Überlebenswichtig: So werden Corona-Patienten beatmet Carolin Nieder-Entgelmeier Minden. 136 Covid-19-Patienten werden aktuell auf den Intensivstationen in den Krankenhäusern in OWL behandelt. Viele von ihnen müssen beatmet werden, weil das Coronavirus die Lunge der Patienten mitunter schwer schädigt. Die Bilder aus Intensivstationen, die Patienten mit einem Tubus in der Luftröhre zeigen, kennt inzwischen jeder. Doch die invasive Beatmung ist nur eine von vielen Möglichkeiten der intensivmedizinischen Versorgung. Mediziner Jörg Glahn und die Intensivpfleger Matthias Kruse und Rüdiger Haupt schulen im Johannes-Wesling-Klinikum Minden und auf Kongressen ihre Kollegen darin und zeigen, wie sie auch schwer kranken Patienten helfen können. Etwa sieben Prozent der deutschen Covid-19-Patienten müssen im Laufe der Infektion im Krankenhaus behandelt werden. „In der Regel werden sie zunächst auf der Isolierstation überwacht und dort auch schon mit Sauerstoff versorgt, allerdings nur über einen schmalen Schlauch in der Nase", erklärt Jörg Glahn, leitender Oberarzt der Universitätsklinik für Neurologie und Neurogeriatrie des Klinikums Minden. Verschlechtern sich Zustand und Werte der Patienten, wird eine intensivmedizinische Versorgung nötig. Auf der Intensivstation werden die Patienten und ihre Werte dauerhaft überwacht. „Die engmaschige Überwachung von Covid-19-Patienten ist wichtig, da einige einen Sauerstoffmangel nicht bemerken, der jedoch schnell lebensbedrohlich werden kann", erklärt Glahn. Doch das bedeute nicht, dass mit der Verlegung auf die Intensivstation mit der invasiven Beatmung begonnen werden müsse. „Das ist das letzte Mittel unserer Wahl. Ziel ist immer, die eigene Atmung der Patienten so lange wie möglich zu erhalten." Geholfen werden kann Patienten laut Glahn auch mit einer nicht-invasiven Beatmung. Das sind die Möglichkeiten: Sauerstoffbrille „Über eine Nasenbrille erhält der Patient eine High-Flow-Sauerstofftherapie. Das bedeutet, dass ihm erwärmte, befeuchtete und sauerstoffangereicherte Luft über die Nase zugeführt wird", erklärt Intensivpfleger Matthias Kruse, der die Schulung Beatmung in der Akademie für Gesundheitsberufe der Mühlenkreiskliniken leitet.„Die Patienten sind dabei wach, benötigen aber häufig beruhigende Medikamente." Laut Glahn kommen dann Schlafmittel oder Morphin zum Einsatz, um Angst, Schmerzen und Luftnot zu lindern. „Viele Patienten haben Angst, weil die Behandlung auf der Intensivstation sehr belastend ist." Mund-Nase-Maske „Reicht die Behandlung mit der Sauerstoffbrille nicht mehr aus, kommen Beatmungsmasken zum Einsatz", erklärt Kruse. Häufig im Einsatz seien Masken, die entweder nur die Nase oder Mund und Nase bedecken und über Schlauch mit einem Beatmungsgerät verbunden werden. „Über die Maske wird Sauerstoff zugeführt und der Druck der Atemluft kann reguliert werden, so dass die Maske wie ein zusätzlicher Atemmuskel einen Teil der Arbeit