Mit Duftstoff angelockt: Millionen Käfer sterben im Solebad Jörg Stuke Bad Oeynhausen (nw). Die Luft im Wald des Wiehengebirges ist voller Leben. Während Annette Uhr und Marie Bootz sich an dem dunkelgrauen Kasten auf der Fichten-Lichtung zu schaffen machen, schwirren Hunderte Insekten um ihre Köpfe. Es sind Borkenkäfer, im Anflug auf ihr Verderben. Denn ein Duftstoff lockt sie in die grauen Kästen, wo sie in einem Auffangbehälter landen, aus dem es kein Entrinnen gibt. Seit vier Wochen stehen die Borkenkäferfallen im Revier von Förster Markus Uhr, im Wiehengebirge im Norden Bad Oeynhausens. Und die beiden Mitarbeiterinnen des Forstamtes sind unterwegs zur ersten Leerung der Fangkästen. Nach zwei harten Sommern fallen die Käfer mit Macht über die Fichten her Zwei harte Sommer liegen hinter dem Wald, mit extremer Hitze und ausgeprägter Dürre. Vor allem die Fichten im Wiehenwald hat das so geschwächt, dass sie dem Angriff der Borkenkäfer nicht gewachsen sind. Und der Käfer fällt mit Macht über sie her. Denn das Wetter, das die Bäume schwächte, ist dem Käfer bestens bekommen. Anfang März hatte Markus Uhr berichtet, was eine Untersuchung von Boden und Bäumen im Wald oberhalb von Bergkirchen ergeben hat: Auf einem Hektar dieses Waldes haben elf Millionen Käferlarven den Winter überlebt. Schon 300 Käfer reichen, um auch eine gesunde Fichte zu zerstören. Die Folgen drohen in diesem Sommer katastrophal zu werden. Uhr überlegte, wie er die drohende explosionsartige Vermehrung der Käfer eindämmen könnte. Er beantragte beim Land Fördermittel für 75 Käferfallen. 6.500 Euro kosten die Fallen aus österreichischer Produktion, knapp 4.500 Euro übernimmt das Land. Solche Fallen wurden bislang im deutschen Forst eher zur Beobachtung, zum sogenannten Monitoring, eingesetzt, um ermessen zu können, wie groß der Käferbefall überhaupt ist. Uhr aber will mit den Fallen die Käfer nicht beobachten, sondern bekämpfen. "Ich kenne keinen Bereich in der Region, in der Fallen in dieser Größenordnung eingesetzt werden", sagt Uhr. Die Erklärung lässt Bad Oeynhausener Ohren aufhorchen Deshalb sind der Förster und seine Mitarbeiterinnen - zu denen auch seine Ehefrau Annette gehört - gespannt auf den Fangerfolg. Forst-Referendarin Marie Bootz leert den Auffangbehälter einer Falle aus. Wie Kaviar liegen die schwarzen Käfer der Arten Kupferstecher und Buchdrucker in einer bläulichen Lösung. Die Erklärung der Flüssigkeit lässt gerade Bad Oeynhausener Ohren aufhorchen: "Das ist Sole", sagt Markus Uhr. Was in der Kurstadt als Heilmittel bekannt ist, wird für die Käfer aus Wasser, Salz und etwas blauem Farbstoff angemischt und macht den Käfern den Garaus. Sie ertrinken im Solebad. Die Salzlake hindert die Käfer außerdem daran, einen warnenden Duftstoff an ihre Artgenossen abzusondern mit der Botschaft: "Kommt hier besser nicht her." Und das Salzwasser sorgt außerdem dafür, das die verwesenden Käferkörper nicht stinken. Denn die Kommunikation der Borkenkäfer läuft über den Geruch. Deshalb hängt in jeder Falle ein kleines Säckchen mit Duftstoff, der die Käfer anlockt. Es gibt einen Duft, auf den Buchdrucker und Kupferstecher reagieren, und solchen, der nur für den deutlich größeren Buchdrucker verlockend ist. In Falle Nummer 16 finden Marie Bootz und Annette Uhr beide Käferarten. Wie Kaviar wirkt die schwarze Masse, die die Referendarin aus dem Auffangbehälter rakt und spült. Fünf Millionen Käfer gehen pro Monat in die Falle Bootz misst mit einem Litermaß die Menge. So können die Forstfachfrauen die Anzahl der Käfer abschätzen. Über 170.000 Tiere dürften in diese Falle gegangen sein, überwiegend die kleinen Kupferstecher. Nachbarfalle Nummer 17 hat nur Buchdrucker angelockt, rund 31.000 Stück. Etwa ein Drittel der Fallen, die über 1.000 Hektar Wald verteilt vor allem in den Fichtenbeständen stehen, haben die Forstfachfrauen inzwischen einmal geleert. Und dabei über 1,5 Millionen gefangener Käfer gezählt. Hochgerechnet auf alle 75 Fallen macht das 5 Millionen Tiere pro Monat. Eine Quote, die auch Markus Uhr überrascht. "Wir wissen nicht, ob wir so den Kampf gegen den Borkenkäfer gewinnen können", sagt der Förster. Doch immerhin: "Wir fangen so jede Woche so viele Käfer, die 1.600 Bäume umbringen könnten." Wie das aussieht, kann Uhr vor allem auf der Nordseite des Wiehens zeigen. Hier gibt es größere Fichtenbestände, in denen die Bäume kahl in den Himmel ragen. Ein Stück abgestorbener Wald - keine schöne Aussicht. Deswegen will Förster Uhr den Kampf um die Fichte nicht aufgeben. "Wir versuchen alles, mit dem Mut der Verzweiflung", sagt er. Und: "Jeder Käfer zählt."

