Fall Lügde: "Wiederkehrende Versäumnisse der Jugendämter" Ingo Kalischek Düsseldorf. Die Jugendämter Hameln und Lippe standen im Fall des schweren sexuellen Kindesmissbrauchs von Lügde bislang besonders im Mittelpunkt der Auswertungen. Seit einigen Tagen gerät auch das Jugendamt im Kreis Höxter immer mehr ins Blickfeld. Die Mitglieder des Untersuchungsausschusses im Düsseldorfer Landtag erkennen bedenkliche Parallelen, wiederkehrende Versäumnisse – und gefährliche Unterschiede. „Allein die Verfahrensstandards und -abläufe der sogenannten § 8a-Fälle, also Meldungen einer Kindeswohlgefährdung, weisen in diesen drei Jugendamtsbereichen deutliche Unterschiede auf", sagt der CDU-Abgeordnete Dietmar Panske und fügt an: „Sie wurden in Umfang und Qualität sehr unterschiedlich abgearbeitet." Verbindliche Regelungen der Verfahrensstandards sowie einheitliche Dokumentationspflichten seien nicht festzustellen. Panske moniert, dass beispielsweise die Fallübergaben innerhalb von Mitarbeitern der Jugendämter in Form und Umfang unterschiedlich durchgeführt würden. „Mal finden Dokumentationen statt, mal wird auf mündliche Absprachen verwiesen", so der CDU-Abgeordnete. "Keine Frage der Kassenlage" Das kritisiert auch die Grünen-Abgeordnete Josefine Paul. Die Mitglieder des Untersuchungsausschusses würden immer wieder feststellen, dass Schutzlücken an Schnittstellen zwischen den unterschiedlichen Beteiligten am Kinderschutz entstünden. Paul fordert verbindliche Netzwerkstrukturen für den Kinderschutz in jeder Kommune. Die Koordination dieser Netzwerke müsse vom Land finanziert werden. „Kinderschutz darf keine Frage der Kassenlage sein." Der FDP-Abgeordnete Marc Lürbke wünscht sich an diesem Punkt mehr Kontrolle. Er wirft die Frage auf, ob womöglich nicht mehr nur die Oberbürgermeister und Landräte für die Kontrolle der Jugendämter zuständig sein sollten. „Jedes Fahrzeug in Deutschland wird regelmäßig überprüft, doch bei Institutionen, die für den Schutz unserer Kinder verantwortlich sind, geht der Staat zu oft zu zögerlich vor", so Lürbke. Es sei aber Aufgabe des Staates, die Kleinsten und Verletzlichsten in der Gesellschaft bestmöglich zu schützen. Bessere Ausbildung gefordert Für Unverständnis bei den Ausschuss-Mitgliedern sorgt regelmäßig noch ein weiterer Punkt: Es zeige sich durch Zeugenvernehmungen immer wieder, dass die Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) nicht gut genug ausgebildet und geschult seien. „Sowohl im Studium als auch in der Einarbeitung im ASD nimmt das Erkennen von sexualisierter Gewalt gegen Kinder oftmals nur eine untergeordnete Rolle ein", sagt Paul. Das Erkennen von Warnsignalen, das Zuhören und Wahrnehmen von Kindern, aber auch das Wissen um Täterstrategien müsse sehr viel systematischer verankert werden, in Aus- und Weiterbildung. „Nur so können sexueller Missbrauch und perfide Täterstrategien auch frühzeitig als solche erkannt werden", bestätigt Marc Lürbke. Dietmar Panske verweist darauf, dass seit den Fällen von Lügde und Münster die Verfahren in den unterschiedlichen Jugendämtern an vielen Stellen überprüft und verändert worden sind. „Der Prozess ist aber noch lange nicht abgeschlossen." Für den Schutz von Kindeswohl müssten weiterhin die Prozessabläufe überprüft und entsprechend angepasst werden.

