Lügde Fall Lügde: Opfer-Vater steht nun selbst unter Verdacht Lügde/Detmold/Northeim. Das Nachbeben rund um den Missbrauchsfall Lügde ist noch längst nicht abgeklungen. Erst am Dienstag hatte die Staatsanwaltschaft Göttingen bekannt geben, Anklage gegen einen Bekannten von Lügde-Haupttäter Andreas V. erhoben zu haben. Der Vorwurf: sexueller Missbrauch von sieben Mädchen. Im September soll der Prozess gegen Walter S. (48) starten. Daneben waren die Ermittler durch die Auswertung der Daten des Northeimers auf 32 weitere Tatverdächtige und 130 Spuren gestoßen. Auch Andreas V. selbst soll noch entscheidende Hinweise auf mögliche Täter gegeben haben. Darunter ist nach Informationen dieser Redaktion auch ein Familienvater, der das Lügde-Verfahren im vergangenen Jahr selbst als Nebenkläger im Gerichtssaal verfolgt hatte. Seine zehnjährige Tochter war von Serientäter Andreas V. missbraucht worden. Das Mädchen gehört jedoch nicht nur zu den mindestens 41 ermittelten Opfern des heute 58-Jährigen Dauercampers, sie soll nach Angaben des Hamburger Anwalts Matthias Bergmann, der die betroffene Familie vertritt, auch vom gerade erst angeklagten Northeimer Walter S. missbraucht worden sein. Ob es sich dabei um einen Zufall oder eine geplanten Tausch handelt, ist unklar. Das Schicksal des Mädchens ist damit jedoch nicht auserzählt. Durch weitere Angaben von Andreas V. steht inzwischen der Vater des Mädchens selbst unter Verdacht, seine eigene Tochter missbraucht zu haben. Das Mädchen ist nach Angaben des Anwalts vernommen und im April aus der Familie genommen worden. Die Ermittlungen gegen den Vater laufen weiter, er sitzt jedoch nicht in Untersuchungshaft. Vor wenigen Tagen beteuerten die drei Brüder des Mädchens in einem im Netz veröffentlichten Video, von der Unschuld des Vaters überzeugt zu sein. Sie seien auf der Flucht, weil das Jugendamt nun auch die Jungs in Obhut nehmen wolle. Es seien skandalöse Nachwirkungen des Falls Lügde. Unter welchen Umständen das Video entstanden ist, und wer es aufgenommen hat, ist allerdings nicht gesichert. Die Staatsanwaltschaft Göttingen wollte die laufenden Ermittlungen weder bestätigen noch dementieren. Der betroffene Vater, der mit seiner Familie in Niedersachsen lebt, scheint jedoch schon länger auf dem Schirm der Ermittler zu sein. "Andreas V. hat schon damals in Untersuchungshaft auf andere Familienväter hingewiesen, die sich in seinen Augen schuldig gemacht haben", erinnert sich Rechtsanwalt Johannes Salmen, der Andreas V. im Lügde-Prozess verteidigt hat. Das Mandant für den zu 13 Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilten Serientäter ist zwar erloschen, dennoch hätten die Göttinger Ermittler vor einigen Wochen noch einmal für eine bevorstehende Vernehmung von Andreas V. beim Rechtsanwalt in Lage (Kreis Lippe) angefragt. "Es scheint, als würden sich seine Angaben zu 99 Prozent bewahrheiten", sagt Salmen. Welche Ergebnisse sich die Ermittler von einer weiteren Vernehmung von Andreas V. erhoffen, dazu kann sich der Göttinger Oberstaatsanwalt Frank-Michael Laue nicht näher äußern. Bis auf Walter S. sitze jedoch bisher kein weiterer Beschuldigter in U-Haft. "Es gibt bisher keine weiteren Tatverdächtigen, die nach einem Hinweis durch Andreas V. festgenommen wurden", sagt Laue. Auf den jetzt angeklagten Walter S. aus Northeim seien damals die Bielefelder Ermittler gestoßen, weil sich Andreas V. und Walter S. wohl per Chat über ihre Vorlieben für Kinder unterhalten hätten. Zu einem Treffen auf dem Campingplatz in Lügde-Elbrinxen sei es nach derzeitigem Ermittlungsstand jedoch nicht gekommen. "Das schließt natürlich keine zufälligen Begegnungen an anderen Orten aus", sagt Oberstaatsanwalt Frank-Michael Laue. Auch dazu, ob Kinder von beiden Tätern missbraucht wurden, will sich Oberstaatsanwalt Frank-Michael Laue aus Opferschutzgründen nicht äußern. "Einiges wird sich möglicherweise noch in der Hauptverhandlung klären." Nach Angaben der Detmolder Staatsanwaltschaft ist Andreas V. auch nach der Urteilsverkündung im September 2019 noch mehrfach von den Ermittlern der EK "Eichwald" vernommen worden - zuletzt auch im Jahr 2020. "Inzwischen sind die dafür relevanten Akten an die Kollegen in Göttingen übergeben worden", sagt der Detmolder Oberstaatsanwalt Ralf Vetter. Möglicherweise habe Andreas V. in seinen weiteren Vernehmungen die Angaben zu anderen Tatverdächtigen konkretisieren können, weshalb die Ermittlungen in Gang gekommen seien. Ob die Aussage von Andreas V. als einzige Spur zum Erfolg geführt habe, kann Oberstaatsanwalt Ralf Vetter nicht beurteilen. Auch bei der Staatsanwaltschaft Detmold laufen rund um den direkten Lügde-Komplex noch weitere Verfahren gegen Beschuldigte . Darunter sind auch Ermittlungen gegen einen weiteren Dauercamper, der wegen schweren sexuellen Kindesmissbrauchs unter Verdacht steht. Seine Parzelle war noch während des dritten Prozesstages zum Fall Lügde durchsucht worden. Der 58-Jährige sitzt nach Angaben von Oberstaatsanwalt Ralf Vetter nicht in Untersuchungshaft. "Die Ermittlungen laufen ganz normal weiter", so Vetter.
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Fall Lügde: Opfer-Vater steht nun selbst unter Verdacht

