Imbiss explodiert: Schwerverletzte Bielefelder Meisterköche brauchen Hilfe Stefan Becker Bielefeld. Sie leben. Und sie befinden sich auf dem Wege der Besserung. Die körperlichen Wunden heilen bereits gut, sagen Satoshi Nakao und Jens Jörke. Ihr Freund Kohei Matsumoto befinde sich noch auf der Intensivstation der Dermatologie der Uni Klinik Bochum. Auch ihm gehe es schon viel besser, sagen die beiden, doch den ersten Operationen werden wohl noch einige folgen. Vor drei Wochen explodierte auf dem Siegfriedplatz ein japanischer Imbisswagen. Zufällig seien Nakao und Jörke an dem frühen Montagmittag bei ihrem Freund Matsumoto vorbeigekommen. Sie wollten dem Koch gerade ein paar persönliche Sachen bringen, als die Katastrophe über sie hereinbrach. In Bruchteilen von Sekunden, wie sie sich erinnern: erst der Knall und dann das Feuer überall. Die panischen Schreie des Freundes inmitten der Flammen, den sie mit ihren Rufen zum Glück aus dem brennenden Wagen lotsen konnten. Als Matsumoto tatsächlich den Weg ins Freie fand und wie eine lebende Fackel vor ihnen stand, da stürzten sie sich auf ihn. Löschten seine brennenden Kleider mit ihren bloßen Händen. Nakao riss seinen Schulfreund an sich, nahm ihn fest in die Arme, erstickte die Flammen mit seinem Körper. Dieser lange gemeinsame Weg vom heimischen Osaka bis ins lieb gewonnene Bielefeld durfte nicht hier enden. Nicht so. Nakao umklammerte Matsumoto, und Jörke warf seine Jacke über den Brennenden zum Löschen der Haare. Wie lebendige Fackeln Das geschah in Sekunden, wiederholen sie. Dann seien plötzlich die helfenden Menschen da gewesen, von überall her, mit nassen Tüchern und Wasser. In Eimern, in Flaschen. Ein Segen gegen die höllische Hitze und die Schmerzen. Doch die nahm Nakao unter Schock kaum wahr, sondern rannte noch umher, und wollte mit einem Feuerlöscher die Flammen bekämpfen. Und die Menschen warnen. Weil es in dem lodernden Wagen noch weitere Gasflaschen gab. Da habe ihn einer der Sanitäter sanft in den Rettungswagen bugsiert und beruhigt - die Feuerwehrleute würden sich kümmern. Drei Rettungswagen brachten die drei Freunde in drei Kliniken - Nakao kam erst ins Klösterchen. "Ich war völlig fertig, total am Ende, alles war kaputt, unsere Leben zerstört, ich hatte keine Hoffnung mehr", erzählt er. Denn der explodierte Foodtruck bedeutete die berufliche Existenz von Satoshi Nakao und Kohei Matsumoto. Die sich 2016 auf den Weg gemacht hatten, um ihre Liebe zur japanischen Küche in das kulinarisch nicht gerade verwöhnte Bielefeld zu bringen. Nicht nach Düsseldorf, wo die größte japanische Community lebt samt rheinischer Fröhlichkeit, und der Karneval dem Cosplay ja schon ziemlich nahe kommt. "Nein", sagt Nakao. Ihm habe Bielefeld gleich gefallen. Der 33-Jährige zaubert japanische Crepes. Im Vergleich zu den französischen Nutella- oder Zimt-Flatschen handelt es sich bei seinen Kreationen um kleine Kunstwerke. Durchaus für den Verzehr gedacht, doch kostet es anfangs schon Überwindung, da einfach so reinzubeißen. Nach dem ersten Bissen aber fallen alle Hemmungen. Seine Komposition "Tokyo Sweet Princess" gilt als Klassiker in der Szene. Und an die erinnerte sich seine pflegende Krankenschwester im Klösterchen: "Sie wollte mich wohl etwas aufheitern, stellte mir ein paar Fragen und als ich unseren Imbiss "SJ Ramen" erwähnte, da strahlte sie mich an und erzählte von ihren Lieblingsessen bei uns, und ich habe vor Freude geweint wie ein Kind. Da hatte ich wieder Hoffnung." Zwei Meister ihres Fachs SJ steht für Supreme Japanese Food und hinter Ramen verbirgt sich die traditionelle Form der Nudelsuppe. Der 32-jährige Kohei Matsumoto gilt als Meister dieser Disziplin. An dem tragischen Montag wollte er zur Mittagszeit die populäre Speise wieder auf dem Siggi anbieten. Über Facebook hatte das Duo schon die Termine für die Kunden gepostet, weil das kleine Restaurant auf der Arndtstraße immer noch nicht öffnen durfte. Erst bremste Corona ihren Traum aus und dann erledigte die Explosion den Rest. So schien es. Die Katastrophe sprach sich schnell herum, die Anteilnahme sei immer noch überwältigend, sagt Nakao, und dann passierte etwas, das er aus seiner Heimat gar nicht kenne: Aus Solidarität und Mitgefühl geben fremde Menschen einfach Geld und erwarten dafür keine Gegenleistung. Nach wenigen Tagen sammelten sich auf einem Spendenkonto bereits fast 13.000 Euro. Mehr als 350 Spender zahlten bis Samstagabend einen Betrag auf dem Konto des Portals gofundme.de und einige hinterließen dazu noch aufmunternde Botschaften für die beiden. Hinter der Initiative stecken ebenfalls drei Freunde, verbunden über die deutsch-japanische Gesellschaft. Die agile Anna-Maria Berlin wollte unbedingt etwas machen: "In so einer Situation ist Zuschauen und Warten doch das Schlimmste", sagt sie beim Interview-Treffen im kleinen Restaurant. Die geheimnisvolle "Kaddi Cosplay" machte den Vorschlag zum Fundraising und Enno Calsin Borda platzierte die Geschichte in der virtuellen Welt. Dort zirkuliert sie, kursiert in verschiedensten Kreisen und Szenen, findet immer neue Verteiler. Und ganz so selbstlos sind die meisten Spender am Ende auch nicht. Denn sie eint der Wunsch, dass der Rameneister und der Crepesmeister wieder servieren, sobald ihre Wunden verheilt sind. Jens Jörke und Satoshi Nakao brauchen noch viel Pflege für ihre teils verbundenen Hände. Sie durften die Kliniken nach zehn Tagen wieder verlassen. Und können jetzt ihren Freund Kohei Matsumoto in Bochum besuchen. Zusammen mit den aus Osaka angereisten Müttern.

