Herford Wegen Covid auf der Intensivstation: Wie ein 42-Jähriger das überlebte Zu Beginn der Corona-Pandemie landet Christian T. im Krankenhaus. Er gehört zu den ersten Patienten mit schweren Verläufen und setzt sich bald mit dem eigenen Tod auseinander. Ilja Regier Herford. Der Körper von Christian T.* befindet sich an Ostern 2020 im Ausnahmezustand. Das Fieber steigt unaufhörlich und knackt irgendwann die 40er-Marke. Seine Frau beschließt, den Krankenwagen zu rufen. Doch auch im Klinikum bessert sich die Lage nicht, der Herforder leidet an Sauerstoffmangel, obwohl ihm welcher zugeführt wird. Die Ärzte verlegen den Covid-Patienten auf die Intensivstation. Bei dem Blick ins Nebenbett glaubt er, ein Spiegelbild zu sehen. Ein älterer Mann liegt dort, ebenfalls an Corona erkrankt. In seiner Luftröhre steckt ein Schlauch, über den er künstlich beatmet wird. Christian T. vermutet, dass der Nachbar nicht mehr lange zu leben hat. Und im selben Moment denkt er an sich: "Vielleicht bist du der Nächste." Und wendet sich an höhere Kräfte: "Oh mein Gott, lass mich nicht sterben - und wenn dann nur schnell." Zum ersten Mal macht er sich Gedanken über eine Patientenverfügung und unterschreibt auf der Intensivstation ein Formular. Ihm ist wichtig, dass ein Mindestmaß an Lebensqualität erreicht werden kann. Mit allem anderen will er sich nicht anfreunden."Spüre die Oberschenkel nicht mehr" Doch dazu kommt es nicht, die schrecklichsten Szenarien treten nicht ein. Christian T. bleibt bei vollem Bewusstsein, regeneriert, bekommt weiter Sauerstoffzufuhr und verlässt nach vier Tagen die Intensivstation, während andere dort häufig mehrere Monate liegen. Insgesamt bleibt er zwei Wochen im Krankenhaus und verliert elf Kilogramm an Körpergewicht. Der Herforder gehört zu den ersten drei Covid-Patienten, die im Klinikum zu Beginn der Pandemie auf der Intensivstation landeten. Wie geht es ihm inzwischen? Ein Jahr später ist er wieder der Alte. Aber nur fast. Sein Lieblingsgericht - eine asiatische Suppe - verbindet er zuvor mit einer Achterbahnfahrt für die Geschmacksnerven. Inzwischen schmecke sie nach gar nichts, berichtet er. Und auch die Oberschenkel spüre er nicht mehr. Er könne ein heißes Körnerkissen auf die Beine legen und merke die Hitze nicht. Beim Gehen beeinträchtige ihn das nicht. "Daran hat sich mein Gehirn gewöhnt, kein Problem." Er geht nicht davon aus, dass sich das irgendwann bessern könnte und wirkt dennoch positiv: "Ein Freund von mir ist querschnittsgelähmt, über meine kleinen Schäden kann er nur lachen." Flecken auf der Lunge Das Wichtigste für Christian T. ist, dass die Organe wohl nicht in Mitleidenschaft gezogen worden sind. Er atme wieder besser und wie früher. Das erstaune ihn doch ein wenig. Denn auf dem ersten Röntgenbild im Krankenhaus zeigen sich Flecken und Punkte auf der Lunge. Sogar die Ärzte hätten gestaunt. Unklar ist, wo er sich angesteckt hat. Der 42-Jährige arbeitet als Pflegeassistent im Klinikum und vor der Infektion auch an der Pforte. Ein bisschen mehr Rückhalt hätte er sich von der Berufsgenossenschaft (BG) gewünscht. Für die BG sei relevant, ob es sich dabei um einen "Arbeitsunfall" handle und er sich im Klinikum angesteckt hat. Dazu könne er keine Angaben machen. Dieser Punkt hätte auch eine Rehamaßnahme erschwert. "Gerne hätte ich mich zudem eine Woche komplett von Ärzten kontrollieren lassen." Möglich sei das nicht gewesen, diese Kontroll-Option will er sich aber noch offen lassen. Christian T. arbeitet wieder ganz normal im Klinikum, ist trotz der Antikörper als Schutz vor der Mutante geimpft und begegnet der eigenen Covid-Erkrankung mit viel Humor. "In der Pflege gehört der Kontakt mit Stuhlgang zur Tagesordnung - von daher ist es manchmal nicht schlecht, wenn man nichts riechen kann." Weil er im gleichen Haus arbeitet, sei ihm der eigene Aufenthalt in vertrauter Umgebung leichter gefallen. "Viele Kollegen und Ärzte haben sogar nach Feierabend bei mir vorbeigeschaut." Er sei ihnen dankbar. Kein Verständnis für Leugner Weniger lachen kann er über die Querdenker-Szene und Corona-Verschwörungstheorien. In seinem Umfeld führe er viele Diskussionen und verteidige die Schutz-Maßnahmen der Politik. "Das sehen manche anderes, aber viele der Regeln haben die Zahl der Infektionen heruntergeschraubt. Wir dürfen nicht alles direkt öffnen." Den Leugnern schlägt er einen Rundgang auf den von Covid betroffenen Intensivstationen vor. "Vielleicht müssen sie das Leid sehen, um zu verstehen, wie falsch sie liegen." Der gebürtige Rumäne betont ausdrücklich, dass nur wenige Infektionen tödlich verlaufen. Auch seine ebenfalls angesteckte Gattin hatte einen leichten Verlauf. "Die Todesfälle dürfen wir dennoch nicht ausblenden." Er selbst hätte einer davon werden können. Viel fehlte nicht. *Anmerkung der Redaktion: Der Nachname von Christian T. ist der NW bekannt. Der Herforder bat die NW darum, ihn nicht auszuschreiben. Er möchte nach der Veröffentlichung keine Post von Leugnern und Corona-Schwurbler erhalten.
Herford

