Corona-Pandemie Welche Lehren Krankenhäuser in OWL aus der Krise ziehen Die Regelverorgung musste eingestellt, OPs ausgesetzt werden und es herrschte ein Mangel an Schutzmaterial. Inzwischen ist die Situation entspannter. Doch was ist, wenn eine neue Katastrophe kommt? Jemima Wittig Bielefeld (nw). Operationen laufen wieder an, etwa zehn Prozent der Betten bleiben für Corona-Fälle geblockt: Die Kliniken machen erste Schritte zur Normalisierung - und rechnen doch noch für Monate mit einem Betrieb im Krisenmodus. "Bedingt durch die sicherlich sinnvollen Vorgaben und Maßnahmen zum Infektionsschutz sind wir noch weit vom Normalbetrieb entfernt", sagt Heiner Gellhaus, Ärztlicher Direktor und Chefarzt in der Unfallchirurgie des Brüderkrankenhauses St. Josef in Paderborn. "Das wird bestimmt bis 2021 dauern." "Mit Blick auf die Entwicklungen im Kreis Gütersloh zeigt sich, dass Vorsichtsmaßnahmen nach wie vor gerechtfertigt" sind, ergänzt Sebastian Rehberg, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie, Notfall- und Intensivmedizin am Evangelischen Klinikum Bethel in Bielefeld - und meint damit den Lockdown im Kreis Gütersloh nach dem massenhaften Corona-Ausbruch im Umfeld des Schlachtbtriebs Tönnies in Rheda-Wiedenbrück. Krankenhäuser bleiben auf vielen Kosten sitzen Seit Mitte März arbeiten die Krankenhäuser in Deutschland im Notfallmodus. Die Bundesregierung hatte zur Erhöhung der Bettenkapazitäten für Corona-Patienten das Krankenhausentlastungsgesetz beschlossen - und damit die Aussetzung planbarer Aufnahmen und Operationen. Um die Finanzierung der Kliniken trotzdem sicherzustellen, hilft die Regierung seitdem aus und zahlt unter anderem eine Tagespauschale von 560 Euro für jedes Bett, das aufgrund der Krise leer bleibt. Aber: Auf vielen Kosten blieben die Krankenhäuser trotzdem sitzen, sagt Frauke Döll, Sprecherin der Katholischen Hospitalvereinigung Weser-Egge. In den vier Kliniken im Kreis Höxter stehen derzeit 42 Intensivbetten für Corona-Patienten zur Verfügung. Bei Bedarf kann man auf die "Krisenpläne vom März zurückgreifen und die Zahl der Intensivplätze innerhalb eines Tages um mehr als 50 Prozent erhöhen". Die Kosten für den Ausfall von Patienten oder leer stehende Betten würden nur teilweise vom Bund übernommen. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft ist zudem in großer Sorge, weil die Ausgleichszahlungen bislang bis zum 30. September befristet sind. In einem in dieser Woche veröffentlichten Positionspapier schreibt sie, die Regeln müssten "über den 1. Oktober 2020 hinaus" unbedingt weiter gelten. Alternativ schwebt ihr ein "Pandemiezuschlag" vor. Das St. Vincenz-Krankenhaus in Paderborn hat wegen der Verluste schon im Mai eine Spendenaktion ausgerufen. Auch aus dem benachbarten Brüderkrankenhaus heißt es, dass die Erlöseinbußen dort während des Lockdowns rund 60 Prozent betrugen. "Dazu kamen Mehrkosten für Schutzmaterialien, Herstellung von Desinfektionsmittel, Personalmehrkosten und Kosten für das Corona-Sicherheitskonzept wie beispielsweise die umfangreichen Sars-CoV-2 Testungen von Mitarbeitenden und Patienten, für die die Kostenübernahme nach wie vor nicht vollständig geklärt ist, worüber wir sehr enttäuscht sind", so Gellhaus. Christian Busse, Sprecher der Mühlenkreiskliniken im Kreis Minden-Lübbecke, spricht von "entgleisten Beschaffungskosten wichtiger Massenartikel". Der Preis für Masken sei etwa um das 30-fache gestiegen. "Preissteigerungen in ähnlicher Größenordnung sind in fast allen klinikrelevanten Bereichen festzustellen." Wieder mehr Patienten in den Notaufnahmen Jetzt läuft mit den Lockerungen seit April der Betrieb schrittweise wieder an. In OWL gebe es deswegen aber keine OP-Staus, versichern die Kliniken. "Operationen werden wie üblich nach Dringlichkeit geplant und Eingriffe, die nicht akut sind, sukzessive abgearbeitet", so die Katholische Hospitalvereinigung Weser-Egge. Beim Klinikum Lippe spricht man von "üblichen Wartezeiten in einigen Kliniken von circa vier Wochen". "Die Abteilungen konnten eventuelle Verzögerungen aufarbeiten", so Sprecher Christian Ritterbach. "Das liegt vielleicht auch daran, dass Patienten bei verschiebbaren Eingriffen aufgrund der noch nicht ausgestandenen Pandemie noch etwas zögerlich sind, sich in ein Krankenhaus zu begeben", überlegt Gellhaus. "Hinzu kommt die Sommer- und Urlaubszeit." In den Notaufnahmen ist mittlerweile wieder eine deutliche Zunahme von Patienten mit allen Krankheitsbildern zu beobachten - nachdem die Notaufnahmen in OWL eine Zeit lang massiv sinkende Zahlen meldeten. "Wir sind für eine mögliche 2. Welle gewappnet" "Wir sind gut durch die Pandemie gekommen", so Heiner Gellhaus auf die Frage nach den Lehren aus der Krise. "Davon profitieren wir auch in der Zukunft. Auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Krisenstab aus Hygienefachleuten, Medizinern, Pflegenden und Regionalleitung hat sich bewährt. So konnten wir tagesaktuelle Anpassungen je nach Verlauf des Infektionsgeschehens im Kreis vornehmen und schnell kommunizieren. Wir sind für eine mögliche 2. Welle gewappnet." Das Klinikum Herford ergänzt im Hinblick auf die anfänglichen Versorgungsengpässe in einigen Krankenhäusern, dass Schutzmaterialien mit hörenen Reserven eingeplant werden müssen. "Wir haben erfahren müssen, wie schnell uns Engpässe in der Versorgung mit Medikamenten, Hygienematerialien, Schutzausrüstung und medizintechnischer Ausstattung drohen können und wie hilfreich es sein kann, dann auf regionale Unterstützung und Eigenproduktion zurückgreifen zu können", beantwortet Jan Gummert, Ärztlicher Direktor des Herz- und Diabeteszentrums in Bad Oeynhausen, die Frage ähnlich. "Es wäre wünschenswert - wenn auch angesichts nicht verfügbaren Personals derzeit nicht denkbar -, dass Krankenhäuser grundsätzlich entsprechende Notfallkapazitäten vorhalten." Siegfried Rörig, Kaufmännischer Direktor und Regionalleiter des Paderborner Brüderkrankenhauses appelliert darum an die Regierung: "Krankenhaus ist kein Wirtschaftsunternehmen und darf in Zukunft auch nicht an in der freien Wirtschaft geltenden Kriterien gemessen werden. Krankenhaus ist Daseinsfürsorge. Vorhaltekosten, Infrastruktur und Qualität müssen vergütet werden. Das 'Kaputtsparen' muss beendet werden."
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Welche Lehren Krankenhäuser in OWL aus der Krise ziehen

