Tönnies-Arbeiter tauchen unter - Verl riegelt Ortsteil ab Jeanette Salzmann Kreis Gütersloh/Verl. Die größte Aufgabe des Krisenstabs in der aktuellen Corona-Krise: Die Spur der Menschen aufzunehmen, die für Tönnies arbeiten um das Virus einzudämmen. Weil Wohnorte und Anschriften der 6.000 Personen bis Samstag nicht transparent waren, sind nunmehr drei Tage seit Bekanntwerden des Massenausbruchs vergangen. Zeit, die viele Südosteuropäer genutzt haben, um unterzutauchen oder in die Heimatländer zu reisen. In Gütersloh-Blankenhagen sind keine Autos mehr geparkt an den Straße und Hinterhöfen der einschlägigen Wohnblocks. Die Tönnies-Werkvertragsarbeiter aus Polen, Rumänien und Bulgarien stehen unter Quarantäne, dürfen ihre Wohnungen nicht verlassen. Aber sie sind gar nicht da. 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"Wir mussten so handeln", erklärt Schönauer, "viele Bewohner haben sich nicht an die Regeln gehalten, waren in den umliegenden Supermärkten einkaufen oder haben andere Dinge erledigt." 668 Menschen sind von der Maßnahme betroffen - auch Menschen, die nicht bei Tönnies beschäftigt sind. Am Sonntag wird der amtsärztliche Dienst mit dem Ordnungsamt in Einzelfällen entscheiden, ob Passierscheine ausgegeben werden, um etwa zur Arbeit fahren zu können. "Wir haben hier bestätigt über 100 Infizierte", erklärt Schönauer, "Zahlen zu Familienangehören haben wir nicht. Wir müssen davon ausgehen, dass die Zahlen steigen." Das DRK hat einen Verpflegungszug geschickt, um die Menschen mit Essenspaketen zu versorgen. Auch Babynahrung und Hygieneartikel sollen ausgegeben werden. Ab Sonntag starten die Covid 19-Tests. "Die Gesamtsituation ärgert uns auch", so Schönauer. Die Bürger hätten nun unter der Fehleinschätzung der Firma Tönnies zu leiden. "Die Personendaten mussten mühselig zusammengetragen werden. Und wir haben immer noch nicht alle. Das ist für mich überhaupt nicht nachvollziehbar", er hoffe nun, dass sich Bundes- und Landespolitik zusammensetzen und die bisherige Praxis der Werkverträge massiv überdenken. "Den Menschen hier ist das nicht anzulasten", so Schönauer, "sie sind Opfer dieses perversen Systems". Die Abriegelung ist auf 14 Tage angelegt - vielleicht auch länger. Betroffen von der Abriegelung ist auch der Familienvater Josef (Name geändert). Er ist vor neun Jahren von Polen nach Sürenheide gezogen. Vier Jahre hat er für Tönnies gearbeitet und kennt das System gut. Vom Häuserblock am Zollhausweg ist er in den gegenüberliegenden Block gezogen. "Hier gibt es nur Privatwohnungen", auf der anderen Seite aber gehe es drunter und drüber. Er selbst habe dort mit zwölf Personen in einer Drei-Zimmer-Wohnung gelebt - wie alle anderen im Haus auch. "Jetzt wohnen dort nur noch Rumänen und Bulgaren. Die Leute saufen Tag und Nacht", heute sei tatsächlich der erste Tag seit fünf Jahren, am dem Ruhe herrsche, weil so viel Polizei da sei. "Ich habe oft Angst um meine Kinder, wenn sie hier spielen. Die Leute fahren ohne Führerschein und betrunken wie die Idioten hier die Straße rauf und runter." Josef arbeitet bei Nobilia. Er ist schon seit Donnerstag zuhause weil sein Chef möchte, dass er erst mal einen Corona-Test macht. Das ist ihm bislang nicht gelungen, weil sein Hausarzt ihn nicht ohne Symptome oder Kontakt zu Infizierten testen wollte. "Das sind alles Verbrecher", sagt Josef und meint sowohl den Supermarktbesitzer als auch die Subunternehmer, die jeden Tag 50 und mehr Personen in ihren Transportbus stopfen würden. "280 Stunden habe ich bei Tönnies jeden Monat gearbeitet und dafür 1.300 Euro bekommen. Das gibt es nicht mal in Polen." Robert Migita bestätigt das. Auch er habe lange für Tönnies gearbeitet. Der 25-jährige Rumäne wohnt im abgeriegelten Block vom Zollhausweg 5. "Hier wohnen Tönnies- und Kleinemas-Mitarbeiter zusammen im Haus. In einer Wohnung ist der Mann positiv auf Corona getestet worden. Seine Frau musste aber zur Arbeit kommen." Die Subunternehmer hätten in den vergangenen Wochen auf die Arbeiter eingeredet, nicht zum Arzt zu gehen. "Wenn ihr euch nicht gut fühlt, bleibt zwei oder drei Tage zu Hause." Ohnehin ginge kaum jemand zum Arzt, "weil dir an jedem Tag an dem du fehlst 10 Euro abgezogen werden." Robert bekräftigt, er würde sich an die Regeln halten. Viele andere nicht. Ein dritter Bewohner kommt hinzu. "Tönnies hatte viele positive Corona-Befunde. Aber sie konnten es vertuschen, weil sie selbst getestet haben." Auch er sei beim Unternehmen beschäftigt. Edwin Weidmann geht derweil mit seinem Hund Max Gassi. Er wohnt seit 2005 in der angrenzenden Grillenstraße und darf sich deshalb weiterhin frei bewegen. "Hier ist immer was los", sagt er. Kriminalität und Alkohol seien an der Tagesordnung. Auch Tote habe es schon gegeben. "Es wohnen einfach zu viele auf zu engem Raum. Das geht nicht gut. Selbst der Hausmeister aus Nr. 5 hält es nicht mehr aus", der fahre an den Wochenenden immer auf einen Campingplatz. "Der ist jetzt gar nicht da. Der weiß noch nichts von seinem Glück." Ein weiterer Passant macht seinem Ärger Luft. "Hier müsste eigentlich ein 24-Stunden-Sicherheitsdienst hin, denn hier wird nur gesoffen." Bis nachts um vier herrsche Partystimmung, "und wenn man um Ruhe bittet, halten sie dir ein Messer vor die Nase." Seinen Namen möchte er nicht veröffentlicht wissen, aber er habe mit einigen Anwohnern eine Initiative gegründet. "Bürgermeister Esken hat schon häufiger Post von uns bekommen. Geändert hat sich allerdings nichts. Polizei und Ordnungsamt sind ja gar nicht mehr gekommen, wenn man sie angerufen hat." Jetzt sind sie da.

