Discounter sollen bald Corona-Tests für alle verkaufen Finn Mayer-Kuckuk Berlin. Die Entwicklung ähnelt ein wenig der bei den medizinischen Masken im vergangenen Jahr: Erst sollten sie Fachpersonal vorbehalten bleiben – am Ende wurde ihre Nutzung sogar Pflicht. Ebenso sollten Corona-Schnelltests bisher nur von geschultem Personal durchgeführt werden. Experten warnten vor den Folgen ihres Einsatzes durch ahnungslose Laien. Demnächst könnte jedoch auch die Selbsttestung zum Massenphänomen werden: Ab dem 1. März erhalten die ersten Produkte ihre Zulassung für die Anwendung durch jeden. Wir beantworten die wichtigsten Fragen. Wie zuverlässig sind die Ergebnisse der Laientests?Sie sind zum Teil ein wenig ungenauer als die bisherigen Schnelltests, die einen Rachenabstrich erfordern, bewegen sich aber auf dem gleichen Niveau. Typische Werte für einen Test, dessen Zulassung Sinn hätte, wären eine Sensitivität von 85 Prozent und eine Spezifität von 95 Prozent bei Selbstentnahme der Probe. Die meisten Anbieter versprechen jedoch bereits viel bessere Werte.Sensitivität: Diese Zahl sagt, wie viel tatsächlich Erkrankte dem Test durchrutschen. Ein Wert von 85 Prozent bedeutet hier: Von 100 aktiv infizierten Personen übersieht er 15.Spezifität: Diese Zahl sagt etwas über die Häufigkeit von falschem Alarm. Die Zahl sagt, wie viele Gesunde ein positives Ergebnis erhalten. 95 Prozent bedeutet: Von 100 komplett gesunden Personen werden 5 irrtümlich als krank erkannt. Was macht den Unterschied zu den bisher verwendeten Schnelltests aus?Technisch gesehen kommen bei den meisten Herstellern die gleichen Reagenzien zum Einsatz wie den bisherigen Schnelltests. Gesundheitsminister Jens Spahn bestätigte am Freitag, dass es meist die bisherigen Hersteller von Schnelltests sind, die jetzt in den Markt für Selbsttests hineingehen. Der Unterschied liegt vor allem in der Probeentnahme und der Anleitung. Das Beiblatt eines herkömmlichen Schnelltests ist schwer zu verstehen und enthält im Allgemeinen keine Illustrationen. Der große Anbieter Hoffmann-La Roche bestätigt, dass der vereinfachte Nasen-Test, der nach seiner Zulassung auf den deutschen Markt kommen soll, im Wesentlichen die gleichen Bausteine verwendet wie der bisherige Schnelltest. Der Unterschied liegt nur im Gerät zur Probenentnahme, der Anleitung und der offiziell versprochenen Genauigkeit, die entsprechend niedriger angesetzt ist. Thomas Schinecker, der Chef der Diagnostikspare von Roche, nennt ausdrücklich Schulen als mögliches Einsatzgebiet, weil die Probenentnahme bei weitem nicht so unangenehm ist. Wo werden sie angeboten?Die Selbsttests werden nicht apothekenpflichtig sein, können also überall im Handel oder online angeboten werden. Spahn spricht ausdrücklich vom Vertrieb über Discountmärkte und verknüpft damit die Hoffnung auf günstige Preise und ein ausreichendes und flächendeckendes Angebot. Die Tests werden also voraussichtlich früher oder später bei Aldi und Lidl, Edeka und Rewe, Rossmann und DM zu haben sein. Wird es genug von den Selbsttests für alle geben?Spahn hält für die Zeit direkt nach der Zulassung der ersten Produkte zwar Engpässe für möglich, rechnet aber damit, dass diese sich schnell auflösen – genau wie seinerzeit bei den Schutzmasken. „Wir hören von Großvolumen-Herstellern, dass sie je 50 Millionen, 100 Millionen oder noch viel mehr Stück pro Monat produzieren und dem europäischen Markt zuführen werden", sagt Spahn. Es werde bei Schnell- und Selbsttests mittelfristig daher keinen Mangel geben. Werden sie kostenlos erhältlich sein?Nein. Zwar war eine staatliche Förderung im