Fall Lügde: "Wiederkehrende Versäumnisse der Jugendämter"

Akten im Fall Lügde. © Bernhard Preuss

Düsseldorf. Die Jugendämter Hameln und Lippe standen im Fall des schweren sexuellen Kindesmissbrauchs von Lügde bislang besonders im Mittelpunkt der Auswertungen. Seit einigen Tagen gerät auch das Jugendamt im Kreis Höxter immer mehr ins Blickfeld. Die Mitglieder des Untersuchungsausschusses im Düsseldorfer Landtag erkennen bedenkliche Parallelen, wiederkehrende Versäumnisse – und gefährliche Unterschiede.

„Allein die Verfahrensstandards und -abläufe der sogenannten § 8a-Fälle, also Meldungen einer Kindeswohlgefährdung, weisen in diesen drei Jugendamtsbereichen deutliche Unterschiede auf", sagt der CDU-Abgeordnete Dietmar Panske und fügt an: „Sie wurden in Umfang und Qualität sehr unterschiedlich abgearbeitet." Verbindliche Regelungen der Verfahrensstandards sowie einheitliche Dokumentationspflichten seien nicht festzustellen.

Panske moniert, dass beispielsweise die Fallübergaben innerhalb von Mitarbeitern der Jugendämter in Form und Umfang unterschiedlich durchgeführt würden. „Mal finden Dokumentationen statt, mal wird auf mündliche Absprachen verwiesen", so der CDU-Abgeordnete.

"Keine Frage der Kassenlage"

Das kritisiert auch die Grünen-Abgeordnete Josefine Paul. Die Mitglieder des Untersuchungsausschusses würden immer wieder feststellen, dass Schutzlücken an Schnittstellen zwischen den unterschiedlichen Beteiligten am Kinderschutz entstünden. Paul fordert verbindliche Netzwerkstrukturen für den Kinderschutz in jeder Kommune. Die Koordination dieser Netzwerke müsse vom Land finanziert werden. „Kinderschutz darf keine Frage der Kassenlage sein."

Der FDP-Abgeordnete Marc Lürbke wünscht sich an diesem Punkt mehr Kontrolle. Er wirft die Frage auf, ob womöglich nicht mehr nur die Oberbürgermeister und Landräte für die Kontrolle der Jugendämter zuständig sein sollten. „Jedes Fahrzeug in Deutschland wird regelmäßig überprüft, doch bei Institutionen, die für den Schutz unserer Kinder verantwortlich sind, geht der Staat zu oft zu zögerlich vor", so Lürbke. Es sei aber Aufgabe des Staates, die Kleinsten und Verletzlichsten in der Gesellschaft bestmöglich zu schützen.

Bessere Ausbildung gefordert

Für Unverständnis bei den Ausschuss-Mitgliedern sorgt regelmäßig noch ein weiterer Punkt: Es zeige sich durch Zeugenvernehmungen immer wieder, dass die Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) nicht gut genug ausgebildet und geschult seien. „Sowohl im Studium als auch in der Einarbeitung im ASD nimmt das Erkennen von sexualisierter Gewalt gegen Kinder oftmals nur eine untergeordnete Rolle ein", sagt Paul.

Das Erkennen von Warnsignalen, das Zuhören und Wahrnehmen von Kindern, aber auch das Wissen um Täterstrategien müsse sehr viel systematischer verankert werden, in Aus- und Weiterbildung. „Nur so können sexueller Missbrauch und perfide Täterstrategien auch frühzeitig als solche erkannt werden", bestätigt Marc Lürbke.

Dietmar Panske verweist darauf, dass seit den Fällen von Lügde und Münster die Verfahren in den unterschiedlichen Jugendämtern an vielen Stellen überprüft und verändert worden sind. „Der Prozess ist aber noch lange nicht abgeschlossen." Für den Schutz von Kindeswohl müssten weiterhin die Prozessabläufe überprüft und entsprechend angepasst werden.

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