Statistisch jeder zweite Polizist Opfer von Gewalt: So groß ist das Problem Lukas Brekenkamp Bielefeld. In NRW ist im vergangenen Jahr statistisch gesehen etwa jeder zweite Polizeibeamte Opfer von Gewalt geworden. Das geht aus dem Lagebild "Gewalt gegen Polizeivollzugsbeamtinnen und Polizeivollzugsbeamte 2021" hervor. Die Polizei und die Innenpolitik zeigen sich besorgt. Ein betrunkener Mann randaliert in seiner Wohnung, verpasst einem eintreffenden Polizeibeamten später Tritte, Schläge und Kopfstöße. Ein Graffiti-Sprayer leistet bei seiner Verhaftung derart Widerstand, dass ein Polizist an der Hand schwer verletzt wird. Ein Fahrradfahrer greift bei einer Kontrolle plötzlich einen Beamten an. Drei Beispiele, von vielen, welche Form von Gewalt die Ordnungshüter in NRW tagtäglich fürchten müssen. Immerhin sind die Zahlen alarmierend: Denn im vergangenen Jahr haben tätliche Angriffe auf Polizeibeamte zugenommen. Mehr als 2.000 solche Fälle wurden 2021 registriert - im Jahr zuvor waren es etwa 1.700. Insgesamt wurden 18.183 Polizisten im vergangenen Jahr Opfer von Gewalt - die Zahl hat sich im Vergleich zum Vorjahr kaum verändert. Bei etwas mehr als 40.000 Polizeibeamten im Land NRW, ist statistisch jeder zweite Polizist Opfer von Gewalt geworden. Die meisten Beamten wurden Opfer von sogenannten Widerstandshandlungen (11.000 Fälle) - zu schweren oder gefährlichen Körperverletzungen kam es zudem in mehr als 800 Fällen. Rückläufig ist dagegen die Zahl aller Verfahren gesunken, von mehr als 8.000 auf etwa 7.500. Erschreckend: In 32 Fällen wurde im vergangenen Jahr ein Polizist mit einer Schusswaffe gedroht - in acht Fällen wurde auf die Beamten geschossen. "Die Zahl der Fälle, bei denen Polizisten in NRW Opfer von Gewalt wurden, stagniert leider seit Jahren auf einem viel zu hohen Niveau. Tätliche Angriffe auf Beamte haben sogar um fast ein Fünftel zugenommen", resümiert NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) gegenüber nw.de. "Die Vorstellung, dass 2021 statistisch fast jeder zweite Polizeibeamte Opfer von Gewalt wurde, finde ich unerträglich." "Respektlosigkeit nimmt zu" Erich Rettinghaus, NRW-Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, sagt: "Die Respektlosigkeit nimmt anscheinend immer mehr zu. Wir merken immer öfter im Dienst, dass Anweisungen der Polizei nicht folge geleistet werden." Gerade, wenn Alkohol und Drogen im Spiel sind, werde die Situation noch problematischer. "Da stoßen wir regelmäßig an unsere Grenzen." Er betont: "Selbst bei Verkehrskontrollen oder Delikten wie Ruhestörung müssen wir damit rechnen, dass unser Gegenüber eine Grenze überschreiten und Gewalt anwenden könnte." Die Sorge davor schwirre mittlerweile bei vielen Kollegen im Einsatz mit. Unter den insgesamt 6.700 Tatverdächtigen, die Gewalttaten gegenüber Polizisten begangen haben sollen, befinden sich vor allem Männer im Alter zwischen 25 und 40 Jahren. Die meisten sollen unter Alkoholeinfluss gehandelt haben. Mehr als 40 Verdächtige waren 14 Jahre oder jünger. Lösung: Taser? Rettinghaus sieht eine Lösung des Problems in den sogenannten Teasern, also Elektroschockpistolen. "Die Zahlen zeigen es: Alleine schon durch die Androhung, den Taser zu nutzen, kommt es zu deutlich weniger Vorfällen und zu weniger Verletzten", sagt Rettinghaus. "Die Landesregierung darf nicht tatenlos zuschauen, wenn Polizeibeamte in NRW jeden Tag rund 50 Mal Opfer von Gewalt werden", betont der innenpolitische Sprecher der FDP, Marc Lürbke aus Paderborn, dieser Redaktion. "Strafverfahren müssen daher schneller, verbindlicher und spürbarer werden. Sonst bleiben am Ende feixende Täter und frustrierte Beamte, die sich im Stich gelassen fühlen." Oftmals dauere es über ein Jahr bis gewalttätige Angreifer überhaupt verurteilt werden. Das sei keine Abschreckung. "Ich kann mich nur schwer damit abfinden, dass jemand, der geblitzt wird, binnen Wochen eine staatliche Reaktion erhält. Derjenige, der einen Polizisten gezielt angreift, selbst bei klarem Tatbestand nicht selten ein Jahr und mehr auf eine staatliche Antwort warten muss", so Lürbke weiter.
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Statistisch jeder zweite Polizist Opfer von Gewalt: So groß ist das Problem

Zu solchen Szenen gegen Polizisten kommt es in NRW immer wieder. (Symbolbild) © Carsten Rehder

Bielefeld. In NRW ist im vergangenen Jahr statistisch gesehen etwa jeder zweite Polizeibeamte Opfer von Gewalt geworden. Das geht aus dem Lagebild "Gewalt gegen Polizeivollzugsbeamtinnen und Polizeivollzugsbeamte 2021" hervor. Die Polizei und die Innenpolitik zeigen sich besorgt.

