2G oder Absage? Letzte Hoffnung Weihnachtsmarkt: OWL-Schausteller vor der Insolvenz Matthias Bungeroth Bad Oeynhausen. Es ist ein heiß diskutiertes Thema in diesen Tagen: Soll es im Jahr 2021 wieder Weihnachtsmärkte in den Städten geben und wenn ja, unter welchen Bedingungen lassen sich diese in Pandemiezeiten mit einem möglichst hohen Maß an Sicherheit organisieren? Während sich die Stadt Osnabrück in dieser Frage bereits zu einem Modell mit 2G-Regelung entschieden hat, dessen Einhaltung die Besucher mit einem Armbändchen nachweisen sollen, hat die Stadt München den traditionellen Christkindlmarkt auf dem Marienplatz erneut abgesagt. Bielefeld prüft derzeit die Bändchen-Option. In Paderborn gilt die 2G-Regel. Sie wird stichprobenartig überprüft. Eine Branche, die diese Debatte besonders aufmerksam verfolgt, ist die der Schausteller. Denn sie haben in knapp zwei Jahren unter Pandemiebedingungen bereits heftige Verluste hinnehmen müssen. Die meisten großen Volksfeste im vergangenen Jahr fielen aus. Deshalb sind sie nun dringend auf Einnahmen angewiesen, wie Thomas Meyer, Vizepräsident des Deutschen Schaustellerbundes (DSB) sagt. „Das ist unsere Chance, wieder ins Rennen zu gehen", sagt der Bad Oeynhausener Unternehmer, der selbst einer sehr traditionsreichen Schaustellerfamilie angehört. Wie angespannt die Lage ist, umschreibt Meyer so: „Es sind schon einige auf der Strecke geblieben. Jetzt geht es um die breite Masse." Einer brancheneigenen Studie zufolge erwirtschaftete die Branche im Jahr 2018 einen Bruttoumsatz von rund 7,63 Milliarden Euro, davon alleine 2,88 Milliarden Euro auf den Weihnachtsmärkten. Letzte Einnahmen 2019 Nicht wenige Betriebe hätten auf dem Weihnachtsmarkt im Jahr 2019 ihre letzte Einnahme gehabt, es gehe also an die Substanz, sagt Meyer. Kein Verständnis hat der DSB deshalb für eine jüngst vom SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach im ZDF geäußerte Forderung nach einer Absage aller Weihnachtsmärkte in Deutschland. Dieser Satz sei „ein Schlag ins Gesicht derer, die im Vertrauen auf die politischen Aussagen der vergangenen Monate, es werde keine Schließungen und keine Lockdowns mehr geben, in diesen Tagen diese Märkte aufbauen", schreibt der DSB in einem offenen Brief an Lauterbach. „Unsere Mitglieder, sämtlichst Familienbetriebe, sind seit nunmehr fast zwei Jahren mit einem Berufsverbot belegt und finanziell am Ende. Die Altersrückstellungen sind aufgebraucht, Lebensversicherungen gekündigt, die Konten leer beziehungsweise überzogen", umschreibt der DSB die dramatische Lage der Schaustellerbetriebe in Deutschland.„Es wurde investiert in Weihnachtsmärkte und Personal", unterstreicht Meyer. Sei die Stimmung bei den Betrieben, die bis zu diesem Zeitpunkt durchgekommen seien, jüngst noch positiv gewesen, so sei sie nun „niedergeschlagen". Dass Volksfeste in Zelten nicht möglich gewesen seien, habe die Branche akzeptiert. Dass nun aber auch Veranstaltungen im Freien grundsätzlich infrage gestellt würden, „dafür fehlt uns jetzt jedes Verständnis", so Meyer. "Holt die Menschen ins Freie" „Holt die Menschen ins Freie", ist Meyers Gegenentwurf. Was immer die Politik entscheide, müsse nachvollziehbar sein. Ohne eine Branche gegen die andere ausspielen zu wollen, sagt Meyer: „Die Einkaufszentren sind voll." Er selbst hat derzeit sein Riesenrad am Centro in Oberhausen aufgebaut. „Hier wird strickt kontrolliert. Es ist auch draußen Maskenpflicht." Damit könne die Branche leben, auch damit, dass Weihnachtsmärkte mit Zäunen umgrenzt werden, um eine Einlasskontrolle zu gewährleisten. Der DSB verweist in seinem offenen Brief erneut darauf, dass „schon seit vergangenem Jahr gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis ist, dass Veranstaltungen unter freiem Himmel, an frischester Luft nur in seltensten Fällen ein Infektionsgeschehen begünstigen". Wer über die Existenz der Weihnachtsmärkte grundsätzlich diskutiere, müsse gleichzeitig auch sagen, wie unternehmerische Existenzen gerettet werden sollen. „Die Überbrückungshilfen müssen über das Jahresende hinaus verlängert und ausgebaut werden, auch um die erheblichen Investitionen dieser Wochen zu kompensieren", lautet eine konkrete Forderung der Branche. Komme es zu diesem Weg nicht, werde geschehen, was bisher dank staatlicher Hilfen erfolgreich vermieden worden sei: „Insolvenzen in Serie".
2G oder Absage?