Imbiss explodiert: Schwerverletzte Bielefelder Meisterköche brauchen Hilfe

© Roland Siekmann/Screenshot NW

Bielefeld. Sie leben. Und sie befinden sich auf dem Wege der Besserung. Die körperlichen Wunden heilen bereits gut, sagen Satoshi Nakao und Jens Jörke. Ihr Freund Kohei Matsumoto befinde sich noch auf der Intensivstation der Dermatologie der Uni Klinik Bochum. Auch ihm gehe es schon viel besser, sagen die beiden, doch den ersten Operationen werden wohl noch einige folgen.

Vor drei Wochen explodierte auf dem Siegfriedplatz ein japanischer Imbisswagen. Zufällig seien Nakao und Jörke an dem frühen Montagmittag bei ihrem Freund Matsumoto vorbeigekommen. Sie wollten dem Koch gerade ein paar persönliche Sachen bringen, als die Katastrophe über sie hereinbrach. In Bruchteilen von Sekunden, wie sie sich erinnern: erst der Knall und dann das Feuer überall. Die panischen Schreie des Freundes inmitten der Flammen, den sie mit ihren Rufen zum Glück aus dem brennenden Wagen lotsen konnten.

- © Roland Siekmann
© Roland Siekmann

Als Matsumoto tatsächlich den Weg ins Freie fand und wie eine lebende Fackel vor ihnen stand, da stürzten sie sich auf ihn. Löschten seine brennenden Kleider mit ihren bloßen Händen. Nakao riss seinen Schulfreund an sich, nahm ihn fest in die Arme, erstickte die Flammen mit seinem Körper. Dieser lange gemeinsame Weg vom heimischen Osaka bis ins lieb gewonnene Bielefeld durfte nicht hier enden. Nicht so. Nakao umklammerte Matsumoto, und Jörke warf seine Jacke über den Brennenden zum Löschen der Haare.

Wie lebendige Fackeln

Das geschah in Sekunden, wiederholen sie. Dann seien plötzlich die helfenden Menschen da gewesen, von überall her, mit nassen Tüchern und Wasser. In Eimern, in Flaschen. Ein Segen gegen die höllische Hitze und die Schmerzen. Doch die nahm Nakao unter Schock kaum wahr, sondern rannte noch umher, und wollte mit einem Feuerlöscher die Flammen bekämpfen. Und die Menschen warnen. Weil es in dem lodernden Wagen noch weitere Gasflaschen gab. Da habe ihn einer der Sanitäter sanft in den Rettungswagen bugsiert und beruhigt - die Feuerwehrleute würden sich kümmern.

