Nazi-Bau in Lübbecke: Extremisten sollen bei Verkauf außen vor bleiben Joern Spreen-Ledebur Lübbecke. Die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts spiegelt sich in der Region wohl an keinem Ort so wider wie am Lübbecker Church House. Der Nazi-Bau wurde später von den Briten genutzt und war dann einer Orte, an denen die freundschaftlichen Kontakte zwischen Briten und Deutschen begannen.Die Briten sind weg, der Bund will das Gebäude verkaufen. Das aber ist nicht so einfach. Zudem gibt es von privater Seite Wünsche nach einem kleinen Museum im Church House. Dem Church House verbundene Briten und Deutsche hoffen dabei auf die Unterstützung der Bundespolitik.Gauleiter und Teilnehmer der Wannsee-KonferenzSeit dem 4. April 1945 wehte hoch über Lübbecke der Union Jack, die britische Flagge. Der 4. April 1945, das war der Tag, an dem die Alliierten in die damalige Kreisstadt einmarschierten und auch Lübbecke vom Hitler-Faschismus befreiten. Als die Briten oberhalb des Schützenplatzes die bisherige NS-Gauschulungsburg erreichten und den Union Jack hissten, war der Nazi-Kreisleiter Ernst Meiring schon untergetaucht. Ein Gast bei der Einweihung der Gau-Schulungsburg wenige Wochen vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges war an der Seite Meirings übrigens Alfred Meyer. Meyer war Gauleiter des NS-Gaus Westfalen-Nord und zählte am 20. Januar 1942 zu den 15 Teilnehmern der Wannsee-Konferenz. Bei der Konferenz, zu der der Himmler-Vertraute und Leiter des Reichssicherheitshauptamtes Reinhard Heydrich eingeladen hatte, ging es um die Organisation des Holocaust.Einholen der Flagge hatte große Symbolik74 Jahre wehte der Union Jack über dem Gebäudekomplex, der zunächst als Offiziersmesse und ab den 1980er-Jahren als Church House durch das Royal Chaplain's Department genutzt wurde. Am 15. Juni 2019 holten die Briten die Flagge wieder ein. Es war ein Akt von großer symbolischer Bedeutung, als die letzte Einrichtung der britischen Armee im Kreis Minden-Lübbecke schloss. Deutlich wurde das auch daran, dass mit Brigadier Richard Clement der damalige Kommandeur der British Forces Germany an der Zeremonie teilnahm. Im September 2019 gaben die Briten den Schlüssel an den Bund ab und seit Sommer des Jahres 2020 sucht die Bundesanstalt für Immobilien-Aufgaben (BImA) nun einen Käufer für das weitläufige Areal oberhalb des Lübbecker Schützenplatzes. Die Gebäude stehen unter Denkmalschutz, die Architektur der Jahre 1938/1939 ist erhalten. Bislang keine verwertbaren AngeboteInteressierte Käufer hatten bis zum 16. September 2021 die Möglichkeit, ein Gebot abzugeben. Das teilte die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben auf Nachfrage der Redaktion mit. "Im Rahmen des Bieterverfahrens sind keine verwertbaren Angebote eingegangen", so ein Sprecher der Bundesanstalt. Diese plane daher, die Liegenschaft im Frühjahr dieses Jahres noch einmal öffentlich zum Kauf anzubieten. Mehrfach hatten Briten und Deutsche davor gewarnt, dass das Church House bei einem Verkauf in die Hände von Extremisten kommen könnte. Diese Sorgen hat der heimische SPD-Bundestagsabgeordnete Achim Post in einer Anfrage an die Bundesanstalt aufgegriffen. Weil das Church House nun verkauft werden solle und sich das Angebot auch an private Investoren richte, hätten sich einige Bürgerinnen und Bürger aus seinem Wahlkreis an ihn gewandt, so Post. Welche Sorgen Bürger haben"Sie befürchten, dass sich aufgrund der NS-Vergangenheit des Objektes gewisse Personenkreise für das Gebäude interessieren könnten." Aus diesem Grund wollte Achim Post von der Bundesanstalt wissen, inwieweit sie sicherstellen werde, "dass künftige Besitzer oder Investoren der NS-Vergangenheit des Objektes angemessen Rechnung tragen werden". Die Bundesanstalt sei sich der Historie der Liegenschaft bewusst und werde im Rahmen der Verwertung keine Grundstückskaufverträge mit Erwerbsinteressierten abschließen, bei denen Anhaltspunkte dafür vorlägen, dass sie extremistischen oder sonstigen nicht auf dem Boden der freiheitlich demokratischen Grundordnung stehenden Kreisen zuzuordnen seien, antwortete die Behörde nun Achim Post.Was ein künftiger Eigentümer beachten mussDer zukünftige Umgang mit der Liegenschaft selbst werde durch die bauplanungsrechtlichen Vorgaben der Stadt Lübbecke als Trägerin der Planungshoheit und insbesondere durch die Maßgaben des bereits bestehenden Denkmalschutzes geregelt, die von jedem Eigentümer gleichermaßen zu beachten seien, so die Bundesbehörde. Dem Church House sind Briten verbunden, die selbst in Lübbecke stationiert waren oder deren Eltern hier in den vergangenen Jahrzehnten in Diensten der britischen Rheinarmee standen. Ihnen liegt die Zukunft des historischen Gebäudes ebenso am Herzen wie vielen Menschen im Lübbecker Land, die persönliche Bezüge zum Church House haben - weil sie etwa für die Briten arbeiteten. Was im Church House gezeigt werden könnteVor diesem Hintergrund gibt es aufseiten der Church-House-Freunde Überlegungen, wenigstens ein oder zwei Räume für ein Museum nutzen zu können. Hier könne dann die historische Entwicklung der Anlage und der deutsch-britischen Beziehungen dargestellt werden - von den Anfängen als Ort, an dem die Nazi-Ideologie verbreitet werden sollte, über die Befreiung vom Hitler-Faschismus und der Besatzungszeit bis hin zur deutsch-britischen Freundschaft. An diesem Ort, so sehen es die Church-House-Freunde, könne die Entwicklung der deutsch-britischen Freundschaft auch anhand von persönlichen Geschichten erzählt werden. Ein Beispiel aus PotsdamDie Räume des Church House sind seit dem Abzug der Briten leer. Weitgehend leere Räume aber lassen sich als Museum oder historische Dokumentationsstelle nutzen. Ein Beispiel dafür ist das ehemalige Untersuchungsgefängnis des sowjetischen Geheimdienstes KGB an der Leistikowstraße in Potsdam. Im Frühjahr 1945 hatten die Sowjets einen ganzen Stadtteil Potsdams in der Nauener Vorstadt nördlich der Altstadt beschlagnahmt, der Volksmund sprach von der sogenannten KGB-Stadt. Die existierte bis Anfang der 1990er-Jahre. In einem ehemaligen kirchlichen Gebäude richtete der Geheimdienst ein Untersuchungsgefängnis mit Verhörzellen ein. Beim Abzug nahmen die Sowjets alles mit - auch Wasserhähne. In den Räumen der heutigen Gedenkstätte finden sich einige Exponate, aber zum Nachlesen oder Hören auch viele persönliche Schilderungen von Insassen. Die Räume wurden in dem Zustand belassen, in dem sie nach Abzug der Sowjets vorgefunden wurden.

