Tierwohl statt Schredder: Dieser Hof in Tonnenheide will keine Küken töten Rahden-Tonnenheide. Rund 45 Millionen männliche Eintagsküken werden jedes Jahr in Deutschland vergast oder geschreddert. Aus rein wirtschaftlichen Gründen. Denn die modernen, auf Legeleistung gezüchteten Rassen setzen wenig Fleisch an. Die Mast dieser Hähnchen ist nicht rentabel, „wertvoll" sind nur Hennen. Das Töten der Küken ist gängige Praxis, mit höchstrichterlicher Erlaubnis. Doch schon im Juni 2019 schränkte das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig ein: Das kann nicht so bleiben, sondern gilt nur für eine Übergangsfrist. Schlüpfen, um zu sterben - dieses System spreche den männlichen Küken jeden „Eigenwert" jenseits rein ökonomischer Wertvorstellungen ab. Weil sich in der Geflügelbranche trotzdem wenig tat, hat Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner gerade erst einen Gesetzesentwurf angekündigt, der das Töten der Eintagsküken zeitnah verbieten soll – und stieß damit prompt auf Kritik, dann kämen die Legehennen eben aus dem Ausland. "Die Tiere sollen es so gut haben wie möglich" Diese ganze Frage hat der Biolandhof Wietler in Tonnenheide für sich längst entschieden. Der Betrieb, der seinen Schwerpunkt auf Legehennen- und Mutterkuhhaltung hat, der in seinem Hofladen aber auch ein volles Sortiment an Bio-Lebensmitteln anbietet, hat beschlossen, mit dem Eigenwert der Küken Ernst zu machen. 1.000 Hühner leben in den Ställen und auf den Weideflächen des Hofes. Sie sind Nutztiere, aber keine seelenlosen Wirtschaftsgüter: „Bei uns heißen alle Hennen Helene", erwähnt Marie Sophie Wietler, die den Hof im vergangenen Jahr von ihren Eltern übernommen hat, beiläufig. Dann betont sie: "Die Tiere sollen es so gut wie möglich haben. Das ist uns wichtig." Schon lange sei es ihr und ihrer Familie ein Dorn im Auge gewesen, dass für jede Legehenne, die aus der Aufzucht an ihren Hof kam, ein männliches Küken sterben musste. Denn auch im Bio-Bereich sei das Töten von Eintagsküken immer noch gang und gäbe. „Aber das entspricht nicht der Art, wie wir unseren Hof führen wollen. Es ist uns sehr schwergefallen, das vor uns und unseren Kunden zu rechtfertigen. Bis vor Kurzem sahen wir jedoch noch keine andere Möglichkeit." Kooperation mit einem Geflügelhof in Rheda-Wiedenbrück Die Kooperation mit einem GeIm Herbst vergangenen Jahres stieß der Betrieb dann auf den Geflügelhof Südbrock in Rheda-Wiedenbrück. Der Geflügelhof ist auf die Aufzucht von Bio-Junghennen spezialisiert und bietet das Projekt „Mein Bruderhahn" an. Seither gibt es eine Kooperation zwischen dem Geflügelhof und dem Biolandhof in Tonnenheide. Und die funktioniert so: In Rheda-Wiedenbrück werden nicht nur die Junghennen für die Wietlers aufgezogen, sondern ebenso viele „Bruderhähne". Die Junghennen werden etwa in der 18. Woche an den Hof Wietler abgegeben, die Hähnchen im Alter von circa 16 Wochen, noch vor der Geschlechtsreife, geschlachtet. Das Fleisch wird weiterverarbeitet: Als Geflügelwurst, Frikassee oder Currywurst im Glas wird es im Hofladen vermarktet. Einige Bruderhähne bleiben darüber hinaus auch immer bei der jeweiligen Hühnerherde. Die zusätzlichen Kosten für die Bruderhahn-Aufzucht gleicht ein Preisaufschlag bei den Eiern aus. Die Kunden reagieren zustimmend „Von den Kunden haben wir bisher nur positive Reaktionen", sagt Marie Sophie Wietler. „Die Nachfrage nach den Bruderhahn-Produkten wächst und es wird daran gearbeitet, die Palette noch weiter auszubauen. Mit diesem Konzept sind wir richtig glücklich." Die Hofbesitzerin wird noch einmal ganz deutlich: „Landwirtschaft ohne Tierwohl, das ergibt für uns keinen Sinn. Wir sind ein mittelständischer bäuerlicher Betrieb und wir wollen das auch bleiben." Profitmaximierung sei da nicht das Einzige, um das es gehe. „Natürlich sind auch die Bruderhähne Nutztiere, natürlich werden auch sie irgendwann geschlachtet." Aber nicht deshalb, weil sie das „falsche" Geschlecht haben.

Tierwohl statt Schredder: Dieser Hof in Tonnenheide will keine Küken töten

Hahn oder Henne? Männliche Küken werden immer noch millionenfach gleich nach dem Schlüpfen getötet. © Cornelia Müller

Rahden-Tonnenheide. Rund 45 Millionen männliche Eintagsküken werden jedes Jahr in Deutschland vergast oder geschreddert. Aus rein wirtschaftlichen Gründen. Denn die modernen, auf Legeleistung gezüchteten Rassen setzen wenig Fleisch an. Die Mast dieser Hähnchen ist nicht rentabel, „wertvoll" sind nur Hennen.

