Bielefeld / Espelkamp Telefonat nach Bluttat in Espelkamp - das ganze Drama in einer Zeugenaussage Dritter Verhandlungstag vor dem Landgericht Bielefeld im Espelkamper Doppeltötungs-Prozess: Die Schwägerin des Täters erzählt von einem Telefonat nach der Tat. Und der zerrissenen Familie. Karsten Schulz Bielefeld/Espelkamp. So richtig wusste Yüksel K. vorm Vorsitzenden Richter Georg Zimmermann gar nicht, wo sie anfangen sollte. So viel hatte sie zu erzählen. Vor der 1. Strafkammer des Bielefelder Landgerichts war in Sachen Ercan K. und seiner zwei tödlichen Schüsse, mit der er im Juni 2021 in der Espelkamper Innenstadt seine Frau Sati K. und deren Bruder Muahrem erschoss, der dritte Verhandlungstag angesagt. Rund zweieinhalb Stunden sagte die 45-Jährige aus und gab Einblicke in ein sehr turbulentes Eheleben wie auch in die Familienstruktur. Deutlich wurde in ihrer Aussage auch die eher zerrissene und zum Teil widersprüchliche Natur des Täters. Immer wieder musste sie innehalten, weil sie von Weinkrämpfen geschüttelt wurde. „Mein Schwager hat unsere ganze Familie völlig zerstört", sagte sie auf Nachfrage des Richters. „Meine beiden Geschwister fehlen mir sehr. Wir waren eine kleine Familie, die immer füreinander da war. Noch heute glaube ich an manchen Tagen nicht, dass sich das Fürchterliche ereignet hat." Besonders traurig ist sie, weil ihre Mutter unter der Situation so leidet. „Sei vergisst alles, sie will nur noch sterben." Und ihr 82 Jahre alter Vater, der noch in der Türkei lebt, solle eigentlich jetzt nach Deutschland kommen, weil er auch krank sei. „Doch er kann den Flug nicht mehr ertragen. Er weint nur noch innerlich", sagt die 45-jährige Frau voller Verzweiflung. Dramatische Szenen im Zuschauerraum Auch im Zuschauerraum hört man bei diesen Worten nur lautes Schluchzen und leises Wimmern. Einige Angehörige oder Freunde der Familie verlassen zwischenzeitlich auch den Gerichtssaal. Eine junge Sicherheitsbeamtin, die gleich am Eingang des Gerichtssaals sitzt, greift sich eine Wasserflasche und eilt zu einer älteren Frau, die vor lauter Trauer inzwischen laut wimmert und aufschreit. Währenddessen erzählt Yüksel K. weiter und beschreibt die Familienverhältnisse, sie geht auf die Vorgeschichte ein, wie es Richter Georg Zimmermann wünscht. Ercan K. und seine Familie seien „sehr westlich aufgewachsen, und voll integriert", sie hätten auch viele deutsche Freunde. Als Moslem würde sie sich selbst nicht bezeichnen. „Wir sind Aleviten, das ist uns nicht so wichtig. Das trifft für beide Familien zu," sagt sie. Sie erzählt dem Gericht, was sich vor der eigentlichen Bluttat ereignet habe. Drei Tage zuvor hätten sich alle noch bei ihr zu Hause getroffen, sie hatte zum Kaffeetrinken eingeladen. Zu Viert hätten ihre beiden Geschwister sowie Sati und Ercan noch auf der Terrasse zusammengesessen. „Das wurde ganz schön laut zwischendurch. Doch sie wollte da nicht lauschen. Später habe sie gehört, dass es wieder um Geld gegangen sei. Dann habe man vereinbart, dass sie mit ihrem Schwager am nächsten Tag zum Anwaltstermin nach Bremen fahren soll – er habe sie gefragt. Sati sei von ihrem Bruder gefahren worden. „Meine Schwester wollte 60.000 Euro, mehr aber nicht. Außerdem ging es um einen Teil des Goldes, das man zur Hochzeit geschenkt bekommt. Auch davon wollte sie nur einen Anteil", so Yüksel K. So berichteten die Medien über die Bluttat - lesen Sie hier. Ihre Schwester bekomme eine Rente in Deutschland in Höhe von 1.400 Euro und