Nazi-Bau in Lübbecke: Extremisten sollen bei Verkauf außen vor bleiben

Das spätere britische Casino und Church House war 1938/1939 durch die NSDAP als Gau-Schulungsburg gebaut worden. Den linken Gebäudeteil fügten nach dem Ende des Krieges die Briten an. Nun will der Bund das Gebäude verkaufen. © Joern Spreen-Ledebur

Lübbecke. Die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts spiegelt sich in der Region wohl an keinem Ort so wider wie am Lübbecker Church House. Der Nazi-Bau wurde später von den Briten genutzt und war dann einer Orte, an denen die freundschaftlichen Kontakte zwischen Briten und Deutschen begannen.

Die Briten sind weg, der Bund will das Gebäude verkaufen. Das aber ist nicht so einfach. Zudem gibt es von privater Seite Wünsche nach einem kleinen Museum im Church House. Dem Church House verbundene Briten und Deutsche hoffen dabei auf die Unterstützung der Bundespolitik.

Gauleiter und Teilnehmer der Wannsee-Konferenz

Seit dem 4. April 1945 wehte hoch über Lübbecke der Union Jack, die britische Flagge. Der 4. April 1945, das war der Tag, an dem die Alliierten in die damalige Kreisstadt einmarschierten und auch Lübbecke vom Hitler-Faschismus befreiten. Als die Briten oberhalb des Schützenplatzes die bisherige NS-Gauschulungsburg erreichten und den Union Jack hissten, war der Nazi-Kreisleiter Ernst Meiring schon untergetaucht.

