Rekord-Inzidenz in Espelkamp: "Wir brauchen Verbote" Karsten Schulz,Frank Hartmann Espelkamp. Die immer weiter steigende Inzidenz führt zu einer immer weiter sich verschlechternden Stimmung in der Industriestadt im Grünen. So fühlt sich inzwischen die Mehrheit der Geimpften ausgegrenzt und an den Rand gedrängt. Dafür gibt es verschiedene Gründe, die Anrufer in der NW-Reaktion deutlich zum Ausdruck bringen. So stellten einige Bürger entrüstet fest, dass sie, als sie ein Ferienhaus in einer anderen Region Deutschlands buchen wollten und ihre Postleitzahl angeben mussten, plötzlich den Hinweis erhielten, dass sie aufgrund der hohen Inzidenz in ihrer Stadt eine zu große Gefährdung für andere Gäste darstellten. Das galt auch für Hotelbuchungen und Reisen. „Man hat das Gefühl, man wird in dieser Stadt inzwischen eingesperrt, obwohl man sich an alle Corona-Bestimmungen hält und auch geimpft ist", schimpfte ein Anrufer. Von den Stadtführern Espelkamps hört man, dass Besucher von auswärts ihre Anmeldungen wieder stornieren und den überraschten Stadtführern mitteilen, dass sie gerne wiederkommen würden, wenn sich „das mit der Inzidenz wieder beruhigt hat". Auch Familienfeiern und Partys mussten abgesagt werden, weil sich Ängste über die hohe Infiziertenzahl in Espelkamp breitmachten. Offener Bürgerdialog zum Zusammenleben Vor allem die Geschäftswelt bekommt den Corona-Hotspot Espelkamp stark zu spüren. Viele Geschäfte bleiben leer, obwohl man gerade damit begonnen hatte, die lange Zeit des Lockdowns zu überwinden. Selbst der Marktkauf Espelkamp, der sich nach der Schließung des Marktkaufs Lübbecke auf größere Kundenströme von dort eingestellt hatte, bekommt zu hören, dass man Espelkamp im Augenblick meiden sollte. Es gebe Anfragen, sagt ein Mitarbeiter im NW-Gespräch, wo man denn „ansonsten vernünftig einkaufen kann und die gleichen Waren erhält". Espelkamps Ehrenbürger Horst Eller, der als Stadtdirektor viele Jahre die Verwaltung geprägt hat, nimmt diese in die Verantwortung: „Da müssen der Bürgermeister und die Verwaltung etwas unternehmen und nachforschen, woher diese außergewöhnlich hohe Inzidenz herkommt." Es müsse mit den Gemeindeältesten aller mennonitisch-freikirchlich-baptistischen Gemeinden gesprochen und „viele vertrauensbildende Gespräche geführt werden". Nur so könne man ihnen ins Gewissen reden und schaffe auch Vorurteile aus der Welt, macht er deutlich. Gut sei sicher auch ein „offener Bürgerdialog, der sich mit dem Zusammenleben in Espelkamp befasst". Eller ist aufgefallen, dass in vielen aus der ehemaligen Sowjetunion eingewanderten russlanddeutschen Familien häufig ausschließlich nur russisches Fernsehen und andere russische Medien gesehen und gehört würden. Dort würden westliche Medien oft so dargestellt, als wenn diese nur Fake-News produzierten, so Eller. Daher erkläre sich bei einigen Familien die Distanz zum deutschen Staat und zu den Corona-Bestimmungen. Schritt gegen Impfverweigerer Deutliche Worte findet VHS-Leiterin Anke Steinhauer zur weiterhin besorgniserregenden Entwicklung in Espelkamp. Gemeinsam mit der Stadt hatte die Weiterbildungseinrichtung kürzlich zum Impfdialog aufgerufen und mit einem Arzt die Integrationskurse besucht. Es seien noch viele Fragen offen gewesen, sodass man diese Aktion wiederholen wolle. Auch dies sei ein Schritt gegen die Impfverweigerer, macht sie deutlich. Doch an eine weitaus größere Zahl von ihnen komme man einfach nicht heran. In Espelkamp komme inzwischen Unruhe auf, macht sie deutlich. „Warum sagt der Bürgermeister nichts? Nächste Woche überschreiten wir die 1000er-Inzidenz. Das bekommt man nur noch mit Verboten in den Griff. Bisher haben wir die Füße still gehalten, aber inzwischen will man wissen, was da eigentlich los ist. Wir brauchen die O-Töne." Bisher habe der soziale Frieden in Espelkamp gehalten. Nun habe sie die Befürchtung, dass es immer brenzliger werde: „Wir kriegen es so einfach nicht mehr in den Griff. Das geht nur mit Regeln und Verboten. Es gibt keine anderen Möglichkeiten mehr", sagt Steinhauer. "Keine Handhabe für solche Maßnahmen" Dem widerspricht Bürgermeister Henning Vieker: „Wir sind froh, dass viele Einschränkungen entfallen sind und wir wieder halbwegs normal leben können. Die große Mehrheit der Bürger hat dazu beigetragen, indem sie sich vorbildlich an die jeweils gültigen Regeln gehalten und die Impfangebote wahrgenommen hat. Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass mittlerweile die 7-Tage-Inzidenz nicht mehr der Richtwert für Maßnahmen ist und wir als Stadt somit auch keine Handhabe für solche Maßnahmen haben." Auch einer Diskussionsveranstaltung im Bürgerhaus mit Beteiligung des Bürgermeisters, wie die Organisatoren der sogenannten „Friedensspaziergänge" vorgeschlagen haben, steht Vieker kritisch gegenüber: „Den Organisatoren geht es meines Erachtens nicht um eine sachliche Diskussion, sondern vor allem darum, eine Bühne für sich selbst zu erhalten." Angebote in kleinen Gruppen wie durch die VHS mit dem Impfdialog in der vergangenen Woche halte er für zielführender. Vieker: „Natürlich erfüllen uns die aktuellen Inzidenzwerte mit großer Sorge. Unsere Stadt Espelkamp macht aber deutlich mehr aus!"

