Nur geduldet: Irakische Familie lebt seit vier Jahren in Wehdem und schmiedet Zukunftspläne Sonja Rohlfing Stemwede-Wehdem (nw). Kinder toben auf dem Trampolin, lachen. Die Erwachsenen sitzen rund um einen Tisch im Grünen. Zwerghühner laufen frei herum. Alle genießen das gute Wetter. Ein ganz normales Familienleben, aber nur fast. Familie Al-Janabi aus dem Irak ist in Deutschland nur geduldet. Die Duldung müssen sie alle drei Monate auf der Ausländerbehörde verlängern. Seit vier Jahren und sechs Monaten lebt die Familie in Wehdem. „Wir sind gekommen mit der Vorstellung hier zu lernen und zu arbeiten“, erklärt die 38-jährige Huda Al-Mojamai. „Im Irak ist alles kaputt.“ Der Irak ist ein seit Jahrzehnten von Kriegen geplagtes Land. Gebeutelt vom Golfkrieg der 1980er-Jahre sowie dem anschließendem Zweiten Irakkrieg folgte bald darauf der Krieg gegen den Islamischen Staat. Seitdem ist das Land politisch, konfessionell und territorial tief gespalten. „Man weiß nicht, wer gegen wen kämpft“, sagt Huda Al-Mojamai. Ihre Flucht habe sie durch zehn Länder geführt. Von der Türkei nach Griechenland seien sie mit einem Boot übergesetzt, berichten Rawan und ihr Bruder Abdallah. „Wie haben wir das überlebt?“, fragt sich Huda Al-Mojamai. Sie hat bis heute Angst vor dem Meer. Deutschland und die Deutschen würden im Irak ein hohes Ansehen genießen. „Deutschland hat keinen Krieg mit arabischen Ländern geführt. Produkte ‚Made in Germany‘ werden gern gekauft“, erläutern Huda Al-Mojamai und ihr Ehemann Alaa Al-Janabi. Im Irak hat die Familie in Bagdad gelebt. „Dort gibt es viele Läden, lange Einkaufsstraßen und die Geschäfte haben 24 Stunden geöffnet“, sagt Huda Al-Mojamai. „Das Leben spielt sich draußen ab.“ Die Hauptstadt des Irak ist mit etwa 5,4 Millionen Einwohnern eine der größten Städte im Nahen Osten. Anfangs sei es schwer gewesen, sich in Wehdem einzugewöhnen. Man brauche einen Führerschein und ein Auto. „Wehdem ist gut“, sagt Alaa Al-Janabi inzwischen. Im Irak hatte der 40-Jährige eine eigene Bäckerei. Jetzt kümmert er sich um Haushalt, Wohnung und Garten und fährt die Kinder zu ihren Terminen. Sein Hobby sind seine Hühner und Tauben. „Die Familie fühlt sich hier wohl“, bestätigt Günter Kröger. „Hier in Wehdem haben sie einen Garten, können Tiere halten, die weiterführende Schule und das Life House sind in unmittelbarer Nähe“, erklärt der Wehdemer, der die Familie ehrenamtlich begleitet. Das habe sich so ergeben, sagt Günter Kröger, der sich schon immer für andere eingesetzt hat. „Ich war 29 Jahre Fußballtrainer, mache im ZWAR-Netzwerk mit und helfe bei der Tafel.“ Der 16-jährige Abdalla hat sich nach der Stemweder-Berg-Schule mit einer Ausbildung als Elektriker seinen Berufswunsch erfüllt. Er darf gesichert bleiben, bis die Ausbildung zu Ende ist. Rawan kommt nach den Sommerferien in die achte Klasse. Die 14-Jährige ist eine gute Schülerin und möchte Lehrerin werden. Auch Sadik (11) und Raid (8) lernen fleißig. Menissa (2) geht in den Kindergarten. Fußball ist das große Hobby der Kinder. Sie spielen im TuS Levern und TuS Stemwede – außer Menissa. Sie ist dafür noch zu klein. Rawan zeichnet außerdem gern. Warum sie, anders als andere, keinen Stempel als anerkannte Asylbewerber oder Flüchtlinge bekommen, ist ihnen unverständlich. Ein Rechtsanwalt ist eingeschaltet. Eine mögliche Abschiebung schwebt wie ein Damoklesschwert über der Familie. Wie schnell das gehen kann, haben die Eheleute und die Kinder hautnah bei anderen mitbekommen. Vier der fünf Kinder sind zwar noch im Irak geboren, sie hätten sich aber von dem Land schon weit entfernt. „Sie können nicht mehr arabisch schreiben“, erklärt Huda Al-Mojamai. Die jüngste Tochter, Menissa ist in Deutschland geboren. „Sie kann nicht einmal arabisch sprechen“, sagt die Mutter. Wie sie mit der Ungewissheit leben können? „Wir versuchen uns abzulenken“, erklärt Huda Al-Mojamai. Sie würde gern eine Ausbildung als Köchin machen. „Dafür brauche ich das B1-Deutschzertifikat“, erläutert die 38-Jährige. Wegen der Corona-Pandemie wisse sie aber nicht, wann sie die Prüfung machen könne. „Es ist alles gut hier: Kinder, Schule, Wohnen und Nachbarn. Nur, dass wir den Stempel nicht haben, das ist nicht gut“, sagt Alaa Al-Janabi. Anfang September müssen sie wieder zur Ausländerbehörde.