Gespräch, um den Preis auf einen Euro zu drücken. Spahn geht jedoch derzeit davon aus, dass der Staat sich das sparen kann, weil die Tests ohnehin recht günstig zu haben sein werden. Die tatsächlichen Marktpreise in Discountern, Supermärkten und Drogerien müssen sich in den ersten Wochen einpendeln. Falls dann der Preis immer noch eher bei zehn als bei zwei Euro liege, könne der Staat über Zuschüsse nachdenken, um sie doch noch für Jedermann erschwinglich zu machen. Was er jetzt schon kostenlos macht, sind keine Selbsttests, sondern Schnelltests durch geschultes Personal. Welche Arten von Laientests gibt es?Spucktest: Hier reicht eine Speichelprobe aus dem Mund, die mittels eines Röhrchens aufgesaugt und vor der zwei Tropfen, mit der Pufferlösung vermischt, in die Mulde der Testkassette gegeben werden.Gurgeltest: Der Anwender gurgelt zehn bis 30 Sekunden mit Kochsalzlösung und spuckt sie in einen Becher. Die Probe wird dann aus diesem Rachenspülwasser entnommen.Nasentest: Hier reicht es, mit dem Wattestäbchen durch den vorderen Teil der Nase zu streichen. Bisher musste das Stäbchen den ganzen Weg durch die Nase bis in den Rachen. Der neue Roche-Test fällt in diese Kategorie. Warum ist eine Anwendung von Corona-Tests durch Laien plötzlich akzeptabel?Studien haben in der Zwischenzeit gezeigt, dass sich im Nasenvorhof von Infizierten ausreichend viele Viren finden, um zu einem aussagekräftigen Ergebnis zu kommen. Außerdem gibt Spahn zu, dass es sich auch um eine Frage der Verfügbarkeit handelt. Im vergangenen Jahr waren auch Schnelltests noch knapp. Erst mit dem Aufbau der Herstellungskapazitäten hatte eine Öffnung für Laien Sinn. Ich teste mich selbst zuhause positiv, was soll ich tun?Zunächst einmal: keine Panik. Psychologen warnen davor, dass Bürger aus Sorge vor Stigma, oder aufgrund purer Überforderung mit der Situation die Realität verweigern und den Test ignorieren könnten. Gesundheitsminister Jens Spahn fordert die Bürger auf, das Ergebnis durch einen PCR-Test absichern zu lassen. „An jeden positiven Test zu Hause sollte sich jedoch ein sofortiger Anruf beim Hausarzt beziehungsweise beim Gesundheitsamt anschließen", rät der Apothekenverband. Für wen ist die Anwendung sinnvoll?Generell bieten sich zwei Einsatzgebiete an: Dort, wo viele Menschen mit Ansteckungsrisiko zusammenkommen – und in Privathaushalten bei konkreten Symptomen. Mit den Selbsttests wären die laufende Überwachung von Schule eine Möglichkeit. Die Kinder überprüfen dabei ihren Covid-Status einfach selbst. Die Annahme wäre, dabei Ausbrüche schon am Anfang zu erkennen und zu unterbinden. Da die Virenlast reicht bei symptomlosen Verläufen oft nur für kurze Zeit für einen positiven Selbsttest ausreicht, haben private Selbsttest ganz ohne Anhaltspunkt für eine Infektion nach Ansicht von Experten weniger Sinn. Doch immerhin können die Bürger sich so nach einer Risikobegegnung eine gewisse Sicherheit verschaffen – vor allem dann, wenn sie eben doch plötzlich von Halsschmerzen oder Husten geplagt werden. Ein negativer Test ist jedoch auch dann kein Freifahrschein für die kommenden Tage, er ist wirklich nur eine Momentaufnahme. Ein Patient kann auch zwei Stunden nach dem Test anfangen, Virus auszuscheiden. Werden die Tests helfen, aus dem Lockdown zu kommen?Ja, und zwar dann, wenn sie wirklich auf das Infektionsgeschehen wirken. Sie sind eines der „smarten" Instrumente der Pandemiebekämpfung, auf denen schon im vergangenen Jahr die Hoffnung lag – nur kamen sie da noch nicht zum Einsatz. „Im vergangenen Herbst hatten wir einfach nicht genug Tests zur Verfügung", gibt Spahn zu.

