Gütersloh Mutter fassungslos: Sohn aus dem Kreis Gütersloh darf nicht zum Arzt nach Niedersachsen Anke Schneider Kreis Gütersloh/Halle. Susanne Siewert ist entsetzt. Ihr Sohn Niklas hatte am Mittwoch einen Termin im Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) in Bad Rothenfelder zum MRT. „Er hat sich beim Joggen verletzt und kann nicht laufen", berichtet die Hallerin. Der Orthopäde vermutet eine Nervenschädigung und hat den „Notfalltermin" im MVZ selbst gemacht. „Auf dem Anrufbeantworter hatte ich am Mittwochmorgen dann eine Nachricht vom MVZ", so die Hallerin weiter. Man müsse den Termin verschieben, da die Familie aus dem „Corona-Kreis" kämen, hieß es in der Nachricht. „Ich habe daraufhin dort angerufen und mich furchtbar aufgeregt", erzählt Susanne Siewert. Sie habe natürlich gewusst, dass die nette Dame am Empfang nur die Überbringerin der Nachricht sei. „Aber die hat meinen Frust nun mal abbekommen. Ich habe ihr gesagt, dass wir in Halle derzeit genau null aktive Fälle hätten und das Risiko durch uns kein größeres sei, als bei jedem anderen Patienten", fährt die Hallerin fort. Man blieb jedoch dabei, dass Patienten aus dem Kreis Gütersloh derzeit abgewiesen werden. Das hätte der „Chef" so angeordnet. Der sei dann allerdings nicht zu sprechen gewesen. „Es ist unglaublich, dass wir hier alle unter Generalverdacht gestellt werden", so Susanne Siewert. Allein schon das Wort „Corona-Kreis" sei eine Frechheit. „Ich komme mir vor, als hätte ich einen Stempel auf der Stirn." Auf Nachfrage bestätigte Ramis Konya, kaufmännischer Leiter des MVZ in Bad Rothenfelde, dass man entschieden habe, die Termine bis 30. Juni abzusagen. „Medizinisch dringende Behandlungen, zum Beispiel in der Nuklearmedizin, führen wir aber durch", sagte er. Konya sagte zu, ab dem 30. Juni Überstunden zu schieben, um die Termine schnell nachzuholen. So wie Susanne Siewert und ihrem Sohn geht es vielen Menschen im Kreis Gütersloh. In den sozialen Netzwerken schäumt die Wut derzeit über. Eine Mutter aus Borgholzhausen berichtet, dass ihr Sohn eine Ausbildung in Melle macht und zur Abschlussprüfung nicht kommen durfte. Ein Geschäftsmann aus Werther wurde in einem Hamburger Hotel, in dem er ein Zimmer gebucht hatte, nicht eingelassen. Andere berichten von einem zerkratzten Auto mit GT-Kennzeichen in Bielefeld, von üblen Beleidigungen vor einem Supermarkt in Dissen und von bösen Blicken in Bad Rothenfelde. Im Kreis Warendorf wurden sogar Autos von Tönnies-Mitarbeitern in Brand gesteckt. Eine Frau aus Heinsberg schreibt in der Gütersloher Facebook-Gruppe aufmunternde Worte: „Wir wurden damals ebenfalls stigmatisiert. Auch hier wurden Autos zerkratzt und Kommentare wie „Heinsberg ausbomben" prasselten auf uns nieder. Wir sind stark geblieben und haben zusammengehalten. Und ihr schafft das ebenso."
Gütersloh

Mutter fassungslos: Sohn aus dem Kreis Gütersloh darf nicht zum Arzt nach Niedersachsen

Susanne Siewert und Sohn Niklas sind entsetzt. © Privat

Kreis Gütersloh/Halle. Susanne Siewert ist entsetzt. Ihr Sohn Niklas hatte am Mittwoch einen Termin im Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) in Bad Rothenfelder zum MRT. „Er hat sich beim Joggen verletzt und kann nicht laufen", berichtet die Hallerin. Der Orthopäde vermutet eine Nervenschädigung und hat den „Notfalltermin" im MVZ selbst gemacht.

„Auf dem Anrufbeantworter hatte ich am Mittwochmorgen dann eine Nachricht vom MVZ", so die Hallerin weiter. Man müsse den Termin verschieben, da die Familie aus dem „Corona-Kreis" kämen, hieß es in der Nachricht. „Ich habe daraufhin dort angerufen und mich furchtbar aufgeregt", erzählt Susanne Siewert. Sie habe natürlich gewusst, dass die nette Dame am Empfang nur die Überbringerin der Nachricht sei.

„Aber die hat meinen Frust nun mal abbekommen. Ich habe ihr gesagt, dass wir in Halle derzeit genau null aktive Fälle hätten und das Risiko durch uns kein größeres sei, als bei jedem anderen Patienten", fährt die Hallerin fort. Man blieb jedoch dabei, dass Patienten aus dem Kreis Gütersloh derzeit abgewiesen werden. Das hätte der „Chef" so angeordnet.

Der sei dann allerdings nicht zu sprechen gewesen. „Es ist unglaublich, dass wir hier alle unter Generalverdacht gestellt werden", so Susanne Siewert. Allein schon das Wort „Corona-Kreis" sei eine Frechheit. „Ich komme mir vor, als hätte ich einen Stempel auf der Stirn."

Auf Nachfrage bestätigte Ramis Konya, kaufmännischer Leiter des MVZ in Bad Rothenfelde, dass man entschieden habe, die Termine bis 30. Juni abzusagen. „Medizinisch dringende Behandlungen, zum Beispiel in der Nuklearmedizin, führen wir aber durch", sagte er. Konya sagte zu, ab dem 30. Juni Überstunden zu schieben, um die Termine schnell nachzuholen.

So wie Susanne Siewert und ihrem Sohn geht es vielen Menschen im Kreis Gütersloh. In den sozialen Netzwerken schäumt die Wut derzeit über. Eine Mutter aus Borgholzhausen berichtet, dass ihr Sohn eine Ausbildung in Melle macht und zur Abschlussprüfung nicht kommen durfte. Ein Geschäftsmann aus Werther wurde in einem Hamburger Hotel, in dem er ein Zimmer gebucht hatte, nicht eingelassen.

Andere berichten von einem zerkratzten Auto mit GT-Kennzeichen in Bielefeld, von üblen Beleidigungen vor einem Supermarkt in Dissen und von bösen Blicken in Bad Rothenfelde. Im Kreis Warendorf wurden sogar Autos von Tönnies-Mitarbeitern in Brand gesteckt.

Eine Frau aus Heinsberg schreibt in der Gütersloher Facebook-Gruppe aufmunternde Worte: „Wir wurden damals ebenfalls stigmatisiert. Auch hier wurden Autos zerkratzt und Kommentare wie „Heinsberg ausbomben" prasselten auf uns nieder. Wir sind stark geblieben und haben zusammengehalten. Und ihr schafft das ebenso."

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