Der inzwischen verurteilte Serientäter Andreas V. (mitte) beim Prozess im vergangenen Jahr. Das Landgericht Detmold verurteilte den Dauercamper aus Lügde-Elbrinxen und seinen Mittäter Mario S. für die Verbrechen an 32 Kindern zu langjährigen Strafen mit anschließender Sicherungsverwahrung. © Archivfoto: DPA/Bernd Tissen

Lügde/Detmold/Northeim. Das Nachbeben rund um den Missbrauchsfall Lügde ist noch längst nicht abgeklungen. Erst am Dienstag hatte die Staatsanwaltschaft Göttingen bekannt geben, Anklage gegen einen Bekannten von Lügde-Haupttäter Andreas V. erhoben zu haben. Der Vorwurf: sexueller Missbrauch von sieben Mädchen. Im September soll der Prozess gegen Walter S. (48) starten. Daneben waren die Ermittler durch die Auswertung der Daten des Northeimers auf 32 weitere Tatverdächtige und 130 Spuren gestoßen. Auch Andreas V. selbst soll noch entscheidende Hinweise auf mögliche Täter gegeben haben.

Darunter ist nach Informationen dieser Redaktion auch ein Familienvater, der das Lügde-Verfahren im vergangenen Jahr selbst als Nebenkläger im Gerichtssaal verfolgt hatte. Seine zehnjährige Tochter war von Serientäter Andreas V. missbraucht worden. Das Mädchen gehört jedoch nicht nur zu den mindestens 41 ermittelten Opfern des heute 58-Jährigen Dauercampers, sie soll nach Angaben des Hamburger Anwalts Matthias Bergmann, der die betroffene Familie vertritt, auch vom gerade erst angeklagten Northeimer Walter S. missbraucht worden sein. Ob es sich dabei um einen Zufall oder eine geplanten Tausch handelt, ist unklar.

