Kurioser Corona-Protest im Kreis: Ist ein Sarg noch Meinungsfreiheit? Sonja Vollmer,Kirsten Tirre Lübbecke-Alswede. Das in der Nähe des Mittellandkanals idyllisch gelegene Alswede hat gut 1.000 Einwohner. Wer über die Fiesteler Straße Richtung Espelkamp fährt, dessen Blick wird unweigerlich nahe des Ortsausgangs auf dem Vordach eines Hauses hängen bleiben. Denn dort steht sehr prominent platziert ein Sarg. "Impfpflicht = Moderne Euthanasie" steht darauf. "Hier wird die Demokratie zu Grabe getragen", auf der anderen Seite. Der Innenhof und auch das Auto des Urhebers sind tapeziert mit Aussagen wie "Kein Zutritt für Geimpfte". Eine deutliche Provokation. Ist das noch freie Meinungsäußerung oder doch verboten? Und wie reagieren die Bürger? Die Redaktion hat sich erkundigt. Krasse Aussagen Tatsächlich stehe der Sarg schon länger auf dem Gelände, zuvor auf dem Dach des Gewerbehauses. Vor etwa zwei Monaten sei er auf das private Hausdach gewandert, so der Urheber. Der Auslöser für die Aktion? "Unsere Regierung", sagt der Alsweder. "Ich bin nicht einverstanden mit dem, was da so geplant ist" sagt er und meint die Coronapolitik der Bundesregierung. Er und seine Frau zweifeln die Berichterstattung rund um die Pandemie, die Entscheidungen der Regierung sowie die Entwicklung der Impfstoffe an.Das Ehepaar ist auch überzeugt, dass die Meinungsfreiheit in Gefahr ist. Man dürfe ja nichts mehr sagen, Leute hätten Angst, ins Gefängnis zu kommen, behaupten sie. Die Themen berühren ihn offensichtlich emotional. Der Alsweder will auch Zustimmung, etwa von Vorbeifahrenden, für seine Aktion bekommen haben. Dabei findet er selbst: "So toll ist die Idee doch gar nicht". So ganz rigoros wie er es auf seinen selbst gebastelten Plakaten propagiert, gibt der Protestierende sich dann aber doch nicht. "Die Persönlichkeit ist mir wichtiger als der Impfstatus", meint er auf die Frage, ob er zum Beispiel geimpfte Kunden nicht bedienen würde. Belustigung, Indifferenz und deutliche Kritik Das Echo in Alswede ist geteilt. Anrufe beim Ordnungsamt und entsprechende Hinweise an die NW zeugen von deutlicher Ablehnung. Aber es gibt auch Anwohner, die sich darüber keine Sorgen machen. "Die Nachbarn lachen darüber. Der ist eigentlich sehr nett, ein Kumpeltyp. Aber mit einer etwas verschrobenen Weltsicht", sagt Ortsvorsteher Michael Tiemeier. Im Dorf kenne man den Herrn eben und nehme den Protest nicht so ernst. Auch aufs Geschäftliche gibt es wohl Auswirkungen. Einige Kunden wären schockiert gewesen und hätten geäußert, dass sie lieber nicht mehr zu dem Betroffenen gehen würden, erfährt man im Gespräch mit Nachbarn. Euthanasie sei ja schon ein sehr vorbelasteter Begriff, versucht der Ortsvorsteher vorsichtig eine kritische Auseinandersetzung anzuregen. Der Sarg-Besitzer verteidigt sich: Wenn man andere Ansichten habe, werde man ja auch aggressiv angegangen, da müsse man sich eben auch aggressiver äußern. Solche Diskussionen habe es schon öfter gegeben, meint Tiemeier. Der Ortsvorsteher lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, bringt Gegenargumente mit, aber scheint auch zu akzeptieren, dass er den Coronaskeptiker nicht überzeugen kann. "Gedeckte Geschmacklosigkeit" Wie aber soll man nun damit umgehen? Sollte man versuchen zu diskutieren? Sollte man Kontra bieten oder um des lieben Frieden willens lieber ein Auge zudrücken? Rechtlich ist dem Alsweder Impf-Skeptiker jedenfalls nicht beizukommen. Nachdem sich entrüstete Bürger gemeldet hatten, hat die Stadtverwaltung den Fall geprüft. Ergebnis: "Es handelt sich um eine durch die Meinungsfreiheit gedeckte Geschmacklosigkeit", sagt der Pressesprecher der Stadt Lübbecke, Andreas Püfke. Ergo: Nicht justiziabel. Ethische Bedenken Dennoch bleibt es ein Aufreger. Ein Ehepaar aus Lübbecke, das sich in der Redaktion gemeldet hat, spricht vermutlich anderen aus dem Herzen. Das Ehepaar findet es unverantwortlich, die Impfskepsis so plakativ deutlich zu machen. Die Fiesteler Straße sei eine Durchfahrtsstraße, den Sarg auf dem Dach und den Spruch dazu würden viele Menschen beim Vorbeifahren wahrnehmen. Jeder können ja seine Meinung haben, doch diese Form das kund zu tun sei "krass". Noch Unentschlosssene könnten durch die Aktion davon abgehalten werden, sich impfen zu lassen."Corona ist eine gefährliche Krankheit. Man sieht doch, was los ist, wenn man sich nicht impfen lässt."Und das Ehepaar sieht auch ein ethisches Problem darin, wenn sich jemand einen Sarg aufs Dach stellt. "Kinder ängstigen sich und fragen, ob da vielleicht ein Toter liegt." Außerdem sei direkt nebenan auch ein Bestattungsunternehmen beheimatet. Dem Ehepaar geht das schlicht zu weit. Meinungsfreiheit sei ja gut und schön, "aber es muss alles im Rahmen bleiben."

