Kinderschänder unterwegs: Warum sich mehr Pädophile verantworten müssen Ilja Regier Kreis Minden-Lübbecke. Diese Straftaten lassen Außenstehende erschaudern. Was geht in den Köpfen der Menschen vor, die minderjährige und manchmal die eigenen Kinder vergewaltigen und foltern? Mehrere Männer aus dem Lübbecker Land müssen sich in den vergangenen Wochen wegen des Verdachts des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern vor dem Landgericht Bielefeld verantworten. Ist der Altkreis Lübbecke eine "Pädophilen-Hochburg"? Wie kommt es, dass vielen von ihnen der Prozess gemacht wird, obwohl die Taten zum Teil lange zurückliegen? Zehn Jahre misshandelten zwei inzwischen verurteilte Männer in mehr als 1.000 Fällen Mädchen und Jungen auf einem Campingplatz in Lügde im Kreis Lippe. Bis jetzt ist nicht vollständig geklärt, welche Behörden genau versagten, wegsahen und warum sich die Männer nahezu ungestört an unschuldigen Kindern vergreifen konnten. Doch inzwischen hat sich auch bei der Polizei im Kreis Minden-Lübbecke viel getan - nachdem NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) Millionen-Investitionen in den Themenkomplex "Kindesmissbrauch" bei den Polizeidienststellen und dem Landeskriminalamt (LKA) ankündigte. Espelkamper sammelte Kinderpornos "Wir haben die Zahl der in diesem Bereich tätigen Beamten deutlich erhöht", bestätigt Ralf Steinmeyer von der Polizei Minden-Lübbecke. Das habe dazu geführt, dass sich diese anstrengende und belastende Arbeit letztlich in den Verhandlungen und Verurteilungen beim Landgericht in Bielefeld widerspiegele, erklärt der Sprecher. Unter anderem steht derzeit ein 42-Jähriger aus Espelkamp vor Gericht, der zwischen 2015 und 2017 seine beiden damals fünf und drei Jahre alten Töchter sexuell misshandelt haben soll und dabei filmte. Bei ihm fanden die Ermittler zudem kinder- und jugendpornografische Bild- und Filmdateien. Landeskriminalamt hilft aus Wie Steinmeyer erklärt, durchsuchen die Ermittler in der Regel die Wohnungen der Verdächtigen und stellen dann Datenträger wie PC, Handy, Laptop und Sticks sicher. Danach erfolgen drei Schritte. Erst speichert man die Daten, dann bereiten die Beamten sie technisch auf. Besonders zeitintensiv ist am Ende die Auswertung. "Falls es erforderlich ist, unterstützt uns dabei das Polizeipräsidium Bielefeld oder das Landeskriminalamt in Düsseldorf." Erst im Anschluss kann die Staatsanwaltschaft Anklage für einen Gerichtsprozess erheben. Ob sexueller Missbrauch im ländlichen Raum häufiger stattfindet als im städtischen, dazu kann die Polizei keine belastbare Aussage treffen. Es fehle der Vergleich auf der Landesebene. Steinmeyer betont allerdings, der Arbeitsanfall für die Ermittler zeige, dass dabei der ländliche Raum immer wieder zum Tatort werde. Das deutet sich auch in der Kriminalstatistik an. Zählte die Kreis-Polizei 2018 noch 33 Fälle von „sexuellem Missbrauch von Kindern", waren es 2019 fast doppelt so viele mit 58 Fällen. Für 2020 lassen sich noch keine validen Aussagen von der Polizei treffen, auch weil viele Fälle in Ostwestfalen-Lippe seit vergangenem September direkt beim Polizeipräsidium Bielefeld landen und dort von der Kriminalhauptstelle bearbeitet werden. Kindesmissbrauch soll wie Mord behandelt werden Es ist davon auszugehen, dass sich die Zahl 2020 erhöht haben könnte. Denn neben dem vor Gericht stehenden 42-jährigen Espelkamper, hat ein 45-Jähriger aus Hüllhorst am 15. Januar am Landgericht Bielefeld zugegeben, dass er drei seiner damals minderjährigen Neffen mehrmals schwer sexuell missbrauchte. Einen soll er laut Staatsanwaltschaft 103 Mal bei Wochenendbesuchen vergewaltigt haben. Darüber hinaus wirft die Staatsanwaltschaft einem 29-Jährigen aus Stemwede vor, dass er die sechs Jahre alte Tochter in ihrem Kinderzimmer sexuell missbrauchte. Der Prozess gegen ihn begann am 20. Januar. Außerdem verurteilte das Gericht im November einen 57 Jahre alten Mann aus Hüllhorst zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis. Er hatte vor etwa 16 Jahren auf perfide Weise das in ihn gesetzte Vertrauen eines Elternpaars sowie eines Jungen missbraucht - und vergewaltigte diesen. Das Strafgesetzbuch (StGB) sieht beim sexuellen Missbrauch von Kindern eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren vor. NRW-Innenminister Herbert Reul sprach sich jüngst dafür aus, Kindesmissbrauch genauso hart zu bestrafen wie Mord. Angemessen wäre das.

Kinderschänder unterwegs: Warum sich mehr Pädophile verantworten müssen

Die Polizei hat ihr Personal erhöht, auch um Kinder vor sexuellem Missbrauch zu schützen und die Täter aufzuspüren. © Symbolbild: Pixabay

Kreis Minden-Lübbecke. Diese Straftaten lassen Außenstehende erschaudern. Was geht in den Köpfen der Menschen vor, die minderjährige und manchmal die eigenen Kinder vergewaltigen und foltern? Mehrere Männer aus dem Lübbecker Land müssen sich in den vergangenen Wochen wegen des Verdachts des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern vor dem Landgericht Bielefeld verantworten. Ist der Altkreis Lübbecke eine "Pädophilen-Hochburg"? Wie kommt es, dass vielen von ihnen der Prozess gemacht wird, obwohl die Taten zum Teil lange zurückliegen?