Drei Rettungswagen brachten die drei Freunde in drei Kliniken - Nakao kam erst ins Klösterchen. "Ich war völlig fertig, total am Ende, alles war kaputt, unsere Leben zerstört, ich hatte keine Hoffnung mehr", erzählt er. Denn der explodierte Foodtruck bedeutete die berufliche Existenz von Satoshi Nakao und Kohei Matsumoto. Die sich 2016 auf den Weg gemacht hatten, um ihre Liebe zur japanischen Küche in das kulinarisch nicht gerade verwöhnte Bielefeld zu bringen.

- © Jens Reichenbach
© Jens Reichenbach

Nicht nach Düsseldorf, wo die größte japanische Community lebt samt rheinischer Fröhlichkeit, und der Karneval dem Cosplay ja schon ziemlich nahe kommt. "Nein", sagt Nakao. Ihm habe Bielefeld gleich gefallen. Der 33-Jährige zaubert japanische Crepes. Im Vergleich zu den französischen Nutella- oder Zimt-Flatschen handelt es sich bei seinen Kreationen um kleine Kunstwerke. Durchaus für den Verzehr gedacht, doch kostet es anfangs schon Überwindung, da einfach so reinzubeißen. Nach dem ersten Bissen aber fallen alle Hemmungen.

Seine Komposition "Tokyo Sweet Princess" gilt als Klassiker in der Szene. Und an die erinnerte sich seine pflegende Krankenschwester im Klösterchen: "Sie wollte mich wohl etwas aufheitern, stellte mir ein paar Fragen und als ich unseren Imbiss "SJ Ramen" erwähnte, da strahlte sie mich an und erzählte von ihren Lieblingsessen bei uns, und ich habe vor Freude geweint wie ein Kind. Da hatte ich wieder Hoffnung."

Zwei Meister ihres Fachs

SJ steht für Supreme Japanese Food und hinter Ramen verbirgt sich die traditionelle Form der Nudelsuppe. Der 32-jährige Kohei Matsumoto gilt als Meister dieser Disziplin. An dem tragischen Montag wollte er zur Mittagszeit die populäre Speise wieder auf dem Siggi anbieten. Über Facebook hatte das Duo schon die Termine für die Kunden gepostet, weil das kleine Restaurant auf der Arndtstraße immer noch nicht öffnen durfte. Erst bremste Corona ihren Traum aus und dann erledigte die Explosion den Rest. So schien es.

Hoffen auf die baldige Eröffnung des Restaurants SJ Ramen (v.l.): Jens Jörke, Enno Calsin Borda, Anna-Maria Berlin und Satoshi Nakao. - © Wolfgang Rudolf
Hoffen auf die baldige Eröffnung des Restaurants SJ Ramen (v.l.): Jens Jörke, Enno Calsin Borda, Anna-Maria Berlin und Satoshi Nakao. - © Wolfgang Rudolf

Die Katastrophe sprach sich schnell herum, die Anteilnahme sei immer noch überwältigend, sagt Nakao, und dann passierte etwas, das er aus seiner Heimat gar nicht kenne: Aus Solidarität und Mitgefühl geben fremde Menschen einfach Geld und erwarten dafür keine Gegenleistung. Nach wenigen Tagen sammelten sich auf einem Spendenkonto bereits fast 13.000 Euro. Mehr als 350 Spender zahlten bis Samstagabend einen Betrag auf dem Konto des Portals gofundme.de und einige hinterließen dazu noch aufmunternde Botschaften für die beiden.

Hinter der Initiative stecken ebenfalls drei Freunde, verbunden über die deutsch-japanische Gesellschaft. Die agile Anna-Maria Berlin wollte unbedingt etwas machen: "In so einer Situation ist Zuschauen und Warten doch das Schlimmste", sagt sie beim Interview-Treffen im kleinen Restaurant. Die geheimnisvolle "Kaddi Cosplay" machte den Vorschlag zum Fundraising und Enno Calsin Borda platzierte die Geschichte in der virtuellen Welt. Dort zirkuliert sie, kursiert in verschiedensten Kreisen und Szenen, findet immer neue Verteiler.

Und ganz so selbstlos sind die meisten Spender am Ende auch nicht. Denn sie eint der Wunsch, dass der Rameneister und der Crepesmeister wieder servieren, sobald ihre Wunden verheilt sind. Jens Jörke und Satoshi Nakao brauchen noch viel Pflege für ihre teils verbundenen Hände. Sie durften die Kliniken nach zehn Tagen wieder verlassen. Und können jetzt ihren Freund Kohei Matsumoto in Bochum besuchen. Zusammen mit den aus Osaka angereisten Müttern.

Copyright © Mindener Tageblatt 2020
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Regionales