Schmerzpflaster für Kinder: Jetzt müssen die Eltern zahlen Nicole Sielermann Bad Oeynhausen. Es ist nur ein kleiner Pieks, doch bei Kindern kann er zu lebenslangen Traumata führen. Deshalb verwenden Mediziner allen Ortes die sogenannte Zaubersalbe, um bei ambulanten Operationen möglichst schmerzfrei einen venösen Zugang zu legen. Auch Anästhesist Manfred Buschler aus Eidinghausen hat seit Praxiseröffnung 1993 diese lokalen Betäubungspflaster genutzt - und sie anstandslos über den Sprechstundenbedarf abgerechnet. Bis jetzt. Mit drei Jahren Verzug verweigert die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) die Kostenübernahme für das Jahr 2018. Salbe und Pflaster seien nicht im Leistungskatalog vorgesehen. "Damit wird ein Unterschied zwischen privat und gesetzlich versicherten Kindern gemacht", bemängelt Buschler, der Widerspruch eingelegt hat. 1993 hat Manfred Buschler seine Praxis gegründet und 2020 an seine Nachfolger abgegeben. Nur noch stundenweise ist er inzwischen als angestellter Anästhesist im Einsatz. Es sind vor allem Zahnärzte und Kiefer- und Oralchirurgen, bei denen er vor Ort in den Praxen für die Narkose bei Kindern zuständig ist. "Rund fünf pro Woche" seien es, schätzt der 69-Jährige, gut 200 Kinder-OPs im Jahr. "Es werden zum Beispiel zusätzliche oder auch defekte Zähne entfernt, ebenso werden Lippenbändchen oder Zungenbändchen operiert." Die betroffenen Kinder würden zumeist vom Zahnarzt geschickt, weil es nicht möglich sei, diese Eingriffe ohne Narkose durchzuführen. "Die haben oftmals schon große Angst", weiß Buschler. Und damit diese Angst nicht noch größer wird und womöglich in einer Art Traumata mündet, wird bei den Operationen möglichst schonend vorgegangen. "Die Atemwege müssen sicher sein" "Kinder, die im Mund- oder Rachenraum behandelt werden, können nicht einfach schlafen gelegt werden wie bei anderen Operationen", erklärt Manfred Buschler. "Es muss gewährleistet sein, dass die Atemwege sicher sind und nichts passiert." Ein Zugang, zum Beispiel über die Vene in der Ellenbeuge oder auf dem Handrücken sei dafür das wichtigste Kriterium. "Wenn ich einfach zusteche, habe ich bei den Kindern verschissen", winkt Buschler ab. "Die haben schon Angst, wenn sie nur die Nadel sehen." Also ist Fingerspitzengefühl gefragt. Und die Zaubersalbe. Entweder bereits auf einem fertigen Pflaster oder pur. Beides muss gut eine Stunde vor der OP aufgetragen werden. Für die örtliche Betäubung an der Einstichstelle. "Es ist eine einfache Lösung, um Panik und damit eine stationäre OP mit hohen Kosten zu vermeiden." Schließlich koste ein solches Pflaster lediglich rund drei Euro. Seit 1993 hat Manfred Buschler diese Emla-Pflaster über den Sprechstundenbedarf der Praxis abgerechnet. Bis jetzt. Mit drei Jahren Verzögerung kam nun die Abrechnung für 2018 zurück. "Das kennen wir schon. Die KVWL hinkt bei den Abrechnungen immer gut drei Jahre hinterher", weiß Buschler aus Erfahrung. Auffällig dieses Mal: ein Regressbetrag, resultierend aus den Emla-Pflastern. Rund 530 Euro will der Prüfungsausschuss der Ärzte und Krankenkassen Westfalen-Lippe - angedockt an die KVWL - nicht anerkennen und nicht bezahlen. Die Begründung: Die Emla-Salbe und -Pflaster seien nicht über den Sprechstundenbedarf abzurechnen und würden nur bezahlt, wenn sie als Betäubung für Haut-OPs genutzt werden. Keine Erinnerungen an vor 2017 "Die Lokalanästhetika-Creme und - Pflaster können Ärzte als sogenannten Sprechstundenbedarf abrechnen", erklärt Vanessa Pudlo, Pressesprecherin der KVWL. Zum Sprechstundenbedarf gehörten Verbandsmittel und Arzneimittel, die für mehr als einen Patienten genutzt werden können. Was genau abgerechnet werden dürfe, sei in einem Sprechstundenbedarf-Sachverzeichnis festgehalten. Für Zugänge sei das nicht gestattet. "Werden die Lokalanästhetika bei Kindern für andere Verwendungszwecke als Hautentfernungen genutzt, ist das nicht über den Sprechstundenbedarf gedeckt. Wird es trotzdem abgerechnet, kann dies zu Beanstandungen durch die Prüfstelle führen", so Pudlo. Doch warum erst jetzt, nach 25 Jahren? "Seit 2017 gab es keine Veränderung", erklärt Pudlo auf Nachfrage. Davor ist offenbar in Reihen der KVWL nicht mehr nachzuvollziehen. "Vielleicht ist es vorher nicht aufgefallen", mutmaßt die Sprecherin. Dann muss es nirgendwo aufgefallen sein. Denn Fakt ist, dass nahezu alle niedergelassenen Anästhesisten mit dieser Salbe und diesen Pflastern arbeiten und laut unserer Recherche diese genauso wie Manfred Buschler über den Sprechstundenbedarf abrechnen. Bisher ohne Beanstandungen. "Das sind doch keine Kosten für die Krankenkassen - aber für die Kinder hat es einen ganz enormen Effekt", betont Buschler. Er wird die 530 Euro nun aus eigener Tasche zahlen. "Mir geht es nicht um die 500 Euro - sondern darum, dass nicht alle Kinder gleich behandelt werden. Bei den privat Versicherten wird es bezahlt, bei den gesetzlich Versicherten nicht. Da bleibt nur die Möglichkeit, es den Eltern in Rechnung zu stellen. Doch für manche sind 3,50 Euro außer der Reihe schon viel Geld." Dabei sei die ambulante OP für die Krankenkassen die deutliche günstigere Variante als der Krankenhausaufenthalt, urteilt der Anästhesist.

