Kinderarzt warnt: "Zeugnisse darf man derzeit nicht ernst nehmen" Bielefeld. Wochenlang waren im Frühjahr die Schulen wegen der Pandemie geschlossen. Über Homeschooling wurde versucht, die Schüler auf dem Laufenden zu halten. Auch wenn der Präsenzunterricht zurückgekehrt ist - längst nicht alles läuft wie vor Corona. Und ganz aktuell kommt eine Debatte um Wechselunterricht auf, bei dem eine Hälfte der Klasse per Video dem Unterricht folgt und die andere im Klassenraum sitzt. Die Realität derzeit an den Schulen sieht so aus: Immer wieder müssen ganze Klassen und Lehrer in Quarantäne. Manchmal sind nur einzelne Kinder gezwungen, dem Unterricht fern zu bleiben. Das führt zu Belastungen, die so nicht vorgesehen sind. In Bielefeld etwa musste eine Gymnasiastin der siebten Klasse in einer Vier-Tage-Schulwoche jetzt drei Klassenarbeiten und zwei Tests schreiben, weil sie zuvor in Quarantäne war. Doch Ende Januar stehen Halbjahreszeugnisse an. Und dann? "Dann sollte allen Beteiligten klar sein, dass man Zeugnisse derzeit nicht ernst nehmen darf", sagt der Bielefelder Kinderarzt Uwe Büsching. Der Einfluss der Corona-Krise auf das Schulsystem sei so massiv, dass keine normalen Maßstäbe angelegt werden dürften. "Das geht auf keinen Fall." Büsching ist seit vielen Jahren im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte aktiv, engagiert sich für einen sinnvollen Umgang von Kindern mit digitalen Medien und arbeitet als Kooperationspartner des „Bündnis für humane Bildung – aufwach(s)en mit digitalen Medien". "Dieser Unterricht hat kaum Lerneffekte" Das Wissen aus dieser Tätigkeit ist einer der Gründe für seine Warnung: „Digitaler Unterricht ist nicht annähernd ein Ersatz für Präsenzunterricht", so Büsching. Damit meint er nicht die holprigen Anfänge im Frühjahr, sondern das Grundprinzip. „Digitaler Unterricht im Sinne eines Konfrontationsunterrichts, bei dem die Kinder nur zuhören, hat kaum Lerneffekte, dass haben etliche Studien schon belegt." Forscher fanden zudem heraus, dass etwa der Merkeffekt viel stärker ist, wenn Schüler sich Dinge handschriftlich notieren, als wenn sie diese auf einem Laptop mitschreiben oder nur rezipieren. „Es mag bei gewissen Inhalten noch möglich sein, sie digital zu vermitteln, aber bei weitem nicht bei allen." Schließlich gehe es beim Unterricht vor allem um das tatsächliche Begreifen von Zusammenhängen und das sei virtuell ungleich schwieriger. Büsching verweist auf neurologische Erkenntnisse: „Wenn wir vor einem Bildschirm sitzen und einen Film schauen, tun die Sinne etwas anderes als der Körper. Sie können einen Actionfilm schauen und dabei ruhig dasitzen. Das ist für das Hirn nicht die vorgesehene Kombination." Einen ähnlichen Widerspruch gebe es auch bei digitalem Unterricht. Auch Sprache werde anders wahrgenommen, weil Bild und Ton aus zwei Quellen kommen und nicht wie im reellen Leben aus einer Person im Präsenzunterricht. „Allerdings fehlt hier noch die wissenschaftliche Basis für Aussagen über die Folgen." Digitaler Unterricht werde von manchen Experten mit Bulimie-Lernen verglichen: „Erst geht ganz viel rein und wenn es voll ist, kommt das meiste wieder heraus", beschreibt der Kinderarzt. Der innere Speicher werde so nicht auf Dauer gefüttert. Wichtig sei, bei Fernunterricht noch viel mehr auf vertiefende Übungen zu achten, als im Klassenzimmer. Die Übungen müssten intensiv nachgehalten und besprochen werden. Nach den Sommerferien hatte es an den Schulen Diskussionen darum gegeben, ob man normal im Lehrplan weitermacht, oder die Inhalte aus dem Homeschooling intensiv wiederholt. „Unbedingt wiederholen und vertiefen", fordert der Arzt: „Da muss es egal sein, wenn der Lehrplan für das aktuelle Schuljahr nicht wie geplant geschafft wird." Wichtiger sei, dass alle Kinder mitkommen. Denn die Voraussetzung zu Hause seien sehr unterschiedlich. „In manchen Familien können die Eltern helfen, in anderen nicht." Das Leben nach Fahrplan wurde abrupt beendet Ebenso entscheidend für den Lernerfolg sei das soziale Miteinander an den Schulen: "Das wird oft unterschätzt, aber junge Menschen brauchen das unbedingt um sich zu entfalten." Uwe Büsching sieht ein grundlegendes Defizit in der Politik: „In allen Lebensbereichen ist klar, dass Corona Folgen über Jahre hinaus haben wird, nur im Bildungsbereich wollen wir diese Erkenntnis nicht zulassen." Das Leben nach Fahrplan sei durch die Pandemie abrupt beendet worden. „Das gilt genauso an den Schulen." Problematisch könnten Zeugnisse für jene Kinder werden, die im Sommer aus der Grundschule in eine weiterführende Schule wechseln. Hier spielen im Halbjahr die Empfehlungen der Klassenlehrer von der Grundschule eine Rolle. „Diese sollten weniger gewichtet werden als sonst", empfiehlt der Pädiater aus Bielefeld. „Das ist auch nicht schlimm, nicht umsonst sind die ersten zwei Jahre Orientierungsphase für die Kinder." Das sagt das Schulministerium Wäre es also Zeit, diesmal ganz auf Zeugnisnoten zu verzichten? Da hat das NRW-Schulministerium eine klare Haltung. Das Haus von Ministerin Yvonne Gebauer (FDP) sagt, dass es im Rahmen des angepassten Schulbetriebs in Corona-Zeiten bislang sehr gut gelungen sei, den Unterricht weitgehend im Präsenzbetrieb durchzuführen. "Für das aktuelle Schuljahr gibt es daher gegenwärtig keine abweichenden Bestimmungen zu Leistungsbewertung, Versetzung und Zeugnissen. Es gelten die jeweiligen Vorgaben der Ausbildungs- und Prüfungsordnungen." Quarantäne, Distanzunterricht und verlängerte Weihnachtsferien schützen also vor schlechten Noten nicht.

