„Sie stehen im Weg": Wie Querdenker das Leid der Flutopfer ausnutzen Felix Huesmann Wenn das Leid am größten ist, schlägt ihre Stunde. Die Hochwasser-Katastrophe, die in Teilen von Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz für Verwüstung und mindestens 170 Tote gesorgt hat, kommt einigen „Querdenkern" offenbar gelegen. Schon seit Tagen mobilisieren Anführer der Szene in das besonders hart getroffene Ahrweiler. Verschwörungsideologen, Impfgegner und Neonazi-Aktivisten laufen durch den verwüsteten Ort, drehen Videos, die sie an ihre Zehntausenden Anhänger in der Messenger-App Telegram verschicken. Angeblich wollen sie helfen. Doch für die Behörden sind sie vor allem eine Last. Besonders auffallen würden die uerdenker" und Rechtsextremen in Ahrweiler nicht, sagt Sascha K., der in einem benachbarten Dorf wohnt und seit vergangenem Donnerstag täglich als ehrenamtlicher Helfer im Einsatz ist. Man sehe vor allem einzelne bekannte Personen aus der Szene, die sich für ihre Videos an besonders verwüsteten Stellen nahe der Ahr aufstellten. „Dort stehen sie denen, die arbeiten wollen, im Weg", sagt K., der nicht mit vollem Namen genannt werden möchte, um nicht selbst in den Blick der „Querdenker" zu geraten. Selfies und Interviews Hier ein Selfie, da ein Interview mit einem rechtsradikalen Mitstreiter. Vielen der nach Ahrweiler gereisten Szene-Promis scheint es vor allem um die Selbstinszenierung zu gehen. Und auch ihren Aktivismus gegen die Corona-Impfungen stellen manche „Querdenker" selbst bei der vermeintlichen Katastrophenhilfe nicht hintan. In den Sozialen Medien laufen sie gegen ein jüngst eingerichtetes mobiles Impfzentrum in Ahrweiler Sturm – die Behörden wollen dort einem Superspreader-Event nach der Hochwasser-Katastrophe vorbeugen. Und auch vor Ort gab es bereits erste Störungen: Ein seit Dienstag allein bei Telegram mehr als 78.000 Mal angesehenes Video zeigt, wie ein Impfgegner mindestens eine Stunde lang vor dem Impfzentrum auf und ab geht, Helferinnen und Helfer und Impfwillige ungefragt filmt und beleidigt. In den vergangenen Tagen fuhren einzelne der Aktivisten, die sonst gegen Corona-Maßnahmen demonstrieren, sogar mit einem an ein Polizeifahrzeug erinnernden Wagen durch das Katastrophengebiet und behaupteten per Lautsprecherdurchsage, Polizei und Rettungskräfte zögen sich aus dem Gebiet zurück. Eine Falschmeldung, wie die Polizei Koblenz auf Twitter klarstellt. Die Botschaft der Behörde: „Wir sind ununterbrochen da!" Im Auge der Polizei Einsatzkräfte und Hunderte ehrenamtliche Helfer seien jeden Tag rund um die Uhr gemeinsam im Hilfseinsatz, berichtet Sascha K. Die Feuerwehr könne nicht überall gleichzeitig sein,müsse priorisieren. Die Enttäuschung der Bürgerinnen und Bürger, die länger auf Hilfe warten müssen, würden die „Querdenker" nun instrumentalisieren. Die Gruppe aus Corona-Maßnahmengegner, Verschwörungsgläubigen und bekannten Neonazis hat ihr Lager in einer Grundschule in Ahrweiler aufgeschlagen. Die Polizei war dort bereits im Einsatz, hat weiterhin ein Auge auf die „Querdenker". Eine Grundlage, gegen sie vorzugehen, sieht sie jedoch nicht. Warum eine Gruppe, zu der auch Holocaustleugner gehören, sich über mehrere Tage ungehindert in einer staatlichen Grundschule aufhalten kann, beantwortete das rheinland-pfälzische Innenministerium auf Anfrage dieser Redaktion bislang nicht. Behinderung der Hilfskräfte ist strafbar „Dass Querdenker, Reichsbürger, Holocaustleugner und andere Rechtsextremisten vor dem Leid der Menschen und der Tragödie des Hochwassers versuchen, ihren persönlichen Tag X zu zelebrieren, ist einfach schamlos", sagte der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Konstantin von Notz. Anpackende Hilfe sei derzeit unverzichtbar, eine Behinderung der Einsatzkräfte und bewusste Schwächung staatlicher Infrastrukturen sei jedoch nicht nur kontraproduktiv, sondern unter Umständen auch strafbar. Auch eine Spendensammlung aus der Szene läuft indes weiter: Mehr als 600.000 Euro sind bei der Sammelaktion des Arztes Bodo Schiffmann bereits zusammengekommen. Schiffmann ist HNO-Arzt und seit dem vergangenen Jahr als Protagonist der Corona-Leugner bekannt geworden. Wegen falscher Maskenatteste und des Verdachts der Volksverhetzung geriet er ins Visier der Strafverfolgungsbehörden. Mit dem Geld, das er auf seinem privaten Paypal-Konto sammelt, will Schiffmann offenbar besonders Gleichgesinnten helfen. Er biete allen Bauunternehmen vor Ort Unterstützung an, schreibt Schiffmann auf Telegram, aber unter einer Bedingung: Die „Diskriminierung von Menschen die sich gegen eine Impfung oder das Tragen von Masken entscheiden", sei sofort zu beenden. Wenige Sätze später ruft Schiffmann dann dazu auf, am 1. August zu einer „Querdenker"-Demonstration nach Berlin zu reisen. Die Prioritäten scheinen klar gesetzt.

