Mountainbiker haben im Wiehengebirge eine lange Tradition - und wollen weiter fahren Bad Oeynhausen (nw). Sebastian Tegtmeier ist an der Bergkante aufgewachsen, da wundert es nicht, dass er bereits als kleiner Junge mit seinem Fahrrad viel im Wiehengbirge unterwegs war. Das abwechslungsreiche Gelände zwischen der Lutternsche Egge und dem Kaiser-Wilhelm-Denkmal hat es ihm schon damals angetan. Das ist mehr als 30 Jahre her. "Damals gab es den Begriff Mountainbiking in Deutschland noch gar nicht", erzählt der 40-jährige Bergkirchener. Mit Interesse hat er die Berichterstattung über die Diskussion über das Mountainbiken im Wiehengebirge verfolgt. Wie berichtet, habe die Corona-Krise nach der Auffassung von Waldbesitzern und Forstamt zu einem nicht mehr hinnehmbaren Anstieg von Mountainbikern im Wiehengebirge geführt und einen seit Jahren bestehenden Zwist wieder aufleben lassen.  "Mich stört die Verallgemeinerung" Tegtmeier bezeichnet sich im Gespräch mit der NW als einen der "dienstältesten Mountainbiker im Wiehengebirge". Die in der Corona-Pandemie aufgepoppte Diskussion habe ihn einigermaßen erstaunt, denn "schließlich werde im Wiehengebirge schon seit mehr als 30 Jahren Radsport betrieben und es gab bislang sehr wenige Konflikte", sagt Tegtmeier. Er selbst ist von Kindesbeinen an viel mit dem Rad unterwegs gewesen - immer runter und wieder rauf auf den Berg. "Ich bin erst in Minden zur Schule gegangen und später in Löhne. Zur Schule und zu meinen Kumpels bin ich mit dem Rad gefahren", erzählt der Bergkirchener. Sebastian Tegtmeier selbst hat seine Liebe zum Radsport quasi zum Beruf gemacht. Der studierte Betriebswirt hat Bad Oeynhausen nur ein paar Jahre aus Studiengründen und für den Berufseinstieg verlassen. "Während das Studiums habe ich in Fahrradläden gejobbt. Danach wollte ich eigentlich als Unternehmensberater in die Automobilbranche", erzählt Tegtmeier. Doch 2009 - unmittelbar nach der Finanzkrise - sah es in dieser Branche schlecht aus für Berufseinsteiger. "In der Fahrradbranche aber sah es ähnlich wie heute anders aus." Er konnte seine Kontakte nutzen und stieg als Produktmanager einer neuen Marke ein. Heute ist Sebastian Tegtmeier als Marketingchef Europa für das kalifornische Unternehmen "Santa Cruz" tätig und betreut die Mountainbikemarke aus dem US-amerikanischen Sonnenstaat von Bergkirchen aus. "Mountainbiker werden zu Unrecht angeprangert" Nach seiner Meinung würden Mountainbiker zu Unrecht angeprangert. Vor allem aber stört ihn die Verallgemeinerung: "Es gibt nicht die Mountainbiker und auch nicht die Waldbesitzer. Ich kenne Waldbesitzer, die selbst Mountainbike fahren, und welche, die Radsportler in ihren Parzellen durchaus begrüßen", so Tegtmeier. Ebenso unterschiedlich sei auch die Art und Weise, wie Radsportler im Wald unterwegs sind. "Den Tourenbikern ist der Erholungseffekt wichtig, die suchen die sportliche Anstrengung bei den Anstiegen, Cross-Country-Fahrer nutzen die Beschaffenheit des Geländes", erläutert Sebastian Tegtmeier. Etwa 90 Prozent der Mountainbiker würden längere Wegstrecken bevorzugen und nicht mehrfach hintereinander die gleiche Strecke fahren. "Und die, die senkrecht runterfahren, machen meines Erachtens nur einen kleinen Teil aus", ist Sebastian Tegtmeier überzeugt. Touristische und sportliche Nutzung zwischen Denkmal und Lutterscher Egge am stärksten Etwas distanziert