"Schieflage entstanden" Pflegerin aus OWL sauer: Impfzentren zahlen doppelten Kliniklohn Wechselt eine Pflegekraft vom Krankenhaus ins Impfzentrum, kann sie ihren Stundenlohn von 21 auf 40 Euro erhöhen. Manuela P. aus OWL legt ihr Gehalt offen und kritisiert die mangelnde Wertschätzung. Carolin Nieder-Entgelmeier Bielefeld/Düsseldorf. Die Corona-Pandemie belastet das Personal im gesamten Gesundheitswesen bis heute massiv. Trotzdem engagieren sich viele Ärzte, Pfleger und andere medizinische Fachkräfte zusätzlich in Impfzentren, um möglichst viele Menschen möglichst schnell mit Impfungen vor dem Coronavirus zu schützen. Dazu zählt 2021 auch Krankenpflegerin Manuela P. (Name von der Redaktion geändert), die sich neben ihrer Vollzeitstelle in einem Krankenhaus in OWL neun Monaten lang in einem Impfzentrum engagiert. Im November erhält sie dann das Angebot, Vollzeit im Impfzentrum zu arbeiten, geboten werden ihr 40 Euro pro Stunde. Eine Verdienstmöglichkeit, die sie fassungslos macht, denn als Krankenpflegerin im Krankenhaus verdient sie nicht einmal 22 Euro pro Stunde. „Nennt die Politik das Wertschätzung?" Manuela P. ist sauer: „Immer wieder heißt es, dass kein Geld da ist, um Verdienstmöglichkeiten und Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen oder den vielen anderen wichtigen Bereichen wie Polizei, Bildung oder Bundeswehr zu verbessern. Doch für deutlich anspruchslosere Tätigkeiten im Impfzentrum ist ein Stundenlohn von 40 Euro möglich. Das passt nicht, hier ist eine Schieflage entstanden." Ihre Erfahrungen, die sie als Krankenpflegerin im Krankenhaus und im Impfzentrum macht, offenbaren eklatante Unterschiede. 2.800 Euro Gehaltsunterschied pro Monat Nach fünfjähriger Ausbildung zur Fachkrankenpflegerin für Notfallpflege arbeitet P. seit vielen Jahren in der Notaufnahme eines Krankenhauses in OWL im Schichtdienst. „In der Pflege arbeiten wir bis zu 11,5 Stunden pro Schicht, zwölf bis 18 Tage am Stück, machen jeden Tag Überstunden, springen ständig ein und haben täglich andere Arbeitszeiten." Außerdem fehle es an festen Pausenzeiten, Sozialraum und Personaltoilette. Und trotz des täglichen Umgangs mit Leid und Tod sei kein Austausch möglich. „Wir werden in der Notaufnahme auch regelmäßig angegriffen, aber für einen Sicherheitsdienst fehlt das Geld", moniert P. „In der Folge all dessen bleibt das Privatleben komplett auf der Strecke. Als Mutter oder Vater Kinder im Homeschooling unterstützen, ist in diesem Beruf nicht möglich." Pro Monat verdient P. für diese Aufgabe 3.330 Euro brutto, inklusive aller Zuschläge für Dienste in der Nacht, am Wochenende und an Feiertagen sowie dem Kinderzuschlag. Bei einer Arbeitswoche von 38,5 Stunden entspricht das einem Stundenlohn von etwa 21 Euro. Im Durchschnitt verdienen Krankenpfleger in Kliniken in Deutschland 3.533 Euro brutto im Monat. Im Impfzentrum verdient P., die von Januar bis September 2021 über das DRK nebenberuflich angestellt und in der Impfbeobachtung tätig war, 15 Euro pro Stunde. Zudem gibt es Vollverpflegung in Form von Buffets. „Damals war der Verdienst geringer als heute, doch hätte ich das Angebot im November angenommen, hätte sich mein Stundenlohn mehr als verdoppelt, da mir 40 Euro angeboten wurden." Bei einer Arbeitswoche mit 38,5 Stunden im Impfzentrum entspricht das einem Monatslohn von etwa 6.100 Euro brutto, also circa 2.800 Euro mehr als im Krankenhaus. Manuela p. lehnt das Jobangebot im Impfzentrum ab „40 Euro Stundenlohn für eine Tätigkeit ohne Nachtschichten, Überstunden und die vielen anderen Belastungen, während so viele andere wichtige Berufe keinerlei Wertschätzung erhalten? Dieser Umgang mit Steuergeldern hat meinen Glauben in das System zerstört." P. lehnt das Jobangebot im November deshalb ab, trotz der vielen Vorteile, die sich ihr bieten. „Das hätte ich nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren können. Außerdem stehe ich trotz der vielen Belastungen voll hinter meinem Job als Krankenpflegerin und ich wollte meine Kollegen nicht im Stich lassen." Die Bedeutung von Corona-Schutzimpfungen und Impfzentren möchte P. mit ihrer Kritik nicht in Frage stellen, wohl aber Organisation und Verdienstmöglichkeiten sowie das Abwerben von Personal aus Krankenhäusern und anderen Bereichen des Gesundheitswesens. „Die Impfkampagne ist wichtig. Aber die Personalnot in Kliniken verschärft sich, wenn Ärzte und Pflegekräfte aufgrund deutlich besserer Verdienstmöglichkeiten ihre Arbeitszeit im Krankenhaus zugunsten der Arbeit im Impfzentrum verringern oder sogar kündigen." Ausreichend Personal in Impfzentren in OWL Laut P. könnten diverse Aufgaben im Impfzentrum auch von Hilfskräften erfüllt werden. Das NRW-Gesundheitsministerium sieht das anders. Laut einer Sprecherin sind Fachkräfte für einen reibungslosen Ablauf im Impfzentrum nötig. Kreise, die Impfzentren betreiben, sollen sich bei der Vergütung des Personals jedoch an die Grundsätze der Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit halten, was in der Regel bei einem Stundenlohn für nicht-ärztliches Personal zwischen 35 und 40 Euro sowie für Ärzte bei etwa 150 Euro der Fall sei. In den Impfzentren der Stadt Bielefeld sowie den Kreisen Herford und Gütersloh wird das Personal nach den Vorgaben des Ministeriums bezahlt. Der Kreis Lippe macht zum Verdienst des medizinischen Fachpersonals hingegen keine Angaben, da die Finanzierung nach Angaben des Sprechers nicht über das Land, sondern über den Kreis läuft. Hintergrund ist, dass der Kreis sein Impfzentrum nicht reaktiviert, sondern mehrere Impfstellen geschaffen hat. Probleme bei der Personalsuche für die Impfzentren gibt es in Bielefeld und den Kreisen Gütersloh und Lippe laut den Behörden nicht. Im Kreis Herford musste jedoch nach Angaben von Sprecher Patrick Albrecht über mehrere Wochen aktiv nach Personal gesucht werden, weshalb Stellen auch öffentlich ausgeschrieben wurden. Zusätzliche Anreize oder Annehmlichkeiten wie Vollverpflegung werden in den Impfzentren in Bielefeld und den Kreisen Herford, Lippe und Gütersloh nicht angeboten.
"Schieflage entstanden"

