Nicht in Quarantäne: Familie hat Stress nach Bulgarien-Urlaub Anastasia von Fugler Stemwede (nw). Familie W. war einfach urlaubsreif. Bereits im September vergangenen Jahres – vor Corona – hatten sie die Reise nach Bulgarien gebucht. Das gleiche Hotel, der gleiche Ort in der Nähe des Sonnenstrandes – dort wo sie sich auskannten, wo sie bereits sechs Urlaube verbracht hatten, das sollte Entspannung und Erholung vom stressigen Alltag verschaffen. „Es war wirklich sehr schön“, erinnert sich der Familienvater W., „bis uns Bekannte und Verwandte auf die Nachrichten aus unserer Heimat, dem Kreis Minden-Lübbecke, aufmerksam machten.“ In der Pressemitteilung des Kreises vom 22. Juli stand: „Die aktuell wieder leicht ansteigenden Fallzahlen im Kreis Minden-Lübbecke sind im Wesentlichen auf Reiserückkehrende aus Risikogebieten zurückzuführen. Bisher handelte es sich bei den aktuellen Fällen um die Balkanländer Kosovo, Bulgarien, Serbien und Albanien.“ Die Pressemitteilung konnte so gelesen werden, als wenn auch Bulgarien zu den ausgewiesenen Risikogebieten zählt. Weiterhin stand in dem Informationsbericht zur Reiserückkehr: „Reisende, die aus einem der aktuell ausgewiesenen Risikogebiete zurückkehren, müssen sich beim Gesundheitsamt des Kreises melden. Für sie besteht eine 14-tägige Quarantänepflicht.“ Befinden wir uns aktuell in einem Risikogebiet? Müssen wir in Quarantäne, wenn wir nach Hause kommen? Diese Fragen beschäftigten die fünfköpfige Familie W. seit diesem Tag. Das sorglose Urlaubsgefühl verschwand genauso schnell wie es gekommen war. Die letzten beiden Tage in Bulgarien verbrachten sie damit herauszufinden, was nun mit ihnen geschieht, wenn sie am Samstag, 25. Juli, mit dem Flieger wieder in Deutschland aufsetzen würden. Dabei waren sie sich doch so sicher damit, dass es „verhältnismäßig bedenkenlos“ war, nach Bulgarien zu reisen, zumindest wurde bis zu ihrem Abflug am 11. Juli noch keine Reisewarnung für das Land herausgegeben. So hatten sie doch bis kurz vor Schluss noch jeden Tag die Nachrichten verfolgt und die Internetseiten vom Auswärtigen Amt sowie vom Robert Koch Institut (RKI) besucht. Doch auch auf diesen Seiten hatte sich seit ihrer Abreise nichts verändert. So lässt sich auf der Seite des RKI eine Auflistung der Länder finden, die als „Gebiete, in denen ein erhöhtes Risiko für eine Infektion mit SARS-CoV-2 besteht“ – Kosovo, Serbien und Albanien werden dort als Risikogebiete genannt, Bulgarien jedoch nicht (Stand 20. Juli). Auf der Seite vom Auswärtigen Amt heißt es unter anderem, dass es eine Warnung vor Reisen ins Ausland gibt. Das gilt aber nicht für die Mitgliedstaaten der Europäischen Union, darunter fällt auch Bulgarien (Stand 23. Juli). „Fehler passieren, manchmal ist ein Komma falsch gesetzt, manchmal liegt es am Ausdruck“, so die Pressestelle des Kreises auf Anfrage. Wo der Fehler jedoch seinen Anfang nahm, ließe sich nicht klar nachvoll ziehen. Auf der Hand jedoch liegt, dass die Pressemitteilung des Kreises auch von regionalen Medien veröffentlicht wurde. Und: Es liegt auf der Hand, dass Bulgarien zu diesem Zeitpunkt nicht als Risikogebiet ausgeschrieben ist. Für Familie W. ist aus dieser kleinen Mücke ein riesiger Elefant mit weitreichende Auswirkungen geworden: „Wir bekamen ganz viele Nachrichten. Unter anderem wurde uns mitgeteilt, nach dem Wochenende nicht zur Arbeit zu erscheinen oder uns testen zu lassen“, erzählt der Familienvater W. „Auch unsere Kinder wurden per Nachricht darauf hingewiesen, vorerst nicht mehr zum Reiten oder zum Fußballtraining zu gehen.“ Die Familie fühlte und fühlt sich immer noch massiv unter Druck gesetzt und dabei waren sie zu der Zeit noch nicht einmal wieder in Stemwede angekommen. „Fast jeder, der weiß, dass wir in Bulgarien waren, erwartet jetzt, dass wir uns in häusliche Quarantäne begeben müssen“, sagt W. Die Gerüchteküche in dem kleinen Örtchen Levern hätte schon eine Eigendynamik entwickelt, so der Vater weiter. „Um dem zumindest etwas entgegenzusetzen, haben wir uns noch im Urlaub beraten lassen und Kontakt zum Gesundheitsamt Minden aufgenommen“, sagt W. „Dort wurde sofort erkannt, dass Bulgarien kein Risikogebiet ist und uns versichert, dass wir uns weder testen lassen noch uns in häusliche Quarantäne begeben müssen.“ Auch kostenlose Tests seien nicht möglich gewesen, da die Familie ja aus keinem Risikogebiet wiederkomme. Dennoch fuhr die Familie am Samstag nach der Wiederkehr direkt vom Flughafen zum Klinikum nach Minden. Dort ließen sich Frau W. und das jüngste der drei Kinder auf eigene Kosten, 100 Euro, auf Covid-19 testen. „Uns wurde gesagt, da wir alle zwei komplette Wochen gemeinsam und nah beieinander verbracht hätten, hätte es sogar ausgereicht, wenn sich nur eine Person hätte testen lassen“, so W. „Dennoch wollten wir wenigstens etwas in der Hand haben, um vor dem zu erwartenden Spießrutenlauf sowie die eintretende Meidung gewappnet zu sein.“ Die Ergebnisse erhielt die Familie bereits einen Tag später, am Sonntag, als Nachricht auf dem Smartphone: Beide Testergebnisse waren negativ.

