Tönnies und die Folgen für die heimischen Schweinemäster Jörg Stuke Bad Oeynhausen (nw). Fröhlich knabbert die gutgenährte Mastsau – nennen wir sie Monika – an dem Holzstück, das zum Spielen in ihrem Stall hängt. Monika nähert sich der 120-Kilo-Marke. Was das Borstentier nicht ahnt: Damit ist ihr Ende nah. In der nächsten Woche wird sie den Weg zum Schlachthof antreten. Daran wird wohl auch die Tatsache nichts ändern, dass bei Tönnies, Europas größtem Schlachthof, der Betrieb ruht – und derzeit niemand zu sagen vermag, wann er wieder anläuft. Kreislandwirt Rainer Meyer, in dessen Stall Monika steht, und sein Mitarbeiter und Stellvertreter im landwirtschaftlichen Kreisverband Minden-Lübbecke, rechnen dennoch mit Auswirkungen von Corona und der Tönnies-Krise auf die Branche. Monika hätte auch ohne Corona ihr Leben nicht in Rheda-Wiedenbrück beendet. „Unsere Tiere werden nicht bei Tönnies, sondern in Herford bei Gocksch geschlachtet“, sagt Meyer, der auch stellvertretender Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Bezirksverbandes Ostwestfalen-Lippe ist. Er betont: „Das hat aber nichts damit zu tun, dass wir grundsätzlich etwas gegen Tönnies haben.“ Die Nähe nach Herford sei eher ausschlaggebend gewesen. „Das ist uns wichtig“, sagt Meyer. Der auch erklärt: „Ich glaube nicht, dass es in anderen Schlachthöfen wesentlich anders zugeht als bei Tönnies.“ Auch wenn er selbst nicht an Tönnies liefert, so tun dies nach Meyers Schätzung aber rund ein Drittel der 280 Schweinemäster im Kreis Minden-Lübbecke, die zusammen rund 250.000 Tiere in ihren Ställen haben. Das entspricht in etwa dem bundesweiten Marktanteil von Tönnies: 30 Prozent der in Deutschland geschlachteten Schweine verlieren ihr Leben bei Tönnies, der mit täglich 30.000 Schlachttieren der größte Betrieb der Branche in Europa ist. Und sogar 40 Prozent der in Deutschland geschlachteten Schweine werden in Rheda-Wiederbrück zerlegt. Nachdem bei Tönnies mehr als 1.500 Mitarbeiter positiv auf Corona getestet worden waren, wurde der Betrieb geschlossen und über den gesamten Kreis Gütersloh der Corona-Shutdown verhängt. Auch die mit Tönnies verbundenen Mäster müssen aber nach Meyers Einschätzung keine Sorge haben, dass sie ihre schlachtreifen Tiere nicht loswerden. „Andere Schlachthöfe übernehmen das“, sagt Meyer. Vorausgesetzt, dass nicht noch weitere Schlachtbetriebe ausfallen. 970 Mastschweine hat Meyer in seinem Dehmer Stall. Etwa alle zwei Wochen treten 100 Tiere ihre Reise gen Schlachthof an. Was sich für den Kreislandwirt geändert hat: „Bisher mussten wir unsere Tiere nur drei bis vier Tage vorher zum Schlachten anmelden, inzwischen braucht es zehn Tage Vorlauf.“ Dabei ist das Zeitfenster klein: Sechs bis sieben Monate dauert es, bis die Schweine ihr Idealgewicht von 120 bis 125 Kilogramm erreicht haben. Wird das Schwein zu fett, bekommt der Bauer weniger Geld für das Tier. „Es ist nicht ganz einfach, genau abzuschätzen, wann die Tiere ihr Optimalgewicht erreicht haben.“ Er räumt aber ein: „Das können wir aushalten.“ Seinen Tierbestand kurzfristig zu reduzieren, ist für Meyer aktuell keine Option. „Das können wir doch dem Ferkel-Erzeuger, mit dem wir seit Jahren zusammenarbeiten, nicht antun“, sagt er. Ein glücklicher Umstand sei, dass derzeit in Deutschland im Moment nicht so viele Schweine wie sonst auf dem Markt seien. Rechtliche Unsicherheiten, etwa bei den Haltungsvorschriften für Muttersauen oder beim Thema Ferkelkastration, hätten zu einer „gewissen Zurückhaltung“ bei den Schweineproduzenten geführt, so Meyer. „Das nimmt ein bisschen Druck aus dem System.“ Meyer ist aber auch überzeugt: Je länger der Großbetrieb Tönnies geschlossen bleibt, desto schwieriger wird die Lage. „Deshalb ist unsere Forderung, den Betrieb so schnell wie möglich wieder hochzufahren, und sei es auch nur teilweise.“ Ein Chorknabe sei Clemens Tönnies sicher nicht, ob es aber gerechtfertigt sei, ihn zum Buhmann der Branche zu machen, bezweifelt der Kreislandwirt. „Was haben denn die Aufsichtsbehörden in den vergangenen Jahren getan?“ fragt Meyer. Und bezieht das auch auf den Umgang mit den Mitarbeitern. „Die Probleme mit den Werkverträgen sind doch seit Jahren bekannt.“ Meyer sieht aber auch, dass die Tönnies-Krise die Diskussion über die Arbeitsbedingungen in den Schlachthöfen, aber auch über die Tierhaltung anfacht. „Es wird jetzt mehr über den Fleischverzehr nachgedacht.“ Und auch ihm persönlich gebe diese Diskussion zu denken, sagt Meyer. Der allerdings nicht glaubt, dass sich die Haltung der Verbraucher auch nachhaltig verändern wird. „Die Verbraucher fordern zwar eine andere Art der Tierhaltung, sind aber nicht bereit, dafür auch mehr zu bezahlen. Am Ende kaufen sie doch das billige Fleisch“, ist Meyer überzeugt. Deshalb denkt man im Bundeslandwirtschaftsministerium offenbar über einen anderen Weg nach. Ministerin Julia Klöckner hat die „Borchert-Kommission“ eingesetzt, benannt nach dem ehemaligen Bundeslandwirtschaftsminister Jochen Borchert. Unter dessen Führung wird überlegt, wie Tierhaltung so gestaltet werden kann, dass sie von der Mehrheit der Bevölkerung akzeptiert wird. Zu der Kommission gehört auch Stefan Schmidt, der stellvertretender Bundesvorsitzender der Junglandwirte ist. „Die Idee der Kommission ist, eine Tierwohlabgabe auf jedes Kilo Fleisch zu erheben, egal wie es produziert wurde“, erläutert der Bad Oeynhausener Junglandwirt. Mit dem so eingenommenen Geld könnte dann der zusätzliche Aufwand bei den Landwirten gefördert werden, die mehr fürs Tierwohl tun. Corona und den Fall Tönnies sieht Schmidt als Katalysatoren. „Sie beschleunigen Prozesse, die zum Teil schon auf den Weg gebracht wurden“, sagt er. Der Vorschlag der Borchert-Kommission liege schon seit Mitte Februar vor. Meyer vermutet, dass es die Angst der Politiker war, den Verbrauchern etwas zuzumuten, die Veränderungen bremste. „Diese Angst ist nun etwas geschrumpft“, vermutet er. Monikas Artgenossen würd’s freuen.