betrachtet er die Gruppe der Fahrer, die Rampen bauen, Sprünge anlegen oder Löcher graben. "Aber auch die Fahrergruppe gibt es schon sehr, sehr lange." Allerdings räumt er ein, habe sich die Anzahl der Radsportler, die das Gebiet zwischen der Lutternschen Egge und dem Porta-Denkmal nutzen, seit Beginn der Corona-Pandemie massiv erhöht. "Bislang kannte ich jeden, der da unterwegs war, das ist jetzt anders." Erstaunlicherweise sei ausschließlich in besagtem Bereich so viel los, "auf der anderen Seite Richtung Lübbecke sind kaum Radsportler unterwegs, ebenso wenig wie auf der anderen Seite der Weser im Wesergebirge", so Tegtmeier. Als Grund dafür nennt er die von Radsportlern geschätzte anspruchsvolle Beschaffenheit des Geländes. Mit Beginn der Corona-Panademie drängten aber nicht nur mehr Radsportler in den Wald: Es gebe deutlich mehr Spaziergänger und viel mehr Autoverkehr. "Auf dem Kammweg ist mittlerweile mehr los als im Feierabendverkehr auf der Mindener Straße", sagt Tegtmeier. Und der Kammweg sei die einzige Verbindung zwischen der Lutternschen Egge und dem Denkmal. "Auch das Denkmal zieht nach der Sanierung deutlich mehr Menschen an, ebenso wie die Wittekindsburg und der Wilde Schmied. Da sind Probleme unter den Waldnutzern programmiert", ist Tegtmeier überzeugt. Das Gebiet werde touristisch massiv genutzt, ohne dass es dafür entsprechend geplant sei. "Wir Mountainbiker müssen unseren Ehrenkodex stärker bekannt machen" Die Entwicklung des Radsports hat Sebastian Tegtmeier in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht nur miterlebt, sondern auch mitgestaltet. Er gehörte Mitte der 90er Jahre als Gründungsmitglied zum Chaos Team Bad Oeynhausen, dem ersten und größten Downhill-Team in der Region, wie Tegtmeier sagt. Die Team-Mitglieder haben an Rennen in ganz Deutschland teilgenommen und sie hatten etwas Besonderes: einen Ehrenkodex. "Wir haben klare Verhaltensregeln aufgestellt, die jeder befolgt hat", sagt Tegtmeier. Zu diesem Ehrenkodex gehört auch "gemeinsames Müllsammeln im Wald und Wegepflege." Leider, weiß Sebastian Tegtmeier, würde nicht alle Biker diese Regeln kennen und darum auch nicht befolgen. "Hier müssen wir Radsportler ansetzen. Wir müssen uns selbst disziplinieren, müssen Ansprechpartner sein - auch für Waldbesitzer", blickt Tegtmeier in die Zukunft. Als Marketing-Experte verfügt er über das entsprechende Know-how, Netzwerke zu bilden und Menschen mit unterschiedlichen Ansprüchen an einen Tisch zu bringen. Und er möchte sich künftig stärker einbringen. Kalifornisches Modell als Lösung fürs Wiehengebirge? "Der Wald ist für alle da, aber wenn alle den Wald für ihre Erholungsbedürfnisse nutzen, haben die Waldbesitzer auch ein Recht darauf, an diesem Nutzen zu partizipieren", sagt Tegtmeier. Wie das funktionieren kann, beschreibt er mit einem Beispiel aus Kalifornien: "Dort zahlen Radsportler einen Obolus, wenn sie den Wald für ihren Sport nutzen". Ob sich solch ein Modell auch im Wiehengebirge durchsetzen lässt, da ist er allerdings skeptisch. "Wichtigste Voraussetzung für eine konstruktive Lösung ist, dass alle Beteiligten sich kompromissbereit zeigen." Mehr zum Thema: Das Dilemma im Wald: Katz- und Maus-Spiel zwischen Bikern und Besitzern Aufruhr im Wald: Konflikt zwischen Mountainbikern und Waldbauern spitzt sich zu Waldbesitzer im Wiehengebirge wehren sich gegen Mountainbiker