Zehn Jahre misshandelten zwei inzwischen verurteilte Männer in mehr als 1.000 Fällen Mädchen und Jungen auf einem Campingplatz in Lügde im Kreis Lippe. Bis jetzt ist nicht vollständig geklärt, welche Behörden genau versagten, wegsahen und warum sich die Männer nahezu ungestört an unschuldigen Kindern vergreifen konnten. Doch inzwischen hat sich auch bei der Polizei im Kreis Minden-Lübbecke viel getan - nachdem NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) Millionen-Investitionen in den Themenkomplex "Kindesmissbrauch" bei den Polizeidienststellen und dem Landeskriminalamt (LKA) ankündigte.

Am Landgericht Bielefeld laufen derzeit mehrere Prozesse gegen mutmaßliche Pädophile aus dem Kreis Minden-Lübbecke. - © Barbara Franke
Am Landgericht Bielefeld laufen derzeit mehrere Prozesse gegen mutmaßliche Pädophile aus dem Kreis Minden-Lübbecke. - © Barbara Franke

Espelkamper sammelte Kinderpornos

"Wir haben die Zahl der in diesem Bereich tätigen Beamten deutlich erhöht", bestätigt Ralf Steinmeyer von der Polizei Minden-Lübbecke. Das habe dazu geführt, dass sich diese anstrengende und belastende Arbeit letztlich in den Verhandlungen und Verurteilungen beim Landgericht in Bielefeld widerspiegele, erklärt der Sprecher.

Ralf Steinmeyer empfiehlt Betroffenen und ihren Angehörigen, sich an die Polizei zu wenden. - © Heike von Schulz
Ralf Steinmeyer empfiehlt Betroffenen und ihren Angehörigen, sich an die Polizei zu wenden. - © Heike von Schulz

Unter anderem steht derzeit ein 42-Jähriger aus Espelkamp vor Gericht, der zwischen 2015 und 2017 seine beiden damals fünf und drei Jahre alten Töchter sexuell misshandelt haben soll und dabei filmte. Bei ihm fanden die Ermittler zudem kinder- und jugendpornografische Bild- und Filmdateien.

Landeskriminalamt hilft aus

Wie Steinmeyer erklärt, durchsuchen die Ermittler in der Regel die Wohnungen der Verdächtigen und stellen dann Datenträger wie PC, Handy, Laptop und Sticks sicher. Danach erfolgen drei Schritte. Erst speichert man die Daten, dann bereiten die Beamten sie technisch auf. Besonders zeitintensiv ist am Ende die Auswertung. "Falls es erforderlich ist, unterstützt uns dabei das Polizeipräsidium Bielefeld oder das Landeskriminalamt in Düsseldorf." Erst im Anschluss kann die Staatsanwaltschaft Anklage für einen Gerichtsprozess erheben.

Ob sexueller Missbrauch im ländlichen Raum häufiger stattfindet als im städtischen, dazu kann die Polizei keine belastbare Aussage treffen. Es fehle der Vergleich auf der Landesebene. Steinmeyer betont allerdings, der Arbeitsanfall für die Ermittler zeige, dass dabei der ländliche Raum immer wieder zum Tatort werde.

Das deutet sich auch in der Kriminalstatistik an. Zählte die Kreis-Polizei 2018 noch 33 Fälle von „sexuellem Missbrauch von Kindern", waren es 2019 fast doppelt so viele mit 58 Fällen. Für 2020 lassen sich noch keine validen Aussagen von der Polizei treffen, auch weil viele Fälle in Ostwestfalen-Lippe seit vergangenem September direkt beim Polizeipräsidium Bielefeld landen und dort von der Kriminalhauptstelle bearbeitet werden.

Kindesmissbrauch soll wie Mord behandelt werden

Es ist davon auszugehen, dass sich die Zahl 2020 erhöht haben könnte. Denn neben dem vor Gericht stehenden 42-jährigen Espelkamper, hat ein 45-Jähriger aus Hüllhorst am 15. Januar am Landgericht Bielefeld zugegeben, dass er drei seiner damals minderjährigen Neffen mehrmals schwer sexuell missbrauchte. Einen soll er laut Staatsanwaltschaft 103 Mal bei Wochenendbesuchen vergewaltigt haben.

Darüber hinaus wirft die Staatsanwaltschaft einem 29-Jährigen aus Stemwede vor, dass er die sechs Jahre alte Tochter in ihrem Kinderzimmer sexuell missbrauchte. Der Prozess gegen ihn begann am 20. Januar. Außerdem verurteilte das Gericht im November einen 57 Jahre alten Mann aus Hüllhorst zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis. Er hatte vor etwa 16 Jahren auf perfide Weise das in ihn gesetzte Vertrauen eines Elternpaars sowie eines Jungen missbraucht - und vergewaltigte diesen.

Das Strafgesetzbuch (StGB) sieht beim sexuellen Missbrauch von Kindern eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren vor. NRW-Innenminister Herbert Reul sprach sich jüngst dafür aus, Kindesmissbrauch genauso hart zu bestrafen wie Mord. Angemessen wäre das.

Copyright © Mindener Tageblatt 2021
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Regionales