übernimmt." Wie bei der Sauerstoffbrille sind Patienten laut Kruse auch bei der Beatmung über die Maske bei Bewusstsein. „Doch auch bei dieser Therapie sind häufig beruhigende Medikamente notwendig." Vollgesichtsmaske „Ausgeweitet werden kann die Maskenbeatmung bei Patienten mit einer Vollgesichtsmaske", erklärt Intensivpfleger Rüdiger Haupt, der die Schulung Beatmung in der Akademie für Gesundheitsberufe der Mühlenkreiskliniken mit Kruse leitet. Hierbei bedecke die Maske nicht mehr nur Nase und Mund, sondern auch die Augen, was viele Patienten stark belaste. „Die Atemluft wird mit einem hohen Druck zugeführt. Motorradfahrer wissen, wie sich das anfühlt, wenn sie mit offenem Visier auf der Autobahn mit 120 Kilometern pro Stunde unterwegs sind", erklärt Glahn. Deshalb kommen auch bei dieser Form der Beatmung wieder beruhigende Medikamente zum Einsatz. Wichtig ist nach Angaben des Mediziners, dass Patienten bei allen Formen der Beatmung nicht dauerhaft auf dem Rücken liegen. „Die Bauchlage ist wichtig, damit die gesamte Lunge gut durchblutet wird und sich kein Sekret ansammelt." Deshalb werden auch wache Patienten dazu angehalten, sich regelmäßig auf den Bauch zu drehen. „Untersuchungen aus China zeigen, dass sich die Prognose erkrankter Covid-19-Patienten verbessert, wenn sie auf dem Bauch liegen. Auch dann, wenn sie sich zuhause erholen können." Invasive Beatmung Reicht die Beatmung über Brille und Masken nicht mehr aus, kann das Leben schwer kranker Patienten mit Hilfe der invasiven Beatmung gerettet werden. „Dafür wird der Patient in eine Narkose gelegt und ein Tubus über den Rachen in die Luftröhre eingeführt. Dadurch lassen sich der Druck in der Lunge und die Atmung regulieren", erklärt Haupt. Die Patienten sind dabei nicht bei Bewusstsein. „Allerdings wird so viel Eigenatmung wie möglich erhalten." Intubierte Patienten liegen nach Angaben des Intensivpflegers etwa 16 Stunden am Tag auf dem Bauch. „Für die Umlagerung sind drei Pflegekräfte und ein Arzt im Einsatz, weil Tubus, Katheter und andere Zugänge nicht verrutschen dürfen." Ist abzusehen, dass die Beatmung über den Tubus länger als 14 Tage nötig sein wird, wird laut Haupt ein Luftröhrenschnitt durchgeführt. „Der Tubus wird dann unterhalb des Kehlkopfes eingeführt. Diese Beatmung empfinden viele Patienten als weniger belastend und können dabei auch wach sein." Künstliche Lunge In selten Fällen ist das Lungengewebe bei Covid-19-Patienten so stark geschädigt, dass eine ausreichende Sauerstoffaufnahme trotz unterstützender Maßnahmen nicht sicher ist. „In diesem Fall erfolgt die Sauerstoffanreicherung des Blutes außerhalb des Körpers, mittels einer künstlichen Lunge", erklärt Glahn. Die Erfahrung der vergangenen Monate zeige jedoch, dass die Behandlung bei Covid-19-Patienten häufig nicht mehr hilft. Grundsätzlich gilt nach Angaben des Mediziners: „Je mehr und länger wir behandeln, desto höher ist das Risiko für Komplikationen."