Discounter sollen bald Corona-Tests für alle verkaufen

Medizinisch geschultes Personal träufelt nach dem Abstrich für einen
Corona-Schnelltest in eine Lösung auf die Antigen Testkasette.
© picture alliance/dpa | Kay Nietfeld

Berlin. Die Entwicklung ähnelt ein wenig der bei den medizinischen Masken im vergangenen Jahr: Erst sollten sie Fachpersonal vorbehalten bleiben – am Ende wurde ihre Nutzung sogar Pflicht. Ebenso sollten Corona-Schnelltests bisher nur von geschultem Personal durchgeführt werden. Experten warnten vor den Folgen ihres Einsatzes durch ahnungslose Laien. Demnächst könnte jedoch auch die Selbsttestung zum Massenphänomen werden: Ab dem 1. März erhalten die ersten Produkte ihre Zulassung für die Anwendung durch jeden. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Wie zuverlässig sind die Ergebnisse der Laientests?
Sie sind zum Teil ein wenig ungenauer als die bisherigen Schnelltests, die einen Rachenabstrich erfordern, bewegen sich aber auf dem gleichen Niveau. Typische Werte für einen Test, dessen Zulassung Sinn hätte, wären eine Sensitivität von 85 Prozent und eine Spezifität von 95 Prozent bei Selbstentnahme der Probe. Die meisten Anbieter versprechen jedoch bereits viel bessere Werte.
Sensitivität: Diese Zahl sagt, wie viel tatsächlich Erkrankte dem Test durchrutschen. Ein Wert von 85 Prozent bedeutet hier: Von 100 aktiv infizierten Personen übersieht er 15.
Spezifität: Diese Zahl sagt etwas über die Häufigkeit von falschem Alarm. Die Zahl sagt, wie viele Gesunde ein positives Ergebnis erhalten. 95 Prozent bedeutet: Von 100 komplett gesunden Personen werden 5 irrtümlich als krank erkannt.

Was macht den Unterschied zu den bisher verwendeten Schnelltests aus?
Technisch gesehen kommen bei den meisten Herstellern die gleichen Reagenzien zum Einsatz wie den bisherigen Schnelltests. Gesundheitsminister Jens Spahn bestätigte am Freitag, dass es meist die bisherigen Hersteller von Schnelltests sind, die jetzt in den Markt für Selbsttests hineingehen. Der Unterschied liegt vor allem in der Probeentnahme und der Anleitung. Das Beiblatt eines herkömmlichen Schnelltests ist schwer zu verstehen und enthält im Allgemeinen keine Illustrationen. Der große Anbieter Hoffmann-La Roche bestätigt, dass der vereinfachte Nasen-Test, der nach seiner Zulassung auf den deutschen Markt kommen soll, im Wesentlichen die gleichen Bausteine verwendet wie der bisherige Schnelltest. Der Unterschied liegt nur im Gerät zur Probenentnahme, der Anleitung und der offiziell versprochenen Genauigkeit, die entsprechend niedriger angesetzt ist. Thomas Schinecker, der Chef der Diagnostikspare von Roche, nennt ausdrücklich Schulen als mögliches Einsatzgebiet, weil die Probenentnahme bei weitem nicht so unangenehm ist.

Wo werden sie angeboten?
Die Selbsttests werden nicht apothekenpflichtig sein, können also überall im Handel oder online angeboten werden. Spahn spricht ausdrücklich vom Vertrieb über Discountmärkte und verknüpft damit die Hoffnung auf günstige Preise und ein ausreichendes und flächendeckendes Angebot. Die Tests werden also voraussichtlich früher oder später bei Aldi und Lidl, Edeka und Rewe, Rossmann und DM zu haben sein.

Wird es genug von den Selbsttests für alle geben?
Spahn hält für die Zeit direkt nach der Zulassung der ersten Produkte zwar Engpässe für möglich, rechnet aber damit, dass diese sich schnell auflösen – genau wie seinerzeit bei den Schutzmasken. „Wir hören von Großvolumen-Herstellern, dass sie je 50 Millionen, 100 Millionen oder noch viel mehr Stück pro Monat produzieren und dem europäischen Markt zuführen werden", sagt Spahn. Es werde bei Schnell- und Selbsttests mittelfristig daher keinen Mangel geben.