Inzwischen wird in den OWL-Krankenhäusern wieder operiert. © Archiv: Gerald Dunkel

Bielefeld (nw). Operationen laufen wieder an, etwa zehn Prozent der Betten bleiben für Corona-Fälle geblockt: Die Kliniken machen erste Schritte zur Normalisierung - und rechnen doch noch für Monate mit einem Betrieb im Krisenmodus. "Bedingt durch die sicherlich sinnvollen Vorgaben und Maßnahmen zum Infektionsschutz sind wir noch weit vom Normalbetrieb entfernt", sagt Heiner Gellhaus, Ärztlicher Direktor und Chefarzt in der Unfallchirurgie des Brüderkrankenhauses St. Josef in Paderborn. "Das wird bestimmt bis 2021 dauern."

"Mit Blick auf die Entwicklungen im Kreis Gütersloh zeigt sich, dass Vorsichtsmaßnahmen nach wie vor gerechtfertigt" sind, ergänzt Sebastian Rehberg, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie, Notfall- und Intensivmedizin am Evangelischen Klinikum Bethel in Bielefeld - und meint damit den Lockdown im Kreis Gütersloh nach dem massenhaften Corona-Ausbruch im Umfeld des Schlachtbtriebs Tönnies in Rheda-Wiedenbrück.

Krankenhäuser bleiben auf vielen Kosten sitzen

Seit Mitte März arbeiten die Krankenhäuser in Deutschland im Notfallmodus. Die Bundesregierung hatte zur Erhöhung der Bettenkapazitäten für Corona-Patienten das Krankenhausentlastungsgesetz beschlossen - und damit die Aussetzung planbarer Aufnahmen und Operationen. Um die Finanzierung der Kliniken trotzdem sicherzustellen, hilft die Regierung seitdem aus und zahlt unter anderem eine Tagespauschale von 560 Euro für jedes Bett, das aufgrund der Krise leer bleibt.