„Sie stehen im Weg": Wie Querdenker das Leid der Flutopfer ausnutzen

In den Krisengebieten ist dringend tatkräftige Unterstützung gebraucht. © picture alliance/dpa

Wenn das Leid am größten ist, schlägt ihre Stunde. Die Hochwasser-Katastrophe, die in Teilen von Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz für Verwüstung und mindestens 170 Tote gesorgt hat, kommt einigen „Querdenkern" offenbar gelegen. Schon seit Tagen mobilisieren Anführer der Szene in das besonders hart getroffene Ahrweiler. Verschwörungsideologen, Impfgegner und Neonazi-Aktivisten laufen durch den verwüsteten Ort, drehen Videos, die sie an ihre Zehntausenden Anhänger in der Messenger-App Telegram verschicken. Angeblich wollen sie helfen. Doch für die Behörden sind sie vor allem eine Last.

Besonders auffallen würden die uerdenker" und Rechtsextremen in Ahrweiler nicht, sagt Sascha K., der in einem benachbarten Dorf wohnt und seit vergangenem Donnerstag täglich als ehrenamtlicher Helfer im Einsatz ist. Man sehe vor allem einzelne bekannte Personen aus der Szene, die sich für ihre Videos an besonders verwüsteten Stellen nahe der Ahr aufstellten. „Dort stehen sie denen, die arbeiten wollen, im Weg", sagt K., der nicht mit vollem Namen genannt werden möchte, um nicht selbst in den Blick der „Querdenker" zu geraten.

Selfies und Interviews

Hier ein Selfie, da ein Interview mit einem rechtsradikalen Mitstreiter. Vielen der nach Ahrweiler gereisten Szene-Promis scheint es vor allem um die Selbstinszenierung zu gehen. Und auch ihren Aktivismus gegen die Corona-Impfungen stellen manche „Querdenker" selbst bei der vermeintlichen Katastrophenhilfe nicht hintan. In den Sozialen Medien laufen sie gegen ein jüngst eingerichtetes mobiles Impfzentrum in Ahrweiler Sturm – die Behörden wollen dort einem Superspreader-Event nach der Hochwasser-Katastrophe vorbeugen. Und auch vor Ort gab es bereits erste Störungen: Ein seit Dienstag allein bei Telegram mehr als 78.000 Mal angesehenes Video zeigt, wie ein Impfgegner mindestens eine Stunde lang vor dem Impfzentrum auf und ab geht, Helferinnen und Helfer und Impfwillige ungefragt filmt und beleidigt.

In den vergangenen Tagen fuhren einzelne der Aktivisten, die sonst gegen Corona-Maßnahmen demonstrieren, sogar mit einem an ein Polizeifahrzeug erinnernden Wagen durch das Katastrophengebiet und behaupteten per Lautsprecherdurchsage, Polizei und Rettungskräfte zögen sich aus dem Gebiet zurück. Eine Falschmeldung, wie die Polizei Koblenz auf Twitter klarstellt. Die Botschaft der Behörde: „Wir sind ununterbrochen da!"

Im Auge der Polizei

Einsatzkräfte und Hunderte ehrenamtliche Helfer seien jeden Tag rund um die Uhr gemeinsam im Hilfseinsatz, berichtet Sascha K. Die Feuerwehr könne nicht überall gleichzeitig sein,müsse priorisieren. Die Enttäuschung der Bürgerinnen und Bürger, die länger auf Hilfe warten müssen, würden die „Querdenker" nun instrumentalisieren.

Die Gruppe aus Corona-Maßnahmengegner, Verschwörungsgläubigen und bekannten Neonazis hat ihr Lager in einer Grundschule in Ahrweiler aufgeschlagen. Die Polizei war dort bereits im Einsatz, hat weiterhin ein Auge auf die „Querdenker". Eine Grundlage, gegen sie vorzugehen, sieht sie jedoch nicht. Warum eine Gruppe, zu der auch Holocaustleugner gehören, sich über mehrere Tage ungehindert in einer staatlichen Grundschule aufhalten kann, beantwortete das rheinland-pfälzische Innenministerium auf Anfrage dieser Redaktion bislang nicht.

Behinderung der Hilfskräfte ist strafbar

„Dass Querdenker, Reichsbürger, Holocaustleugner und andere Rechtsextremisten vor dem Leid der Menschen und der Tragödie des Hochwassers versuchen, ihren persönlichen Tag X zu zelebrieren, ist einfach schamlos", sagte der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Konstantin von Notz. Anpackende Hilfe sei derzeit unverzichtbar, eine Behinderung der Einsatzkräfte und bewusste Schwächung staatlicher Infrastrukturen sei jedoch nicht nur kontraproduktiv, sondern unter Umständen auch strafbar.

Auch eine Spendensammlung aus der Szene läuft indes weiter: Mehr als 600.000 Euro sind bei der Sammelaktion des Arztes Bodo Schiffmann bereits zusammengekommen. Schiffmann ist HNO-Arzt und seit dem vergangenen Jahr als Protagonist der Corona-Leugner bekannt geworden. Wegen falscher Maskenatteste und des Verdachts der Volksverhetzung geriet er ins Visier der Strafverfolgungsbehörden.

Mit dem Geld, das er auf seinem privaten Paypal-Konto sammelt, will Schiffmann offenbar besonders Gleichgesinnten helfen. Er biete allen Bauunternehmen vor Ort Unterstützung an, schreibt Schiffmann auf Telegram, aber unter einer Bedingung: Die „Diskriminierung von Menschen die sich gegen eine Impfung oder das Tragen von Masken entscheiden", sei sofort zu beenden. Wenige Sätze später ruft Schiffmann dann dazu auf, am 1. August zu einer „Querdenker"-Demonstration nach Berlin zu reisen. Die Prioritäten scheinen klar gesetzt.

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