Kinderarzt warnt: "Zeugnisse darf man derzeit nicht ernst nehmen"

„Homeschooling“ hat noch immer eine große Bedeutung, weil regelmäßig ganze Klassen in Quarantäne müssen. © www.gerald-dunkel.de

Bielefeld. Wochenlang waren im Frühjahr die Schulen wegen der Pandemie geschlossen. Über Homeschooling wurde versucht, die Schüler auf dem Laufenden zu halten. Auch wenn der Präsenzunterricht zurückgekehrt ist - längst nicht alles läuft wie vor Corona. Und ganz aktuell kommt eine Debatte um Wechselunterricht auf, bei dem eine Hälfte der Klasse per Video dem Unterricht folgt und die andere im Klassenraum sitzt.

Die Realität derzeit an den Schulen sieht so aus: Immer wieder müssen ganze Klassen und Lehrer in Quarantäne. Manchmal sind nur einzelne Kinder gezwungen, dem Unterricht fern zu bleiben. Das führt zu Belastungen, die so nicht vorgesehen sind. In Bielefeld etwa musste eine Gymnasiastin der siebten Klasse in einer Vier-Tage-Schulwoche jetzt drei Klassenarbeiten und zwei Tests schreiben, weil sie zuvor in Quarantäne war.

Doch Ende Januar stehen Halbjahreszeugnisse an. Und dann? "Dann sollte allen Beteiligten klar sein, dass man Zeugnisse derzeit nicht ernst nehmen darf", sagt der Bielefelder Kinderarzt Uwe Büsching. Der Einfluss der Corona-Krise auf das Schulsystem sei so massiv, dass keine normalen Maßstäbe angelegt werden dürften. "Das geht auf keinen Fall." Büsching ist seit vielen Jahren im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte aktiv, engagiert sich für einen sinnvollen Umgang von Kindern mit digitalen Medien und arbeitet als Kooperationspartner des „Bündnis für humane Bildung – aufwach(s)en mit digitalen Medien".

"Dieser Unterricht hat kaum Lerneffekte"

Das Wissen aus dieser Tätigkeit ist einer der Gründe für seine Warnung: „Digitaler Unterricht ist nicht annähernd ein Ersatz für Präsenzunterricht", so Büsching. Damit meint er nicht die holprigen Anfänge im Frühjahr, sondern das Grundprinzip. „Digitaler Unterricht im Sinne eines Konfrontationsunterrichts, bei dem die Kinder nur zuhören, hat kaum Lerneffekte, dass haben etliche Studien schon belegt."

