Dieser Ermittler aus OWL jagte die italienische Mafia, Rocker und Clans Lukas Brekenkamp Bielefeld. Thomas Jungbluth gilt als einer der Top-Ermittler in NRW - und er stammt aus OWL. Über mehrere Jahrzehnte jagte er Terroristen, Mörder, Rocker, Clans oder die italienische Mafia. Mit der Redaktion erinnert sich Jungbluth an besondere Fälle und die Organisierte Kriminalität in NRW. Mitte Juli. Der Rechtsstaat holt zum Schlag gegen Rocker aus. Mit voller Wucht. Mit einem mal werden die Bandidos in Westdeutschland verboten - es ging um Tötungsdelikte und Revierkämpfe. Für Jungbluth, der zu dem Zeitpunkt den Bereich Organisierte Kriminalität beim NRW-Landeskriminalamt leitet und an den Ermittlungen beteiligt war, ein Erfolg. Doch wie hat einst alles angefangen? Jungbluth ist heute 65 - und seit einigen Wochen im Ruhestand. Der Top-Ermittler mit den grau melierten Haaren und der Brille ohne Rahmen ist einer, der ganz genau weiß, wovon er spricht. Einer, dem man stundenlang zuhören könnte. Denn erlebt hat er mehr als genug. Aufgewachsen in Lage Doch von vorne: Geboren und Aufgewachsen ist er in Lage. Seine Mutter und sein Bruder leben noch immer in OWL. Jungbluth kickt damals im heimischen Fußballverein. Macht sein Abitur in Lemgo. "Meine Eltern wollten eigentlich, dass ich Lehrer werde", berichtet Jungbluth heute. Sein Entschluss: zu langweilig. Wird er Journalist? Geht es zur Bundeswehr? Studiert er Medizin? Nein. Über den Vater eines Fußball-Kollegen kommt die Idee: Kriminalpolizei. Die Eltern sind trotzdem zufrieden mit seiner Berufswahl. Wenige Wochen nach seinem Abitur steht der damals 18-jährige Jungbluth aufgeregt in frisch gebügelten weißen Hemd und Stoffhose in der Bielefelder Hauptwache. Eigentlich so gar nicht das typische Outfit für ihn. Der Anlass macht es aber nötig: Am 1. August 1975 startet er seine Karriere bei der Kripo. Tag eins der Ausbildung. Mörderjagd im Bahnhofsviertel Absolutes Neuland. "Am ersten Tag hat uns die Ausbildungsleistung in einen Bus gesetzt und wir sind durch Bielefeld gefahren. Da wurden uns zum Beispiel Orte gezeigt, an denen wir als Komissaranwärter nicht alleine hingehen sollten", erzählt Jungbluth. Zum Beispiel das Bahnhofsviertel. Oder die ehemalige Bielefelder Disko "Badewanne". Aber natürlich musste er dann doch in die berüchtigten Ecken Bielefelds. An eine Geschichte erinnert sich Jungbluth noch genau: Es muss das Jahr 1976 gewesen sein - vielleicht auch 1977. "Jemand hatte eine Frau getötet und ihren Schmuck geklaut", berichtet Jungbluth. Einen Verdächtigen machen die Ermittler schnell aus - nun muss er nur noch gefasst werden. "Wir mussten die einschlägigen Kneipen im Bahnhofsviertel abklappern." Mit einem älteren Kollegen betritt er schließlich eine Bar nahe des Bahnhofs. "Und wer sitzt da an der Theke? Genau die Person, die wir gesucht haben. Ich weiß nicht, wer mehr Angst hatte - er oder ich", sagt Jungbluth grinsend. "Die Dankbarkeit der Mutter werde ich nie vergessen" Noch stärker in Erinnerung geblieben ist Jungbluth ein anderer Fall. "Der ist gar nicht spektakulär." Eine Mutter sucht ihr Kind. Es ist verschwunden. Beim Einkaufen. Aufgelöst steht sie vor Jungbluth und den Kollegen in der vierten Etage der Bielefelder Polizei. "Wir haben die Vermisstenanzeige aufgenommen