Rekord-Inzidenz in Espelkamp: "Wir brauchen Verbote"

Schutzimpfungen gegen Corona werden von einem kleinen Teil der Espelkamper Bevölkerung, aber auch andernorts, rigoros abgelehnt. Hier diskreditiert eine Teilnehmerin des Espelkamper "Friedensspaziergangs" die Möglichkeit, sich impfen zu lassen. © Joern Spreen-Ledebur

Espelkamp. Die immer weiter steigende Inzidenz führt zu einer immer weiter sich verschlechternden Stimmung in der Industriestadt im Grünen. So fühlt sich inzwischen die Mehrheit der Geimpften ausgegrenzt und an den Rand gedrängt. Dafür gibt es verschiedene Gründe, die Anrufer in der NW-Reaktion deutlich zum Ausdruck bringen.

So stellten einige Bürger entrüstet fest, dass sie, als sie ein Ferienhaus in einer anderen Region Deutschlands buchen wollten und ihre Postleitzahl angeben mussten, plötzlich den Hinweis erhielten, dass sie aufgrund der hohen Inzidenz in ihrer Stadt eine zu große Gefährdung für andere Gäste darstellten. Das galt auch für Hotelbuchungen und Reisen. „Man hat das Gefühl, man wird in dieser Stadt inzwischen eingesperrt, obwohl man sich an alle Corona-Bestimmungen hält und auch geimpft ist", schimpfte ein Anrufer.

Von den Stadtführern Espelkamps hört man, dass Besucher von auswärts ihre Anmeldungen wieder stornieren und den überraschten Stadtführern mitteilen, dass sie gerne wiederkommen würden, wenn sich „das mit der Inzidenz wieder beruhigt hat". Auch Familienfeiern und Partys mussten abgesagt werden, weil sich Ängste über die hohe Infiziertenzahl in Espelkamp breitmachten.

Offener Bürgerdialog zum Zusammenleben

Vor allem die Geschäftswelt bekommt den Corona-Hotspot Espelkamp stark zu spüren. Viele Geschäfte bleiben leer, obwohl man gerade damit begonnen hatte, die lange Zeit des Lockdowns zu überwinden. Selbst der Marktkauf Espelkamp, der sich nach der Schließung des Marktkaufs Lübbecke auf größere Kundenströme von dort eingestellt hatte, bekommt zu hören, dass man Espelkamp im Augenblick meiden sollte. Es gebe Anfragen, sagt ein Mitarbeiter im NW-Gespräch, wo man denn „ansonsten vernünftig einkaufen kann und die gleichen Waren erhält".