Pflegerin aus OWL sauer: Impfzentren zahlen doppelten Kliniklohn

Viele Kreise in NRW haben ihre Corona-Impfzentren reaktiviert, damit möglichst schnell möglichst viele Menschen geschützt sind. © picture alliance

Bielefeld/Düsseldorf. Die Corona-Pandemie belastet das Personal im gesamten Gesundheitswesen bis heute massiv. Trotzdem engagieren sich viele Ärzte, Pfleger und andere medizinische Fachkräfte zusätzlich in Impfzentren, um möglichst viele Menschen möglichst schnell mit Impfungen vor dem Coronavirus zu schützen. Dazu zählt 2021 auch Krankenpflegerin Manuela P. (Name von der Redaktion geändert), die sich neben ihrer Vollzeitstelle in einem Krankenhaus in OWL neun Monaten lang in einem Impfzentrum engagiert. Im November erhält sie dann das Angebot, Vollzeit im Impfzentrum zu arbeiten, geboten werden ihr 40 Euro pro Stunde. Eine Verdienstmöglichkeit, die sie fassungslos macht, denn als Krankenpflegerin im Krankenhaus verdient sie nicht einmal 22 Euro pro Stunde. „Nennt die Politik das Wertschätzung?"

Manuela P. ist sauer: „Immer wieder heißt es, dass kein Geld da ist, um Verdienstmöglichkeiten und Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen oder den vielen anderen wichtigen Bereichen wie Polizei, Bildung oder Bundeswehr zu verbessern. Doch für deutlich anspruchslosere Tätigkeiten im Impfzentrum ist ein Stundenlohn von 40 Euro möglich. Das passt nicht, hier ist eine Schieflage entstanden." Ihre Erfahrungen, die sie als Krankenpflegerin im Krankenhaus und im Impfzentrum macht, offenbaren eklatante Unterschiede.

