Eklat um Impf-Reihenfolge auf Ludwig-Steil-Hof: Vorstand räumt große Fehler ein Benjamin Piel Espelkamp. Selbst gravierende Fehlentscheidungen sind manchmal Folge guter Absichten. So könnte es auch auf dem Espelkamper Ludwig-Steil-Hof gewesen sein. Dort war es am 20. Januar während einer Impf-Aktion im Bereich der Psychosozialen Rehabilitation zu Unregelmäßigkeiten gekommen. Es erhielten auch mehrere Menschen die Impfung, die laut bundeseinheitlicher Priorisierung nicht an der Reihe gewesen wären. Darunter war auch Pfarrer Stefan Bäumer, Vorstand der Evangelischen Stiftung, auf deren Gelände sich zahlreiche soziale Einrichtungen befinden. Bäumer hat die eigene Impfung gegenüber dem MT nun erstmals eingeräumt. Zuvor hatte er sich auf mehrfache explizite Nachfrage hin nicht dazu äußern wollen. Neben ihm wurden auch weitere unpriorisierte Personen geimpft – darunter Bäumers Ehefrau, der Ex-Mann einer Bereichsleiterin, Verwaltungsmitarbeiter und der Sohn einer Mitarbeiterin. Insgesamt geht es um zehn Personen, die eigentlich nicht hätten geimpft werden dürfen. Die ganze Sache begann nach Darstellung der Verantwortlichen mit dem Einsatz von Sarah Dieckbreder-Vedder. Die Bereichsleiterin war aus allen Wolken gefallen, als sie hörte, dass ihr Verantwortungsbereich, in dem psychisch erkrankte Menschen leben, nicht der höchsten Priorisierung angehören. „Wir haben es mit großem Engagement und Glück geschafft, dass es in dem Bereich keine Corona-Infektion gegeben hat und ich habe viel Hoffnung auf die Impfung gesetzt, dass es dabei bleibt“, berichtet sie. Als Dieckbreder-Vedder dann feststellte, dass der aus ihrer Sicht vulnerable Bereich mit seinen 94 Klienten noch nicht an der Reihe sein sollte, habe sie sich „auf die Hinterbeine gestellt“, um die Impfung trotzdem durchzusetzen. Sie schilderte den Behörden chronische Erkrankungen und Pflegegrade ihrer Klienten. Sie habe schließlich erreicht, dass der Bereich als priorisiert einstuft worden sei: „Ich habe dafür gekämpft und zwar auf ganz legalem Weg.“ Motiviert habe sie die Impfaktion organisiert. Eigentlich habe sie ein Einbahnstraßensystem einrichten wollen, um den Ablauf zu ordnen. Die Aktion sei dann allerdings recht unkoordiniert abgelaufen, Menschen seien gekommen und gegangen. Es sei schwer gewesen, den Überblick zu behalten und die Listen abzuarbeiten. Dafür übernehme sie die Verantwortung, denn das habe die späteren Fehler begünstigt. Von den 135 Klienten und Mitarbeitern, die sich ursprünglich impfen lassen wollten, hätten sich rund zwölf spontan anders entschieden. Zwar habe Dieckbreder-Vedder damit gerechnet, dass Dosen übrig bleiben könnten, allerdings nicht mit so vielen. Deshalb sei die vorbereitete Reserveliste mit ungeimpften Personen aus der Altenhilfe und ambulanten Pflege schnell abgearbeitet gewesen. Trotzdem sei noch Impfstoff überzählig gewesen. Bei ihrer Suche nach weiteren Impflingen, kam sie auf sechs Verwaltungsmitarbeiter: „Nicht der Personen wegen, sondern weil einige von denen, beispielsweise aus der IT, regelmäßig in meinem Bereich sind und den wollte ich schützen.“ Sie sei sich zwar inzwischen bewusst, dass das eine Fehlentscheidung gewesen sei. Die Argumentation empfindet Dieckbreder-Vedder allerdings weiterhin als nachvollziehbar. Kurz vor Ende der Impfaktion waren noch drei bereits aufgezogene Spritzen übrig. Das habe daran gelegen, dass die Zahl der Impflinge und die Anzahl der Dosen pro Fläschchen nicht aufgegangen sei. „Die Uhr lief, denn der Impfstoff darf nur eine gewisse Zeit lang gegeben werden“, erinnert sich die Bereichsleiterin. Den Impfstoff habe man nicht verfallen lassen wollen. So kam sie auf Bäumer, den sie aus dessen Büro holte. Der Vorstand kann sich im Nachhinein nach eigener Aussage nicht erklären, warum er sich dafür entschieden habe, mitzugehen: „Irgendwie bin ich in einen Tunnel geraten, das war mein erster schwerer Fehler.“ Weil noch zwei weitere fertig präparierte Spritzen übrig waren, habe Bäumer seine Ehefrau, mit der er auf dem Gelände lebt, gerufen. Dieckbreder-Vedder habe ihren Ex-Mann kontaktiert: „Mir ist unter dem Zeitdruck schlicht niemand anderes eingefallen.“ Das sei nicht von langer Hand geplant gewesen, sondern eher eine Sekundenentscheidung. Im Nachhinein betrachtet aus ihrer Sicht ein Fehler. Sie bereut, nicht einen bewussten Schritt aus der Situation herausgegangen zu sein, um ihr Handeln zu hinterfragen. Der Ex-Mann habe den Steil-Hof angefahren und die Spritze „fünf Minuten vor Ablauf“ gegen 17 Uhr bekommen. Frage an Bäumer: Kann er verstehen, dass manche Menschen in Espelkamp und offenbar auch Mitarbeiter sein Verhalten als amtsmissbräuchlich empfinden? „Das müssen die Leute selbst entscheiden, wie sie das einordnen“, sagt er. Er selbst spricht von einer „blöden Idee“ und „schlechten Entscheidungen“. Dafür entschuldige er sich und könne „gut verstehen, dass Menschen das Verhalten als anstößig empfunden haben“. Allerdings sei nichts geplant oder heimlich geschehen, eher unbedacht und impulsgesteuert. Im Nachhinein wünschen sich die beiden, es wäre anders gelaufen. Die Nerven liegen blank, die zurückliegenden Tage waren belastend. Und daran wird sich vermutlich auch in den kommenden Wochen nichts ändern. Denn unter den Mitarbeitenden hat der Fall Unruhe erzeugt. Es haben sich offenbar Lager gebildet, anonyme Schreiben erheben Anklage und fordern Konsequenzen. „Wenn es möglich wäre, würde ich die Öffentlichkeit zu einer Veranstaltung einladen, um alles auf den Tisch zu legen“, sagt Bäumer. Da das wegen Corona unmöglich sei, hofft er auf anderweitige Annäherung. Ihm ist wichtig, dass Entschuldigungen angenommen werden, Versöhnung möglich wird und die Mitarbeiterschaft durch die Fehlentscheidungen nicht auseinandergetrieben wird. Dazu soll auch ein Ombudsmann, Diakon Peter Dürr, beitragen, den der Stiftungsrat als neutralen Ansprechpartner eingesetzt hat.