Nicht in Quarantäne: Familie hat Stress nach Bulgarien-Urlaub

Die Strände in Bulgarien sind fast wie leer gefegt. Im Gegensatz zu den Vorjahren waren nur vereinzelt Touristen zu sehen, sagen die Urlaubsrückkehrer aus Levern. Fotos: pr

Stemwede (nw). Familie W. war einfach urlaubsreif. Bereits im September vergangenen Jahres – vor Corona – hatten sie die Reise nach Bulgarien gebucht. Das gleiche Hotel, der gleiche Ort in der Nähe des Sonnenstrandes – dort wo sie sich auskannten, wo sie bereits sechs Urlaube verbracht hatten, das sollte Entspannung und Erholung vom stressigen Alltag verschaffen. „Es war wirklich sehr schön“, erinnert sich der Familienvater W., „bis uns Bekannte und Verwandte auf die Nachrichten aus unserer Heimat, dem Kreis Minden-Lübbecke, aufmerksam machten.“

In der Pressemitteilung des Kreises vom 22. Juli stand: „Die aktuell wieder leicht ansteigenden Fallzahlen im Kreis Minden-Lübbecke sind im Wesentlichen auf Reiserückkehrende aus Risikogebieten zurückzuführen. Bisher handelte es sich bei den aktuellen Fällen um die Balkanländer Kosovo, Bulgarien, Serbien und Albanien.“ Die Pressemitteilung konnte so gelesen werden, als wenn auch Bulgarien zu den ausgewiesenen Risikogebieten zählt. Weiterhin stand in dem Informationsbericht zur Reiserückkehr: „Reisende, die aus einem der aktuell ausgewiesenen Risikogebiete zurückkehren, müssen sich beim Gesundheitsamt des Kreises melden. Für sie besteht eine 14-tägige Quarantänepflicht.“

In diesem Jahr mussten keine Liegen mit Handtüchern belegt werden. Es waren immer welche frei, weil das Hotel nur zu 70 Prozent ausgelastet war.
In diesem Jahr mussten keine Liegen mit Handtüchern belegt werden. Es waren immer welche frei, weil das Hotel nur zu 70 Prozent ausgelastet war.

Befinden wir uns aktuell in einem Risikogebiet? Müssen wir in Quarantäne, wenn wir nach Hause kommen? Diese Fragen beschäftigten die fünfköpfige Familie W. seit diesem Tag. Das sorglose Urlaubsgefühl verschwand genauso schnell wie es gekommen war. Die letzten beiden Tage in Bulgarien verbrachten sie damit herauszufinden, was nun mit ihnen geschieht, wenn sie am Samstag, 25. Juli, mit dem Flieger wieder in Deutschland aufsetzen würden.

