Gütersloh Mehr Personal für Weihnachten: Jobcenter versorgt Amazon mit Arbeitskräften Der Online-Riese Amazon hat seinen Standort Oelde in kürzester Zeit auf Vollauslastung hochgefahren - und nun naht Weihnachten. Das Jobcenter ist behilflich. Ludger Osterkamp Kreis Gütersloh. 460 Leute. Mal eben oben drauf. Wenn Amazon ankündigt, zusätzliches Personal fürs Weihnachtsgeschäft zu brauchen, sind das keine kleine Ziffern, die der Konzern aufruft. In der Tat: Die Zahl 460 bezieht sich allein auf das neue, im vergangenen Jahr eröffnete Logistikzentrum nahe der A 2 in Oelde. Bundesweit sucht das Unternehmen gar 10.000 Saisonarbeiter. Amazon schickte seinen Aufruf vor ein paar Wochen in die Welt. Das Unternehmen bereite sich das ganze Jahr auf die Weihnachtssaison vor und freue sich, Kollegen einzustellen, „die dabei helfen, unsere Kunden zu begeistern" - so lässt sich Norbert Brandau von Amazon Deutschland zitieren. Der Aufruf scheint zu wirken: Allein das Verteilzentrum in Oelde hat eigenen Angaben zufolge seit Oktober 160 zusätzliche Arbeitskräfte eingestellt; weitere 300 würden gesucht. Viele Menschen aus dem Hartz-IV-Bezug geholt Die Saisonkräfte könnten innerhalb weniger Tage starten und würden bis Ende des Jahres beschäftigt, heißt es. Für den Standort Oelde bedeutet das eine temporäre Personalaufstockung um etwa ein Viertel; außerhalb des Weihnachtsgeschäftes, so der Konzern, seien dort 1.900 Mitarbeiter tätig. Sein neues Werk innerhalb weniger Monate und damit schneller als geplant auf Vollauslastung hochgefahren zu haben, hat Amazon auch Corona zu verdanken - der Versandhandel ist ein Profiteur der Pandemie. Der Leiter des Gütersloher Jobcenters, Fred Kupczyk, bezeichnet die Ansiedlung des Unternehmensriesen in direkter Nachbarschaft zum Kreisgebiet als „Gewinn". Der Arbeitsmarkt habe davon profitiert, auch im Kreis Gütersloh. „Wir arbeiten gern mit Amazon zusammen", sagt Kupczyk. Dem Jobcenter sei es gelungen, viele frühere Hartz-IV-Bezieher aus dem Kreisgebiet dort unterzubringen. Konkret: „Seit Eröffnung des Standortes im Juli 2020 haben 302 unserer Bewerber dort erfolgreich einen Arbeitsvertrag bekommen." Arbeitsbedingungen besser als etwa in der Fleischindustrie Kupczyk sagte, auch jetzt, fürs Wintergeschäft, sei das Jobcenter bemüht, passende Bewerber für Amazon zu finden. „Wir informieren unsere Kunden und sichten auch selbst, wer dafür in Frage kommt." Kreisgrenzen seien keine Arbeitsgrenzen, insofern nutze das Jobcenter die Gelegenheit, Menschen dauerhaft aus dem Hartz-IV-Bezug zu bekommen. Amazon, so Kupczyk, sei kein unattraktiver Arbeitgeber. „Unsere Bewerber wissen es zu schätzen, in einem sauberen, modernen, temperiertem Betrieb zu arbeiten." In anderen Branchen, etwa der Lebensmittelindustrie, seien die Bedingungen oft weniger günstig. Auch sei die Arbeit weniger eintönig als in vielen anderen Firmen. „Als Picker, Versandmitarbeiter oder im technischen Dienst ist die Tätigkeit durchaus vielfältig", sagt Kupczyk. Im Nachteil seien allerdings, wie so oft, die Alleinerziehenden: Der Zweischichtbetrieb bei Amazon harmoniere nicht mit den Kita-Zeiten. Mehr als 100 Millionen Euro investiert Seinen Standort hat Amazon im Gewerbegebiet Aurea, das die Städte Oelde, Herzebrock-Clarholz und Rheda-Wiedenbrück gemeinsam ausgewiesen haben. „Wir haben dort mehr als 100 Millionen Euro investiert", sagt ein Firmensprecher - es ist das erste Mal, dass der Konzern die genaue Größenordnung nennt. Das Logistikzentrum habe eine Größe von 47.000 Quadratmetern, das entspreche 6,5 Fußballfeldern. Da das Gebäude in zweiter Reihe steht, sieht man es von der Autobahn nicht. Bevor der Standort eröffnete, hatte sich Jobcenter-Chef Kupczyk das Amazon-Werk in Werne bei Dortmund angesehen. "Ich wollte mir einen Eindruck verschaffen." Die Abteilung Unternehmensservice des Jobcenters habe anschließend direkte Ansprechpartner für das Oelder Werk erhalten, auch unterhalte Amazon in Gütersloh ein Bewerberbüro, das zu bestimmten Zeiten und Anlässen geöffnet sei. Für Ende des Monats habe das Jobcenter zwei weitere Besichtigungen in Oelde geplant. 70 Prozent bleiben bei der Stange „Der Kontakt ist nicht nur eng, er ist gut", sagt Kupczyk. Schon die Eröffnung des Standortes im Juli 2020 habe das Jobcenter kontinuierlich begleitet, auch in dem Sinne, dass bei den heimischen Bildungsträgern wie Pro Arbeit oder Arbeitslosenselbsthilfe passende Maßnahmen entwickelt wurden, um Stellenbewerber fit für die Arbeiten im Lager- und Logistikbereich zu machen. Von seinen rund 12.000 Leistungsbeziehern im erwerbsfähigen Alter habe das Jobcenter exakt 1.095 angesprochen; dass letztlich 302 bei Amazon eine Beschäftigung fanden, sei eine „absolut zufriedenstellende Quote". Dass von den 302 circa 80 das Arbeitsverhältnis inzwischen wieder beendet haben, sei zwar bedauerlich, entspreche aber den üblichen Erfahrungen. „Manche packen es einfach nicht dauerhaft", sagt Kupczyk, sie seien den Anforderungen an Verlässlichkeit, Motivation, Gesundheit, Mobilität und Verfügbarkeit nicht gewachsen. Im Schnitt liege die Quote der „nachhaltigen Beschäftigung" bei 65 Prozent, bei Amazon blieben immerhin mehr als 70 Prozent bei der Stange. Konzern bezahlt oberhalb des Mindestlohns - auch des womöglich künftigen Kupczyk und Amazon begründen das auch mit der Bezahlung. Der Einstiegslohn liege bei 12,12 Euro brutto pro Stunde, also oberhalb dessen, was die Bundes-SPD aktuell als Mindestlohn fordert. „Extras wie Überstundenzuschläge, Boni und ein Mitarbeiterrabatt kommen hinzu", so Amazon, außerdem steige der Lohn mit der Dauer der Betriebszugehörigkeit. Gewerkschaften indes kritisieren immer wieder die Arbeitsbedingungen in den Amazon-Standorten sowie die ungenügende Bezahlung.
Gütersloh