Das Schicksal des Mädchens ist damit jedoch nicht auserzählt. Durch weitere Angaben von Andreas V. steht inzwischen der Vater des Mädchens selbst unter Verdacht, seine eigene Tochter missbraucht zu haben. Das Mädchen ist nach Angaben des Anwalts vernommen und im April aus der Familie genommen worden. Die Ermittlungen gegen den Vater laufen weiter, er sitzt jedoch nicht in Untersuchungshaft. Vor wenigen Tagen beteuerten die drei Brüder des Mädchens in einem im Netz veröffentlichten Video, von der Unschuld des Vaters überzeugt zu sein. Sie seien auf der Flucht, weil das Jugendamt nun auch die Jungs in Obhut nehmen wolle. Es seien skandalöse Nachwirkungen des Falls Lügde. Unter welchen Umständen das Video entstanden ist, und wer es aufgenommen hat, ist allerdings nicht gesichert.

Die Staatsanwaltschaft Göttingen wollte die laufenden Ermittlungen weder bestätigen noch dementieren. Der betroffene Vater, der mit seiner Familie in Niedersachsen lebt, scheint jedoch schon länger auf dem Schirm der Ermittler zu sein. "Andreas V. hat schon damals in Untersuchungshaft auf andere Familienväter hingewiesen, die sich in seinen Augen schuldig gemacht haben", erinnert sich Rechtsanwalt Johannes Salmen, der Andreas V. im Lügde-Prozess verteidigt hat.

Das Mandant für den zu 13 Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilten Serientäter ist zwar erloschen, dennoch hätten die Göttinger Ermittler vor einigen Wochen noch einmal für eine bevorstehende Vernehmung von Andreas V. beim Rechtsanwalt in Lage (Kreis Lippe) angefragt. "Es scheint, als würden sich seine Angaben zu 99 Prozent bewahrheiten", sagt Salmen.

Welche Ergebnisse sich die Ermittler von einer weiteren Vernehmung von Andreas V. erhoffen, dazu kann sich der Göttinger Oberstaatsanwalt Frank-Michael Laue nicht näher äußern. Bis auf Walter S. sitze jedoch bisher kein weiterer Beschuldigter in U-Haft. "Es gibt bisher keine weiteren Tatverdächtigen, die nach einem Hinweis durch Andreas V. festgenommen wurden", sagt Laue. Auf den jetzt angeklagten Walter S. aus Northeim seien damals die Bielefelder Ermittler gestoßen, weil sich Andreas V. und Walter S. wohl per Chat über ihre Vorlieben für Kinder unterhalten hätten.

Zu einem Treffen auf dem Campingplatz in Lügde-Elbrinxen sei es nach derzeitigem Ermittlungsstand jedoch nicht gekommen. "Das schließt natürlich keine zufälligen Begegnungen an anderen Orten aus", sagt Oberstaatsanwalt Frank-Michael Laue. Auch dazu, ob Kinder von beiden Tätern missbraucht wurden, will sich Oberstaatsanwalt Frank-Michael Laue aus Opferschutzgründen nicht äußern. "Einiges wird sich möglicherweise noch in der Hauptverhandlung klären."

Nach Angaben der Detmolder Staatsanwaltschaft ist Andreas V. auch nach der Urteilsverkündung im September 2019 noch mehrfach von den Ermittlern der EK "Eichwald" vernommen worden - zuletzt auch im Jahr 2020. "Inzwischen sind die dafür relevanten Akten an die Kollegen in Göttingen übergeben worden", sagt der Detmolder Oberstaatsanwalt Ralf Vetter. Möglicherweise habe Andreas V. in seinen weiteren Vernehmungen die Angaben zu anderen Tatverdächtigen konkretisieren können, weshalb die Ermittlungen in Gang gekommen seien. Ob die Aussage von Andreas V. als einzige Spur zum Erfolg geführt habe, kann Oberstaatsanwalt Ralf Vetter nicht beurteilen.

Auch bei der Staatsanwaltschaft Detmold laufen rund um den direkten Lügde-Komplex noch weitere Verfahren gegen Beschuldigte . Darunter sind auch Ermittlungen gegen einen weiteren Dauercamper, der wegen schweren sexuellen Kindesmissbrauchs unter Verdacht steht. Seine Parzelle war noch während des dritten Prozesstages zum Fall Lügde durchsucht worden. Der 58-Jährige sitzt nach Angaben von Oberstaatsanwalt Ralf Vetter nicht in Untersuchungshaft. "Die Ermittlungen laufen ganz normal weiter", so Vetter.

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