In Lehrerin verliebt: Autist vom Grundschul-Unterricht ausgeschlossen Lieselotte Hasselhoff Bünde (nw). Jonas H. (Namen geändert) hat sich in seine Lehrerin verliebt. Nun darf er seit über zwei Wochen nicht mehr an ihrem Unterricht teilnehmen. Der Viertklässler geht auf eine Grundschule im Bünder Land. Er hat Autismus. „Jonas hat immer den Namen der Lehrerin gerufen und ihr Briefe geschrieben, die er aber nicht abgeschickt hat“, berichtet seine Mutter Anna H. „Die hat die Lehrerin zufällig entdeckt und als unangenehm empfunden.“ Nach einem Anruf der Schulleitung nahm Anna H. ihren Sohn ins Gebet. „Das Problem bei Autisten ist, wenn sie Interesse an etwas entwickeln, steigern sie sich hinein. Wenn man eine Sache verbietet, bewirkt es eher das Gegenteil.“ Eines Montags dann überbrachte Jonas die Nachricht: „Er wurde vom Mathe- und Sachunterricht der Lehrerin verwiesen.“ Als Ersatz erhält der Schüler – teils in Einzelstunden – Mathe- und Sachunterricht bei seiner Klassenlehrerin. Jonas müsse sein Verhalten ändern, so die Begründung der Schulleitung. „Ich habe sie gefragt: Soll ich meinem Kind jetzt etwa verbieten, sich zu verlieben?“ Gegenüber der „Neuen Westfälischen“ hält sich die Grundschule bedeckt: „Es handelt sich um eine sensible Thematik, die angemessen und im Sinne des Kindes zu behandeln ist“, schreibt die Leitung in einer Email. Aus Datenschutzgründen könne sie keine Auskünfte zu einzelnen Schülern geben. Stattdessen hebt sie hervor, dass der „gemeinsame Aushandlungsprozess“ sowie ein „enger, vertrauensvoller und intensiver Austausch“ der Schule mit den Eltern und Kindern grundlegend für ein „Gelingen von Inklusion“ seien. „Die Schulen tun immer so, als wären sie empathisch, reden von Inklusion, sagen, wir kümmern uns um die Kinder, egal, welche Lernbehinderung sie haben“, sagt Anna H. „Doch das Kinder wie mein Sohn permanent diskriminiert und aus dem Unterricht entfernt werden, das kenne ich schon.“ Sie nennt ein Beispiel: „Wir wurden auch nicht in die Offene Ganztagsschule aufgenommen, weil wir keinen Schulbegleiter hatten.“ Das Jugendamt habe für die Zeit der Nachmittagsbetreuung keinen Schulbegleiter bezahlen wollen. „Jonas ist ihr Kind, Sie sind für ihn verantwortlich“ habe das Jugendamt der alleinerziehenden Mutter gesagt. „Als ich dem Jugendamt erzählt habe, dass ich berufstätig bin, hieß es lediglich: Tja, das hätten Sie sich vorher überlegen müssen.“ In einer Facebookgruppe tauscht sich Anna H. mit Autisten und deren Eltern aus: „Dort reden wir gar nicht erst von Unterstützung“, sagt die Mutter. „Macht es wenigstens nicht noch schlimmer“ und „hört auf, diesen Druck aufzubauen“, das seien die Appelle dieser Betroffenen an die Bildungseinrichtungen. Die erste und zweite Klasse habe Jonas in einer anderen Schule verbracht: „Die Erfahrung da war noch dramatischer. Jonas wurde dort dermaßen getriggert, dass er eine Lehrerin angreifen wollte.“ Anna H., selbst ausgebildete Ergotherapeutin, ist sich sicher: „Sie hat ihn falsch behandelt, als wäre er ein ganz normales Kind. Sie hat sich ihm zum Beispiel von hinten genähert und ihn berührt.“ Aus ihrer beruflichen Praxis weiß sie: „Körperkontakt bei Autisten ist No-Go. Wenn ich da stehe, dann frage ich erst: Darf ich dich umarmen? Auch im aktuellen Fall ist Anna H. der Meinung, die Lehrerin hätte sich anders verhalten sollen: „Jonas ist ein Kind und kein Sexualtäter. Bei einem Kind heißt schmusen und küssen nicht das, was es bei einem Erwachsenen bedeutet.“ Die Lehrerin habe sich nicht genügend auf die kindliche Ebene eingelassen. „Sie hätte auch sagen können: 'Das finde ich aber toll, dass du dich verliebt hast, das zeigt ganz toll, wie du dich entwickelt hast'.“

In Lehrerin verliebt: Autist vom Grundschul-Unterricht ausgeschlossen

Eine Lehrerin schreibt in einer Grundschule Wörter an eine Tafel. Im Bünder Land wurde ein Viertklässler vom Unterricht ausgeschlossen, weil er sich in seine Lehrerin verliebt haben soll. Symbolfoto: Sebastian Gollnow/dpa © (c) Copyright 2019, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten

Bünde (nw). Jonas H. (Namen geändert) hat sich in seine Lehrerin verliebt. Nun darf er seit über zwei Wochen nicht mehr an ihrem Unterricht teilnehmen. Der Viertklässler geht auf eine Grundschule im Bünder Land. Er hat Autismus.