Eklat um Impf-Reihenfolge auf Ludwig-Steil-Hof: Vorstand räumt große Fehler ein

Nach einer umstrittenen Impf-Aktion ist der Ludwig-Steil-Hof in Espelkamp in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Die Verantwortlichen hatten gegen die Prioritätenliste verstoßen. Foto: Heike von Schulz © Heike von Schulz

Espelkamp. Selbst gravierende Fehlentscheidungen sind manchmal Folge guter Absichten. So könnte es auch auf dem Espelkamper Ludwig-Steil-Hof gewesen sein. Dort war es am 20. Januar während einer Impf-Aktion im Bereich der Psychosozialen Rehabilitation zu Unregelmäßigkeiten gekommen. Es erhielten auch mehrere Menschen die Impfung, die laut bundeseinheitlicher Priorisierung nicht an der Reihe gewesen wären. Darunter war auch Pfarrer Stefan Bäumer, Vorstand der Evangelischen Stiftung, auf deren Gelände sich zahlreiche soziale Einrichtungen befinden.

Bäumer hat die eigene Impfung gegenüber dem MT nun erstmals eingeräumt. Zuvor hatte er sich auf mehrfache explizite Nachfrage hin nicht dazu äußern wollen. Neben ihm wurden auch weitere unpriorisierte Personen geimpft – darunter Bäumers Ehefrau, der Ex-Mann einer Bereichsleiterin, Verwaltungsmitarbeiter und der Sohn einer Mitarbeiterin. Insgesamt geht es um zehn Personen, die eigentlich nicht hätten geimpft werden dürfen.

Die ganze Sache begann nach Darstellung der Verantwortlichen mit dem Einsatz von Sarah Dieckbreder-Vedder. Die Bereichsleiterin war aus allen Wolken gefallen, als sie hörte, dass ihr Verantwortungsbereich, in dem psychisch erkrankte Menschen leben, nicht der höchsten Priorisierung angehören. „Wir haben es mit großem Engagement und Glück geschafft, dass es in dem Bereich keine Corona-Infektion gegeben hat und ich habe viel Hoffnung auf die Impfung gesetzt, dass es dabei bleibt“, berichtet sie. Als Dieckbreder-Vedder dann feststellte, dass der aus ihrer Sicht vulnerable Bereich mit seinen 94 Klienten noch nicht an der Reihe sein sollte, habe sie sich „auf die Hinterbeine gestellt“, um die Impfung trotzdem durchzusetzen. Sie schilderte den Behörden chronische Erkrankungen und Pflegegrade ihrer Klienten. Sie habe schließlich erreicht, dass der Bereich als priorisiert einstuft worden sei: „Ich habe dafür gekämpft und zwar auf ganz legalem Weg.“

Motiviert habe sie die Impfaktion organisiert. Eigentlich habe sie ein Einbahnstraßensystem einrichten wollen, um den Ablauf zu ordnen. Die Aktion sei dann allerdings recht unkoordiniert abgelaufen, Menschen seien gekommen und gegangen. Es sei schwer gewesen, den Überblick zu behalten und die Listen abzuarbeiten. Dafür übernehme sie die Verantwortung, denn das habe die späteren Fehler begünstigt.