Schmerzpflaster für Kinder: Jetzt müssen die Eltern zahlen

Die Angst vor der Spritze: damit kleine Kinder keine Traumata entwickeln, kann der Pieks durch eine Betäubungssalbe gemindert werden. © (Symbolbild): Pixabay

Bad Oeynhausen. Es ist nur ein kleiner Pieks, doch bei Kindern kann er zu lebenslangen Traumata führen. Deshalb verwenden Mediziner allen Ortes die sogenannte Zaubersalbe, um bei ambulanten Operationen möglichst schmerzfrei einen venösen Zugang zu legen. Auch Anästhesist Manfred Buschler aus Eidinghausen hat seit Praxiseröffnung 1993 diese lokalen Betäubungspflaster genutzt - und sie anstandslos über den Sprechstundenbedarf abgerechnet. Bis jetzt. Mit drei Jahren Verzug verweigert die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) die Kostenübernahme für das Jahr 2018. Salbe und Pflaster seien nicht im Leistungskatalog vorgesehen. "Damit wird ein Unterschied zwischen privat und gesetzlich versicherten Kindern gemacht", bemängelt Buschler, der Widerspruch eingelegt hat.

1993 hat Manfred Buschler seine Praxis gegründet und 2020 an seine Nachfolger abgegeben. Nur noch stundenweise ist er inzwischen als angestellter Anästhesist im Einsatz. Es sind vor allem Zahnärzte und Kiefer- und Oralchirurgen, bei denen er vor Ort in den Praxen für die Narkose bei Kindern zuständig ist. "Rund fünf pro Woche" seien es, schätzt der 69-Jährige, gut 200 Kinder-OPs im Jahr. "Es werden zum Beispiel zusätzliche oder auch defekte Zähne entfernt, ebenso werden Lippenbändchen oder Zungenbändchen operiert." Die betroffenen Kinder würden zumeist vom Zahnarzt geschickt, weil es nicht möglich sei, diese Eingriffe ohne Narkose durchzuführen. "Die haben oftmals schon große Angst", weiß Buschler. Und damit diese Angst nicht noch größer wird und womöglich in einer Art Traumata mündet, wird bei den Operationen möglichst schonend vorgegangen.

