rehme und Werste standen unter Wasser. Im Sielpark stand das Wasser zwei Meter hoch.

Das 46er-Hochwasser wird als Jahrhunderthochwasser eingestuft. Hochwassergefahrenkarten, die das Land in Zusammenarbeit mit den Kommunen erstellt hat, zeigen, dass die Retentionsflächen an Weser und Werre wie die Flutmulde, auf die das Wasser ausweichen kann, auch heute für ein "hundertjähriges Ereignis" nicht ausreichen. Auch im besiedelten Gebiet nördlich der Werre könnte das Wasser bis zur Werster Straße reichen. Das Szenario für ein extremes Hochwasser zeichnet ein noch dramatischeres Bild. Demnach könnte das Hochwasser im Osten bis zur Dehmer Straße reichen, im Norden über die Werster Straße hinaus.

"Niederschlagsereignisse, die weit über ein „Hundertjähriges" hinausgehen, stellen die Städte, Kreise sowie Bürger und Bürgerinnen vor neue Herausforderungen", bestätigt auch der technische Beigeordnete der Stadt, Thomas Lüer, auf Anfrage der NW. Aus Sicht der Stadt habe zum Schutz vor den Folgen von Starkregenereignissen das Zurückhalten von Regenwasser aus den Ortslagen oberste Priorität, teilte Lüer weiter mit. Dies soll auch künftig durch die Schaffung von Retentionsräumen in der freien Landschaft und Aufweitung der Gewässerabflussquerschnitte in Ortslagen geschehen.

Von Seiten der Politik läge der Verwaltung aktuell ein SPD-Fraktionsantrag zur Aktualisierung der Starkregengefahrenkarten vor sowie der Antrag der Grünen, den Hochwasserschutz in der Kurstadt zu überprüfen.

Mit der Intensivierung des Hochwasserschutzes hat die Stadt Bad Oeynhausen nach dem Pfingsthochwasser von 1997 begonnen. Damals fielen innerhalb kürzester Zeit 80 Liter Niederschlag pro Quadratmeter. Seit dem Jahr 2000 ist rund die Hälfte des 130 Kilometer langen Bachsystems in Bad Oeynhausen in vielen Einzelmaßnahmen renaturiert worden.

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