Tönnies-Arbeiter tauchen unter - Verl riegelt Ortsteil ab

Die Polizei hat eine Siedlung mit Wohnhäuseren von Tönnies-Werkvertragsarbeitern in Verl-Sürenheide gesperrt. © Patrick Menzel

Kreis Gütersloh/Verl. Die größte Aufgabe des Krisenstabs in der aktuellen Corona-Krise: Die Spur der Menschen aufzunehmen, die für Tönnies arbeiten um das Virus einzudämmen. Weil Wohnorte und Anschriften der 6.000 Personen bis Samstag nicht transparent waren, sind nunmehr drei Tage seit Bekanntwerden des Massenausbruchs vergangen. Zeit, die viele Südosteuropäer genutzt haben, um unterzutauchen oder in die Heimatländer zu reisen. In Gütersloh-Blankenhagen sind keine Autos mehr geparkt an den Straße und Hinterhöfen der einschlägigen Wohnblocks. Die Tönnies-Werkvertragsarbeiter aus Polen, Rumänien und Bulgarien stehen unter Quarantäne, dürfen ihre Wohnungen nicht verlassen. Aber sie sind gar nicht da.

An der Gildestraße und Möhlerstraße in Herzebrock-Clarholz reihen sich zahlreiche Quartiere aneinander. Auch hier fehlen Autos und Bewohner. "Wir müssen davon ausgehen, dass eine Reihe von Personen sich entzogen haben oder irgendwo im Umfeld untergekommen ist. Auch deshalb mussten wir aktiv werden", sagt Heribert Schönauer, Erster Beigeordneter und Kämmerer der Stadt Verl. Am Samstagmorgen hat die Stadt eine Allgemeinverfügung erlassen und drei Wohnquartiere im Ortsteil Sürenheide abgeriegelt. 1.000 Meter Bauzaun wurde um die Häuserblocks aufgestellt, 668 Menschen werden fortan von Polizei, Ordnungsamt und zusätzlichem Sicherheitsdienst bewacht, damit die Quarantäne eingehalten wird. "Wir mussten so handeln", erklärt Schönauer, "viele Bewohner haben sich nicht an die Regeln gehalten, waren in den umliegenden Supermärkten einkaufen oder haben andere Dinge erledigt."

668 Menschen sind von der Maßnahme betroffen - auch Menschen, die nicht bei Tönnies beschäftigt sind. Am Sonntag wird der amtsärztliche Dienst mit dem Ordnungsamt in Einzelfällen entscheiden, ob Passierscheine ausgegeben werden, um etwa zur Arbeit fahren zu können. "Wir haben hier bestätigt über 100 Infizierte", erklärt Schönauer, "Zahlen zu Familienangehören haben wir nicht. Wir müssen davon ausgehen, dass die Zahlen steigen." Das DRK hat einen Verpflegungszug geschickt, um die Menschen mit Essenspaketen zu versorgen. Auch Babynahrung und Hygieneartikel sollen ausgegeben werden. Ab Sonntag starten die Covid 19-Tests.