Kurioser Corona-Protest im Kreis: Ist ein Sarg noch Meinungsfreiheit?

Ein Alsweder hat einen Sarg auf seinem Dach - als Protest gegen die Coronapolitik. © Sonja Vollmer

Lübbecke-Alswede. Das in der Nähe des Mittellandkanals idyllisch gelegene Alswede hat gut 1.000 Einwohner. Wer über die Fiesteler Straße Richtung Espelkamp fährt, dessen Blick wird unweigerlich nahe des Ortsausgangs auf dem Vordach eines Hauses hängen bleiben. Denn dort steht sehr prominent platziert ein Sarg.

"Impfpflicht = Moderne Euthanasie" steht darauf. "Hier wird die Demokratie zu Grabe getragen", auf der anderen Seite. Der Innenhof und auch das Auto des Urhebers sind tapeziert mit Aussagen wie "Kein Zutritt für Geimpfte". Eine deutliche Provokation. Ist das noch freie Meinungsäußerung oder doch verboten? Und wie reagieren die Bürger? Die Redaktion hat sich erkundigt.

Krasse Aussagen

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Jeden Donnerstag von unserem Lokalchef Frank Hartmann

Tatsächlich stehe der Sarg schon länger auf dem Gelände, zuvor auf dem Dach des Gewerbehauses. Vor etwa zwei Monaten sei er auf das private Hausdach gewandert, so der Urheber. Der Auslöser für die Aktion? "Unsere Regierung", sagt der Alsweder. "Ich bin nicht einverstanden mit dem, was da so geplant ist" sagt er und meint die Coronapolitik der Bundesregierung.

Er und seine Frau zweifeln die Berichterstattung rund um die Pandemie, die Entscheidungen der Regierung sowie die Entwicklung der Impfstoffe an.Das Ehepaar ist auch überzeugt, dass die Meinungsfreiheit in Gefahr ist. Man dürfe ja nichts mehr sagen, Leute hätten Angst, ins Gefängnis zu kommen, behaupten sie. Die Themen berühren ihn offensichtlich emotional.

