Flutkatastrophe Überschwemmungen: "So etwas ist auch in Ostwestfalen-Lippe möglich" Tief Bernd bewegte sich nur langsam und wirkte sich deshalb verheerend aus. Ein Meteorologe erklärt, wie es dazu kam und warum das auch bei uns passieren kann. Angela Wiese Lübbecke/Düsseldorf/Mainz. Die Hochwasserkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz hat viele Menschen das Leben gekostet. Welche Wetterlage führte zu dieser Katastrophe? Und: Warum könnte so ein Ereignis auch Ostwestfalen-Lippe treffen? Wie bei anderen Hochwasserkatastrophen war auch bei dieser eine lang anhaltende Tiefdruckwetterlage das Problem, erklärt der Meteorologe Friedrich Föst. Diese Tiefdruckwetterlagen entwickeln sich, wenn es in etwa 5 bis 7 Kilometern Höhe ein Gebiet mit vergleichsweise kalter Luft gibt, es weiter unten aber schwül-warm ist. Es bilden sich Schauer- und Gewitterwolken. "Tiefdruckgebiet löst sich nur langsam" "Das kann man sich vorstellen wie mit einem Fettauge auf der Suppe", beschreibt es der Lübbecker Experte. "So ähnlich sieht das sogenannte Höhentief, dieser Tropfen mit der kalten Luft, auf der Wetterkarte aus. Wenn diese Suppe nicht umgerührt wird, dann bewegt sich das Fettauge nicht weg. Und genau das haben wir häufig bei diesen Wetterlagen. Die Höhenströmung, der Jetstream, ist so mau, dass dieses Tiefdruckgebiet sich nur ganz langsam von der Stelle löst." Das Phänomen an sich ist nicht neu, sagt Föst. Bei großen Hochwassern, auch in vergangenen Jahrhunderten, hätten solche Höhentiefs immer eine Rolle gespielt. "Neu ist aber, dass wir eine Häufung solcher Ereignisse haben", sagt der Meteorologe. "Das kann man dem Klimawandel zuschreiben." Der Jetstream ist ein starker Wind, der sich in etwa zehn Kilometern Höhe bewegt und große Wettersysteme von West nach Ost transportiert, beschreibt es das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). "Diese Luftströmung kann große Schlängelungen entwickeln, sogenannte Rossby-Wellen, und diese können manchmal über Wochen an einer Stelle verharren", erklärte das PIK bereits zum Sommer 2018. Damals führten die anhaltenden Wetterbedingungen zu extremer Hitze in Nordamerika und Westeuropa und zu Starkregen und Überschwemmungen in Südosteuropa und Japan. Der Jetstream hat an Stärke abgenommen Insbesondere in den letzten Jahren, sagt Föst, hat der Jetstream an Stärke abgenommen. "Das liegt daran, dass sich die Arktis sehr stark erwärmt hat, doppelt bis dreifach so schnell wie der Rest der Welt." Mit dem Jetstream werden unsere Hoch- und Tiefdruckgebiete normalerweise rasch von West nach Ost gelenkt. Wenn der Jetstream aber langsamer ist, haben die Hoch- und Tiefdruckgebiete eine längere Verweildauer. Je nach genauer Lage haben wir dann entweder ein Hochdruckgebiet oder, wie jetzt, ein Tiefdruckgebiet über eine längere Zeit bei uns, das vor Ort gewaltige Wassermassen ablassen kann. In Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen fielen in der Folge örtlich bis zu 150 Liter Regen pro Quadratmeter. Verheerende Hochwasser in den betroffenen Regionen waren die Folge. Mehr als 100 Menschen starben, über 1.000 galten am Freitag noch als vermisst. Häuser wurden unterspült und stürzten ein. Allein in NRW sind Informationen des Bundesamtes für Bevölkerung und Katastrophenschutz (BBK) zufolge 23 Städte und Landkreise von Überschwemmungen betroffen. Auch in Ostwestfalen-Lippe möglich Bringt uns der Jetstream also in Zukunft häufig solches Wetter? Wird das Extreme zur Normalität? Für einen einzelnen Ort bleibt so ein Starkregenereignis wie jetzt auch in der Zukunft ein extrem seltenes Ereignis, sagt Föst. Aber: "Betrachtet man die Fläche, also zum Beispiel ganz Nordrhein-Westfalen, zeigen die Klimaprojektionen, dass solche Starkregenereignisse zunehmen könnten." Welche Regionen es dann trifft, ist unmöglich vorherzusagen. Doch wenn ein solcher stundenlanger Starkregen wie jetzt in Teilen Nordrhein-Westfalens und Rheinland-Pfalz in Ostwestfalen-Lippe niederginge, könnten die Folgen ebenso verheerend sein. "Wir hatten ungeheures Glück, dass das Ganze 150 Kilometer südwestlich von uns geschehen ist", sagt Föst. "Auch in OWL gibt es Gebirge, es gibt Einschnitte, es gibt Täler, es gibt Flüsse. Von daher ist so etwas auch jederzeit bei uns möglich." Zwar gibt es hier auch Flachlandregionen wie das nördliche Minden-Lübbecke und den Kreis Gütersloh, wo nach einem Starkregen nicht diese reißenden Flüsse entstehen können. Aber unter anderem Richtung Paderborn, im Weserbergland und im Wiehengebirge ist so etwas möglich, sagt der Meteorologe und verweist auf die Heinrichsflut 1965. Auch damals gab es Überschwemmungen und Todesopfer.
Flutkatastrophe

Überschwemmungen: "So etwas ist auch in Ostwestfalen-Lippe möglich"

Straßen in Swisttal im Rhein-Sieg-Kreis sind überflutet. © picture alliance/dpa

Lübbecke/Düsseldorf/Mainz. Die Hochwasserkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz hat viele Menschen das Leben gekostet. Welche Wetterlage führte zu dieser Katastrophe? Und: Warum könnte so ein Ereignis auch Ostwestfalen-Lippe treffen?