"Die Gesamtsituation ärgert uns auch", so Schönauer. Die Bürger hätten nun unter der Fehleinschätzung der Firma Tönnies zu leiden. "Die Personendaten mussten mühselig zusammengetragen werden. Und wir haben immer noch nicht alle. Das ist für mich überhaupt nicht nachvollziehbar", er hoffe nun, dass sich Bundes- und Landespolitik zusammensetzen und die bisherige Praxis der Werkverträge massiv überdenken. "Den Menschen hier ist das nicht anzulasten", so Schönauer, "sie sind Opfer dieses perversen Systems". Die Abriegelung ist auf 14 Tage angelegt - vielleicht auch länger.

Betroffen von der Abriegelung ist auch der Familienvater Josef (Name geändert). Er ist vor neun Jahren von Polen nach Sürenheide gezogen. Vier Jahre hat er für Tönnies gearbeitet und kennt das System gut. Vom Häuserblock am Zollhausweg ist er in den gegenüberliegenden Block gezogen. "Hier gibt es nur Privatwohnungen", auf der anderen Seite aber gehe es drunter und drüber. Er selbst habe dort mit zwölf Personen in einer Drei-Zimmer-Wohnung gelebt - wie alle anderen im Haus auch. "Jetzt wohnen dort nur noch Rumänen und Bulgaren. Die Leute saufen Tag und Nacht", heute sei tatsächlich der erste Tag seit fünf Jahren, am dem Ruhe herrsche, weil so viel Polizei da sei.

"Ich habe oft Angst um meine Kinder, wenn sie hier spielen. Die Leute fahren ohne Führerschein und betrunken wie die Idioten hier die Straße rauf und runter." Josef arbeitet bei Nobilia. Er ist schon seit Donnerstag zuhause weil sein Chef möchte, dass er erst mal einen Corona-Test macht. Das ist ihm bislang nicht gelungen, weil sein Hausarzt ihn nicht ohne Symptome oder Kontakt zu Infizierten testen wollte. "Das sind alles Verbrecher", sagt Josef und meint sowohl den Supermarktbesitzer als auch die Subunternehmer, die jeden Tag 50 und mehr Personen in ihren Transportbus stopfen würden. "280 Stunden habe ich bei Tönnies jeden Monat gearbeitet und dafür 1.300 Euro bekommen. Das gibt es nicht mal in Polen."

Robert Migita bestätigt das. Auch er habe lange für Tönnies gearbeitet. Der 25-jährige Rumäne wohnt im abgeriegelten Block vom Zollhausweg 5. "Hier wohnen Tönnies- und Kleinemas-Mitarbeiter zusammen im Haus. In einer Wohnung ist der Mann positiv auf Corona getestet worden. Seine Frau musste aber zur Arbeit kommen." Die Subunternehmer hätten in den vergangenen Wochen auf die Arbeiter eingeredet, nicht zum Arzt zu gehen. "Wenn ihr euch nicht gut fühlt, bleibt zwei oder drei Tage zu Hause." Ohnehin ginge kaum jemand zum Arzt, "weil dir an jedem Tag an dem du fehlst 10 Euro abgezogen werden." Robert bekräftigt, er würde sich an die Regeln halten. Viele andere nicht. Ein dritter Bewohner kommt hinzu. "Tönnies hatte viele positive Corona-Befunde. Aber sie konnten es vertuschen, weil sie selbst getestet haben." Auch er sei beim Unternehmen beschäftigt.

Edwin Weidmann geht derweil mit seinem Hund Max Gassi. Er wohnt seit 2005 in der angrenzenden Grillenstraße und darf sich deshalb weiterhin frei bewegen. "Hier ist immer was los", sagt er. Kriminalität und Alkohol seien an der Tagesordnung. Auch Tote habe es schon gegeben. "Es wohnen einfach zu viele auf zu engem Raum. Das geht nicht gut. Selbst der Hausmeister aus Nr. 5 hält es nicht mehr aus", der fahre an den Wochenenden immer auf einen Campingplatz. "Der ist jetzt gar nicht da. Der weiß noch nichts von seinem Glück."

Ein weiterer Passant macht seinem Ärger Luft. "Hier müsste eigentlich ein 24-Stunden-Sicherheitsdienst hin, denn hier wird nur gesoffen." Bis nachts um vier herrsche Partystimmung, "und wenn man um Ruhe bittet, halten sie dir ein Messer vor die Nase." Seinen Namen möchte er nicht veröffentlicht wissen, aber er habe mit einigen Anwohnern eine Initiative gegründet. "Bürgermeister Esken hat schon häufiger Post von uns bekommen. Geändert hat sich allerdings nichts. Polizei und Ordnungsamt sind ja gar nicht mehr gekommen, wenn man sie angerufen hat." Jetzt sind sie da.

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