2.800 Euro Gehaltsunterschied pro Monat

Nach fünfjähriger Ausbildung zur Fachkrankenpflegerin für Notfallpflege arbeitet P. seit vielen Jahren in der Notaufnahme eines Krankenhauses in OWL im Schichtdienst. „In der Pflege arbeiten wir bis zu 11,5 Stunden pro Schicht, zwölf bis 18 Tage am Stück, machen jeden Tag Überstunden, springen ständig ein und haben täglich andere Arbeitszeiten." Außerdem fehle es an festen Pausenzeiten, Sozialraum und Personaltoilette. Und trotz des täglichen Umgangs mit Leid und Tod sei kein Austausch möglich. „Wir werden in der Notaufnahme auch regelmäßig angegriffen, aber für einen Sicherheitsdienst fehlt das Geld", moniert P. „In der Folge all dessen bleibt das Privatleben komplett auf der Strecke. Als Mutter oder Vater Kinder im Homeschooling unterstützen, ist in diesem Beruf nicht möglich."

Pro Monat verdient P. für diese Aufgabe 3.330 Euro brutto, inklusive aller Zuschläge für Dienste in der Nacht, am Wochenende und an Feiertagen sowie dem Kinderzuschlag. Bei einer Arbeitswoche von 38,5 Stunden entspricht das einem Stundenlohn von etwa 21 Euro. Im Durchschnitt verdienen Krankenpfleger in Kliniken in Deutschland 3.533 Euro brutto im Monat.

Im Impfzentrum verdient P., die von Januar bis September 2021 über das DRK nebenberuflich angestellt und in der Impfbeobachtung tätig war, 15 Euro pro Stunde. Zudem gibt es Vollverpflegung in Form von Buffets. „Damals war der Verdienst geringer als heute, doch hätte ich das Angebot im November angenommen, hätte sich mein Stundenlohn mehr als verdoppelt, da mir 40 Euro angeboten wurden." Bei einer Arbeitswoche mit 38,5 Stunden im Impfzentrum entspricht das einem Monatslohn von etwa 6.100 Euro brutto, also circa 2.800 Euro mehr als im Krankenhaus.

Manuela p. lehnt das Jobangebot im Impfzentrum ab

„40 Euro Stundenlohn für eine Tätigkeit ohne Nachtschichten, Überstunden und die vielen anderen Belastungen, während so viele andere wichtige Berufe keinerlei Wertschätzung erhalten? Dieser Umgang mit Steuergeldern hat meinen Glauben in das System zerstört." P. lehnt das Jobangebot im November deshalb ab, trotz der vielen Vorteile, die sich ihr bieten. „Das hätte ich nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren können. Außerdem stehe ich trotz der vielen Belastungen voll hinter meinem Job als Krankenpflegerin und ich wollte meine Kollegen nicht im Stich lassen."

Die Bedeutung von Corona-Schutzimpfungen und Impfzentren möchte P. mit ihrer Kritik nicht in Frage stellen, wohl aber Organisation und Verdienstmöglichkeiten sowie das Abwerben von Personal aus Krankenhäusern und anderen Bereichen des Gesundheitswesens. „Die Impfkampagne ist wichtig. Aber die Personalnot in Kliniken verschärft sich, wenn Ärzte und Pflegekräfte aufgrund deutlich besserer Verdienstmöglichkeiten ihre Arbeitszeit im Krankenhaus zugunsten der Arbeit im Impfzentrum verringern oder sogar kündigen."

Ausreichend Personal in Impfzentren in OWL

Laut P. könnten diverse Aufgaben im Impfzentrum auch von Hilfskräften erfüllt werden. Das NRW-Gesundheitsministerium sieht das anders. Laut einer Sprecherin sind Fachkräfte für einen reibungslosen Ablauf im Impfzentrum nötig. Kreise, die Impfzentren betreiben, sollen sich bei der Vergütung des Personals jedoch an die Grundsätze der Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit halten, was in der Regel bei einem Stundenlohn für nicht-ärztliches Personal zwischen 35 und 40 Euro sowie für Ärzte bei etwa 150 Euro der Fall sei.

In den Impfzentren der Stadt Bielefeld sowie den Kreisen Herford und Gütersloh wird das Personal nach den Vorgaben des Ministeriums bezahlt. Der Kreis Lippe macht zum Verdienst des medizinischen Fachpersonals hingegen keine Angaben, da die Finanzierung nach Angaben des Sprechers nicht über das Land, sondern über den Kreis läuft. Hintergrund ist, dass der Kreis sein Impfzentrum nicht reaktiviert, sondern mehrere Impfstellen geschaffen hat.

Probleme bei der Personalsuche für die Impfzentren gibt es in Bielefeld und den Kreisen Gütersloh und Lippe laut den Behörden nicht. Im Kreis Herford musste jedoch nach Angaben von Sprecher Patrick Albrecht über mehrere Wochen aktiv nach Personal gesucht werden, weshalb Stellen auch öffentlich ausgeschrieben wurden. Zusätzliche Anreize oder Annehmlichkeiten wie Vollverpflegung werden in den Impfzentren in Bielefeld und den Kreisen Herford, Lippe und Gütersloh nicht angeboten.

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