Jugendamt trennt Mutter von Baby Einschreiten der Bielefelder Behörde soll den Säugling schützen / Familie fühlt sich machtlos Von Katrin Clemens Bielefeld (nw). Eine 16-Jährige bekommt im Bielefelder Franziskus-Hospital ein Baby. Weil das Jugendamt sie nicht in der Lage sieht, angemessen für ihre kleine Tochter zu sorgen, holen Beamte das nur drei Tage alte Mädchen aus dem Krankenhaus und nehmen es in ihre Obhut.Während die junge Mutter und ihre Familie sich machtlos fühlen, verweist das Jugendamt auf seine Aufgabe, das Baby zu schützen. „Sie ist ein richtiger Wonneproppen – völlig gesund“, sagt die Tante der jungen Mutter über den Familienzuwachs. Seit zwei Tagen bleiben der Familie allerdings nur Fotos, um das Baby anzuschauen. Vorerst lebt es bei Pflegeeltern.Das Jugendamt schätzt die 16-jährige Mutter so ein, dass sie ihr Baby momentan nicht selbstständig versorgen kann. Deshalb kamen zwei Mitarbeiter des Jugendamts in Begleitung von drei Polizisten an das Wochenbett der Teenagerin, um den Säugling mitzunehmen. Warum Polizeischutz in diesem Fall nötig war, will das Jugendamt nicht erläutern. „Aus unserer Sicht war das der Situation angemessen“, sagt Jochen Hanke, Leiter des Bielefelder Jugendamts.Die Tante der jungen Mutter sieht zur Inobhutnahme des Babys keinen Anlass: „Natürlich muss sie noch viel lernen und in die Mutterrolle reinwachsen, sie hat sich bis jetzt aber rührend gekümmert.“ Das Jugendamt begründet seine Entscheidung mit einer Gefährdung des Kindeswohls.Worin diese genau besteht, wollen die Beamten nicht öffentlich sagen. Grundsätzlich liegt eine Kindeswohlgefährdung zum Beispiel bei Vernachlässigung, Missbrauch oder elterlicher Gewalt vor. Im Fall der jungen Mutter sind die Zuständigkeiten kompliziert: Die Jugendliche selbst lebt seit vergangenem Jahr in einem Heim in Rheda-Wiedenbrück, weil das zuständige Jugendamt auch in ihrem Fall eine Kindeswohlgefährdung sah. Während ihrer Schwangerschaft haben die Mitarbeiter des Jugendamts versucht, sie auf die Mutterrolle vorzubereiten. „Es war geplant, dass die Geburt in der Nähe stattfindet und sie dann in eine spezielle Einrichtung kommt, in der sie und ihr Säugling rund um die Uhr betreut werden“, sagt Beate Balsliemke vom Kreis Gütersloh.Teenagerin hielt sichnicht an AbmachungWeil die Teenagerin sich aber nicht an die Abmachung hielt und zur Geburt nach Bielefeld statt in eine Gütersloher Klinik fuhr, war plötzlich auch das Bielefelder Jugendamt zuständig. Gemeinsam entschieden die Beamten, den Säugling bis Mitte August in ihre Obhut zu nehmen.Dann könnten Mutter und Kind wie geplant zusammen in die Einrichtung ziehen. „Es tut uns leid, dass es diesen Verlauf genommen hat, aber das Ziel ist immer noch das gleiche“, sagt Balsliemke.Inobhutnahme gehört „zum Tagesgeschäft“ Für die Jugendämter gehören Inobhutnahmen laut Balsliemke „zum Tagesgeschäft“. Wenn das Wohl eines Kindes in seiner Ursprungsfamilie nicht mehr gewährleistet werden kann, ist das Amt für dessen Schutz zuständig. „Wir sind immer auf der Gratwanderung, dass wir das böse Jugendamt sind, wenn wir ein Kind wegnehmen, und das noch bösere Jugendamt, wenn etwas passiert“, sagt Balsliemke.In jedem Fall wägen die zuständigen Mitarbeiter sorgfältig ab – wichtigstes Kriterium ist allerdings immer das Wohl des Kindes.Den Verdacht der Kindeswohlgefährdung sprechen die Jugendämter in NRW häufiger aus als noch vor einigen Jahren. Im vergangenen Jahr gab es laut statistischem Landesamt Gefährdungseinschätzungen in 30  546 Fällen.Das waren rund neun Prozent mehr als 2012. In etwa jedem neunten Fall (3528) stellte sich heraus, dass das Kind akut gefährdet war. Mehr als ein Viertel (rund 26 Prozent) dieser Kinder war jünger als drei Jahre. Nahezu die Hälfte der Kinder (etwa 48 Prozent) mit akuter Kindeswohlgefährdung wies Anzeichen einer Vernachlässigung auf und knapp 27 Prozent von körperlicher Misshandlung.

