Freie Fahrt auf der Weserflutbrücke der A2 Ulf Hanke Bad Oeynhausen. Der Verkehr rollt. Und wie. Das Regenwasser flieht vor den Tausend Lastwagen und spritzt wie Gischt zu allen Seiten, als sich Thorsten Hild und Heiko Rumpel fürs Foto auf der Weserflutbrücke neben den nagelneuen Asphalt der Autobahn 2 stellen. Der Herbststurm sorgt für einen Tusch zur Feier des Tages. Die beiden Verantwortlichen von der Autobahn GmbH sind aber gar nicht in Partylaune. Sie sind erleichtert. Nach drei Jahren und sechs Monaten Notreparatur sind alle Baustellen am Autobahnkreuz Bad Oeynhausen abgebaut. Die Verkehrsbehinderungen sind Vergangenheit. Auch die An- und Abfahrt Vlotho ist wieder frei. Die schier unendliche Geschichte der Weserflutbrückenreparatur hat damit doch noch ein Ende gefunden. "Ich hoffe, dass jetzt endlich Ruhe ist", sagt Thorsten Hild. Wie lange? "Bis zum Neubau." 20 weitere Jahre gibt der Ingenieur der sanierten Weserflutbrücke. Ob der Asphalt angesichts der enormen Belastung von zuletzt 92.000 Fahrzeugen am Tag in jede Richtung auch so lange hält, ist zu hoffen, aber unwahrscheinlich, ergänzt Heiko Rumpel. Die Autobahn GmbH habe jedenfalls alles dafür getan, dass "mittelfristig nichts mehr zu reparieren ist", so Hild. 4,4 Millionen Euro Steuergeld hat die Autobahn GmbH in den vergangenen dreieinhalb Jahren in und an den Brücken am Autobahnkreuz Bad Oeynhausen verbaut. Und das war bitter nötig, sonst hätte es wohl einen Infarkt auf der wichtigsten Verkehrsachse zwischen Ruhrgebiet und Berlin gegeben. Auch so gab's ungezählte Kilometer Stau, ausgelöst durch die vielen Brückenbaustellen. Allein 2,3 Millionen Euro hat die Weserflutbrücke verschlungen. 1,7 Millionen Euro hat die Reparatur der Weserstrombrücken gekostet. Der Verkehr wurde großräumig um die Baustellen herum geführt und auf die Gegenfahrbahn umgeleitet. Allein der Bau der Umfahrten hat 400.000 Euro verschlugen. "Die Arbeiten sollen voraussichtlich drei Wochen dauern" Angefangen hat die Notreparatur im April 2018, noch in der Verantwortung der Landesbehörde Straßen NRW. In einer knappen Pressemitteilung hieß es damals: "Die Arbeiten sollen voraussichtlich drei Wochen dauern. Straßen NRW investiert hier 120.000 Euro." Der Pressesprecher der Niederlassung Bielefeld, Sven Johanning, beschrieb auf Nachfrage der Redaktion die Situation auf der Brücke so: "Das ist eine Notreparatur, weil etwas durchgebrochen ist und der Blick schon gen Weserwiese in die Tiefe geht." Die Auswirkungen der Brückenbaustelle waren immens.  Der Verkehr suchte sich einen Weg- mitten durch die Kurstadt, die noch auf die Öffnung der Nordumgehung der A30 wartete. Um den Lastwagenstau auf der A2 aufzulösen, richtete Straßen NRW eine größere Lkw-Überholverbotszone vor dem Autobahnkreuz ein, nachdem sich die Autobahnpolizei eingeschaltet hatte. Doch kaum war der Asphalt auf der Baustelle aufgebrochen, erkannten die Fachleute: Das wird teuer. Die Kosten wurden auf 244.000 Euro geschätzt. Schon damals war die Ursache der Probleme klar. Unter der geschlossenen Fahrbahndecke am Autobahnkreuz Bad Oeynhausen steht nämlich nicht nur eine Brücke in jede Fahrtrichtung, sondern zwei. Allerdings