Tönnies und die Folgen für die heimischen Schweinemäster

Kreislandwirt Rainer Meyer und sein Stellvertreter Stefan Schmidt begutachten die fast schlachtreifen Sauen in Meyers Stall in Dehme. Foto: Jörg Stuke © Jörg Stuke

Bad Oeynhausen (nw). Fröhlich knabbert die gutgenährte Mastsau – nennen wir sie Monika – an dem Holzstück, das zum Spielen in ihrem Stall hängt. Monika nähert sich der 120-Kilo-Marke. Was das Borstentier nicht ahnt: Damit ist ihr Ende nah. In der nächsten Woche wird sie den Weg zum Schlachthof antreten. Daran wird wohl auch die Tatsache nichts ändern, dass bei Tönnies, Europas größtem Schlachthof, der Betrieb ruht – und derzeit niemand zu sagen vermag, wann er wieder anläuft. Kreislandwirt Rainer Meyer, in dessen Stall Monika steht, und sein Mitarbeiter und Stellvertreter im landwirtschaftlichen Kreisverband Minden-Lübbecke, rechnen dennoch mit Auswirkungen von Corona und der Tönnies-Krise auf die Branche.

Monika hätte auch ohne Corona ihr Leben nicht in Rheda-Wiedenbrück beendet. „Unsere Tiere werden nicht bei Tönnies, sondern in Herford bei Gocksch geschlachtet“, sagt Meyer, der auch stellvertretender Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Bezirksverbandes Ostwestfalen-Lippe ist. Er betont: „Das hat aber nichts damit zu tun, dass wir grundsätzlich etwas gegen Tönnies haben.“ Die Nähe nach Herford sei eher ausschlaggebend gewesen. „Das ist uns wichtig“, sagt Meyer. Der auch erklärt: „Ich glaube nicht, dass es in anderen Schlachthöfen wesentlich anders zugeht als bei Tönnies.“

Auch wenn er selbst nicht an Tönnies liefert, so tun dies nach Meyers Schätzung aber rund ein Drittel der 280 Schweinemäster im Kreis Minden-Lübbecke, die zusammen rund 250.000 Tiere in ihren Ställen haben. Das entspricht in etwa dem bundesweiten Marktanteil von Tönnies: 30 Prozent der in Deutschland geschlachteten Schweine verlieren ihr Leben bei Tönnies, der mit täglich 30.000 Schlachttieren der größte Betrieb der Branche in Europa ist. Und sogar 40 Prozent der in Deutschland geschlachteten Schweine werden in Rheda-Wiederbrück zerlegt. Nachdem bei Tönnies mehr als 1.500 Mitarbeiter positiv auf Corona getestet worden waren, wurde der Betrieb geschlossen und über den gesamten Kreis Gütersloh der Corona-Shutdown verhängt.