Jugendamt trennt Mutter von Baby

Bielefeld (nw). Eine 16-Jährige bekommt im Bielefelder Franziskus-Hospital ein Baby. Weil das Jugendamt sie nicht in der Lage sieht, angemessen für ihre kleine Tochter zu sorgen, holen Beamte das nur drei Tage alte Mädchen aus dem Krankenhaus und nehmen es in ihre Obhut.

Erste Annäherung: Die 16-Jährige und ihr Baby konnten zunächst nur drei Tage gemeinsam verbringen. - © Foto: pr
Erste Annäherung: Die 16-Jährige und ihr Baby konnten zunächst nur drei Tage gemeinsam verbringen. - © Foto: pr

Während die junge Mutter und ihre Familie sich machtlos fühlen, verweist das Jugendamt auf seine Aufgabe, das Baby zu schützen. „Sie ist ein richtiger Wonneproppen – völlig gesund“, sagt die Tante der jungen Mutter über den Familienzuwachs. Seit zwei Tagen bleiben der Familie allerdings nur Fotos, um das Baby anzuschauen. Vorerst lebt es bei Pflegeeltern.

Das Jugendamt schätzt die 16-jährige Mutter so ein, dass sie ihr Baby momentan nicht selbstständig versorgen kann. Deshalb kamen zwei Mitarbeiter des Jugendamts in Begleitung von drei Polizisten an das Wochenbett der Teenagerin, um den Säugling mitzunehmen. Warum Polizeischutz in diesem Fall nötig war, will das Jugendamt nicht erläutern. „Aus unserer Sicht war das der Situation angemessen“, sagt Jochen Hanke, Leiter des Bielefelder Jugendamts.

Die Tante der jungen Mutter sieht zur Inobhutnahme des Babys keinen Anlass: „Natürlich muss sie noch viel lernen und in die Mutterrolle reinwachsen, sie hat sich bis jetzt aber rührend gekümmert.“ Das Jugendamt begründet seine Entscheidung mit einer Gefährdung des Kindeswohls.

Worin diese genau besteht, wollen die Beamten nicht öffentlich sagen. Grundsätzlich liegt eine Kindeswohlgefährdung zum Beispiel bei Vernachlässigung, Missbrauch oder elterlicher Gewalt vor. Im Fall der jungen Mutter sind die Zuständigkeiten kompliziert: Die Jugendliche selbst lebt seit vergangenem Jahr in einem Heim in Rheda-Wiedenbrück, weil das zuständige Jugendamt auch in ihrem Fall eine Kindeswohlgefährdung sah. Während ihrer Schwangerschaft haben die Mitarbeiter des Jugendamts versucht, sie auf die Mutterrolle vorzubereiten. „Es war geplant, dass die Geburt in der Nähe stattfindet und sie dann in eine spezielle Einrichtung kommt, in der sie und ihr Säugling rund um die Uhr betreut werden“, sagt Beate Balsliemke vom Kreis Gütersloh.

Teenagerin hielt sichnicht an Abmachung

Weil die Teenagerin sich aber nicht an die Abmachung hielt und zur Geburt nach Bielefeld statt in eine Gütersloher Klinik fuhr, war plötzlich auch das Bielefelder Jugendamt zuständig. Gemeinsam entschieden die Beamten, den Säugling bis Mitte August in ihre Obhut zu nehmen.

Dann könnten Mutter und Kind wie geplant zusammen in die Einrichtung ziehen. „Es tut uns leid, dass es diesen Verlauf genommen hat, aber das Ziel ist immer noch das gleiche“, sagt Balsliemke.

Inobhutnahme gehört „zum Tagesgeschäft“

Für die Jugendämter gehören Inobhutnahmen laut Balsliemke „zum Tagesgeschäft“. Wenn das Wohl eines Kindes in seiner Ursprungsfamilie nicht mehr gewährleistet werden kann, ist das Amt für dessen Schutz zuständig. „Wir sind immer auf der Gratwanderung, dass wir das böse Jugendamt sind, wenn wir ein Kind wegnehmen, und das noch bösere Jugendamt, wenn etwas passiert“, sagt Balsliemke.

In jedem Fall wägen die zuständigen Mitarbeiter sorgfältig ab – wichtigstes Kriterium ist allerdings immer das Wohl des Kindes.Den Verdacht der Kindeswohlgefährdung sprechen die Jugendämter in NRW häufiger aus als noch vor einigen Jahren. Im vergangenen Jahr gab es laut statistischem Landesamt Gefährdungseinschätzungen in 30  546 Fällen.

Das waren rund neun Prozent mehr als 2012. In etwa jedem neunten Fall (3528) stellte sich heraus, dass das Kind akut gefährdet war. Mehr als ein Viertel (rund 26 Prozent) dieser Kinder war jünger als drei Jahre. Nahezu die Hälfte der Kinder (etwa 48 Prozent) mit akuter Kindeswohlgefährdung wies Anzeichen einer Vernachlässigung auf und knapp 27 Prozent von körperlicher Misshandlung.

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