„Jonas hat immer den Namen der Lehrerin gerufen und ihr Briefe geschrieben, die er aber nicht abgeschickt hat“, berichtet seine Mutter Anna H. „Die hat die Lehrerin zufällig entdeckt und als unangenehm empfunden.“ Nach einem Anruf der Schulleitung nahm Anna H. ihren Sohn ins Gebet. „Das Problem bei Autisten ist, wenn sie Interesse an etwas entwickeln, steigern sie sich hinein. Wenn man eine Sache verbietet, bewirkt es eher das Gegenteil.“

Eines Montags dann überbrachte Jonas die Nachricht: „Er wurde vom Mathe- und Sachunterricht der Lehrerin verwiesen.“ Als Ersatz erhält der Schüler – teils in Einzelstunden – Mathe- und Sachunterricht bei seiner Klassenlehrerin. Jonas müsse sein Verhalten ändern, so die Begründung der Schulleitung. „Ich habe sie gefragt: Soll ich meinem Kind jetzt etwa verbieten, sich zu verlieben?“

Gegenüber der „Neuen Westfälischen“ hält sich die Grundschule bedeckt: „Es handelt sich um eine sensible Thematik, die angemessen und im Sinne des Kindes zu behandeln ist“, schreibt die Leitung in einer Email. Aus Datenschutzgründen könne sie keine Auskünfte zu einzelnen Schülern geben. Stattdessen hebt sie hervor, dass der „gemeinsame Aushandlungsprozess“ sowie ein „enger, vertrauensvoller und intensiver Austausch“ der Schule mit den Eltern und Kindern grundlegend für ein „Gelingen von Inklusion“ seien.

„Die Schulen tun immer so, als wären sie empathisch, reden von Inklusion, sagen, wir kümmern uns um die Kinder, egal, welche Lernbehinderung sie haben“, sagt Anna H. „Doch das Kinder wie mein Sohn permanent diskriminiert und aus dem Unterricht entfernt werden, das kenne ich schon.“ Sie nennt ein Beispiel: „Wir wurden auch nicht in die Offene Ganztagsschule aufgenommen, weil wir keinen Schulbegleiter hatten.“

Das Jugendamt habe für die Zeit der Nachmittagsbetreuung keinen Schulbegleiter bezahlen wollen. „Jonas ist ihr Kind, Sie sind für ihn verantwortlich“ habe das Jugendamt der alleinerziehenden Mutter gesagt. „Als ich dem Jugendamt erzählt habe, dass ich berufstätig bin, hieß es lediglich: Tja, das hätten Sie sich vorher überlegen müssen.“

In einer Facebookgruppe tauscht sich Anna H. mit Autisten und deren Eltern aus: „Dort reden wir gar nicht erst von Unterstützung“, sagt die Mutter. „Macht es wenigstens nicht noch schlimmer“ und „hört auf, diesen Druck aufzubauen“, das seien die Appelle dieser Betroffenen an die Bildungseinrichtungen.

Die erste und zweite Klasse habe Jonas in einer anderen Schule verbracht: „Die Erfahrung da war noch dramatischer. Jonas wurde dort dermaßen getriggert, dass er eine Lehrerin angreifen wollte.“

Anna H., selbst ausgebildete Ergotherapeutin, ist sich sicher: „Sie hat ihn falsch behandelt, als wäre er ein ganz normales Kind. Sie hat sich ihm zum Beispiel von hinten genähert und ihn berührt.“ Aus ihrer beruflichen Praxis weiß sie: „Körperkontakt bei Autisten ist No-Go. Wenn ich da stehe, dann frage ich erst: Darf ich dich umarmen?

Auch im aktuellen Fall ist Anna H. der Meinung, die Lehrerin hätte sich anders verhalten sollen: „Jonas ist ein Kind und kein Sexualtäter. Bei einem Kind heißt schmusen und küssen nicht das, was es bei einem Erwachsenen bedeutet.“ Die Lehrerin habe sich nicht genügend auf die kindliche Ebene eingelassen. „Sie hätte auch sagen können: 'Das finde ich aber toll, dass du dich verliebt hast, das zeigt ganz toll, wie du dich entwickelt hast'.“

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