Aber: Auf vielen Kosten blieben die Krankenhäuser trotzdem sitzen, sagt Frauke Döll, Sprecherin der Katholischen Hospitalvereinigung Weser-Egge. In den vier Kliniken im Kreis Höxter stehen derzeit 42 Intensivbetten für Corona-Patienten zur Verfügung. Bei Bedarf kann man auf die "Krisenpläne vom März zurückgreifen und die Zahl der Intensivplätze innerhalb eines Tages um mehr als 50 Prozent erhöhen". Die Kosten für den Ausfall von Patienten oder leer stehende Betten würden nur teilweise vom Bund übernommen.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft ist zudem in großer Sorge, weil die Ausgleichszahlungen bislang bis zum 30. September befristet sind. In einem in dieser Woche veröffentlichten Positionspapier schreibt sie, die Regeln müssten "über den 1. Oktober 2020 hinaus" unbedingt weiter gelten. Alternativ schwebt ihr ein "Pandemiezuschlag" vor.

Das St. Vincenz-Krankenhaus in Paderborn hat wegen der Verluste schon im Mai eine Spendenaktion ausgerufen. Auch aus dem benachbarten Brüderkrankenhaus heißt es, dass die Erlöseinbußen dort während des Lockdowns rund 60 Prozent betrugen. "Dazu kamen Mehrkosten für Schutzmaterialien, Herstellung von Desinfektionsmittel, Personalmehrkosten und Kosten für das Corona-Sicherheitskonzept wie beispielsweise die umfangreichen Sars-CoV-2 Testungen von Mitarbeitenden und Patienten, für die die Kostenübernahme nach wie vor nicht vollständig geklärt ist, worüber wir sehr enttäuscht sind", so Gellhaus. Christian Busse, Sprecher der Mühlenkreiskliniken im Kreis Minden-Lübbecke, spricht von "entgleisten Beschaffungskosten wichtiger Massenartikel". Der Preis für Masken sei etwa um das 30-fache gestiegen. "Preissteigerungen in ähnlicher Größenordnung sind in fast allen klinikrelevanten Bereichen festzustellen."

Wieder mehr Patienten in den Notaufnahmen

Jetzt läuft mit den Lockerungen seit April der Betrieb schrittweise wieder an. In OWL gebe es deswegen aber keine OP-Staus, versichern die Kliniken. "Operationen werden wie üblich nach Dringlichkeit geplant und Eingriffe, die nicht akut sind, sukzessive abgearbeitet", so die Katholische Hospitalvereinigung Weser-Egge. Beim Klinikum Lippe spricht man von "üblichen Wartezeiten in einigen Kliniken von circa vier Wochen". "Die Abteilungen konnten eventuelle Verzögerungen aufarbeiten", so Sprecher Christian Ritterbach. "Das liegt vielleicht auch daran, dass Patienten bei verschiebbaren Eingriffen aufgrund der noch nicht ausgestandenen Pandemie noch etwas zögerlich sind, sich in ein Krankenhaus zu begeben", überlegt Gellhaus. "Hinzu kommt die Sommer- und Urlaubszeit."

In den Notaufnahmen ist mittlerweile wieder eine deutliche Zunahme von Patienten mit allen Krankheitsbildern zu beobachten - nachdem die Notaufnahmen in OWL eine Zeit lang massiv sinkende Zahlen meldeten.

"Wir sind für eine mögliche 2. Welle gewappnet"

"Wir sind gut durch die Pandemie gekommen", so Heiner Gellhaus auf die Frage nach den Lehren aus der Krise. "Davon profitieren wir auch in der Zukunft. Auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Krisenstab aus Hygienefachleuten, Medizinern, Pflegenden und Regionalleitung hat sich bewährt. So konnten wir tagesaktuelle Anpassungen je nach Verlauf des Infektionsgeschehens im Kreis vornehmen und schnell kommunizieren. Wir sind für eine mögliche 2. Welle gewappnet."

Das Klinikum Herford ergänzt im Hinblick auf die anfänglichen Versorgungsengpässe in einigen Krankenhäusern, dass Schutzmaterialien mit hörenen Reserven eingeplant werden müssen. "Wir haben erfahren müssen, wie schnell uns Engpässe in der Versorgung mit Medikamenten, Hygienematerialien, Schutzausrüstung und medizintechnischer Ausstattung drohen können und wie hilfreich es sein kann, dann auf regionale Unterstützung und Eigenproduktion zurückgreifen zu können", beantwortet Jan Gummert, Ärztlicher Direktor des Herz- und Diabeteszentrums in Bad Oeynhausen, die Frage ähnlich. "Es wäre wünschenswert - wenn auch angesichts nicht verfügbaren Personals derzeit nicht denkbar -, dass Krankenhäuser grundsätzlich entsprechende Notfallkapazitäten vorhalten."

Siegfried Rörig, Kaufmännischer Direktor und Regionalleiter des Paderborner Brüderkrankenhauses appelliert darum an die Regierung: "Krankenhaus ist kein Wirtschaftsunternehmen und darf in Zukunft auch nicht an in der freien Wirtschaft geltenden Kriterien gemessen werden. Krankenhaus ist Daseinsfürsorge. Vorhaltekosten, Infrastruktur und Qualität müssen vergütet werden. Das 'Kaputtsparen' muss beendet werden."

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