Impfung für Angeklagte gefordert: Mondo-Prozess wegen Corona für 14 Tage unterbrochen Ulf Hanke Bad Oeynhausen/Bielefeld (nw). Zwei Jahre, sechs Monate und drei Wochen nach der Schießerei an der Diskothek „Mondo“ am Einkaufszentrum „Werre-Park“ hat der Strafprozess am Landgericht Bielefeld von vorn begonnen und ist wegen der Coronakrise 14 Tage unterbrochen worden. Das Gericht prüft auf Antrag der Verteidiger, ob ein größerer Saal, verpflichtende Coronaschnelltests, eine verbesserte Lüftung oder sogar vorgezogene Schutzimpfungen für die Angeklagten und weitere Beteiligte nötig und möglich sind. Angeklagt sind sechs Männer einer Großfamilie aus Bad Oeynhausen und Niedersachsen. Sie sollen die Türsteher der Disko angegriffen haben, um ein Familienmitglied zu rächen, das in der Nacht zum Sonntag, 23. September 2018, von der Tanzfläche an die frische Luft gesetzt worden war. Die Angeklagten schweigen zu den Vorwürfen. Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft Bielefeld fühlte sich der Tänzer nach dem Rauswurf in seiner Ehre gekränkt. Staatsanwältin Claudia Bosse zitiert ihn mit einer an die Türsteher gerichteten üblen Beleidigung und den Worten: „Du weißt gar nicht, wer ich bin!“ Dieser Hinweis sollte die Türsteher wohl vor Ehrfurcht erstarren lassen, denn der Angeklagte gehört zu einer Großfamilie aus dem nordirakischen Sindschargebirge, die zahlreiche Jesiden und ihre Heiligtümer vor den Schergen des Islamischen Staats gerettet und beschützt haben. In der ARD-Reportagesendung von Reinhold Beckmann wurde die Familie als „Bürgerwehr aus Bad Oeynhausen“ vorgestellt. Der verhinderte Tänzer rief vor der Disko dann wohl Verwandte zur Hilfe. Und die eilten wenig später mit Schusswaffen und Schlagstöcken zur Disko-Tür. Einer der Angreifer soll laut Staatsanwaltschaft auf die Türsteher geschossen und ihn lebensgefährlich verletzt haben, ein zweiter Schütze ist flüchtig. Auf den zweiten Türsteher wurde ebenfalls aus nächster Nähe geschossen. Er erlitt jedoch nur leichte Verletzungen. Im Internet kursierten nach der Schießerei Ausschnitte einer Überwachungskamera, die den Angriff auf dem roten Teppich vor der Disko-Tür zeigen. Der erste Mondo-Prozess ist im vergangenen Jahr wegen Verfahrensfehlern abgebrochen worden. Die vierte große Strafkammer des Landgerichts hat sich unter Vorsitz von Richter Carsten Glashörster inzwischen neu zusammengesetzt. Zwei Angeklagte sind nicht mehr dabei. Ihre Verfahren sind in der Zwischenzeit mit Hinweis auf die weniger schwerwiegenden Vorwürfe eingestellt worden. Damit sitzen nur noch sechs Männer der Großfamilie mit jeweils zwei Verteidigern auf der Anklagebank. Die Ermittler der Kripo gehen zwar von deutlich mehr Angreifern aus. Allerdings konnten nicht alle Angreifer identifiziert werden. Der flüchtige Schütze wird offenbar noch immer mit internationalem Haftbefehl gesucht. Die Türsteher sind Nebenkläger in dem Prozess und lassen sich durch Rechtsanwälte vertreten. Auf der Richterbank sitzen drei hauptamtliche Richter, zwei Schöffen sowie auf den Plätzen dahinter Reserve-Schöffen und Reserve-Richter. Die Neuauflage des Mondo-Prozesses beginnt wie das erste Verfahren mit einem Kräftemessen. Die ansonsten gut geölte Mechanik der deutschen Rechtssprechung wird erneut auf eine Belastungsprobe gestellt. Im ersten Prozess musste sich die große Strafkammer bereits mit zahlreichen Anträgen der Verteidiger beschäftigen. Richter Glashörster wird jetzt wohl auch beim Landesjustizminister vorfühlen, ob nicht ein paar vorzeitige Impfungen für die Angeklagten drin sind, damit das Verfahren weitergehen kann.