Forscher fanden zudem heraus, dass etwa der Merkeffekt viel stärker ist, wenn Schüler sich Dinge handschriftlich notieren, als wenn sie diese auf einem Laptop mitschreiben oder nur rezipieren. „Es mag bei gewissen Inhalten noch möglich sein, sie digital zu vermitteln, aber bei weitem nicht bei allen." Schließlich gehe es beim Unterricht vor allem um das tatsächliche Begreifen von Zusammenhängen und das sei virtuell ungleich schwieriger.

Kinderarzt Uwe Büsching aus Bielefeld. - © Büsching
Kinderarzt Uwe Büsching aus Bielefeld. - © Büsching

Büsching verweist auf neurologische Erkenntnisse: „Wenn wir vor einem Bildschirm sitzen und einen Film schauen, tun die Sinne etwas anderes als der Körper. Sie können einen Actionfilm schauen und dabei ruhig dasitzen. Das ist für das Hirn nicht die vorgesehene Kombination." Einen ähnlichen Widerspruch gebe es auch bei digitalem Unterricht. Auch Sprache werde anders wahrgenommen, weil Bild und Ton aus zwei Quellen kommen und nicht wie im reellen Leben aus einer Person im Präsenzunterricht. „Allerdings fehlt hier noch die wissenschaftliche Basis für Aussagen über die Folgen."

Digitaler Unterricht werde von manchen Experten mit Bulimie-Lernen verglichen: „Erst geht ganz viel rein und wenn es voll ist, kommt das meiste wieder heraus", beschreibt der Kinderarzt. Der innere Speicher werde so nicht auf Dauer gefüttert. Wichtig sei, bei Fernunterricht noch viel mehr auf vertiefende Übungen zu achten, als im Klassenzimmer. Die Übungen müssten intensiv nachgehalten und besprochen werden.

Nach den Sommerferien hatte es an den Schulen Diskussionen darum gegeben, ob man normal im Lehrplan weitermacht, oder die Inhalte aus dem Homeschooling intensiv wiederholt. „Unbedingt wiederholen und vertiefen", fordert der Arzt: „Da muss es egal sein, wenn der Lehrplan für das aktuelle Schuljahr nicht wie geplant geschafft wird." Wichtiger sei, dass alle Kinder mitkommen. Denn die Voraussetzung zu Hause seien sehr unterschiedlich. „In manchen Familien können die Eltern helfen, in anderen nicht."

Das Leben nach Fahrplan wurde abrupt beendet

Ebenso entscheidend für den Lernerfolg sei das soziale Miteinander an den Schulen: "Das wird oft unterschätzt, aber junge Menschen brauchen das unbedingt um sich zu entfalten."

Uwe Büsching sieht ein grundlegendes Defizit in der Politik: „In allen Lebensbereichen ist klar, dass Corona Folgen über Jahre hinaus haben wird, nur im Bildungsbereich wollen wir diese Erkenntnis nicht zulassen." Das Leben nach Fahrplan sei durch die Pandemie abrupt beendet worden. „Das gilt genauso an den Schulen."

Problematisch könnten Zeugnisse für jene Kinder werden, die im Sommer aus der Grundschule in eine weiterführende Schule wechseln. Hier spielen im Halbjahr die Empfehlungen der Klassenlehrer von der Grundschule eine Rolle. „Diese sollten weniger gewichtet werden als sonst", empfiehlt der Pädiater aus Bielefeld. „Das ist auch nicht schlimm, nicht umsonst sind die ersten zwei Jahre Orientierungsphase für die Kinder."

Das sagt das Schulministerium

Wäre es also Zeit, diesmal ganz auf Zeugnisnoten zu verzichten? Da hat das NRW-Schulministerium eine klare Haltung. Das Haus von Ministerin Yvonne Gebauer (FDP) sagt, dass es im Rahmen des angepassten Schulbetriebs in Corona-Zeiten bislang sehr gut gelungen sei, den Unterricht weitgehend im Präsenzbetrieb durchzuführen. "Für das aktuelle Schuljahr gibt es daher gegenwärtig keine abweichenden Bestimmungen zu Leistungsbewertung, Versetzung und Zeugnissen. Es gelten die jeweiligen Vorgaben der Ausbildungs- und Prüfungsordnungen." Quarantäne, Distanzunterricht und verlängerte Weihnachtsferien schützen also vor schlechten Noten nicht.

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