in der Türkei eine weitere in Höhe von 300 Euro. Sie wollte sich später mit dem Geld in der Türkei ein Haus kaufen und dort leben, so die Schwester. „Mit einer solchen Rente bist du dort Millionär." Dies sei bei dem Anwaltstermin in Bremen vor dem eigentlichen Tattag so vereinbart worden. Bei der Rückfahrt von Bremen fielen nur noch Schimpfworte Bei der Rückfahrt aus Bremen seien die ganze Zeit nur Schimpfworte von Ercan K. in Richtung seiner Frau gefallen. Yüksel K. wollte nur noch schnell nach Hause fahren, um diesem Problem aus dem Wege zu gehen. Geld habe bei ihrem Schwager immer eine große Rolle gespielt. Wenn Zuhause einmal zwei Butterstücke gleichzeitig genutzt wurden oder drei Kilo Zucker im Vorrat waren, habe es schon immer Ärger gegeben, weiß die Schwägerin von ihrer Schwester. Dennoch habe man Ercan nicht ausgegrenzt. „Auch ihn haben wir geliebt, wir haben ihn aufgenommen in unserer Familie", sagt sie. Schließlich sei er ja Teil der Familie gewesen. Mittwochabend habe man noch einmal zusammengesessen. Dann sei Ercan plötzlich gegangen, habe aber erzählt, er wolle wieder kommen. „Dass er sich dann nicht mehr sehen ließ, haben wir nicht so wahrgenommen", erinnert sich die Zeugin. Sati K. und Bruder Muahrem seien nach Paderborn gefahren, wo er eine Freundin habe, mit der sich auch Sati gut verstanden habe. „Man konnte ihnen ihr Glück richtig ansehen", so Yüksel K. Gegen 11.43 Uhr rief Ecan K. an und sagte: „Ich habe etwas Schlimmes getan." Ihr sei aufgefallen, dass etwas mit der Stimme „nicht so ganz normal war". Sie habe Angst bekommen, dass er sich etwas antun könnte. Daraufhin fiel noch ein Satz: „Ich habe gezogen und geschossen". Wo er denn jetzt sei, wollte sie wissen: „Ich bin mal hier und mal dort. Jetzt bin ich hier am See in Lavelsloh", antwortete er. Dann war das Gespräch beendet. Mit einem nachgemachten Schlüssel habe er sich Zugang zur Wohnung von Sati an der Rahdener Straße verschafft, fand die Schwägerin heraus. Zwei Mal sei er dort gewesen und habe niemanden angetroffen. Eine unglaubliche Situation Dann am Donnerstag sei er bereits um 8 Uhr da gewesen und habe gewartet, bis beide hereinkamen, so hatte Ercan K. berichtet. Für die Schwägerin war das so unglaublich, dass sie ihren Mann anrief, mit dem sie dann nach Espelkamp gefahren sei. „Erst als ich den Rettungshubschrauber, die Sanitäter und die Polizei sah, habe ich es geglaubt." Sie habe dann nur noch wissen wollen, wo Bruder und Schwester seien und was ihnen geschehen sei. Dann wollte sie nur nach nach Hause und zu ihren Kindern, um die sie jetzt Angst hatte. Im Übrigen sei auch ihr Schwager vor sechs Jahren fremdgegangen. Nachdem er von seiner Frau gefragt wurde, ob er zu dieser Frau stehe, habe er sich zunächst für sie entschieden. Nach einem Unglücksfall mit der jüngsten Tochter sei er dann wieder zu Sati K. zurückgekehrt. Doch als sie vor einem knappen Jahr dann doch ausgezogen war, wollte sie nichts mehr von Ercan K. wissen. Sie bekannte sich zu ihrem neuen Freund, der aus Istanbul stammt und den sie im Internet kennengelernt habe. Obwohl Ercan K. immer wieder vor der Tür der neuen Wohnung seiner Frau stand, machte sie ihm nicht mehr auf, weiß ihre Schwester. Einmal wollte er mit ihr Kaffee trinken. „Da ließ Sati eine volle Tasse ganz vorsichtig mit einem selbst gebastelten Halteseil herunter", berichtet Yüksel K. in Bielefeld. Am Montag, 17. Januar, wird der Prozess um 13 Uhr vor dem Landgericht fortgesetzt.
Bielefeld / Espelkamp