Mit Duftstoff angelockt: Millionen Käfer sterben im Solebad

Annette Uhr (l.) und Marie Bootz leeren den Auffangbehälter einer Borkenkäfer-Falle. © Jörg Stuke

Bad Oeynhausen (nw). Die Luft im Wald des Wiehengebirges ist voller Leben. Während Annette Uhr und Marie Bootz sich an dem dunkelgrauen Kasten auf der Fichten-Lichtung zu schaffen machen, schwirren Hunderte Insekten um ihre Köpfe. Es sind Borkenkäfer, im Anflug auf ihr Verderben. Denn ein Duftstoff lockt sie in die grauen Kästen, wo sie in einem Auffangbehälter landen, aus dem es kein Entrinnen gibt. Seit vier Wochen stehen die Borkenkäferfallen im Revier von Förster Markus Uhr, im Wiehengebirge im Norden Bad Oeynhausens. Und die beiden Mitarbeiterinnen des Forstamtes sind unterwegs zur ersten Leerung der Fangkästen.

Nach zwei harten Sommern fallen die Käfer mit Macht über die Fichten her

Zwei harte Sommer liegen hinter dem Wald, mit extremer Hitze und ausgeprägter Dürre. Vor allem die Fichten im Wiehenwald hat das so geschwächt, dass sie dem Angriff der Borkenkäfer nicht gewachsen sind. Und der Käfer fällt mit Macht über sie her. Denn das Wetter, das die Bäume schwächte, ist dem Käfer bestens bekommen. Anfang März hatte Markus Uhr berichtet, was eine Untersuchung von Boden und Bäumen im Wald oberhalb von Bergkirchen ergeben hat: Auf einem Hektar dieses Waldes haben elf Millionen Käferlarven den Winter überlebt. Schon 300 Käfer reichen, um auch eine gesunde Fichte zu zerstören. Die Folgen drohen in diesem Sommer katastrophal zu werden.

Forst-Referendarin Marie Bootz leert eine Borkenkäfer-Falle im Wiehengebirge. - © Jörg Stuke
Forst-Referendarin Marie Bootz leert eine Borkenkäfer-Falle im Wiehengebirge. - © Jörg Stuke

Uhr überlegte, wie er die drohende explosionsartige Vermehrung der Käfer eindämmen könnte. Er beantragte beim Land Fördermittel für 75 Käferfallen. 6.500 Euro kosten die Fallen aus österreichischer Produktion, knapp 4.500 Euro übernimmt das Land. Solche Fallen wurden bislang im deutschen Forst eher zur Beobachtung, zum sogenannten Monitoring, eingesetzt, um ermessen zu können, wie groß der Käferbefall überhaupt ist. Uhr aber will mit den Fallen die Käfer nicht beobachten, sondern bekämpfen. "Ich kenne keinen Bereich in der Region, in der Fallen in dieser Größenordnung eingesetzt werden", sagt Uhr.