Überlebenswichtig: So werden Corona-Patienten beatmet

Intensivpfleger Rüdiger Haupt (v. l.), Neurologe Jörg Glahn und Intensivpfleger Matthias Kruse aus dem Klinikum Minden demonstrieren an einer Puppe, wie schwer kranke Patienten intubiert werden. © Carolin Nieder-Entgelmeier

Minden. 136 Covid-19-Patienten werden aktuell auf den Intensivstationen in den Krankenhäusern in OWL behandelt. Viele von ihnen müssen beatmet werden, weil das Coronavirus die Lunge der Patienten mitunter schwer schädigt. Die Bilder aus Intensivstationen, die Patienten mit einem Tubus in der Luftröhre zeigen, kennt inzwischen jeder. Doch die invasive Beatmung ist nur eine von vielen Möglichkeiten der intensivmedizinischen Versorgung. Mediziner Jörg Glahn und die Intensivpfleger Matthias Kruse und Rüdiger Haupt schulen im Johannes-Wesling-Klinikum Minden und auf Kongressen ihre Kollegen darin und zeigen, wie sie auch schwer kranken Patienten helfen können.

Etwa sieben Prozent der deutschen Covid-19-Patienten müssen im Laufe der Infektion im Krankenhaus behandelt werden. „In der Regel werden sie zunächst auf der Isolierstation überwacht und dort auch schon mit Sauerstoff versorgt, allerdings nur über einen schmalen Schlauch in der Nase", erklärt Jörg Glahn, leitender Oberarzt der Universitätsklinik für Neurologie und Neurogeriatrie des Klinikums Minden.

Verschlechtern sich Zustand und Werte der Patienten, wird eine intensivmedizinische Versorgung nötig. Auf der Intensivstation werden die Patienten und ihre Werte dauerhaft überwacht. „Die engmaschige Überwachung von Covid-19-Patienten ist wichtig, da einige einen Sauerstoffmangel nicht bemerken, der jedoch schnell lebensbedrohlich werden kann", erklärt Glahn. Doch das bedeute nicht, dass mit der Verlegung auf die Intensivstation mit der invasiven Beatmung begonnen werden müsse. „Das ist das letzte Mittel unserer Wahl. Ziel ist immer, die eigene Atmung der Patienten so lange wie möglich zu erhalten." Geholfen werden kann Patienten laut Glahn auch mit einer nicht-invasiven Beatmung. Das sind die Möglichkeiten:

Sauerstoffbrille

„Über eine Nasenbrille erhält der Patient eine High-Flow-Sauerstofftherapie. Das bedeutet, dass ihm erwärmte, befeuchtete und sauerstoffangereicherte Luft über die Nase zugeführt wird", erklärt Intensivpfleger Matthias Kruse, der die Schulung Beatmung in der Akademie für Gesundheitsberufe der Mühlenkreiskliniken leitet.

Jörg Glahn demonstriert an einer Puppe das Anlegen einer Sauerstoffbrille. - © Carolin Nieder-Entgelmeier
Jörg Glahn demonstriert an einer Puppe das Anlegen einer Sauerstoffbrille. - © Carolin Nieder-Entgelmeier

„Die Patienten sind dabei wach, benötigen aber häufig beruhigende Medikamente." Laut Glahn kommen dann Schlafmittel oder Morphin zum Einsatz, um Angst, Schmerzen und Luftnot zu lindern. „Viele Patienten haben Angst, weil die Behandlung auf der Intensivstation sehr belastend ist."

Mund-Nase-Maske

„Reicht die Behandlung mit der Sauerstoffbrille nicht mehr aus, kommen Beatmungsmasken zum Einsatz", erklärt Kruse. Häufig im Einsatz seien Masken, die entweder nur die Nase oder Mund und Nase bedecken und über Schlauch mit einem Beatmungsgerät verbunden werden. „Über die Maske wird Sauerstoff zugeführt und der Druck der Atemluft kann reguliert werden, so dass die Maske wie ein zusätzlicher Atemmuskel einen Teil der Arbeit übernimmt."

Matthias Kruse legt einer Puppe eine Mund-Nase-Beatmungsmaske an. - © Carolin Nieder-Entgelmeier
Matthias Kruse legt einer Puppe eine Mund-Nase-Beatmungsmaske an. - © Carolin Nieder-Entgelmeier

Wie bei der Sauerstoffbrille sind Patienten laut Kruse auch bei der Beatmung über die Maske bei Bewusstsein. „Doch auch bei dieser Therapie sind häufig beruhigende Medikamente notwendig."