Mountainbiker haben im Wiehengebirge eine lange Tradition - und wollen weiter fahren

Sebastian Tegtmeier war schon als Kind mit seinem Rad im Wiehengebirge unterwegs. © privat

Bad Oeynhausen (nw). Sebastian Tegtmeier ist an der Bergkante aufgewachsen, da wundert es nicht, dass er bereits als kleiner Junge mit seinem Fahrrad viel im Wiehengbirge unterwegs war. Das abwechslungsreiche Gelände zwischen der Lutternsche Egge und dem Kaiser-Wilhelm-Denkmal hat es ihm schon damals angetan. Das ist mehr als 30 Jahre her. "Damals gab es den Begriff Mountainbiking in Deutschland noch gar nicht", erzählt der 40-jährige Bergkirchener. Mit Interesse hat er die Berichterstattung über die Diskussion über das Mountainbiken im Wiehengebirge verfolgt. Wie berichtet, habe die Corona-Krise nach der Auffassung von Waldbesitzern und Forstamt zu einem nicht mehr hinnehmbaren Anstieg von Mountainbikern im Wiehengebirge geführt und einen seit Jahren bestehenden Zwist wieder aufleben lassen. 

"Mich stört die Verallgemeinerung"

Tegtmeier bezeichnet sich im Gespräch mit der NW als einen der "dienstältesten Mountainbiker im Wiehengebirge". Die in der Corona-Pandemie aufgepoppte Diskussion habe ihn einigermaßen erstaunt, denn "schließlich werde im Wiehengebirge schon seit mehr als 30 Jahren Radsport betrieben und es gab bislang sehr wenige Konflikte", sagt Tegtmeier. Er selbst ist von Kindesbeinen an viel mit dem Rad unterwegs gewesen - immer runter und wieder rauf auf den Berg. "Ich bin erst in Minden zur Schule gegangen und später in Löhne. Zur Schule und zu meinen Kumpels bin ich mit dem Rad gefahren", erzählt der Bergkirchener.

Sebastian Tegtmeier ist an einer konstruktiven Lösung interessiert. - © Max Schumann
Sebastian Tegtmeier ist an einer konstruktiven Lösung interessiert. - © Max Schumann

Sebastian Tegtmeier selbst hat seine Liebe zum Radsport quasi zum Beruf gemacht. Der studierte Betriebswirt hat Bad Oeynhausen nur ein paar Jahre aus Studiengründen und für den Berufseinstieg verlassen. "Während das Studiums habe ich in Fahrradläden gejobbt. Danach wollte ich eigentlich als Unternehmensberater in die Automobilbranche", erzählt Tegtmeier. Doch 2009 - unmittelbar nach der Finanzkrise - sah es in dieser Branche schlecht aus für Berufseinsteiger. "In der Fahrradbranche aber sah es ähnlich wie heute anders aus." Er konnte seine Kontakte nutzen und stieg als Produktmanager einer neuen Marke ein. Heute ist Sebastian Tegtmeier als Marketingchef Europa für das kalifornische Unternehmen "Santa Cruz" tätig und betreut die Mountainbikemarke aus dem US-amerikanischen Sonnenstaat von Bergkirchen aus.

"Mountainbiker werden zu Unrecht angeprangert"

Nach seiner Meinung würden Mountainbiker zu Unrecht angeprangert. Vor allem aber stört ihn die Verallgemeinerung: "Es gibt nicht die Mountainbiker und auch nicht die Waldbesitzer. Ich kenne Waldbesitzer, die selbst Mountainbike fahren, und welche, die Radsportler in ihren Parzellen durchaus begrüßen", so Tegtmeier. Ebenso unterschiedlich sei auch die Art und Weise, wie Radsportler im Wald unterwegs sind. "Den Tourenbikern ist der Erholungseffekt wichtig, die suchen die sportliche Anstrengung bei den Anstiegen, Cross-Country-Fahrer nutzen die Beschaffenheit des Geländes", erläutert Sebastian Tegtmeier. Etwa 90 Prozent der Mountainbiker würden längere Wegstrecken bevorzugen und nicht mehrfach hintereinander die gleiche Strecke fahren. "Und die, die senkrecht runterfahren, machen meines Erachtens nur einen kleinen Teil aus", ist Sebastian Tegtmeier überzeugt.