Die Erklärung lässt Bad Oeynhausener Ohren aufhorchen

So sieht das Ende aus: Dieser Fichtenwald im Wiehengebirge ist abgestorben und wird in diesen Tagen gefällt. - © Jörg Stuke
So sieht das Ende aus: Dieser Fichtenwald im Wiehengebirge ist abgestorben und wird in diesen Tagen gefällt. - © Jörg Stuke

Deshalb sind der Förster und seine Mitarbeiterinnen - zu denen auch seine Ehefrau Annette gehört - gespannt auf den Fangerfolg. Forst-Referendarin Marie Bootz leert den Auffangbehälter einer Falle aus. Wie Kaviar liegen die schwarzen Käfer der Arten Kupferstecher und Buchdrucker in einer bläulichen Lösung. Die Erklärung der Flüssigkeit lässt gerade Bad Oeynhausener Ohren aufhorchen: "Das ist Sole", sagt Markus Uhr. Was in der Kurstadt als Heilmittel bekannt ist, wird für die Käfer aus Wasser, Salz und etwas blauem Farbstoff angemischt und macht den Käfern den Garaus. Sie ertrinken im Solebad. Die Salzlake hindert die Käfer außerdem daran, einen warnenden Duftstoff an ihre Artgenossen abzusondern mit der Botschaft: "Kommt hier besser nicht her." Und das Salzwasser sorgt außerdem dafür, das die verwesenden Käferkörper nicht stinken.

Der Erfolg liegt auf der Hand: Förster Markus Uhr mit einem kleinenTeil der gefangenen Käfer. - © Jörg Stuke
Der Erfolg liegt auf der Hand: Förster Markus Uhr mit einem kleinenTeil der gefangenen Käfer. - © Jörg Stuke

Denn die Kommunikation der Borkenkäfer läuft über den Geruch. Deshalb hängt in jeder Falle ein kleines Säckchen mit Duftstoff, der die Käfer anlockt. Es gibt einen Duft, auf den Buchdrucker und Kupferstecher reagieren, und solchen, der nur für den deutlich größeren Buchdrucker verlockend ist. In Falle Nummer 16 finden Marie Bootz und Annette Uhr beide Käferarten. Wie Kaviar wirkt die schwarze Masse, die die Referendarin aus dem Auffangbehälter rakt und spült.

Fünf Millionen Käfer gehen pro Monat in die Falle

Bootz misst mit einem Litermaß die Menge. So können die Forstfachfrauen die Anzahl der Käfer abschätzen. Über 170.000 Tiere dürften in diese Falle gegangen sein, überwiegend die kleinen Kupferstecher. Nachbarfalle Nummer 17 hat nur Buchdrucker angelockt, rund 31.000 Stück.

Etwa ein Drittel der Fallen, die über 1.000 Hektar Wald verteilt vor allem in den Fichtenbeständen stehen, haben die Forstfachfrauen inzwischen einmal geleert. Und dabei über 1,5 Millionen gefangener Käfer gezählt. Hochgerechnet auf alle 75 Fallen macht das 5 Millionen Tiere pro Monat. Eine Quote, die auch Markus Uhr überrascht. "Wir wissen nicht, ob wir so den Kampf gegen den Borkenkäfer gewinnen können", sagt der Förster. Doch immerhin: "Wir fangen so jede Woche so viele Käfer, die 1.600 Bäume umbringen könnten." Wie das aussieht, kann Uhr vor allem auf der Nordseite des Wiehens zeigen. Hier gibt es größere Fichtenbestände, in denen die Bäume kahl in den Himmel ragen. Ein Stück abgestorbener Wald - keine schöne Aussicht.

Deswegen will Förster Uhr den Kampf um die Fichte nicht aufgeben. "Wir versuchen alles, mit dem Mut der Verzweiflung", sagt er. Und: "Jeder Käfer zählt."

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