Ein betrunkener Mann randaliert in seiner Wohnung, verpasst einem eintreffenden Polizeibeamten später Tritte, Schläge und Kopfstöße. Ein Graffiti-Sprayer leistet bei seiner Verhaftung derart Widerstand, dass ein Polizist an der Hand schwer verletzt wird. Ein Fahrradfahrer greift bei einer Kontrolle plötzlich einen Beamten an. Drei Beispiele, von vielen, welche Form von Gewalt die Ordnungshüter in NRW tagtäglich fürchten müssen.

Immerhin sind die Zahlen alarmierend: Denn im vergangenen Jahr haben tätliche Angriffe auf Polizeibeamte zugenommen. Mehr als 2.000 solche Fälle wurden 2021 registriert - im Jahr zuvor waren es etwa 1.700. Insgesamt wurden 18.183 Polizisten im vergangenen Jahr Opfer von Gewalt - die Zahl hat sich im Vergleich zum Vorjahr kaum verändert. Bei etwas mehr als 40.000 Polizeibeamten im Land NRW, ist statistisch jeder zweite Polizist Opfer von Gewalt geworden. Die meisten Beamten wurden Opfer von sogenannten Widerstandshandlungen (11.000 Fälle) - zu schweren oder gefährlichen Körperverletzungen kam es zudem in mehr als 800 Fällen.

Rückläufig ist dagegen die Zahl aller Verfahren gesunken, von mehr als 8.000 auf etwa 7.500. Erschreckend: In 32 Fällen wurde im vergangenen Jahr ein Polizist mit einer Schusswaffe gedroht - in acht Fällen wurde auf die Beamten geschossen.

"Die Zahl der Fälle, bei denen Polizisten in NRW Opfer von Gewalt wurden, stagniert leider seit Jahren auf einem viel zu hohen Niveau. Tätliche Angriffe auf Beamte haben sogar um fast ein Fünftel zugenommen", resümiert NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) gegenüber nw.de. "Die Vorstellung, dass 2021 statistisch fast jeder zweite Polizeibeamte Opfer von Gewalt wurde, finde ich unerträglich."

"Respektlosigkeit nimmt zu"

Erich Rettinghaus, NRW-Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, sagt: "Die Respektlosigkeit nimmt anscheinend immer mehr zu. Wir merken immer öfter im Dienst, dass Anweisungen der Polizei nicht folge geleistet werden." Gerade, wenn Alkohol und Drogen im Spiel sind, werde die Situation noch problematischer. "Da stoßen wir regelmäßig an unsere Grenzen." Er betont: "Selbst bei Verkehrskontrollen oder Delikten wie Ruhestörung müssen wir damit rechnen, dass unser Gegenüber eine Grenze überschreiten und Gewalt anwenden könnte." Die Sorge davor schwirre mittlerweile bei vielen Kollegen im Einsatz mit.

Unter den insgesamt 6.700 Tatverdächtigen, die Gewalttaten gegenüber Polizisten begangen haben sollen, befinden sich vor allem Männer im Alter zwischen 25 und 40 Jahren. Die meisten sollen unter Alkoholeinfluss gehandelt haben. Mehr als 40 Verdächtige waren 14 Jahre oder jünger.

Lösung: Taser?

Rettinghaus sieht eine Lösung des Problems in den sogenannten Teasern, also Elektroschockpistolen. "Die Zahlen zeigen es: Alleine schon durch die Androhung, den Taser zu nutzen, kommt es zu deutlich weniger Vorfällen und zu weniger Verletzten", sagt Rettinghaus.

"Die Landesregierung darf nicht tatenlos zuschauen, wenn Polizeibeamte in NRW jeden Tag rund 50 Mal Opfer von Gewalt werden", betont der innenpolitische Sprecher der FDP, Marc Lürbke aus Paderborn, dieser Redaktion. "Strafverfahren müssen daher schneller, verbindlicher und spürbarer werden. Sonst bleiben am Ende feixende Täter und frustrierte Beamte, die sich im Stich gelassen fühlen." Oftmals dauere es über ein Jahr bis gewalttätige Angreifer überhaupt verurteilt werden. Das sei keine Abschreckung. "Ich kann mich nur schwer damit abfinden, dass jemand, der geblitzt wird, binnen Wochen eine staatliche Reaktion erhält. Derjenige, der einen Polizisten gezielt angreift, selbst bei klarem Tatbestand nicht selten ein Jahr und mehr auf eine staatliche Antwort warten muss", so Lürbke weiter.

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