Dabei waren sie sich doch so sicher damit, dass es „verhältnismäßig bedenkenlos“ war, nach Bulgarien zu reisen, zumindest wurde bis zu ihrem Abflug am 11. Juli noch keine Reisewarnung für das Land herausgegeben. So hatten sie doch bis kurz vor Schluss noch jeden Tag die Nachrichten verfolgt und die Internetseiten vom Auswärtigen Amt sowie vom Robert Koch Institut (RKI) besucht.

Doch auch auf diesen Seiten hatte sich seit ihrer Abreise nichts verändert. So lässt sich auf der Seite des RKI eine Auflistung der Länder finden, die als „Gebiete, in denen ein erhöhtes Risiko für eine Infektion mit SARS-CoV-2 besteht“ – Kosovo, Serbien und Albanien werden dort als Risikogebiete genannt, Bulgarien jedoch nicht (Stand 20. Juli). Auf der Seite vom Auswärtigen Amt heißt es unter anderem, dass es eine Warnung vor Reisen ins Ausland gibt. Das gilt aber nicht für die Mitgliedstaaten der Europäischen Union, darunter fällt auch Bulgarien (Stand 23. Juli).

„Fehler passieren, manchmal ist ein Komma falsch gesetzt, manchmal liegt es am Ausdruck“, so die Pressestelle des Kreises auf Anfrage. Wo der Fehler jedoch seinen Anfang nahm, ließe sich nicht klar nachvoll ziehen. Auf der Hand jedoch liegt, dass die Pressemitteilung des Kreises auch von regionalen Medien veröffentlicht wurde. Und: Es liegt auf der Hand, dass Bulgarien zu diesem Zeitpunkt nicht als Risikogebiet ausgeschrieben ist.

Für Familie W. ist aus dieser kleinen Mücke ein riesiger Elefant mit weitreichende Auswirkungen geworden: „Wir bekamen ganz viele Nachrichten. Unter anderem wurde uns mitgeteilt, nach dem Wochenende nicht zur Arbeit zu erscheinen oder uns testen zu lassen“, erzählt der Familienvater W. „Auch unsere Kinder wurden per Nachricht darauf hingewiesen, vorerst nicht mehr zum Reiten oder zum Fußballtraining zu gehen.“ Die Familie fühlte und fühlt sich immer noch massiv unter Druck gesetzt und dabei waren sie zu der Zeit noch nicht einmal wieder in Stemwede angekommen. „Fast jeder, der weiß, dass wir in Bulgarien waren, erwartet jetzt, dass wir uns in häusliche Quarantäne begeben müssen“, sagt W. Die Gerüchteküche in dem kleinen Örtchen Levern hätte schon eine Eigendynamik entwickelt, so der Vater weiter.

„Um dem zumindest etwas entgegenzusetzen, haben wir uns noch im Urlaub beraten lassen und Kontakt zum Gesundheitsamt Minden aufgenommen“, sagt W. „Dort wurde sofort erkannt, dass Bulgarien kein Risikogebiet ist und uns versichert, dass wir uns weder testen lassen noch uns in häusliche Quarantäne begeben müssen.“

Auch kostenlose Tests seien nicht möglich gewesen, da die Familie ja aus keinem Risikogebiet wiederkomme. Dennoch fuhr die Familie am Samstag nach der Wiederkehr direkt vom Flughafen zum Klinikum nach Minden. Dort ließen sich Frau W. und das jüngste der drei Kinder auf eigene Kosten, 100 Euro, auf Covid-19 testen. „Uns wurde gesagt, da wir alle zwei komplette Wochen gemeinsam und nah beieinander verbracht hätten, hätte es sogar ausgereicht, wenn sich nur eine Person hätte testen lassen“, so W. „Dennoch wollten wir wenigstens etwas in der Hand haben, um vor dem zu erwartenden Spießrutenlauf sowie die eintretende Meidung gewappnet zu sein.“

Die Ergebnisse erhielt die Familie bereits einen Tag später, am Sonntag, als Nachricht auf dem Smartphone: Beide Testergebnisse waren negativ.

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