Einer der höchsten Inzidenzwerte in Deutschland: Warum ist Espelkamp ein Corona-Hotspot? Henning Wandel,Benjamin Piel,Frank Hartmann Espelkamp. Die Zahl der Corona-Infizierten in Espelkamp steigt und steigt – stärker als in den anderen Städten und Gemeinden des Mühlenkreises. Was unterscheidet die Stadt vom Rest des Kreises? Vor allem, dass dort viele Aussiedler und Spätaussiedler leben, die auch weiterhin in Bethäusern große Gottesdienste feiern. Doch Behörden und Politik wollen die Verantwortung für die Situation nicht eindeutig in diese Richtung schieben. Statt klarer gibt es eher ausweichende Antworten. Einen Zusammenhang der vielen vor allem freikirchlichen Gottesdienste – in Espelkamp gibt es insgesamt 15 Gemeinden – hatte vor allem Bürgermeister Henning Vieker (CDU) in den vergangenen Tagen immer wieder vehement zurückgewiesen. Dabei blieb er auch bei der gestrigen Pressekonferenz des Kreises zum Thema. Die Infektionen geschähen hauptsächlich im privaten Umfeld – besonders in Großfamilien. „Die tun etwas sehr Erwünschtes“, sagte Vieker, „sie haben viele Kinder und treffen sich häufig.“ Kreisdirektorin Cornelia Schöder erklärte, warum gerade hier die Gefahr einer Ansteckung besonders groß ist: „Je besser man sich kennt, umso sorgloser ist der Umgang.“ Doch der ausweichenden Antworten zum Trotz steht das Verbot von Präsenz-Gottesdiensten weit oben auf der Liste der Maßnahmen für die Stadt Espelkamp. Landrätin Anna Bölling (CDU) deutete schließlich zumindest an, was offenbar ohnehin viele denken: In einigen großen Familien komme es zu Infektionen „im Kontext mit Religionsausübung“. Alle Beteiligten betonen aber sehr deutlich, dass alle Schichten und Bevölkerungsgruppen betroffen sind. „Wir brauchen keine Schuldzuweisungen“, findet Vieker. Auch Ordnungsamt und Polizei wollen keine konkreten Gruppen benennen, die überproportional zum Infektionsgeschehen beitragen. Nach Angaben von Polizeisprecher Ralf Steinmeyer führt die Polizei keine Statistik: „So können wir keine belastbaren Angaben zu Altersgruppen, Nationalität oder Religion machen.“ Die von den Beamten gefertigten Anzeigen würden der jeweils zuständigen Kommune zu Bearbeitung übersandt. Laut den beiden Polizeiwachen-Leitern Frank Meyer in Lübbecke und Sven-Otto Deubel in Espelkamp verhalten sich die Menschen im Lübbecker Land grundsätzlich nicht aggressiver gegenüber den Einsatzkräften als anderswo. Mitunter sei allerdings eine energische Ansprache, ein Platzverweis oder die Androhung der Ingewahrsamnahme von Nöten, wenn zum Beispiel jemand sich weigere, beim Betreten eines Geschäfts eine Maske zu tragen. Die Gründe für ein derartiges Verhalten sind Steinmeyer zufolge „vielfältig und reichen von Gleichgültigkeit bis hin zur Uneinsichtigkeit“. Auffällig hoch ist laut Menschen aus Espelkamp die Zahl der Flugblätter, die in dem Corona-Hotspot kursieren. Mal sind es Mediziner, mal Juristen, mal besorgte Eltern, die sich an die Bürger wenden und mit angeblich wissenschaftlichen Argumenten vortragen, was sie von den Corona-Schutzmaßnahmen halten: gar nichts. Gleiches lässt sich auch für einzelne Espelkamper Christen feststellen, die ihren Glauben und ihre Auslegung der Bibel über alles stellen – auch über Hygienemaßnahmen, Maskentragen und Abstand halten. Auf der Internetseite „Gesunde-Gemeinden.de“, betrieben von einer „Stiftung der Brüdergemeinden in Deutschland“ kommentiert eine Frau aus Espelkamp einen Artikel mit der Kernbotschaft: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Die Espelkamperin merkt an, dass sie Informationen durch das Wort Gottes „durchsiebt“, dann höre sie hin und versuche zu erkennen, was Gott von ihr in der Situation wolle. Sie postet Videos, in denen davor gewarnt wird, sich gegen Corona impfen zu lassen. Die Frau fühlt sich nach eigenen Angaben dem zur Kommunalwahl gegründeten „Bündnis C“ zugehörig. Zu den Mitgliedern des Nachfolgers der „Partei bibeltreuer Christen“ in Espelkamp zählt seit der jüngsten Kommunalwahl Dietrich Janzen. Der sollte eigentlich Spitzenkandidat der mit den Querdenkern verbandelten AfD werden. Stattdessen stieg er auf zum Kreisvorsitzenden und stellvertretenden Landesvorsitzenden beim „Bündnis C“. Janzen gehört zu den mehr als 200 Facebook-Freunden der besagten Espelkamperin, die sich in diesen Tagen lange Rededuelle mit anderen Mitgliedern einer Espelkamper Facebookgruppe liefert. Der Bündnis-C-Vorsitzende bezweifelt die „Verhältnismäßigkeit“ der Corona-Maßnahmen und bagatellisiert die Zahl der Corona-Toten. Ins Bild passt, dass Janzen Sprüche postet wie: „Ein Infizierter ohne Symptome steckt einen anderen an, der dann auch keine Symp-tome hat. Fertig ist die Pandemie.“ Janzen und die Frau sind nur zwei Beispiele, die zeigen, dass es in Espelkamp mit einiger Sicherheit zwei Komponenten häufiger gibt als anderswo: Verhältnismäßig viele Menschen, die bereit sind, die Botschaft zu vermitteln, dass die Corona-Pandemie relativ harmlos und die Maßnahmen dagegen übertreiben seien. Und einen Boden der bereit ist, diese Botschaft aufzunehmen – mit offenbar entsprechenden Folgen.