vertragen sich die Brückenbauten nicht so richtig gut. Während die gemauerte Autobahnbrücke von 1938 den Schwerlastverkehr mühelos schultert, setzen die gleichen Laster den Brückenanbau von 1978 in Schwingung. Die Brücken arbeiten gegeneinander. "Das ist Murks", sagt Thorsten Hild. Außerdem konnte das Wasser auf dem Asphalt nicht richtig ablaufen. Es suchte sich einen Weg durch die Fugen der Fahrbahnübergänge, sickerte in Ritzen und nagte am Beton des Tragwerks. "Brückenkaries" nennen das die Experten und das führt schnell zum vorzeitigen Brückentod. Die Lösung: Arbeiter bohrten einen Abfluss durch das Mauerwerk der Reichsautobahnbrücke. Das Regenwasser plätschert jetzt durch mehrere Fallrohre auf den staubigen Boden. In den Jahren zuvor waren die Fahrbahnübergänge der Weserflutbrücke immer wieder repariert worden. 2006 und 2014 finden sich entsprechende Meldungen im Zeitungsarchiv. 2018 aber wollte Straßen NRW ein neues Flick-Verfahren ausprobieren. Die Fahrbahnübergänge sollten mit einem Forschungsmaterial aus Kunststoff gestopft werden. Der Vorteil: Man musste nicht monatelang auf den Stahlbau warten und konnte gleich eine gummiartige Substanz in die Lücken füllen. Geschätzte Kosten: 500.000 Euro. Die Fachleute hatten aber kein Glück mit der Reparatur. Und dann kam auch noch Pech dazu. Ein Diebstahl verzögert die Reparatur der Brücke Diebe stahlen Ende Juli 2018 das Polyflex-Materialdirekt von der Baustelle auf der Weserflutbrücke. Weil die Baustelle zwei Tage wegen Starkregens ruhte, hatten die Langfinger leichtes Spiel. Sie nahmen 54 Gebinde zu je 12,5 Kilogramm, 12 Gebinde zu 30 Kilogramm, 30 Säcke mit Granulat und mehrere Einheiten Klebstoff einfach mit. Geschätzter Wiederbeschaffungswert: 15.000 Euro. Die Bauarbeiten verzögerten das um mindestens sechs Wochen. Die Diebe wurden nie gefasst. Das Polyflex wurde neu angesetzt und eingefüllt. Es hielt genau ein Jahr. Fahrbahnkontrolleure entdeckten im Juni 2019 Löcher in einigen Polyflex-Fahrbahnübergängen. Damit nicht genug. Unter dem gummiartigen Belag entdeckte ein Gutachterrätselhafte Hohlräume. Die Schäden der Weserflutbrücke waren größer als gedacht. Und die Löcher traten ausgerechnet kurz vor der Reisewelle zum Ferienbeginn in NRW auf. Straßen NRW beschloss deshalb, die Fugen provisorisch zu schließen und noch vor dem Winter zu reparieren. Es wurde dann nach einigem Gezerre um die zusätzlichen Kosten Sommer 2020. Während der Coronakrise rupften Arbeiter das Provisoriumheraus und bauten die neuen Fahrbahnübergängeein. Weil inzwischen auch Schäden auf der Weserstrombrücke ein paar Hundert Meter weiter entdeckt worden waren, wurde die Baustelle ausgeweitet. "Die Weserstrombrücke war völlig unkompliziert", sagt Thorsten Hild.Nur eine Brücke zickte herum. "Weserflutbrücke schon wieder kaputt", stellte die Redaktion fest. Einige frisch reparierte Dehnungsfugen hafteten nicht am Beton der Brücke und waren teilweise abgesackt. Jetzt ist die Notreparatur beendet, die Planungen für den Neubau können beginnen. Thorsten Hild winkt ab. Das soll jemand anders machen. Immerhin: Die Brücke der Reichsautobahn kann stehen bleiben. Hild: "Die hält bestimmt noch 100 Jahre."

