Evakuierungsgebiet um Atomkraftwerk Grohnde soll auf 20 Kilometer verdoppelt werden Experten: Sicherheitszonen zu klein Von Matthias Bungeroth Bielefeld (nw). Zwischen Befürwortern und Gegnern der Atomenergie ist erneut ein heftiger Streit entbrannt. Hintergrund sind Pläne der Innenminister des Bundes und der Länder, die Evakuierungszonen um Atomanlagen von derzeit zehn auf 20 Kilometer im Umkreis ausweiten zu wollen. Betroffen davon ist auch das Atomkraftwerk Grohnde. Kritiker nennen die Pläne unzureichend und fordern die sofortige Abschaltung der Atomkraftwerke.Von den Auswirkungen eines GAU von der Tragweite der Unglücke in Tschernobyl oder Fukushima könnten "locker" Menschen im Umkreis von bis zu 170 Kilometern rund um die Atomanlage betroffen sein, sagt Angelika Claußen, Bielefelder Ärztin und Expertin für Strahlenschutz bei der Vereinigung "Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges" (IPPNW) im Gespräch mit dieser Zeitung.Zur geplanten Erweiterung der Evakuierungszonen rund um AKWs sagt Claußen: "Ich befürchte, dass diese Ausweitung kommt, aber immer noch kein wirksamer Katastrophenschutz gewährleistet werden kann." Deshalb fordert sie: "Die AKWs gehören abgeschaltet."Dies gilt nach Claußens Überzeugung sowohl aus Gründen der Gesundheitsgefahren wie auch aus Gründen ökologischer Energiepolitik. Es gebe keinen Grund, AKWs am Netz zu halten, "weil sie die Netze verstopfen", so Claußen. Dies behindere zum Beispiel den Ausbau der Windenergie.Die Anti-Atom-Bewegung "Ausgestrahlt - gemeinsam gegen Atomenergie" hatte berichtet, die Innenministerkonferenz wolle auf ihrer kommenden Sitzung im Dezember die Ausweitung der Evakuierungszonen beschließen. "Damit wohnen bundesweit 2,5 Millionen Menschen statt bisher nur 430 000 Einwohner in möglichen Evakuierungsgebieten", heißt es in dem Bericht. Bezogen auf das AKW Grohnde würde dann auch die lippische Stadt Lügde zur Evakuierungszone gehören (s. Grafik). Laut des Berichts sollen künftig auch Jodtabletten für das gesamte Bundesgebiet vorgehalten werden."Die Katastrophe dort ist nicht vorbei"Die Geschäftsstelle der Innenministerkonferenz in Hannover bestätigte die Pläne indirekt. Zwar lägen die Empfehlungen der Strahlenschutzkommission (SSK) erst im Entwurf vor. "Allerdings deuten die Hinweise aus der SSK darauf hin, dass die bisher geltenden Evakuierungsradien größer gefasst werden könnten", heißt es. Die Empfehlungen der SSK gehen zurück auf eine Studie des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS), das sich mit den Folgen der Atomkatastrophe von Fukushima befasst hatte. "Die Katastrophe dort ist nicht vorbei", sagt Claußen, die erst im Oktober am Unglücksort in Japan war. Schilddrüsenerkrankungen hätten sich dort "massiv vermehrt". Protest mit BallonsMehrere Hundert Kernkraftgegner haben nach eigenen Angaben am Samstag an sechs Standorten von Atomkraftwerken in Deutschland gegen deren Risiken demonstriert.An jedem Standort ließen sie jeweils 499 Luftballons aufsteigen. Damit wollten die Demonstranten zeigen, "dass sich die Radioaktivität nach einem schweren Atomunfall mehrere Hundert Kilometer ausbreiten kann", wie Angelika Claußen, Strahlenschutzexpertin der Initiative "Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges" dieser Zeitung auf Anfrage sagte.Die Strahlenschutzkommission des Bundes will die bisherige Evakuierungszone von zehn Kilometern um die Atomkraftwerke auf 20 Kilometer ausdehnen. Aufgrund der Erfahrungen von Tschernobyl und Fukushima sei jedoch bekannt, "dass sehr große Gebiete betroffen sein würden", sind die Atomgegner überzeugt.Grund sei, dass die Atomkatastrophe nicht nur wenige Stunden, sondern mehrere Wochen anhalte, bis die Katastrophenschützer die radioaktive Ausbreitung unter Kontrolle brächten. Bei einem Unfall in Grohnde seien auch Hannover und Bielefeld betroffen, warnen die Atomkraftgegner. (nw/bth)

Evakuierungsgebiet um Atomkraftwerk Grohnde soll auf 20 Kilometer verdoppelt werden

Bielefeld (nw). Zwischen Befürwortern und Gegnern der Atomenergie ist erneut ein heftiger Streit entbrannt. Hintergrund sind Pläne der Innenminister des Bundes und der Länder, die Evakuierungszonen um Atomanlagen von derzeit zehn auf 20 Kilometer im Umkreis ausweiten zu wollen.