Auch die mit Tönnies verbundenen Mäster müssen aber nach Meyers Einschätzung keine Sorge haben, dass sie ihre schlachtreifen Tiere nicht loswerden. „Andere Schlachthöfe übernehmen das“, sagt Meyer. Vorausgesetzt, dass nicht noch weitere Schlachtbetriebe ausfallen.

970 Mastschweine hat Meyer in seinem Dehmer Stall. Etwa alle zwei Wochen treten 100 Tiere ihre Reise gen Schlachthof an. Was sich für den Kreislandwirt geändert hat: „Bisher mussten wir unsere Tiere nur drei bis vier Tage vorher zum Schlachten anmelden, inzwischen braucht es zehn Tage Vorlauf.“

Dabei ist das Zeitfenster klein: Sechs bis sieben Monate dauert es, bis die Schweine ihr Idealgewicht von 120 bis 125 Kilogramm erreicht haben. Wird das Schwein zu fett, bekommt der Bauer weniger Geld für das Tier. „Es ist nicht ganz einfach, genau abzuschätzen, wann die Tiere ihr Optimalgewicht erreicht haben.“ Er räumt aber ein: „Das können wir aushalten.“ Seinen Tierbestand kurzfristig zu reduzieren, ist für Meyer aktuell keine Option. „Das können wir doch dem Ferkel-Erzeuger, mit dem wir seit Jahren zusammenarbeiten, nicht antun“, sagt er.

Ein glücklicher Umstand sei, dass derzeit in Deutschland im Moment nicht so viele Schweine wie sonst auf dem Markt seien. Rechtliche Unsicherheiten, etwa bei den Haltungsvorschriften für Muttersauen oder beim Thema Ferkelkastration, hätten zu einer „gewissen Zurückhaltung“ bei den Schweineproduzenten geführt, so Meyer. „Das nimmt ein bisschen Druck aus dem System.“

Meyer ist aber auch überzeugt: Je länger der Großbetrieb Tönnies geschlossen bleibt, desto schwieriger wird die Lage. „Deshalb ist unsere Forderung, den Betrieb so schnell wie möglich wieder hochzufahren, und sei es auch nur teilweise.“ Ein Chorknabe sei Clemens Tönnies sicher nicht, ob es aber gerechtfertigt sei, ihn zum Buhmann der Branche zu machen, bezweifelt der Kreislandwirt. „Was haben denn die Aufsichtsbehörden in den vergangenen Jahren getan?“ fragt Meyer. Und bezieht das auch auf den Umgang mit den Mitarbeitern. „Die Probleme mit den Werkverträgen sind doch seit Jahren bekannt.“

Meyer sieht aber auch, dass die Tönnies-Krise die Diskussion über die Arbeitsbedingungen in den Schlachthöfen, aber auch über die Tierhaltung anfacht. „Es wird jetzt mehr über den Fleischverzehr nachgedacht.“ Und auch ihm persönlich gebe diese Diskussion zu denken, sagt Meyer. Der allerdings nicht glaubt, dass sich die Haltung der Verbraucher auch nachhaltig verändern wird. „Die Verbraucher fordern zwar eine andere Art der Tierhaltung, sind aber nicht bereit, dafür auch mehr zu bezahlen. Am Ende kaufen sie doch das billige Fleisch“, ist Meyer überzeugt.

Deshalb denkt man im Bundeslandwirtschaftsministerium offenbar über einen anderen Weg nach. Ministerin Julia Klöckner hat die „Borchert-Kommission“ eingesetzt, benannt nach dem ehemaligen Bundeslandwirtschaftsminister Jochen Borchert. Unter dessen Führung wird überlegt, wie Tierhaltung so gestaltet werden kann, dass sie von der Mehrheit der Bevölkerung akzeptiert wird. Zu der Kommission gehört auch Stefan Schmidt, der stellvertretender Bundesvorsitzender der Junglandwirte ist. „Die Idee der Kommission ist, eine Tierwohlabgabe auf jedes Kilo Fleisch zu erheben, egal wie es produziert wurde“, erläutert der Bad Oeynhausener Junglandwirt. Mit dem so eingenommenen Geld könnte dann der zusätzliche Aufwand bei den Landwirten gefördert werden, die mehr fürs Tierwohl tun. Corona und den Fall Tönnies sieht Schmidt als Katalysatoren. „Sie beschleunigen Prozesse, die zum Teil schon auf den Weg gebracht wurden“, sagt er. Der Vorschlag der Borchert-Kommission liege schon seit Mitte Februar vor. Meyer vermutet, dass es die Angst der Politiker war, den Verbrauchern etwas zuzumuten, die Veränderungen bremste. „Diese Angst ist nun etwas geschrumpft“, vermutet er. Monikas Artgenossen würd’s freuen.

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