Werden sie kostenlos erhältlich sein?
Nein. Zwar war eine staatliche Förderung im Gespräch, um den Preis auf einen Euro zu drücken. Spahn geht jedoch derzeit davon aus, dass der Staat sich das sparen kann, weil die Tests ohnehin recht günstig zu haben sein werden. Die tatsächlichen Marktpreise in Discountern, Supermärkten und Drogerien müssen sich in den ersten Wochen einpendeln. Falls dann der Preis immer noch eher bei zehn als bei zwei Euro liege, könne der Staat über Zuschüsse nachdenken, um sie doch noch für Jedermann erschwinglich zu machen. Was er jetzt schon kostenlos macht, sind keine Selbsttests, sondern Schnelltests durch geschultes Personal.

Welche Arten von Laientests gibt es?
Spucktest: Hier reicht eine Speichelprobe aus dem Mund, die mittels eines Röhrchens aufgesaugt und vor der zwei Tropfen, mit der Pufferlösung vermischt, in die Mulde der Testkassette gegeben werden.
Gurgeltest: Der Anwender gurgelt zehn bis 30 Sekunden mit Kochsalzlösung und spuckt sie in einen Becher. Die Probe wird dann aus diesem Rachenspülwasser entnommen.
Nasentest: Hier reicht es, mit dem Wattestäbchen durch den vorderen Teil der Nase zu streichen. Bisher musste das Stäbchen den ganzen Weg durch die Nase bis in den Rachen. Der neue Roche-Test fällt in diese Kategorie.

Warum ist eine Anwendung von Corona-Tests durch Laien plötzlich akzeptabel?
Studien haben in der Zwischenzeit gezeigt, dass sich im Nasenvorhof von Infizierten ausreichend viele Viren finden, um zu einem aussagekräftigen Ergebnis zu kommen. Außerdem gibt Spahn zu, dass es sich auch um eine Frage der Verfügbarkeit handelt. Im vergangenen Jahr waren auch Schnelltests noch knapp. Erst mit dem Aufbau der Herstellungskapazitäten hatte eine Öffnung für Laien Sinn.

Ich teste mich selbst zuhause positiv, was soll ich tun?
Zunächst einmal: keine Panik. Psychologen warnen davor, dass Bürger aus Sorge vor Stigma, oder aufgrund purer Überforderung mit der Situation die Realität verweigern und den Test ignorieren könnten. Gesundheitsminister Jens Spahn fordert die Bürger auf, das Ergebnis durch einen PCR-Test absichern zu lassen. „An jeden positiven Test zu Hause sollte sich jedoch ein sofortiger Anruf beim Hausarzt beziehungsweise beim Gesundheitsamt anschließen", rät der Apothekenverband.

Für wen ist die Anwendung sinnvoll?
Generell bieten sich zwei Einsatzgebiete an: Dort, wo viele Menschen mit Ansteckungsrisiko zusammenkommen – und in Privathaushalten bei konkreten Symptomen. Mit den Selbsttests wären die laufende Überwachung von Schule eine Möglichkeit. Die Kinder überprüfen dabei ihren Covid-Status einfach selbst. Die Annahme wäre, dabei Ausbrüche schon am Anfang zu erkennen und zu unterbinden. Da die Virenlast reicht bei symptomlosen Verläufen oft nur für kurze Zeit für einen positiven Selbsttest ausreicht, haben private Selbsttest ganz ohne Anhaltspunkt für eine Infektion nach Ansicht von Experten weniger Sinn. Doch immerhin können die Bürger sich so nach einer Risikobegegnung eine gewisse Sicherheit verschaffen – vor allem dann, wenn sie eben doch plötzlich von Halsschmerzen oder Husten geplagt werden. Ein negativer Test ist jedoch auch dann kein Freifahrschein für die kommenden Tage, er ist wirklich nur eine Momentaufnahme. Ein Patient kann auch zwei Stunden nach dem Test anfangen, Virus auszuscheiden.

Werden die Tests helfen, aus dem Lockdown zu kommen?
Ja, und zwar dann, wenn sie wirklich auf das Infektionsgeschehen wirken. Sie sind eines der „smarten" Instrumente der Pandemiebekämpfung, auf denen schon im vergangenen Jahr die Hoffnung lag – nur kamen sie da noch nicht zum Einsatz. „Im vergangenen Herbst hatten wir einfach nicht genug Tests zur Verfügung", gibt Spahn zu.

Copyright © Mindener Tageblatt 2021
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Regionales