Von den 135 Klienten und Mitarbeitern, die sich ursprünglich impfen lassen wollten, hätten sich rund zwölf spontan anders entschieden. Zwar habe Dieckbreder-Vedder damit gerechnet, dass Dosen übrig bleiben könnten, allerdings nicht mit so vielen. Deshalb sei die vorbereitete Reserveliste mit ungeimpften Personen aus der Altenhilfe und ambulanten Pflege schnell abgearbeitet gewesen. Trotzdem sei noch Impfstoff überzählig gewesen. Bei ihrer Suche nach weiteren Impflingen, kam sie auf sechs Verwaltungsmitarbeiter: „Nicht der Personen wegen, sondern weil einige von denen, beispielsweise aus der IT, regelmäßig in meinem Bereich sind und den wollte ich schützen.“ Sie sei sich zwar inzwischen bewusst, dass das eine Fehlentscheidung gewesen sei. Die Argumentation empfindet Dieckbreder-Vedder allerdings weiterhin als nachvollziehbar.

Kurz vor Ende der Impfaktion waren noch drei bereits aufgezogene Spritzen übrig. Das habe daran gelegen, dass die Zahl der Impflinge und die Anzahl der Dosen pro Fläschchen nicht aufgegangen sei. „Die Uhr lief, denn der Impfstoff darf nur eine gewisse Zeit lang gegeben werden“, erinnert sich die Bereichsleiterin. Den Impfstoff habe man nicht verfallen lassen wollen. So kam sie auf Bäumer, den sie aus dessen Büro holte.

Der Vorstand kann sich im Nachhinein nach eigener Aussage nicht erklären, warum er sich dafür entschieden habe, mitzugehen: „Irgendwie bin ich in einen Tunnel geraten, das war mein erster schwerer Fehler.“ Weil noch zwei weitere fertig präparierte Spritzen übrig waren, habe Bäumer seine Ehefrau, mit der er auf dem Gelände lebt, gerufen. Dieckbreder-Vedder habe ihren Ex-Mann kontaktiert: „Mir ist unter dem Zeitdruck schlicht niemand anderes eingefallen.“ Das sei nicht von langer Hand geplant gewesen, sondern eher eine Sekundenentscheidung. Im Nachhinein betrachtet aus ihrer Sicht ein Fehler. Sie bereut, nicht einen bewussten Schritt aus der Situation herausgegangen zu sein, um ihr Handeln zu hinterfragen. Der Ex-Mann habe den Steil-Hof angefahren und die Spritze „fünf Minuten vor Ablauf“ gegen 17 Uhr bekommen.

Frage an Bäumer: Kann er verstehen, dass manche Menschen in Espelkamp und offenbar auch Mitarbeiter sein Verhalten als amtsmissbräuchlich empfinden? „Das müssen die Leute selbst entscheiden, wie sie das einordnen“, sagt er. Er selbst spricht von einer „blöden Idee“ und „schlechten Entscheidungen“. Dafür entschuldige er sich und könne „gut verstehen, dass Menschen das Verhalten als anstößig empfunden haben“. Allerdings sei nichts geplant oder heimlich geschehen, eher unbedacht und impulsgesteuert.

Im Nachhinein wünschen sich die beiden, es wäre anders gelaufen. Die Nerven liegen blank, die zurückliegenden Tage waren belastend. Und daran wird sich vermutlich auch in den kommenden Wochen nichts ändern. Denn unter den Mitarbeitenden hat der Fall Unruhe erzeugt. Es haben sich offenbar Lager gebildet, anonyme Schreiben erheben Anklage und fordern Konsequenzen. „Wenn es möglich wäre, würde ich die Öffentlichkeit zu einer Veranstaltung einladen, um alles auf den Tisch zu legen“, sagt Bäumer. Da das wegen Corona unmöglich sei, hofft er auf anderweitige Annäherung.

Ihm ist wichtig, dass Entschuldigungen angenommen werden, Versöhnung möglich wird und die Mitarbeiterschaft durch die Fehlentscheidungen nicht auseinandergetrieben wird. Dazu soll auch ein Ombudsmann, Diakon Peter Dürr, beitragen, den der Stiftungsrat als neutralen Ansprechpartner eingesetzt hat.

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