Espelkamps Ehrenbürger Horst Eller, der als Stadtdirektor viele Jahre die Verwaltung geprägt hat, nimmt diese in die Verantwortung: „Da müssen der Bürgermeister und die Verwaltung etwas unternehmen und nachforschen, woher diese außergewöhnlich hohe Inzidenz herkommt." Es müsse mit den Gemeindeältesten aller mennonitisch-freikirchlich-baptistischen Gemeinden gesprochen und „viele vertrauensbildende Gespräche geführt werden". Nur so könne man ihnen ins Gewissen reden und schaffe auch Vorurteile aus der Welt, macht er deutlich.

Gut sei sicher auch ein „offener Bürgerdialog, der sich mit dem Zusammenleben in Espelkamp befasst". Eller ist aufgefallen, dass in vielen aus der ehemaligen Sowjetunion eingewanderten russlanddeutschen Familien häufig ausschließlich nur russisches Fernsehen und andere russische Medien gesehen und gehört würden. Dort würden westliche Medien oft so dargestellt, als wenn diese nur Fake-News produzierten, so Eller. Daher erkläre sich bei einigen Familien die Distanz zum deutschen Staat und zu den Corona-Bestimmungen.

Schritt gegen Impfverweigerer

Deutliche Worte findet VHS-Leiterin Anke Steinhauer zur weiterhin besorgniserregenden Entwicklung in Espelkamp. Gemeinsam mit der Stadt hatte die Weiterbildungseinrichtung kürzlich zum Impfdialog aufgerufen und mit einem Arzt die Integrationskurse besucht. Es seien noch viele Fragen offen gewesen, sodass man diese Aktion wiederholen wolle. Auch dies sei ein Schritt gegen die Impfverweigerer, macht sie deutlich. Doch an eine weitaus größere Zahl von ihnen komme man einfach nicht heran. In Espelkamp komme inzwischen Unruhe auf, macht sie deutlich.

„Warum sagt der Bürgermeister nichts? Nächste Woche überschreiten wir die 1000er-Inzidenz. Das bekommt man nur noch mit Verboten in den Griff. Bisher haben wir die Füße still gehalten, aber inzwischen will man wissen, was da eigentlich los ist. Wir brauchen die O-Töne." Bisher habe der soziale Frieden in Espelkamp gehalten. Nun habe sie die Befürchtung, dass es immer brenzliger werde: „Wir kriegen es so einfach nicht mehr in den Griff. Das geht nur mit Regeln und Verboten. Es gibt keine anderen Möglichkeiten mehr", sagt Steinhauer.

"Keine Handhabe für solche Maßnahmen"

Dem widerspricht Bürgermeister Henning Vieker: „Wir sind froh, dass viele Einschränkungen entfallen sind und wir wieder halbwegs normal leben können. Die große Mehrheit der Bürger hat dazu beigetragen, indem sie sich vorbildlich an die jeweils gültigen Regeln gehalten und die Impfangebote wahrgenommen hat. Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass mittlerweile die 7-Tage-Inzidenz nicht mehr der Richtwert für Maßnahmen ist und wir als Stadt somit auch keine Handhabe für solche Maßnahmen haben."

Auch einer Diskussionsveranstaltung im Bürgerhaus mit Beteiligung des Bürgermeisters, wie die Organisatoren der sogenannten „Friedensspaziergänge" vorgeschlagen haben, steht Vieker kritisch gegenüber: „Den Organisatoren geht es meines Erachtens nicht um eine sachliche Diskussion, sondern vor allem darum, eine Bühne für sich selbst zu erhalten." Angebote in kleinen Gruppen wie durch die VHS mit dem Impfdialog in der vergangenen Woche halte er für zielführender. Vieker: „Natürlich erfüllen uns die aktuellen Inzidenzwerte mit großer Sorge. Unsere Stadt Espelkamp macht aber deutlich mehr aus!"

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