Vollgesichtsmaske

„Ausgeweitet werden kann die Maskenbeatmung bei Patienten mit einer Vollgesichtsmaske", erklärt Intensivpfleger Rüdiger Haupt, der die Schulung Beatmung in der Akademie für Gesundheitsberufe der Mühlenkreiskliniken mit Kruse leitet. Hierbei bedecke die Maske nicht mehr nur Nase und Mund, sondern auch die Augen, was viele Patienten stark belaste.

Rüdiger Haupt befestigt eine Vollgesichtsmaske an einer Puppe. - © Carolin Nieder-Entgelmeier
Rüdiger Haupt befestigt eine Vollgesichtsmaske an einer Puppe. - © Carolin Nieder-Entgelmeier

„Die Atemluft wird mit einem hohen Druck zugeführt. Motorradfahrer wissen, wie sich das anfühlt, wenn sie mit offenem Visier auf der Autobahn mit 120 Kilometern pro Stunde unterwegs sind", erklärt Glahn. Deshalb kommen auch bei dieser Form der Beatmung wieder beruhigende Medikamente zum Einsatz.

Wichtig ist nach Angaben des Mediziners, dass Patienten bei allen Formen der Beatmung nicht dauerhaft auf dem Rücken liegen. „Die Bauchlage ist wichtig, damit die gesamte Lunge gut durchblutet wird und sich kein Sekret ansammelt." Deshalb werden auch wache Patienten dazu angehalten, sich regelmäßig auf den Bauch zu drehen. „Untersuchungen aus China zeigen, dass sich die Prognose erkrankter Covid-19-Patienten verbessert, wenn sie auf dem Bauch liegen. Auch dann, wenn sie sich zuhause erholen können."

Invasive Beatmung

Reicht die Beatmung über Brille und Masken nicht mehr aus, kann das Leben schwer kranker Patienten mit Hilfe der invasiven Beatmung gerettet werden. „Dafür wird der Patient in eine Narkose gelegt und ein Tubus über den Rachen in die Luftröhre eingeführt. Dadurch lassen sich der Druck in der Lunge und die Atmung regulieren", erklärt Haupt. Die Patienten sind dabei nicht bei Bewusstsein. „Allerdings wird so viel Eigenatmung wie möglich erhalten."

Jörg Glahn führt mit Hilfe eines Video-Laparoskops einen Tubus über den Rachen in die Luftröhre einer Puppe ein. - © Carolin Nieder-Entgelmeier
Jörg Glahn führt mit Hilfe eines Video-Laparoskops einen Tubus über den Rachen in die Luftröhre einer Puppe ein. - © Carolin Nieder-Entgelmeier

Intubierte Patienten liegen nach Angaben des Intensivpflegers etwa 16 Stunden am Tag auf dem Bauch. „Für die Umlagerung sind drei Pflegekräfte und ein Arzt im Einsatz, weil Tubus, Katheter und andere Zugänge nicht verrutschen dürfen." Ist abzusehen, dass die Beatmung über den Tubus länger als 14 Tage nötig sein wird, wird laut Haupt ein Luftröhrenschnitt durchgeführt. „Der Tubus wird dann unterhalb des Kehlkopfes eingeführt. Diese Beatmung empfinden viele Patienten als weniger belastend und können dabei auch wach sein."

Künstliche Lunge

In selten Fällen ist das Lungengewebe bei Covid-19-Patienten so stark geschädigt, dass eine ausreichende Sauerstoffaufnahme trotz unterstützender Maßnahmen nicht sicher ist. „In diesem Fall erfolgt die Sauerstoffanreicherung des Blutes außerhalb des Körpers, mittels einer künstlichen Lunge", erklärt Glahn. Die Erfahrung der vergangenen Monate zeige jedoch, dass die Behandlung bei Covid-19-Patienten häufig nicht mehr hilft.

Grundsätzlich gilt nach Angaben des Mediziners: „Je mehr und länger wir behandeln, desto höher ist das Risiko für Komplikationen."

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