Letzte Hoffnung Weihnachtsmarkt: OWL-Schausteller vor der Insolvenz

Auf dem Hamburger Weihnachtsmarkt gilt bereits 2G. © REUTERS/Fabian Bimmer

Bad Oeynhausen. Es ist ein heiß diskutiertes Thema in diesen Tagen: Soll es im Jahr 2021 wieder Weihnachtsmärkte in den Städten geben und wenn ja, unter welchen Bedingungen lassen sich diese in Pandemiezeiten mit einem möglichst hohen Maß an Sicherheit organisieren? Während sich die Stadt Osnabrück in dieser Frage bereits zu einem Modell mit 2G-Regelung entschieden hat, dessen Einhaltung die Besucher mit einem Armbändchen nachweisen sollen, hat die Stadt München den traditionellen Christkindlmarkt auf dem Marienplatz erneut abgesagt. Bielefeld prüft derzeit die Bändchen-Option. In Paderborn gilt die 2G-Regel. Sie wird stichprobenartig überprüft.

Eine Branche, die diese Debatte besonders aufmerksam verfolgt, ist die der Schausteller. Denn sie haben in knapp zwei Jahren unter Pandemiebedingungen bereits heftige Verluste hinnehmen müssen. Die meisten großen Volksfeste im vergangenen Jahr fielen aus. Deshalb sind sie nun dringend auf Einnahmen angewiesen, wie Thomas Meyer, Vizepräsident des Deutschen Schaustellerbundes (DSB) sagt. „Das ist unsere Chance, wieder ins Rennen zu gehen", sagt der Bad Oeynhausener Unternehmer, der selbst einer sehr traditionsreichen Schaustellerfamilie angehört. Wie angespannt die Lage ist, umschreibt Meyer so: „Es sind schon einige auf der Strecke geblieben. Jetzt geht es um die breite Masse." Einer brancheneigenen Studie zufolge erwirtschaftete die Branche im Jahr 2018 einen Bruttoumsatz von rund 7,63 Milliarden Euro, davon alleine 2,88 Milliarden Euro auf den Weihnachtsmärkten.

Letzte Einnahmen 2019

Nicht wenige Betriebe hätten auf dem Weihnachtsmarkt im Jahr 2019 ihre letzte Einnahme gehabt, es gehe also an die Substanz, sagt Meyer. Kein Verständnis hat der DSB deshalb für eine jüngst vom SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach im ZDF geäußerte Forderung nach einer Absage aller Weihnachtsmärkte in Deutschland. Dieser Satz sei „ein Schlag ins Gesicht derer, die im Vertrauen auf die politischen Aussagen der vergangenen Monate, es werde keine Schließungen und keine Lockdowns mehr geben, in diesen Tagen diese Märkte aufbauen", schreibt der DSB in einem offenen Brief an Lauterbach.

„Unsere Mitglieder, sämtlichst Familienbetriebe, sind seit nunmehr fast zwei Jahren mit einem Berufsverbot belegt und finanziell am Ende. Die Altersrückstellungen sind aufgebraucht, Lebensversicherungen gekündigt, die Konten leer beziehungsweise überzogen", umschreibt der DSB die dramatische Lage der Schaustellerbetriebe in Deutschland.
„Es wurde investiert in Weihnachtsmärkte und Personal", unterstreicht Meyer. Sei die Stimmung bei den Betrieben, die bis zu diesem Zeitpunkt durchgekommen seien, jüngst noch positiv gewesen, so sei sie nun „niedergeschlagen". Dass Volksfeste in Zelten nicht möglich gewesen seien, habe die Branche akzeptiert. Dass nun aber auch Veranstaltungen im Freien grundsätzlich infrage gestellt würden, „dafür fehlt uns jetzt jedes Verständnis", so Meyer.

"Holt die Menschen ins Freie"

„Holt die Menschen ins Freie", ist Meyers Gegenentwurf. Was immer die Politik entscheide, müsse nachvollziehbar sein. Ohne eine Branche gegen die andere ausspielen zu wollen, sagt Meyer: „Die Einkaufszentren sind voll." Er selbst hat derzeit sein Riesenrad am Centro in Oberhausen aufgebaut. „Hier wird strickt kontrolliert. Es ist auch draußen Maskenpflicht." Damit könne die Branche leben, auch damit, dass Weihnachtsmärkte mit Zäunen umgrenzt werden, um eine Einlasskontrolle zu gewährleisten.

Der DSB verweist in seinem offenen Brief erneut darauf, dass „schon seit vergangenem Jahr gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis ist, dass Veranstaltungen unter freiem Himmel, an frischester Luft nur in seltensten Fällen ein Infektionsgeschehen begünstigen". Wer über die Existenz der Weihnachtsmärkte grundsätzlich diskutiere, müsse gleichzeitig auch sagen, wie unternehmerische Existenzen gerettet werden sollen. „Die Überbrückungshilfen müssen über das Jahresende hinaus verlängert und ausgebaut werden, auch um die erheblichen Investitionen dieser Wochen zu kompensieren", lautet eine konkrete Forderung der Branche. Komme es zu diesem Weg nicht, werde geschehen, was bisher dank staatlicher Hilfen erfolgreich vermieden worden sei: „Insolvenzen in Serie".

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