Im Gleichschritt: Die Band des Royal Logistic Corps begleitete im Juni 2019 die „Closing Ceremony“ im Lübbecker Church House. Bei der Parade marschierte die Band vor dem markanten Bauwerk. Die Stadt Lübbecke hat nun nach dem Abzug der Briten den ersten Zugriff auf das Haus. - © Joern Spreen-Ledebur
Im Gleichschritt: Die Band des Royal Logistic Corps begleitete im Juni 2019 die „Closing Ceremony“ im Lübbecker Church House. Bei der Parade marschierte die Band vor dem markanten Bauwerk. Die Stadt Lübbecke hat nun nach dem Abzug der Briten den ersten Zugriff auf das Haus. - © Joern Spreen-Ledebur

Ein Gast bei der Einweihung der Gau-Schulungsburg wenige Wochen vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges war an der Seite Meirings übrigens Alfred Meyer. Meyer war Gauleiter des NS-Gaus Westfalen-Nord und zählte am 20. Januar 1942 zu den 15 Teilnehmern der Wannsee-Konferenz. Bei der Konferenz, zu der der Himmler-Vertraute und Leiter des Reichssicherheitshauptamtes Reinhard Heydrich eingeladen hatte, ging es um die Organisation des Holocaust.

Einholen der Flagge hatte große Symbolik

74 Jahre wehte der Union Jack über dem Gebäudekomplex, der zunächst als Offiziersmesse und ab den 1980er-Jahren als Church House durch das Royal Chaplain's Department genutzt wurde. Am 15. Juni 2019 holten die Briten die Flagge wieder ein. Es war ein Akt von großer symbolischer Bedeutung, als die letzte Einrichtung der britischen Armee im Kreis Minden-Lübbecke schloss. Deutlich wurde das auch daran, dass mit Brigadier Richard Clement der damalige Kommandeur der British Forces Germany an der Zeremonie teilnahm.

Der große Saal hat, vom Teppich einmal abgesehen, seine Gestaltung aus dem Jahr 1938/1939 behalten. Die Beleuchtung ist Erstausstattung. Die Decke erinnert an die Deelen von westfälischen Bauernhäusern. Das Mobiliar ist ausgeräumt - inklusive des großen Tisches. Direkt neben dem Saal ist die Küche. - © Joern Spreen-Ledebur
Der große Saal hat, vom Teppich einmal abgesehen, seine Gestaltung aus dem Jahr 1938/1939 behalten. Die Beleuchtung ist Erstausstattung. Die Decke erinnert an die Deelen von westfälischen Bauernhäusern. Das Mobiliar ist ausgeräumt - inklusive des großen Tisches. Direkt neben dem Saal ist die Küche. - © Joern Spreen-Ledebur

Im September 2019 gaben die Briten den Schlüssel an den Bund ab und seit Sommer des Jahres 2020 sucht die Bundesanstalt für Immobilien-Aufgaben (BImA) nun einen Käufer für das weitläufige Areal oberhalb des Lübbecker Schützenplatzes. Die Gebäude stehen unter Denkmalschutz, die Architektur der Jahre 1938/1939 ist erhalten.

Bislang keine verwertbaren Angebote

Interessierte Käufer hatten bis zum 16. September 2021 die Möglichkeit, ein Gebot abzugeben. Das teilte die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben auf Nachfrage der Redaktion mit. "Im Rahmen des Bieterverfahrens sind keine verwertbaren Angebote eingegangen", so ein Sprecher der Bundesanstalt. Diese plane daher, die Liegenschaft im Frühjahr dieses Jahres noch einmal öffentlich zum Kauf anzubieten.

Auf diesem Podest hielten Gauleiter Alfred Meyer und andere Faschisten im Sommer 1939 ihre Reden zur Einweihung der damaligen Gau-Schulungsburg. Alfred Meyer war im Januar 1942 einer von 15 Teilnehmern der Wannsee-Konferenz. - © Joern Spreen-Ledebur
Auf diesem Podest hielten Gauleiter Alfred Meyer und andere Faschisten im Sommer 1939 ihre Reden zur Einweihung der damaligen Gau-Schulungsburg. Alfred Meyer war im Januar 1942 einer von 15 Teilnehmern der Wannsee-Konferenz. - © Joern Spreen-Ledebur

Mehrfach hatten Briten und Deutsche davor gewarnt, dass das Church House bei einem Verkauf in die Hände von Extremisten kommen könnte. Diese Sorgen hat der heimische SPD-Bundestagsabgeordnete Achim Post in einer Anfrage an die Bundesanstalt aufgegriffen. Weil das Church House nun verkauft werden solle und sich das Angebot auch an private Investoren richte, hätten sich einige Bürgerinnen und Bürger aus seinem Wahlkreis an ihn gewandt, so Post.