Die kritische Zone soll von zehn auf 20 Kilometer ausgedehnt werden. MT-Grafik: Detlev Stoll
Die kritische Zone soll von zehn auf 20 Kilometer ausgedehnt werden. MT-Grafik: Detlev Stoll

Betroffen davon ist auch das Atomkraftwerk Grohnde. Kritiker nennen die Pläne unzureichend und fordern die sofortige Abschaltung der Atomkraftwerke.

Von den Auswirkungen eines GAU von der Tragweite der Unglücke in Tschernobyl oder Fukushima könnten "locker" Menschen im Umkreis von bis zu 170 Kilometern rund um die Atomanlage betroffen sein, sagt Angelika Claußen, Bielefelder Ärztin und Expertin für Strahlenschutz bei der Vereinigung "Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges" (IPPNW) im Gespräch mit dieser Zeitung.

Zur geplanten Erweiterung der Evakuierungszonen rund um AKWs sagt Claußen: "Ich befürchte, dass diese Ausweitung kommt, aber immer noch kein wirksamer Katastrophenschutz gewährleistet werden kann." Deshalb fordert sie: "Die AKWs gehören abgeschaltet."

Dies gilt nach Claußens Überzeugung sowohl aus Gründen der Gesundheitsgefahren wie auch aus Gründen ökologischer Energiepolitik. Es gebe keinen Grund, AKWs am Netz zu halten, "weil sie die Netze verstopfen", so Claußen. Dies behindere zum Beispiel den Ausbau der Windenergie.

Die Anti-Atom-Bewegung "Ausgestrahlt - gemeinsam gegen Atomenergie" hatte berichtet, die Innenministerkonferenz wolle auf ihrer kommenden Sitzung im Dezember die Ausweitung der Evakuierungszonen beschließen. "Damit wohnen bundesweit 2,5 Millionen Menschen statt bisher nur 430 000 Einwohner in möglichen Evakuierungsgebieten", heißt es in dem Bericht. Bezogen auf das AKW Grohnde würde dann auch die lippische Stadt Lügde zur Evakuierungszone gehören (s. Grafik). Laut des Berichts sollen künftig auch Jodtabletten für das gesamte Bundesgebiet vorgehalten werden.

"Die Katastrophe dort ist nicht vorbei"

Die Geschäftsstelle der Innenministerkonferenz in Hannover bestätigte die Pläne indirekt. Zwar lägen die Empfehlungen der Strahlenschutzkommission (SSK) erst im Entwurf vor. "Allerdings deuten die Hinweise aus der SSK darauf hin, dass die bisher geltenden Evakuierungsradien größer gefasst werden könnten", heißt es. Die Empfehlungen der SSK gehen zurück auf eine Studie des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS), das sich mit den Folgen der Atomkatastrophe von Fukushima befasst hatte. "Die Katastrophe dort ist nicht vorbei", sagt Claußen, die erst im Oktober am Unglücksort in Japan war. Schilddrüsenerkrankungen hätten sich dort "massiv vermehrt".

Protest mit Ballons
Mehrere Hundert Kernkraftgegner haben nach eigenen Angaben am Samstag an sechs Standorten von Atomkraftwerken in Deutschland gegen deren Risiken demonstriert. An jedem Standort ließen sie jeweils 499 Luftballons aufsteigen. Damit wollten die Demonstranten zeigen, "dass sich die Radioaktivität nach einem schweren Atomunfall mehrere Hundert Kilometer ausbreiten kann", wie Angelika Claußen, Strahlenschutzexpertin der Initiative "Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges" dieser Zeitung auf Anfrage sagte. Die Strahlenschutzkommission des Bundes will die bisherige Evakuierungszone von zehn Kilometern um die Atomkraftwerke auf 20 Kilometer ausdehnen. Aufgrund der Erfahrungen von Tschernobyl und Fukushima sei jedoch bekannt, "dass sehr große Gebiete betroffen sein würden", sind die Atomgegner überzeugt. Grund sei, dass die Atomkatastrophe nicht nur wenige Stunden, sondern mehrere Wochen anhalte, bis die Katastrophenschützer die radioaktive Ausbreitung unter Kontrolle brächten. Bei einem Unfall in Grohnde seien auch Hannover und Bielefeld betroffen, warnen die Atomkraftgegner. (nw/bth)

Copyright © Mindener Tageblatt 2020
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Regionales