Wie bei anderen Hochwasserkatastrophen war auch bei dieser eine lang anhaltende Tiefdruckwetterlage das Problem, erklärt der Meteorologe Friedrich Föst. Diese Tiefdruckwetterlagen entwickeln sich, wenn es in etwa 5 bis 7 Kilometern Höhe ein Gebiet mit vergleichsweise kalter Luft gibt, es weiter unten aber schwül-warm ist. Es bilden sich Schauer- und Gewitterwolken.

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"Tiefdruckgebiet löst sich nur langsam"

"Das kann man sich vorstellen wie mit einem Fettauge auf der Suppe", beschreibt es der Lübbecker Experte. "So ähnlich sieht das sogenannte Höhentief, dieser Tropfen mit der kalten Luft, auf der Wetterkarte aus. Wenn diese Suppe nicht umgerührt wird, dann bewegt sich das Fettauge nicht weg. Und genau das haben wir häufig bei diesen Wetterlagen. Die Höhenströmung, der Jetstream, ist so mau, dass dieses Tiefdruckgebiet sich nur ganz langsam von der Stelle löst." Das Phänomen an sich ist nicht neu, sagt Föst. Bei großen Hochwassern, auch in vergangenen Jahrhunderten, hätten solche Höhentiefs immer eine Rolle gespielt. "Neu ist aber, dass wir eine Häufung solcher Ereignisse haben", sagt der Meteorologe. "Das kann man dem Klimawandel zuschreiben."

Der Jetstream ist ein starker Wind, der sich in etwa zehn Kilometern Höhe bewegt und große Wettersysteme von West nach Ost transportiert, beschreibt es das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). "Diese Luftströmung kann große Schlängelungen entwickeln, sogenannte Rossby-Wellen, und diese können manchmal über Wochen an einer Stelle verharren", erklärte das PIK bereits zum Sommer 2018. Damals führten die anhaltenden Wetterbedingungen zu extremer Hitze in Nordamerika und Westeuropa und zu Starkregen und Überschwemmungen in Südosteuropa und Japan.

Der Jetstream hat an Stärke abgenommen

Insbesondere in den letzten Jahren, sagt Föst, hat der Jetstream an Stärke abgenommen. "Das liegt daran, dass sich die Arktis sehr stark erwärmt hat, doppelt bis dreifach so schnell wie der Rest der Welt." Mit dem Jetstream werden unsere Hoch- und Tiefdruckgebiete normalerweise rasch von West nach Ost gelenkt. Wenn der Jetstream aber langsamer ist, haben die Hoch- und Tiefdruckgebiete eine längere Verweildauer. Je nach genauer Lage haben wir dann entweder ein Hochdruckgebiet oder, wie jetzt, ein Tiefdruckgebiet über eine längere Zeit bei uns, das vor Ort gewaltige Wassermassen ablassen kann.

In Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen fielen in der Folge örtlich bis zu 150 Liter Regen pro Quadratmeter. Verheerende Hochwasser in den betroffenen Regionen waren die Folge. Mehr als 100 Menschen starben, über 1.000 galten am Freitag noch als vermisst. Häuser wurden unterspült und stürzten ein. Allein in NRW sind Informationen des Bundesamtes für Bevölkerung und Katastrophenschutz (BBK) zufolge 23 Städte und Landkreise von Überschwemmungen betroffen.

Auch in Ostwestfalen-Lippe möglich

Bringt uns der Jetstream also in Zukunft häufig solches Wetter? Wird das Extreme zur Normalität? Für einen einzelnen Ort bleibt so ein Starkregenereignis wie jetzt auch in der Zukunft ein extrem seltenes Ereignis, sagt Föst. Aber: "Betrachtet man die Fläche, also zum Beispiel ganz Nordrhein-Westfalen, zeigen die Klimaprojektionen, dass solche Starkregenereignisse zunehmen könnten."

Die Heinrichsflut 1965 traf auch OWL. In Salzkotten stand das Wasser hüfthoch. - © Stadtarchiv Salzkotten
Die Heinrichsflut 1965 traf auch OWL. In Salzkotten stand das Wasser hüfthoch. - © Stadtarchiv Salzkotten

Welche Regionen es dann trifft, ist unmöglich vorherzusagen. Doch wenn ein solcher stundenlanger Starkregen wie jetzt in Teilen Nordrhein-Westfalens und Rheinland-Pfalz in Ostwestfalen-Lippe niederginge, könnten die Folgen ebenso verheerend sein. "Wir hatten ungeheures Glück, dass das Ganze 150 Kilometer südwestlich von uns geschehen ist", sagt Föst.

"Auch in OWL gibt es Gebirge, es gibt Einschnitte, es gibt Täler, es gibt Flüsse. Von daher ist so etwas auch jederzeit bei uns möglich." Zwar gibt es hier auch Flachlandregionen wie das nördliche Minden-Lübbecke und den Kreis Gütersloh, wo nach einem Starkregen nicht diese reißenden Flüsse entstehen können. Aber unter anderem Richtung Paderborn, im Weserbergland und im Wiehengebirge ist so etwas möglich, sagt der Meteorologe und verweist auf die Heinrichsflut 1965. Auch damals gab es Überschwemmungen und Todesopfer.

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