Freie Fahrt auf der Weserflutbrücke der A2

Erleichtert nach dreieinhalb Jahren Notreparatur: Heiko Rumpel von der Autobahn GmbH Westfalen hat die Baustelle verantwortet. © Ulf Hanke

Bad Oeynhausen. Der Verkehr rollt. Und wie. Das Regenwasser flieht vor den Tausend Lastwagen und spritzt wie Gischt zu allen Seiten, als sich Thorsten Hild und Heiko Rumpel fürs Foto auf der Weserflutbrücke neben den nagelneuen Asphalt der Autobahn 2 stellen. Der Herbststurm sorgt für einen Tusch zur Feier des Tages. Die beiden Verantwortlichen von der Autobahn GmbH sind aber gar nicht in Partylaune. Sie sind erleichtert. Nach drei Jahren und sechs Monaten Notreparatur sind alle Baustellen am Autobahnkreuz Bad Oeynhausen abgebaut. Die Verkehrsbehinderungen sind Vergangenheit. Auch die An- und Abfahrt Vlotho ist wieder frei.

Die schier unendliche Geschichte der Weserflutbrückenreparatur hat damit doch noch ein Ende gefunden. "Ich hoffe, dass jetzt endlich Ruhe ist", sagt Thorsten Hild. Wie lange? "Bis zum Neubau." 20 weitere Jahre gibt der Ingenieur der sanierten Weserflutbrücke. Ob der Asphalt angesichts der enormen Belastung von zuletzt 92.000 Fahrzeugen am Tag in jede Richtung auch so lange hält, ist zu hoffen, aber unwahrscheinlich, ergänzt Heiko Rumpel. Die Autobahn GmbH habe jedenfalls alles dafür getan, dass "mittelfristig nichts mehr zu reparieren ist", so Hild.

Zwei Brücken unter einer Fahrbahn: Thorsten Hild und Heiko Rumpel von der Autobahn GmbH Westfalen unter der Weserflutbrücke in Bad Oeynhausen. - © Ulf Hanke
Zwei Brücken unter einer Fahrbahn: Thorsten Hild und Heiko Rumpel von der Autobahn GmbH Westfalen unter der Weserflutbrücke in Bad Oeynhausen. - © Ulf Hanke

4,4 Millionen Euro Steuergeld hat die Autobahn GmbH in den vergangenen dreieinhalb Jahren in und an den Brücken am Autobahnkreuz Bad Oeynhausen verbaut. Und das war bitter nötig, sonst hätte es wohl einen Infarkt auf der wichtigsten Verkehrsachse zwischen Ruhrgebiet und Berlin gegeben. Auch so gab's ungezählte Kilometer Stau, ausgelöst durch die vielen Brückenbaustellen. Allein 2,3 Millionen Euro hat die Weserflutbrücke verschlungen. 1,7 Millionen Euro hat die Reparatur der Weserstrombrücken gekostet. Der Verkehr wurde großräumig um die Baustellen herum geführt und auf die Gegenfahrbahn umgeleitet. Allein der Bau der Umfahrten hat 400.000 Euro verschlugen.

"Die Arbeiten sollen voraussichtlich drei Wochen dauern"

Angefangen hat die Notreparatur im April 2018, noch in der Verantwortung der Landesbehörde Straßen NRW. In einer knappen Pressemitteilung hieß es damals: "Die Arbeiten sollen voraussichtlich drei Wochen dauern. Straßen NRW investiert hier 120.000 Euro." Der Pressesprecher der Niederlassung Bielefeld, Sven Johanning, beschrieb auf Nachfrage der Redaktion die Situation auf der Brücke so: "Das ist eine Notreparatur, weil etwas durchgebrochen ist und der Blick schon gen Weserwiese in die Tiefe geht." Die Auswirkungen der Brückenbaustelle waren immens.  Der Verkehr suchte sich einen Weg- mitten durch die Kurstadt, die noch auf die Öffnung der Nordumgehung der A30 wartete.

Um den Lastwagenstau auf der A2 aufzulösen, richtete Straßen NRW eine größere Lkw-Überholverbotszone vor dem Autobahnkreuz ein, nachdem sich die Autobahnpolizei eingeschaltet hatte. Doch kaum war der Asphalt auf der Baustelle aufgebrochen, erkannten die Fachleute: Das wird teuer. Die Kosten wurden auf 244.000 Euro geschätzt. Schon damals war die Ursache der Probleme klar.