Telefonat nach Bluttat in Espelkamp - das ganze Drama in einer Zeugenaussage

Die Strafsache Erkan K. wird wegen zweifachen Mordes in Espelkamp am Landgericht Bielefeld verhandelt. © Barbara Franke

Bielefeld/Espelkamp. So richtig wusste Yüksel K. vorm Vorsitzenden Richter Georg Zimmermann gar nicht, wo sie anfangen sollte. So viel hatte sie zu erzählen. Vor der 1. Strafkammer des Bielefelder Landgerichts war in Sachen Ercan K. und seiner zwei tödlichen Schüsse, mit der er im Juni 2021 in der Espelkamper Innenstadt seine Frau Sati K. und deren Bruder Muahrem erschoss, der dritte Verhandlungstag angesagt. Rund zweieinhalb Stunden sagte die 45-Jährige aus und gab Einblicke in ein sehr turbulentes Eheleben wie auch in die Familienstruktur. Deutlich wurde in ihrer Aussage auch die eher zerrissene und zum Teil widersprüchliche Natur des Täters. Immer wieder musste sie innehalten, weil sie von Weinkrämpfen geschüttelt wurde.

„Mein Schwager hat unsere ganze Familie völlig zerstört", sagte sie auf Nachfrage des Richters. „Meine beiden Geschwister fehlen mir sehr. Wir waren eine kleine Familie, die immer füreinander da war. Noch heute glaube ich an manchen Tagen nicht, dass sich das Fürchterliche ereignet hat." Besonders traurig ist sie, weil ihre Mutter unter der Situation so leidet. „Sei vergisst alles, sie will nur noch sterben." Und ihr 82 Jahre alter Vater, der noch in der Türkei lebt, solle eigentlich jetzt nach Deutschland kommen, weil er auch krank sei. „Doch er kann den Flug nicht mehr ertragen. Er weint nur noch innerlich", sagt die 45-jährige Frau voller Verzweiflung.

Dramatische Szenen im Zuschauerraum


Auch im Zuschauerraum hört man bei diesen Worten nur lautes Schluchzen und leises Wimmern. Einige Angehörige oder Freunde der Familie verlassen zwischenzeitlich auch den Gerichtssaal. Eine junge Sicherheitsbeamtin, die gleich am Eingang des Gerichtssaals sitzt, greift sich eine Wasserflasche und eilt zu einer älteren Frau, die vor lauter Trauer inzwischen laut wimmert und aufschreit. Währenddessen erzählt Yüksel K. weiter und beschreibt die Familienverhältnisse, sie geht auf die Vorgeschichte ein, wie es Richter Georg Zimmermann wünscht. Ercan K. und seine Familie seien „sehr westlich aufgewachsen, und voll integriert", sie hätten auch viele deutsche Freunde. Als Moslem würde sie sich selbst nicht bezeichnen. „Wir sind Aleviten, das ist uns nicht so wichtig. Das trifft für beide Familien zu," sagt sie.

Sie erzählt dem Gericht, was sich vor der eigentlichen Bluttat ereignet habe. Drei Tage zuvor hätten sich alle noch bei ihr zu Hause getroffen, sie hatte zum Kaffeetrinken eingeladen. Zu Viert hätten ihre beiden Geschwister sowie Sati und Ercan noch auf der Terrasse zusammengesessen. „Das wurde ganz schön laut zwischendurch. Doch sie wollte da nicht lauschen. Später habe sie gehört, dass es wieder um Geld gegangen sei. Dann habe man vereinbart, dass sie mit ihrem Schwager am nächsten Tag zum Anwaltstermin nach Bremen fahren soll – er habe sie gefragt. Sati sei von ihrem Bruder gefahren worden. „Meine Schwester wollte 60.000 Euro, mehr aber nicht. Außerdem ging es um einen Teil des Goldes, das man zur Hochzeit geschenkt bekommt. Auch davon wollte sie nur einen Anteil", so Yüksel K.

So berichteten die Medien über die Bluttat - lesen Sie hier.