Einer der höchsten Inzidenzwerte in Deutschland: Warum ist Espelkamp ein Corona-Hotspot?

Fundamentale Christen machen gegen den Islam, Homosexualität und gegen Corona-Schutzmaßnahmen mobil. Manche tun das in der Anonymität des Internet, eine Frau aus Espelkamp ganz offen. Symbolfoto: pixabay © pixabay

Espelkamp. Die Zahl der Corona-Infizierten in Espelkamp steigt und steigt – stärker als in den anderen Städten und Gemeinden des Mühlenkreises. Was unterscheidet die Stadt vom Rest des Kreises? Vor allem, dass dort viele Aussiedler und Spätaussiedler leben, die auch weiterhin in Bethäusern große Gottesdienste feiern.

Doch Behörden und Politik wollen die Verantwortung für die Situation nicht eindeutig in diese Richtung schieben. Statt klarer gibt es eher ausweichende Antworten. Einen Zusammenhang der vielen vor allem freikirchlichen Gottesdienste – in Espelkamp gibt es insgesamt 15 Gemeinden – hatte vor allem Bürgermeister Henning Vieker (CDU) in den vergangenen Tagen immer wieder vehement zurückgewiesen.

Dabei blieb er auch bei der gestrigen Pressekonferenz des Kreises zum Thema. Die Infektionen geschähen hauptsächlich im privaten Umfeld – besonders in Großfamilien. „Die tun etwas sehr Erwünschtes“, sagte Vieker, „sie haben viele Kinder und treffen sich häufig.“ Kreisdirektorin Cornelia Schöder erklärte, warum gerade hier die Gefahr einer Ansteckung besonders groß ist: „Je besser man sich kennt, umso sorgloser ist der Umgang.“

Doch der ausweichenden Antworten zum Trotz steht das Verbot von Präsenz-Gottesdiensten weit oben auf der Liste der Maßnahmen für die Stadt Espelkamp. Landrätin Anna Bölling (CDU) deutete schließlich zumindest an, was offenbar ohnehin viele denken: In einigen großen Familien komme es zu Infektionen „im Kontext mit Religionsausübung“. Alle Beteiligten betonen aber sehr deutlich, dass alle Schichten und Bevölkerungsgruppen betroffen sind. „Wir brauchen keine Schuldzuweisungen“, findet Vieker.