Der Alsweder will auch Zustimmung, etwa von Vorbeifahrenden, für seine Aktion bekommen haben. Dabei findet er selbst: "So toll ist die Idee doch gar nicht". So ganz rigoros wie er es auf seinen selbst gebastelten Plakaten propagiert, gibt der Protestierende sich dann aber doch nicht. "Die Persönlichkeit ist mir wichtiger als der Impfstatus", meint er auf die Frage, ob er zum Beispiel geimpfte Kunden nicht bedienen würde.

Belustigung, Indifferenz und deutliche Kritik

Das Echo in Alswede ist geteilt. Anrufe beim Ordnungsamt und entsprechende Hinweise an die NW zeugen von deutlicher Ablehnung. Aber es gibt auch Anwohner, die sich darüber keine Sorgen machen. "Die Nachbarn lachen darüber. Der ist eigentlich sehr nett, ein Kumpeltyp. Aber mit einer etwas verschrobenen Weltsicht", sagt Ortsvorsteher Michael Tiemeier.

Im Dorf kenne man den Herrn eben und nehme den Protest nicht so ernst. Auch aufs Geschäftliche gibt es wohl Auswirkungen. Einige Kunden wären schockiert gewesen und hätten geäußert, dass sie lieber nicht mehr zu dem Betroffenen gehen würden, erfährt man im Gespräch mit Nachbarn.

Euthanasie sei ja schon ein sehr vorbelasteter Begriff, versucht der Ortsvorsteher vorsichtig eine kritische Auseinandersetzung anzuregen. Der Sarg-Besitzer verteidigt sich: Wenn man andere Ansichten habe, werde man ja auch aggressiv angegangen, da müsse man sich eben auch aggressiver äußern. Solche Diskussionen habe es schon öfter gegeben, meint Tiemeier. Der Ortsvorsteher lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, bringt Gegenargumente mit, aber scheint auch zu akzeptieren, dass er den Coronaskeptiker nicht überzeugen kann.

"Gedeckte Geschmacklosigkeit"

Wie aber soll man nun damit umgehen? Sollte man versuchen zu diskutieren? Sollte man Kontra bieten oder um des lieben Frieden willens lieber ein Auge zudrücken? Rechtlich ist dem Alsweder Impf-Skeptiker jedenfalls nicht beizukommen. Nachdem sich entrüstete Bürger gemeldet hatten, hat die Stadtverwaltung den Fall geprüft. Ergebnis: "Es handelt sich um eine durch die Meinungsfreiheit gedeckte Geschmacklosigkeit", sagt der Pressesprecher der Stadt Lübbecke, Andreas Püfke. Ergo: Nicht justiziabel.

Ethische Bedenken

Dennoch bleibt es ein Aufreger. Ein Ehepaar aus Lübbecke, das sich in der Redaktion gemeldet hat, spricht vermutlich anderen aus dem Herzen. Das Ehepaar findet es unverantwortlich, die Impfskepsis so plakativ deutlich zu machen. Die Fiesteler Straße sei eine Durchfahrtsstraße, den Sarg auf dem Dach und den Spruch dazu würden viele Menschen beim Vorbeifahren wahrnehmen. Jeder können ja seine Meinung haben, doch diese Form das kund zu tun sei "krass".

Noch Unentschlosssene könnten durch die Aktion davon abgehalten werden, sich impfen zu lassen."Corona ist eine gefährliche Krankheit. Man sieht doch, was los ist, wenn man sich nicht impfen lässt."Und das Ehepaar sieht auch ein ethisches Problem darin, wenn sich jemand einen Sarg aufs Dach stellt. "Kinder ängstigen sich und fragen, ob da vielleicht ein Toter liegt." Außerdem sei direkt nebenan auch ein Bestattungsunternehmen beheimatet. Dem Ehepaar geht das schlicht zu weit. Meinungsfreiheit sei ja gut und schön, "aber es muss alles im Rahmen bleiben."

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