Mehr Personal für Weihnachten: Jobcenter versorgt Amazon mit Arbeitskräften

Die Saisonkräfte könnten innerhalb weniger Tage starten und würden bis Ende des Jahres beschäftigt, heißt es. © Andreas Frücht

Kreis Gütersloh. 460 Leute. Mal eben oben drauf. Wenn Amazon ankündigt, zusätzliches Personal fürs Weihnachtsgeschäft zu brauchen, sind das keine kleine Ziffern, die der Konzern aufruft. In der Tat: Die Zahl 460 bezieht sich allein auf das neue, im vergangenen Jahr eröffnete Logistikzentrum nahe der A 2 in Oelde. Bundesweit sucht das Unternehmen gar 10.000 Saisonarbeiter.

Amazon schickte seinen Aufruf vor ein paar Wochen in die Welt. Das Unternehmen bereite sich das ganze Jahr auf die Weihnachtssaison vor und freue sich, Kollegen einzustellen, „die dabei helfen, unsere Kunden zu begeistern" - so lässt sich Norbert Brandau von Amazon Deutschland zitieren. Der Aufruf scheint zu wirken: Allein das Verteilzentrum in Oelde hat eigenen Angaben zufolge seit Oktober 160 zusätzliche Arbeitskräfte eingestellt; weitere 300 würden gesucht.

Viele Menschen aus dem Hartz-IV-Bezug geholt

Die Saisonkräfte könnten innerhalb weniger Tage starten und würden bis Ende des Jahres beschäftigt, heißt es. Für den Standort Oelde bedeutet das eine temporäre Personalaufstockung um etwa ein Viertel; außerhalb des Weihnachtsgeschäftes, so der Konzern, seien dort 1.900 Mitarbeiter tätig. Sein neues Werk innerhalb weniger Monate und damit schneller als geplant auf Vollauslastung hochgefahren zu haben, hat Amazon auch Corona zu verdanken - der Versandhandel ist ein Profiteur der Pandemie.


Der Leiter des Gütersloher Jobcenters, Fred Kupczyk, bezeichnet die Ansiedlung des Unternehmensriesen in direkter Nachbarschaft zum Kreisgebiet als „Gewinn". Der Arbeitsmarkt habe davon profitiert, auch im Kreis Gütersloh. „Wir arbeiten gern mit Amazon zusammen", sagt Kupczyk. Dem Jobcenter sei es gelungen, viele frühere Hartz-IV-Bezieher aus dem Kreisgebiet dort unterzubringen. Konkret: „Seit Eröffnung des Standortes im Juli 2020 haben 302 unserer Bewerber dort erfolgreich einen Arbeitsvertrag bekommen."