Das Töten der Küken ist gängige Praxis, mit höchstrichterlicher Erlaubnis. Doch schon im Juni 2019 schränkte das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig ein: Das kann nicht so bleiben, sondern gilt nur für eine Übergangsfrist. Schlüpfen, um zu sterben - dieses System spreche den männlichen Küken jeden „Eigenwert" jenseits rein ökonomischer Wertvorstellungen ab.

Weil sich in der Geflügelbranche trotzdem wenig tat, hat Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner gerade erst einen Gesetzesentwurf angekündigt, der das Töten der Eintagsküken zeitnah verbieten soll – und stieß damit prompt auf Kritik, dann kämen die Legehennen eben aus dem Ausland.

"Die Tiere sollen es so gut haben wie möglich"

Diese ganze Frage hat der Biolandhof Wietler in Tonnenheide für sich längst entschieden. Der Betrieb, der seinen Schwerpunkt auf Legehennen- und Mutterkuhhaltung hat, der in seinem Hofladen aber auch ein volles Sortiment an Bio-Lebensmitteln anbietet, hat beschlossen, mit dem Eigenwert der Küken Ernst zu machen.

Die Hennen können jederzeit zwischen Stall und Weide wechseln. "Das Mindestmaß von vier Quadratmetern Außenauslauf pro Huhn haben wir übererfüllt", sagt die Hofbesitzerin. - © Cornelia Müller
Die Hennen können jederzeit zwischen Stall und Weide wechseln. "Das Mindestmaß von vier Quadratmetern Außenauslauf pro Huhn haben wir übererfüllt", sagt die Hofbesitzerin. - © Cornelia Müller

1.000 Hühner leben in den Ställen und auf den Weideflächen des Hofes. Sie sind Nutztiere, aber keine seelenlosen Wirtschaftsgüter: „Bei uns heißen alle Hennen Helene", erwähnt Marie Sophie Wietler, die den Hof im vergangenen Jahr von ihren Eltern übernommen hat, beiläufig. Dann betont sie: "Die Tiere sollen es so gut wie möglich haben. Das ist uns wichtig."

Schon lange sei es ihr und ihrer Familie ein Dorn im Auge gewesen, dass für jede Legehenne, die aus der Aufzucht an ihren Hof kam, ein männliches Küken sterben musste. Denn auch im Bio-Bereich sei das Töten von Eintagsküken immer noch gang und gäbe. „Aber das entspricht nicht der Art, wie wir unseren Hof führen wollen. Es ist uns sehr schwergefallen, das vor uns und unseren Kunden zu rechtfertigen. Bis vor Kurzem sahen wir jedoch noch keine andere Möglichkeit."

Kooperation mit einem Geflügelhof in Rheda-Wiedenbrück

Die Kooperation mit einem GeIm Herbst vergangenen Jahres stieß der Betrieb dann auf den Geflügelhof Südbrock in Rheda-Wiedenbrück. Der Geflügelhof ist auf die Aufzucht von Bio-Junghennen spezialisiert und bietet das Projekt „Mein Bruderhahn" an. Seither gibt es eine Kooperation zwischen dem Geflügelhof und dem Biolandhof in Tonnenheide.

Und die funktioniert so: In Rheda-Wiedenbrück werden nicht nur die Junghennen für die Wietlers aufgezogen, sondern ebenso viele „Bruderhähne". Die Junghennen werden etwa in der 18. Woche an den Hof Wietler abgegeben, die Hähnchen im Alter von circa 16 Wochen, noch vor der Geschlechtsreife, geschlachtet. Das Fleisch wird weiterverarbeitet: Als Geflügelwurst, Frikassee oder Currywurst im Glas wird es im Hofladen vermarktet. Einige Bruderhähne bleiben darüber hinaus auch immer bei der jeweiligen Hühnerherde. Die zusätzlichen Kosten für die Bruderhahn-Aufzucht gleicht ein Preisaufschlag bei den Eiern aus.

Die Kunden reagieren zustimmend

„Von den Kunden haben wir bisher nur positive Reaktionen", sagt Marie Sophie Wietler. „Die Nachfrage nach den Bruderhahn-Produkten wächst und es wird daran gearbeitet, die Palette noch weiter auszubauen. Mit diesem Konzept sind wir richtig glücklich."

Im Hofladen werden die Bruderhahn-Erzeugnisse vermarktet, unter anderem Geflügel-Wiener und -Leberwurst, wie sie hier von Sylvia Tymkow, die im Laden aushilft, präsentiert werden. - © Cornelia Müller
Im Hofladen werden die Bruderhahn-Erzeugnisse vermarktet, unter anderem Geflügel-Wiener und -Leberwurst, wie sie hier von Sylvia Tymkow, die im Laden aushilft, präsentiert werden. - © Cornelia Müller

Die Hofbesitzerin wird noch einmal ganz deutlich: „Landwirtschaft ohne Tierwohl, das ergibt für uns keinen Sinn. Wir sind ein mittelständischer bäuerlicher Betrieb und wir wollen das auch bleiben." Profitmaximierung sei da nicht das Einzige, um das es gehe. „Natürlich sind auch die Bruderhähne Nutztiere, natürlich werden auch sie irgendwann geschlachtet." Aber nicht deshalb, weil sie das „falsche" Geschlecht haben.

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