Impfung für Angeklagte gefordert: Mondo-Prozess wegen Corona für 14 Tage unterbrochen

Der Vorsitzende Richter Carsten Glashörster (mit der blauen Operationsmaske) betritt mit den Richtern der Großen Strafkammer Saal 1 des Landgerichts Bielefeld. Foto: Ulf Hanke © Ulf Hanke

Bad Oeynhausen/Bielefeld (nw). Zwei Jahre, sechs Monate und drei Wochen nach der Schießerei an der Diskothek „Mondo“ am Einkaufszentrum „Werre-Park“ hat der Strafprozess am Landgericht Bielefeld von vorn begonnen und ist wegen der Coronakrise 14 Tage unterbrochen worden. Das Gericht prüft auf Antrag der Verteidiger, ob ein größerer Saal, verpflichtende Coronaschnelltests, eine verbesserte Lüftung oder sogar vorgezogene Schutzimpfungen für die Angeklagten und weitere Beteiligte nötig und möglich sind.

Angeklagt sind sechs Männer einer Großfamilie aus Bad Oeynhausen und Niedersachsen. Sie sollen die Türsteher der Disko angegriffen haben, um ein Familienmitglied zu rächen, das in der Nacht zum Sonntag, 23. September 2018, von der Tanzfläche an die frische Luft gesetzt worden war. Die Angeklagten schweigen zu den Vorwürfen.

Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft Bielefeld fühlte sich der Tänzer nach dem Rauswurf in seiner Ehre gekränkt. Staatsanwältin Claudia Bosse zitiert ihn mit einer an die Türsteher gerichteten üblen Beleidigung und den Worten: „Du weißt gar nicht, wer ich bin!“

Dieser Hinweis sollte die Türsteher wohl vor Ehrfurcht erstarren lassen, denn der Angeklagte gehört zu einer Großfamilie aus dem nordirakischen Sindschargebirge, die zahlreiche Jesiden und ihre Heiligtümer vor den Schergen des Islamischen Staats gerettet und beschützt haben. In der ARD-Reportagesendung von Reinhold Beckmann wurde die Familie als „Bürgerwehr aus Bad Oeynhausen“ vorgestellt. Der verhinderte Tänzer rief vor der Disko dann wohl Verwandte zur Hilfe.

Und die eilten wenig später mit Schusswaffen und Schlagstöcken zur Disko-Tür. Einer der Angreifer soll laut Staatsanwaltschaft auf die Türsteher geschossen und ihn lebensgefährlich verletzt haben, ein zweiter Schütze ist flüchtig. Auf den zweiten Türsteher wurde ebenfalls aus nächster Nähe geschossen. Er erlitt jedoch nur leichte Verletzungen. Im Internet kursierten nach der Schießerei Ausschnitte einer Überwachungskamera, die den Angriff auf dem roten Teppich vor der Disko-Tür zeigen.

Der erste Mondo-Prozess ist im vergangenen Jahr wegen Verfahrensfehlern abgebrochen worden. Die vierte große Strafkammer des Landgerichts hat sich unter Vorsitz von Richter Carsten Glashörster inzwischen neu zusammengesetzt.

Zwei Angeklagte sind nicht mehr dabei. Ihre Verfahren sind in der Zwischenzeit mit Hinweis auf die weniger schwerwiegenden Vorwürfe eingestellt worden. Damit sitzen nur noch sechs Männer der Großfamilie mit jeweils zwei Verteidigern auf der Anklagebank. Die Ermittler der Kripo gehen zwar von deutlich mehr Angreifern aus. Allerdings konnten nicht alle Angreifer identifiziert werden. Der flüchtige Schütze wird offenbar noch immer mit internationalem Haftbefehl gesucht.

Die Türsteher sind Nebenkläger in dem Prozess und lassen sich durch Rechtsanwälte vertreten. Auf der Richterbank sitzen drei hauptamtliche Richter, zwei Schöffen sowie auf den Plätzen dahinter Reserve-Schöffen und Reserve-Richter.

Die Neuauflage des Mondo-Prozesses beginnt wie das erste Verfahren mit einem Kräftemessen. Die ansonsten gut geölte Mechanik der deutschen Rechtssprechung wird erneut auf eine Belastungsprobe gestellt. Im ersten Prozess musste sich die große Strafkammer bereits mit zahlreichen Anträgen der Verteidiger beschäftigen. Richter Glashörster wird jetzt wohl auch beim Landesjustizminister vorfühlen, ob nicht ein paar vorzeitige Impfungen für die Angeklagten drin sind, damit das Verfahren weitergehen kann.

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