Wegen Covid auf der Intensivstation: Wie ein 42-Jähriger das überlebte

Christian T. hat sich im vergangenen Jahr an Ostern mit dem Coronavirus infiziert. © Ilja Regier

Herford. Der Körper von Christian T.* befindet sich an Ostern 2020 im Ausnahmezustand. Das Fieber steigt unaufhörlich und knackt irgendwann die 40er-Marke. Seine Frau beschließt, den Krankenwagen zu rufen. Doch auch im Klinikum bessert sich die Lage nicht, der Herforder leidet an Sauerstoffmangel, obwohl ihm welcher zugeführt wird. Die Ärzte verlegen den Covid-Patienten auf die Intensivstation. Bei dem Blick ins Nebenbett glaubt er, ein Spiegelbild zu sehen.

Ein älterer Mann liegt dort, ebenfalls an Corona erkrankt. In seiner Luftröhre steckt ein Schlauch, über den er künstlich beatmet wird. Christian T. vermutet, dass der Nachbar nicht mehr lange zu leben hat. Und im selben Moment denkt er an sich: "Vielleicht bist du der Nächste." Und wendet sich an höhere Kräfte: "Oh mein Gott, lass mich nicht sterben - und wenn dann nur schnell."

Zum ersten Mal macht er sich Gedanken über eine Patientenverfügung und unterschreibt auf der Intensivstation ein Formular. Ihm ist wichtig, dass ein Mindestmaß an Lebensqualität erreicht werden kann. Mit allem anderen will er sich nicht anfreunden.

"Spüre die Oberschenkel nicht mehr"

Doch dazu kommt es nicht, die schrecklichsten Szenarien treten nicht ein. Christian T. bleibt bei vollem Bewusstsein, regeneriert, bekommt weiter Sauerstoffzufuhr und verlässt nach vier Tagen die Intensivstation, während andere dort häufig mehrere Monate liegen. Insgesamt bleibt er zwei Wochen im Krankenhaus und verliert elf Kilogramm an Körpergewicht. Der Herforder gehört zu den ersten drei Covid-Patienten, die im Klinikum zu Beginn der Pandemie auf der Intensivstation landeten. Wie geht es ihm inzwischen?