Nur geduldet: Irakische Familie lebt seit vier Jahren in Wehdem und schmiedet Zukunftspläne

Huda Al-Mojamai (Vierter von links) und Alaa Al-Janabi (Zweiter von rechts) und die Kinder Sadik, Rawan, Menissa, Raid und Abdalla fühlen sich in Wehdem auch Dank des großen Gartens wohl. © Foto: Sonja Rohlfing

Stemwede-Wehdem (nw). Kinder toben auf dem Trampolin, lachen. Die Erwachsenen sitzen rund um einen Tisch im Grünen. Zwerghühner laufen frei herum. Alle genießen das gute Wetter. Ein ganz normales Familienleben, aber nur fast. Familie Al-Janabi aus dem Irak ist in Deutschland nur geduldet. Die Duldung müssen sie alle drei Monate auf der Ausländerbehörde verlängern.

Seit vier Jahren und sechs Monaten lebt die Familie in Wehdem. „Wir sind gekommen mit der Vorstellung hier zu lernen und zu arbeiten“, erklärt die 38-jährige Huda Al-Mojamai. „Im Irak ist alles kaputt.“ Der Irak ist ein seit Jahrzehnten von Kriegen geplagtes Land. Gebeutelt vom Golfkrieg der 1980er-Jahre sowie dem anschließendem Zweiten Irakkrieg folgte bald darauf der Krieg gegen den Islamischen Staat. Seitdem ist das Land politisch, konfessionell und territorial tief gespalten. „Man weiß nicht, wer gegen wen kämpft“, sagt Huda Al-Mojamai.

Ihre Flucht habe sie durch zehn Länder geführt. Von der Türkei nach Griechenland seien sie mit einem Boot übergesetzt, berichten Rawan und ihr Bruder Abdallah. „Wie haben wir das überlebt?“, fragt sich Huda Al-Mojamai. Sie hat bis heute Angst vor dem Meer.

Deutschland und die Deutschen würden im Irak ein hohes Ansehen genießen. „Deutschland hat keinen Krieg mit arabischen Ländern geführt. Produkte ‚Made in Germany‘ werden gern gekauft“, erläutern Huda Al-Mojamai und ihr Ehemann Alaa Al-Janabi. Im Irak hat die Familie in Bagdad gelebt. „Dort gibt es viele Läden, lange Einkaufsstraßen und die Geschäfte haben 24 Stunden geöffnet“, sagt Huda Al-Mojamai. „Das Leben spielt sich draußen ab.“ Die Hauptstadt des Irak ist mit etwa 5,4 Millionen Einwohnern eine der größten Städte im Nahen Osten.

Anfangs sei es schwer gewesen, sich in Wehdem einzugewöhnen. Man brauche einen Führerschein und ein Auto. „Wehdem ist gut“, sagt Alaa Al-Janabi inzwischen. Im Irak hatte der 40-Jährige eine eigene Bäckerei. Jetzt kümmert er sich um Haushalt, Wohnung und Garten und fährt die Kinder zu ihren Terminen. Sein Hobby sind seine Hühner und Tauben.

„Die Familie fühlt sich hier wohl“, bestätigt Günter Kröger. „Hier in Wehdem haben sie einen Garten, können Tiere halten, die weiterführende Schule und das Life House sind in unmittelbarer Nähe“, erklärt der Wehdemer, der die Familie ehrenamtlich begleitet. Das habe sich so ergeben, sagt Günter Kröger, der sich schon immer für andere eingesetzt hat. „Ich war 29 Jahre Fußballtrainer, mache im ZWAR-Netzwerk mit und helfe bei der Tafel.“

Der 16-jährige Abdalla hat sich nach der Stemweder-Berg-Schule mit einer Ausbildung als Elektriker seinen Berufswunsch erfüllt. Er darf gesichert bleiben, bis die Ausbildung zu Ende ist. Rawan kommt nach den Sommerferien in die achte Klasse. Die 14-Jährige ist eine gute Schülerin und möchte Lehrerin werden. Auch Sadik (11) und Raid (8) lernen fleißig. Menissa (2) geht in den Kindergarten. Fußball ist das große Hobby der Kinder. Sie spielen im TuS Levern und TuS Stemwede – außer Menissa. Sie ist dafür noch zu klein. Rawan zeichnet außerdem gern.

Warum sie, anders als andere, keinen Stempel als anerkannte Asylbewerber oder Flüchtlinge bekommen, ist ihnen unverständlich. Ein Rechtsanwalt ist eingeschaltet. Eine mögliche Abschiebung schwebt wie ein Damoklesschwert über der Familie. Wie schnell das gehen kann, haben die Eheleute und die Kinder hautnah bei anderen mitbekommen. Vier der fünf Kinder sind zwar noch im Irak geboren, sie hätten sich aber von dem Land schon weit entfernt. „Sie können nicht mehr arabisch schreiben“, erklärt Huda Al-Mojamai. Die jüngste Tochter, Menissa ist in Deutschland geboren. „Sie kann nicht einmal arabisch sprechen“, sagt die Mutter.

Wie sie mit der Ungewissheit leben können? „Wir versuchen uns abzulenken“, erklärt Huda Al-Mojamai. Sie würde gern eine Ausbildung als Köchin machen. „Dafür brauche ich das B1-Deutschzertifikat“, erläutert die 38-Jährige. Wegen der Corona-Pandemie wisse sie aber nicht, wann sie die Prüfung machen könne.

„Es ist alles gut hier: Kinder, Schule, Wohnen und Nachbarn. Nur, dass wir den Stempel nicht haben, das ist nicht gut“, sagt Alaa Al-Janabi. Anfang September müssen sie wieder zur Ausländerbehörde.

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