Arbeitsbedingungen besser als etwa in der Fleischindustrie

Kupczyk sagte, auch jetzt, fürs Wintergeschäft, sei das Jobcenter bemüht, passende Bewerber für Amazon zu finden. „Wir informieren unsere Kunden und sichten auch selbst, wer dafür in Frage kommt." Kreisgrenzen seien keine Arbeitsgrenzen, insofern nutze das Jobcenter die Gelegenheit, Menschen dauerhaft aus dem Hartz-IV-Bezug zu bekommen. Amazon, so Kupczyk, sei kein unattraktiver Arbeitgeber. „Unsere Bewerber wissen es zu schätzen, in einem sauberen, modernen, temperiertem Betrieb zu arbeiten."

In anderen Branchen, etwa der Lebensmittelindustrie, seien die Bedingungen oft weniger günstig. Auch sei die Arbeit weniger eintönig als in vielen anderen Firmen. „Als Picker, Versandmitarbeiter oder im technischen Dienst ist die Tätigkeit durchaus vielfältig", sagt Kupczyk. Im Nachteil seien allerdings, wie so oft, die Alleinerziehenden: Der Zweischichtbetrieb bei Amazon harmoniere nicht mit den Kita-Zeiten.

Mehr als 100 Millionen Euro investiert

Seinen Standort hat Amazon im Gewerbegebiet Aurea, das die Städte Oelde, Herzebrock-Clarholz und Rheda-Wiedenbrück gemeinsam ausgewiesen haben. „Wir haben dort mehr als 100 Millionen Euro investiert", sagt ein Firmensprecher - es ist das erste Mal, dass der Konzern die genaue Größenordnung nennt. Das Logistikzentrum habe eine Größe von 47.000 Quadratmetern, das entspreche 6,5 Fußballfeldern. Da das Gebäude in zweiter Reihe steht, sieht man es von der Autobahn nicht.

Bevor der Standort eröffnete, hatte sich Jobcenter-Chef Kupczyk das Amazon-Werk in Werne bei Dortmund angesehen. "Ich wollte mir einen Eindruck verschaffen." Die Abteilung Unternehmensservice des Jobcenters habe anschließend direkte Ansprechpartner für das Oelder Werk erhalten, auch unterhalte Amazon in Gütersloh ein Bewerberbüro, das zu bestimmten Zeiten und Anlässen geöffnet sei. Für Ende des Monats habe das Jobcenter zwei weitere Besichtigungen in Oelde geplant.

70 Prozent bleiben bei der Stange

„Der Kontakt ist nicht nur eng, er ist gut", sagt Kupczyk. Schon die Eröffnung des Standortes im Juli 2020 habe das Jobcenter kontinuierlich begleitet, auch in dem Sinne, dass bei den heimischen Bildungsträgern wie Pro Arbeit oder Arbeitslosenselbsthilfe passende Maßnahmen entwickelt wurden, um Stellenbewerber fit für die Arbeiten im Lager- und Logistikbereich zu machen.

Von seinen rund 12.000 Leistungsbeziehern im erwerbsfähigen Alter habe das Jobcenter exakt 1.095 angesprochen; dass letztlich 302 bei Amazon eine Beschäftigung fanden, sei eine „absolut zufriedenstellende Quote". Dass von den 302 circa 80 das Arbeitsverhältnis inzwischen wieder beendet haben, sei zwar bedauerlich, entspreche aber den üblichen Erfahrungen. „Manche packen es einfach nicht dauerhaft", sagt Kupczyk, sie seien den Anforderungen an Verlässlichkeit, Motivation, Gesundheit, Mobilität und Verfügbarkeit nicht gewachsen. Im Schnitt liege die Quote der „nachhaltigen Beschäftigung" bei 65 Prozent, bei Amazon blieben immerhin mehr als 70 Prozent bei der Stange.

Konzern bezahlt oberhalb des Mindestlohns - auch des womöglich künftigen

Kupczyk und Amazon begründen das auch mit der Bezahlung. Der Einstiegslohn liege bei 12,12 Euro brutto pro Stunde, also oberhalb dessen, was die Bundes-SPD aktuell als Mindestlohn fordert. „Extras wie Überstundenzuschläge, Boni und ein Mitarbeiterrabatt kommen hinzu", so Amazon, außerdem steige der Lohn mit der Dauer der Betriebszugehörigkeit. Gewerkschaften indes kritisieren immer wieder die Arbeitsbedingungen in den Amazon-Standorten sowie die ungenügende Bezahlung.

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