Auch Ordnungsamt und Polizei wollen keine konkreten Gruppen benennen, die überproportional zum Infektionsgeschehen beitragen. Nach Angaben von Polizeisprecher Ralf Steinmeyer führt die Polizei keine Statistik: „So können wir keine belastbaren Angaben zu Altersgruppen, Nationalität oder Religion machen.“ Die von den Beamten gefertigten Anzeigen würden der jeweils zuständigen Kommune zu Bearbeitung übersandt.

Laut den beiden Polizeiwachen-Leitern Frank Meyer in Lübbecke und Sven-Otto Deubel in Espelkamp verhalten sich die Menschen im Lübbecker Land grundsätzlich nicht aggressiver gegenüber den Einsatzkräften als anderswo. Mitunter sei allerdings eine energische Ansprache, ein Platzverweis oder die Androhung der Ingewahrsamnahme von Nöten, wenn zum Beispiel jemand sich weigere, beim Betreten eines Geschäfts eine Maske zu tragen. Die Gründe für ein derartiges Verhalten sind Steinmeyer zufolge „vielfältig und reichen von Gleichgültigkeit bis hin zur Uneinsichtigkeit“.

Auffällig hoch ist laut Menschen aus Espelkamp die Zahl der Flugblätter, die in dem Corona-Hotspot kursieren. Mal sind es Mediziner, mal Juristen, mal besorgte Eltern, die sich an die Bürger wenden und mit angeblich wissenschaftlichen Argumenten vortragen, was sie von den Corona-Schutzmaßnahmen halten: gar nichts.

Gleiches lässt sich auch für einzelne Espelkamper Christen feststellen, die ihren Glauben und ihre Auslegung der Bibel über alles stellen – auch über Hygienemaßnahmen, Maskentragen und Abstand halten. Auf der Internetseite „Gesunde-Gemeinden.de“, betrieben von einer „Stiftung der Brüdergemeinden in Deutschland“ kommentiert eine Frau aus Espelkamp einen Artikel mit der Kernbotschaft: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Die Espelkamperin merkt an, dass sie Informationen durch das Wort Gottes „durchsiebt“, dann höre sie hin und versuche zu erkennen, was Gott von ihr in der Situation wolle. Sie postet Videos, in denen davor gewarnt wird, sich gegen Corona impfen zu lassen.

Die Frau fühlt sich nach eigenen Angaben dem zur Kommunalwahl gegründeten „Bündnis C“ zugehörig. Zu den Mitgliedern des Nachfolgers der „Partei bibeltreuer Christen“ in Espelkamp zählt seit der jüngsten Kommunalwahl Dietrich Janzen. Der sollte eigentlich Spitzenkandidat der mit den Querdenkern verbandelten AfD werden. Stattdessen stieg er auf zum Kreisvorsitzenden und stellvertretenden Landesvorsitzenden beim „Bündnis C“. Janzen gehört zu den mehr als 200 Facebook-Freunden der besagten Espelkamperin, die sich in diesen Tagen lange Rededuelle mit anderen Mitgliedern einer Espelkamper Facebookgruppe liefert. Der Bündnis-C-Vorsitzende bezweifelt die „Verhältnismäßigkeit“ der Corona-Maßnahmen und bagatellisiert die Zahl der Corona-Toten. Ins Bild passt, dass Janzen Sprüche postet wie: „Ein Infizierter ohne Symptome steckt einen anderen an, der dann auch keine Symp-tome hat. Fertig ist die Pandemie.“

Janzen und die Frau sind nur zwei Beispiele, die zeigen, dass es in Espelkamp mit einiger Sicherheit zwei Komponenten häufiger gibt als anderswo: Verhältnismäßig viele Menschen, die bereit sind, die Botschaft zu vermitteln, dass die Corona-Pandemie relativ harmlos und die Maßnahmen dagegen übertreiben seien. Und einen Boden der bereit ist, diese Botschaft aufzunehmen – mit offenbar entsprechenden Folgen.

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