Touristische und sportliche Nutzung zwischen Denkmal und Lutterscher Egge am stärksten

Etwas distanziert betrachtet er die Gruppe der Fahrer, die Rampen bauen, Sprünge anlegen oder Löcher graben. "Aber auch die Fahrergruppe gibt es schon sehr, sehr lange." Allerdings räumt er ein, habe sich die Anzahl der Radsportler, die das Gebiet zwischen der Lutternschen Egge und dem Porta-Denkmal nutzen, seit Beginn der Corona-Pandemie massiv erhöht. "Bislang kannte ich jeden, der da unterwegs war, das ist jetzt anders." Erstaunlicherweise sei ausschließlich in besagtem Bereich so viel los, "auf der anderen Seite Richtung Lübbecke sind kaum Radsportler unterwegs, ebenso wenig wie auf der anderen Seite der Weser im Wesergebirge", so Tegtmeier. Als Grund dafür nennt er die von Radsportlern geschätzte anspruchsvolle Beschaffenheit des Geländes.

Mit Beginn der Corona-Panademie drängten aber nicht nur mehr Radsportler in den Wald: Es gebe deutlich mehr Spaziergänger und viel mehr Autoverkehr. "Auf dem Kammweg ist mittlerweile mehr los als im Feierabendverkehr auf der Mindener Straße", sagt Tegtmeier. Und der Kammweg sei die einzige Verbindung zwischen der Lutternschen Egge und dem Denkmal. "Auch das Denkmal zieht nach der Sanierung deutlich mehr Menschen an, ebenso wie die Wittekindsburg und der Wilde Schmied. Da sind Probleme unter den Waldnutzern programmiert", ist Tegtmeier überzeugt. Das Gebiet werde touristisch massiv genutzt, ohne dass es dafür entsprechend geplant sei.

"Wir Mountainbiker müssen unseren Ehrenkodex stärker bekannt machen"

Die Entwicklung des Radsports hat Sebastian Tegtmeier in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht nur miterlebt, sondern auch mitgestaltet. Er gehörte Mitte der 90er Jahre als Gründungsmitglied zum Chaos Team Bad Oeynhausen, dem ersten und größten Downhill-Team in der Region, wie Tegtmeier sagt. Die Team-Mitglieder haben an Rennen in ganz Deutschland teilgenommen und sie hatten etwas Besonderes: einen Ehrenkodex. "Wir haben klare Verhaltensregeln aufgestellt, die jeder befolgt hat", sagt Tegtmeier. Zu diesem Ehrenkodex gehört auch "gemeinsames Müllsammeln im Wald und Wegepflege." Leider, weiß Sebastian Tegtmeier, würde nicht alle Biker diese Regeln kennen und darum auch nicht befolgen. "Hier müssen wir Radsportler ansetzen. Wir müssen uns selbst disziplinieren, müssen Ansprechpartner sein - auch für Waldbesitzer", blickt Tegtmeier in die Zukunft. Als Marketing-Experte verfügt er über das entsprechende Know-how, Netzwerke zu bilden und Menschen mit unterschiedlichen Ansprüchen an einen Tisch zu bringen. Und er möchte sich künftig stärker einbringen.

Kalifornisches Modell als Lösung fürs Wiehengebirge?

"Der Wald ist für alle da, aber wenn alle den Wald für ihre Erholungsbedürfnisse nutzen, haben die Waldbesitzer auch ein Recht darauf, an diesem Nutzen zu partizipieren", sagt Tegtmeier. Wie das funktionieren kann, beschreibt er mit einem Beispiel aus Kalifornien: "Dort zahlen Radsportler einen Obolus, wenn sie den Wald für ihren Sport nutzen". Ob sich solch ein Modell auch im Wiehengebirge durchsetzen lässt, da ist er allerdings skeptisch. "Wichtigste Voraussetzung für eine konstruktive Lösung ist, dass alle Beteiligten sich kompromissbereit zeigen."

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