Welche Sorgen Bürger haben

"Sie befürchten, dass sich aufgrund der NS-Vergangenheit des Objektes gewisse Personenkreise für das Gebäude interessieren könnten." Aus diesem Grund wollte Achim Post von der Bundesanstalt wissen, inwieweit sie sicherstellen werde, "dass künftige Besitzer oder Investoren der NS-Vergangenheit des Objektes angemessen Rechnung tragen werden".

Die letzten Getränke an der Bar des Lübbecker Church Houses wurden im Sommer 2019 ausgeschenkt. Außer dem gepolsterten Tresen sind die Räume leer - auch die superbequemen Sessel sind weg. Der Kamin aus der NS-Zeit blieb. - © Joern Spreen-Ledebur
Die letzten Getränke an der Bar des Lübbecker Church Houses wurden im Sommer 2019 ausgeschenkt. Außer dem gepolsterten Tresen sind die Räume leer - auch die superbequemen Sessel sind weg. Der Kamin aus der NS-Zeit blieb. - © Joern Spreen-Ledebur

Die Bundesanstalt sei sich der Historie der Liegenschaft bewusst und werde im Rahmen der Verwertung keine Grundstückskaufverträge mit Erwerbsinteressierten abschließen, bei denen Anhaltspunkte dafür vorlägen, dass sie extremistischen oder sonstigen nicht auf dem Boden der freiheitlich demokratischen Grundordnung stehenden Kreisen zuzuordnen seien, antwortete die Behörde nun Achim Post.

Was ein künftiger Eigentümer beachten muss

Der zukünftige Umgang mit der Liegenschaft selbst werde durch die bauplanungsrechtlichen Vorgaben der Stadt Lübbecke als Trägerin der Planungshoheit und insbesondere durch die Maßgaben des bereits bestehenden Denkmalschutzes geregelt, die von jedem Eigentümer gleichermaßen zu beachten seien, so die Bundesbehörde.

In der Küche ging es früher eilig zu - in den Zeiten, als das Gebäude Casino der britischen Armee war, aber auch später zu Church House-Zeiten. - © Joern Spreen-Ledebur
In der Küche ging es früher eilig zu - in den Zeiten, als das Gebäude Casino der britischen Armee war, aber auch später zu Church House-Zeiten. - © Joern Spreen-Ledebur

Dem Church House sind Briten verbunden, die selbst in Lübbecke stationiert waren oder deren Eltern hier in den vergangenen Jahrzehnten in Diensten der britischen Rheinarmee standen. Ihnen liegt die Zukunft des historischen Gebäudes ebenso am Herzen wie vielen Menschen im Lübbecker Land, die persönliche Bezüge zum Church House haben - weil sie etwa für die Briten arbeiteten.

Was im Church House gezeigt werden könnte

Vor diesem Hintergrund gibt es aufseiten der Church-House-Freunde Überlegungen, wenigstens ein oder zwei Räume für ein Museum nutzen zu können. Hier könne dann die historische Entwicklung der Anlage und der deutsch-britischen Beziehungen dargestellt werden - von den Anfängen als Ort, an dem die Nazi-Ideologie verbreitet werden sollte, über die Befreiung vom Hitler-Faschismus und der Besatzungszeit bis hin zur deutsch-britischen Freundschaft. An diesem Ort, so sehen es die Church-House-Freunde, könne die Entwicklung der deutsch-britischen Freundschaft auch anhand von persönlichen Geschichten erzählt werden.

Ein Beispiel aus Potsdam

Die Räume des Church House sind seit dem Abzug der Briten leer. Weitgehend leere Räume aber lassen sich als Museum oder historische Dokumentationsstelle nutzen. Ein Beispiel dafür ist das ehemalige Untersuchungsgefängnis des sowjetischen Geheimdienstes KGB an der Leistikowstraße in Potsdam. Im Frühjahr 1945 hatten die Sowjets einen ganzen Stadtteil Potsdams in der Nauener Vorstadt nördlich der Altstadt beschlagnahmt, der Volksmund sprach von der sogenannten KGB-Stadt. Die existierte bis Anfang der 1990er-Jahre.

In einem ehemaligen kirchlichen Gebäude richtete der Geheimdienst ein Untersuchungsgefängnis mit Verhörzellen ein. Beim Abzug nahmen die Sowjets alles mit - auch Wasserhähne. In den Räumen der heutigen Gedenkstätte finden sich einige Exponate, aber zum Nachlesen oder Hören auch viele persönliche Schilderungen von Insassen. Die Räume wurden in dem Zustand belassen, in dem sie nach Abzug der Sowjets vorgefunden wurden.

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