Ein Jahr später ist er wieder der Alte. Aber nur fast. Sein Lieblingsgericht - eine asiatische Suppe - verbindet er zuvor mit einer Achterbahnfahrt für die Geschmacksnerven. Inzwischen schmecke sie nach gar nichts, berichtet er. Und auch die Oberschenkel spüre er nicht mehr. Er könne ein heißes Körnerkissen auf die Beine legen und merke die Hitze nicht. Beim Gehen beeinträchtige ihn das nicht. "Daran hat sich mein Gehirn gewöhnt, kein Problem." Er geht nicht davon aus, dass sich das irgendwann bessern könnte und wirkt dennoch positiv: "Ein Freund von mir ist querschnittsgelähmt, über meine kleinen Schäden kann er nur lachen."

Flecken auf der Lunge

Das Wichtigste für Christian T. ist, dass die Organe wohl nicht in Mitleidenschaft gezogen worden sind. Er atme wieder besser und wie früher. Das erstaune ihn doch ein wenig. Denn auf dem ersten Röntgenbild im Krankenhaus zeigen sich Flecken und Punkte auf der Lunge. Sogar die Ärzte hätten gestaunt.

Unklar ist, wo er sich angesteckt hat. Der 42-Jährige arbeitet als Pflegeassistent im Klinikum und vor der Infektion auch an der Pforte. Ein bisschen mehr Rückhalt hätte er sich von der Berufsgenossenschaft (BG) gewünscht. Für die BG sei relevant, ob es sich dabei um einen "Arbeitsunfall" handle und er sich im Klinikum angesteckt hat. Dazu könne er keine Angaben machen. Dieser Punkt hätte auch eine Rehamaßnahme erschwert. "Gerne hätte ich mich zudem eine Woche komplett von Ärzten kontrollieren lassen." Möglich sei das nicht gewesen, diese Kontroll-Option will er sich aber noch offen lassen.

Christian T. arbeitet wieder ganz normal im Klinikum, ist trotz der Antikörper als Schutz vor der Mutante geimpft und begegnet der eigenen Covid-Erkrankung mit viel Humor. "In der Pflege gehört der Kontakt mit Stuhlgang zur Tagesordnung - von daher ist es manchmal nicht schlecht, wenn man nichts riechen kann." Weil er im gleichen Haus arbeitet, sei ihm der eigene Aufenthalt in vertrauter Umgebung leichter gefallen. "Viele Kollegen und Ärzte haben sogar nach Feierabend bei mir vorbeigeschaut." Er sei ihnen dankbar.

Kein Verständnis für Leugner

Weniger lachen kann er über die Querdenker-Szene und Corona-Verschwörungstheorien. In seinem Umfeld führe er viele Diskussionen und verteidige die Schutz-Maßnahmen der Politik. "Das sehen manche anderes, aber viele der Regeln haben die Zahl der Infektionen heruntergeschraubt. Wir dürfen nicht alles direkt öffnen." Den Leugnern schlägt er einen Rundgang auf den von Covid betroffenen Intensivstationen vor. "Vielleicht müssen sie das Leid sehen, um zu verstehen, wie falsch sie liegen."

Der gebürtige Rumäne betont ausdrücklich, dass nur wenige Infektionen tödlich verlaufen. Auch seine ebenfalls angesteckte Gattin hatte einen leichten Verlauf. "Die Todesfälle dürfen wir dennoch nicht ausblenden." Er selbst hätte einer davon werden können. Viel fehlte nicht.

*Anmerkung der Redaktion: Der Nachname von Christian T. ist der NW bekannt. Der Herforder bat die NW darum, ihn nicht auszuschreiben. Er möchte nach der Veröffentlichung keine Post von Leugnern und Corona-Schwurbler erhalten.
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