Anästhesist Manfred Buschler aus Bad Oeynhausen. - © Nicole Sielermann
Anästhesist Manfred Buschler aus Bad Oeynhausen. - © Nicole Sielermann

"Die Atemwege müssen sicher sein"

"Kinder, die im Mund- oder Rachenraum behandelt werden, können nicht einfach schlafen gelegt werden wie bei anderen Operationen", erklärt Manfred Buschler. "Es muss gewährleistet sein, dass die Atemwege sicher sind und nichts passiert." Ein Zugang, zum Beispiel über die Vene in der Ellenbeuge oder auf dem Handrücken sei dafür das wichtigste Kriterium. "Wenn ich einfach zusteche, habe ich bei den Kindern verschissen", winkt Buschler ab. "Die haben schon Angst, wenn sie nur die Nadel sehen." Also ist Fingerspitzengefühl gefragt. Und die Zaubersalbe. Entweder bereits auf einem fertigen Pflaster oder pur. Beides muss gut eine Stunde vor der OP aufgetragen werden. Für die örtliche Betäubung an der Einstichstelle. "Es ist eine einfache Lösung, um Panik und damit eine stationäre OP mit hohen Kosten zu vermeiden." Schließlich koste ein solches Pflaster lediglich rund drei Euro.

Ein solches Pflaster wird von Anästhesisten genutzt, damit Kinder weniger Schmerzen haben. - © Hersteller Aspen
Ein solches Pflaster wird von Anästhesisten genutzt, damit Kinder weniger Schmerzen haben. - © Hersteller Aspen

Seit 1993 hat Manfred Buschler diese Emla-Pflaster über den Sprechstundenbedarf der Praxis abgerechnet. Bis jetzt. Mit drei Jahren Verzögerung kam nun die Abrechnung für 2018 zurück. "Das kennen wir schon. Die KVWL hinkt bei den Abrechnungen immer gut drei Jahre hinterher", weiß Buschler aus Erfahrung. Auffällig dieses Mal: ein Regressbetrag, resultierend aus den Emla-Pflastern. Rund 530 Euro will der Prüfungsausschuss der Ärzte und Krankenkassen Westfalen-Lippe - angedockt an die KVWL - nicht anerkennen und nicht bezahlen. Die Begründung: Die Emla-Salbe und -Pflaster seien nicht über den Sprechstundenbedarf abzurechnen und würden nur bezahlt, wenn sie als Betäubung für Haut-OPs genutzt werden.

Keine Erinnerungen an vor 2017

"Die Lokalanästhetika-Creme und - Pflaster können Ärzte als sogenannten Sprechstundenbedarf abrechnen", erklärt Vanessa Pudlo, Pressesprecherin der KVWL. Zum Sprechstundenbedarf gehörten Verbandsmittel und Arzneimittel, die für mehr als einen Patienten genutzt werden können. Was genau abgerechnet werden dürfe, sei in einem Sprechstundenbedarf-Sachverzeichnis festgehalten. Für Zugänge sei das nicht gestattet. "Werden die Lokalanästhetika bei Kindern für andere Verwendungszwecke als Hautentfernungen genutzt, ist das nicht über den Sprechstundenbedarf gedeckt. Wird es trotzdem abgerechnet, kann dies zu Beanstandungen durch die Prüfstelle führen", so Pudlo. Doch warum erst jetzt, nach 25 Jahren? "Seit 2017 gab es keine Veränderung", erklärt Pudlo auf Nachfrage. Davor ist offenbar in Reihen der KVWL nicht mehr nachzuvollziehen. "Vielleicht ist es vorher nicht aufgefallen", mutmaßt die Sprecherin.

Dann muss es nirgendwo aufgefallen sein. Denn Fakt ist, dass nahezu alle niedergelassenen Anästhesisten mit dieser Salbe und diesen Pflastern arbeiten und laut unserer Recherche diese genauso wie Manfred Buschler über den Sprechstundenbedarf abrechnen. Bisher ohne Beanstandungen.

"Das sind doch keine Kosten für die Krankenkassen - aber für die Kinder hat es einen ganz enormen Effekt", betont Buschler. Er wird die 530 Euro nun aus eigener Tasche zahlen. "Mir geht es nicht um die 500 Euro - sondern darum, dass nicht alle Kinder gleich behandelt werden. Bei den privat Versicherten wird es bezahlt, bei den gesetzlich Versicherten nicht. Da bleibt nur die Möglichkeit, es den Eltern in Rechnung zu stellen. Doch für manche sind 3,50 Euro außer der Reihe schon viel Geld." Dabei sei die ambulante OP für die Krankenkassen die deutliche günstigere Variante als der Krankenhausaufenthalt, urteilt der Anästhesist.

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