Unter der geschlossenen Fahrbahndecke am Autobahnkreuz Bad Oeynhausen steht nämlich nicht nur eine Brücke in jede Fahrtrichtung, sondern zwei. Allerdings vertragen sich die Brückenbauten nicht so richtig gut. Während die gemauerte Autobahnbrücke von 1938 den Schwerlastverkehr mühelos schultert, setzen die gleichen Laster den Brückenanbau von 1978 in Schwingung. Die Brücken arbeiten gegeneinander. "Das ist Murks", sagt Thorsten Hild. Außerdem konnte das Wasser auf dem Asphalt nicht richtig ablaufen. Es suchte sich einen Weg durch die Fugen der Fahrbahnübergänge, sickerte in Ritzen und nagte am Beton des Tragwerks. "Brückenkaries" nennen das die Experten und das führt schnell zum vorzeitigen Brückentod. Die Lösung: Arbeiter bohrten einen Abfluss durch das Mauerwerk der Reichsautobahnbrücke. Das Regenwasser plätschert jetzt durch mehrere Fallrohre auf den staubigen Boden.

In den Jahren zuvor waren die Fahrbahnübergänge der Weserflutbrücke immer wieder repariert worden. 2006 und 2014 finden sich entsprechende Meldungen im Zeitungsarchiv. 2018 aber wollte Straßen NRW ein neues Flick-Verfahren ausprobieren. Die Fahrbahnübergänge sollten mit einem Forschungsmaterial aus Kunststoff gestopft werden. Der Vorteil: Man musste nicht monatelang auf den Stahlbau warten und konnte gleich eine gummiartige Substanz in die Lücken füllen. Geschätzte Kosten: 500.000 Euro. Die Fachleute hatten aber kein Glück mit der Reparatur. Und dann kam auch noch Pech dazu.

Ein Diebstahl verzögert die Reparatur der Brücke

Diebe stahlen Ende Juli 2018 das Polyflex-Materialdirekt von der Baustelle auf der Weserflutbrücke. Weil die Baustelle zwei Tage wegen Starkregens ruhte, hatten die Langfinger leichtes Spiel. Sie nahmen 54 Gebinde zu je 12,5 Kilogramm, 12 Gebinde zu 30 Kilogramm, 30 Säcke mit Granulat und mehrere Einheiten Klebstoff einfach mit. Geschätzter Wiederbeschaffungswert: 15.000 Euro. Die Bauarbeiten verzögerten das um mindestens sechs Wochen. Die Diebe wurden nie gefasst. Das Polyflex wurde neu angesetzt und eingefüllt. Es hielt genau ein Jahr.

Fahrbahnkontrolleure entdeckten im Juni 2019 Löcher in einigen Polyflex-Fahrbahnübergängen. Damit nicht genug. Unter dem gummiartigen Belag entdeckte ein Gutachterrätselhafte Hohlräume. Die Schäden der Weserflutbrücke waren größer als gedacht. Und die Löcher traten ausgerechnet kurz vor der Reisewelle zum Ferienbeginn in NRW auf. Straßen NRW beschloss deshalb, die Fugen provisorisch zu schließen und noch vor dem Winter zu reparieren. Es wurde dann nach einigem Gezerre um die zusätzlichen Kosten Sommer 2020.

Während der Coronakrise rupften Arbeiter das Provisoriumheraus und bauten die neuen Fahrbahnübergängeein. Weil inzwischen auch Schäden auf der Weserstrombrücke ein paar Hundert Meter weiter entdeckt worden waren, wurde die Baustelle ausgeweitet. "Die Weserstrombrücke war völlig unkompliziert", sagt Thorsten Hild.Nur eine Brücke zickte herum. "Weserflutbrücke schon wieder kaputt", stellte die Redaktion fest. Einige frisch reparierte Dehnungsfugen hafteten nicht am Beton der Brücke und waren teilweise abgesackt.

Jetzt ist die Notreparatur beendet, die Planungen für den Neubau können beginnen. Thorsten Hild winkt ab. Das soll jemand anders machen. Immerhin: Die Brücke der Reichsautobahn kann stehen bleiben. Hild: "Die hält bestimmt noch 100 Jahre."

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