Ihre Schwester bekomme eine Rente in Deutschland in Höhe von 1.400 Euro und in der Türkei eine weitere in Höhe von 300 Euro. Sie wollte sich später mit dem Geld in der Türkei ein Haus kaufen und dort leben, so die Schwester. „Mit einer solchen Rente bist du dort Millionär." Dies sei bei dem Anwaltstermin in Bremen vor dem eigentlichen Tattag so vereinbart worden.

Bei der Rückfahrt von Bremen fielen nur noch Schimpfworte

Bei der Rückfahrt aus Bremen seien die ganze Zeit nur Schimpfworte von Ercan K. in Richtung seiner Frau gefallen. Yüksel K. wollte nur noch schnell nach Hause fahren, um diesem Problem aus dem Wege zu gehen. Geld habe bei ihrem Schwager immer eine große Rolle gespielt. Wenn Zuhause einmal zwei Butterstücke gleichzeitig genutzt wurden oder drei Kilo Zucker im Vorrat waren, habe es schon immer Ärger gegeben, weiß die Schwägerin von ihrer Schwester. Dennoch habe man Ercan nicht ausgegrenzt. „Auch ihn haben wir geliebt, wir haben ihn aufgenommen in unserer Familie", sagt sie. Schließlich sei er ja Teil der Familie gewesen. Mittwochabend habe man noch einmal zusammengesessen. Dann sei Ercan plötzlich gegangen, habe aber erzählt, er wolle wieder kommen. „Dass er sich dann nicht mehr sehen ließ, haben wir nicht so wahrgenommen", erinnert sich die Zeugin.

Sati K. und Bruder Muahrem seien nach Paderborn gefahren, wo er eine Freundin habe, mit der sich auch Sati gut verstanden habe. „Man konnte ihnen ihr Glück richtig ansehen", so Yüksel K. Gegen 11.43 Uhr rief Ecan K. an und sagte: „Ich habe etwas Schlimmes getan." Ihr sei aufgefallen, dass etwas mit der Stimme „nicht so ganz normal war". Sie habe Angst bekommen, dass er sich etwas antun könnte. Daraufhin fiel noch ein Satz: „Ich habe gezogen und geschossen". Wo er denn jetzt sei, wollte sie wissen: „Ich bin mal hier und mal dort. Jetzt bin ich hier am See in Lavelsloh", antwortete er. Dann war das Gespräch beendet. Mit einem nachgemachten Schlüssel habe er sich Zugang zur Wohnung von Sati an der Rahdener Straße verschafft, fand die Schwägerin heraus. Zwei Mal sei er dort gewesen und habe niemanden angetroffen.

Eine unglaubliche Situation

Dann am Donnerstag sei er bereits um 8 Uhr da gewesen und habe gewartet, bis beide hereinkamen, so hatte Ercan K. berichtet. Für die Schwägerin war das so unglaublich, dass sie ihren Mann anrief, mit dem sie dann nach Espelkamp gefahren sei. „Erst als ich den Rettungshubschrauber, die Sanitäter und die Polizei sah, habe ich es geglaubt." Sie habe dann nur noch wissen wollen, wo Bruder und Schwester seien und was ihnen geschehen sei. Dann wollte sie nur nach nach Hause und zu ihren Kindern, um die sie jetzt Angst hatte. Im Übrigen sei auch ihr Schwager vor sechs Jahren fremdgegangen. Nachdem er von seiner Frau gefragt wurde, ob er zu dieser Frau stehe, habe er sich zunächst für sie entschieden.

Nach einem Unglücksfall mit der jüngsten Tochter sei er dann wieder zu Sati K. zurückgekehrt. Doch als sie vor einem knappen Jahr dann doch ausgezogen war, wollte sie nichts mehr von Ercan K. wissen. Sie bekannte sich zu ihrem neuen Freund, der aus Istanbul stammt und den sie im Internet kennengelernt habe. Obwohl Ercan K. immer wieder vor der Tür der neuen Wohnung seiner Frau stand, machte sie ihm nicht mehr auf, weiß ihre Schwester. Einmal wollte er mit ihr Kaffee trinken. „Da ließ Sati eine volle Tasse ganz vorsichtig mit einem selbst gebastelten Halteseil herunter", berichtet Yüksel K. in Bielefeld.

Am Montag, 17. Januar, wird der Prozess um 13 Uhr vor dem Landgericht fortgesetzt.

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