und sofort losgelegt", berichtet Jungbluth. Schon wenig später wird das Kind von einer Streife gefunden, in der Nähe eines Spielplatzes. "Die Dankbarkeit der Mutter werde ich nie vergessen." Drei Jahre dauert die Ausbildung in Bielefeld. Dann die Versetzung nach Düsseldorf. Landeskriminalamt. Acht Jahre, aber mit kurzer Unterbrechung. Abteilung: Terrorismusbekämpfung. "Als die IRA Anschläge in Deutschland verübt hat - unter anderem in Bielefeld - war ich Teil der Ermittler-Crew", erzählt Jungbluth. Auch gegen die deutsche Terrororganisation RAF ermittelt er. Oder gegen eine rechte Gruppierung. "Da gab es den Verdacht, dass sich so etwas wie eine Wehrsportgruppe bildet." "Adrenalin pur" 1986 beginnt Jungbluth seine zweijährige Ausbildung zum höheren Dienst, danach der Wechsel nach Duisburg. Erst der Bereich für politisch motivierte Straftaten. Später Tötungsdelikte. Jungbluth und seine Ermittler jagen beispielsweise den bekannten "Rhein-Ruhr-Ripper", der mehrere Menschen tötete. Generell eine prägende Zeit. "Dieses Gefühl, wenn der Täter gesteht oder man ihn überführt - das ist Adrenalin pur", sagt Jungbluth, der sonst ruhig und sachlich spricht, energisch. Er fügt hinzu: "Egal, ob bei Mord, Drogenhandel oder anderen Taten." Schließlich folgt der Bereich Organisierte Kriminalität in Duisburg. "In der Zeit hatten wir einige interessante Verfahren." Zum Beispiel gegen chinesische Menschenschleuser. "Da spielte die ehemalige portugiesische Kolonie Macau eine große Rolle. Da gab es bessere Passersatzpapiere. Über den Landweg kamen die Menschen nach Deutschland", erinnert sich der Ermittler. Oder viele Rauschgiftverfahren. "Da haben wir schon mal 20 Kilo Heroin in der Stadt sichergestellt." Auch die italienische Mafia spielt eine Rolle, Duisburg und der Niederrhein gelten als Kontakt- und Rückzugsorte. Die Mafia-Morde von Duisburg Bis 2000 bleibt Jungbluth in Duisburg, leitet am Ende die gesamte Kripo. Über Düsseldorf und Wuppertal folgt 2007 die Rückkehr zum Landeskriminalamt. Er wird Leiter im Bereich Organisierte Kriminalität, übernimmt den Kampf gegen Mafia, Rocker, Clans. Und hat einen besonders hektischen Einstieg: "Ein paar Tage, nachdem ich den Posten angetreten habe, gab es die Mafia-Morde in Duisburg." Sechs Menschen werden Mitte August 2007 vor einem italienischen Restaurant erschossen - der Gipfel einer Fehde zweier ’Ndrangheta-Familien. Für die italienische Mafia in NRW sei das "eine Katastrophe" gewesen, sagt Jungbluth heute. "Eigentlich wollen die Gruppen im Verborgenen agieren." Doch plötzlich liegt der ganze Fokus auf der "italienischen OK", wie man unter Ermittlern sagt. Nicht das einzige heiße Pflaster. Parallel zu den Mafia-Morden eskaliert ein Konflikt zwischen Bandidos und Hells Angels. Der sogenannte Rockerkrieg. In Ibbenbüren wird 2007 ein Hells Angel in seiner Werkstatt erschossen ("kurz vor meiner Zeit als Leiter der Organisierten Kriminalität beim Landeskriminalamt", so Jungbluth). 2009 wird in Duisburg ein Bandido auf offener Straße erschossen. Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen den Clubs, die vor allem aus territorialen Gründen aneinandergeraten. Was folgt, sind Razzien, Verhaftungen, Clubverbote. "Abendfüllende Ermittlungen." Und noch immer knallt es zwischen Rockerclubs in NRW. "Es braucht Geduld, einen langen Atem" Auch aktuell: Clankriminalität. "Ein Feld, das Anfang der 2000er die Polizei zunehmend beschäftigt, zuerst mit kleineren Delikten." Entstanden ist das Problem unter anderem durch libanesische Flüchtlinge. "Lange Zeit war Clankriminalität schwer greifbar." Bis klar wurde, dass eine Parallelwelt entstanden ist. "Es gibt Clans, die für sich deklarieren, welches Gesetz auf der Straße gilt. Die bestimmen wollen, wer in ein Viertel kommt - und wer nicht", sagt Jungbluth. Clankriminalität ist plötzlich im Fokus der Ermittler - und der Öffentlichkeit. NRW setzt auf "null Toleranz", es folgen zig Razzien in einschlägigen Betrieben. Festnahmen. Beschlagnahmungen. Ein extra Lagebild. Dass das Problem zeitnah gelöst wird? Schwer. "Es braucht Geduld, einen langen Atem." Mittlerweile scheinen Clans neben der allgemeinen Kriminalität häufiger im Bereich der Organisierten Kriminalität zu agieren. Zum Beispiel im Rotlichtmilieu. Oder im Handel mit Drogen. Oder im Bereich von Betrügereien. Generell macht Jungbluth eine Beobachtung: "Organisierte Kriminalität ist weltweit überall dort stark, wo der Staat seine Aufgabe als ordnender Faktor für das soziale Zusammenleben nicht mehr einhält." Und: Es ist ein Feld, das sich stetig verändert. "Ermittlungen im Bereich OK in NRW gibt es schon länger - und nicht erst durch Rocker oder Clans", sagt Jungbluth. Früher waren die Felder aber anders. Da wäre ein Auftragsmörder der italienischen Mafia, der in Mühlheim gelebt hat. Oder Ermittlungen gegen deutsche Rotlicht-Banden. "Da gab es zum Beispiel eine Szene in Köln oder Hagen." "Mit der Zeit wechseln die Protagonisten" Der erfahrene Ermittler weiß: "Mit der Zeit wechseln die Protagonisten." Und heute? Mittlerweile spielen ethnische Gruppierungen eine stärkere Rolle als von 30 Jahren. Clans, zum Beispiel. Oder Mafia-Strukturen aus Osteuropa. Selbst unter Rockern gründen sich entsprechende Charter oder Chapter, denen auch Personen mit unterschiedlichen Migrationshintergründen angehören. Eine weitere Erkenntnis des Top-Ermittlers: Zweckbündnisse. Früher kaum denkbar, machen manche Gruppen nun gemeinsame Sache. "Wenn es den Geschäftsinteressen und dem Gewinn dient." Ein Beispiel: "Crime as a Service", nennt es Jungbluth. Früher war es häufig so, dass eine Gruppe den gesamten Drogenprozess von der Produktion bis zum Verkauf geführt hat. Nun bedienen sich manche Gruppen "Subunternehmen", wie es Jungbluth nennt. Also anderer Gruppen, die den Transport oder den Weiterverkauf übernehmen. "'Crime as a Service' kann in Zukunft eine wichtige Rolle spielen." "Kommissar Zufall muss man finden" Was Jungbluth Sorgen bereitet, ist die Kommunikation zwischen den Tätern. Stichwort verschlüsselte Kryptohandys - für die Sicherheitsbehörden nur schwer zu knacken. "Da werden sich die Ermittler in Zukunft besser aufstellen müssen." Zudem haben synthetische Drogen einen immer höheren Stellenwert. Um großen Drogenlaboren auf die Schliche zu kommen, kooperiere man mit den Kollegen aus den Niederlanden. Dort liegt der Ursprung des Problems mit synthetischen Drogen wie Crystal Meth, das sich auf NRW ausgeweitet hat. Jetzt will Jungbluth aber loslassen. Ruhestand. Nach mehreren Jahrzehnten. Wehmütig ist er, sagt er. Der Beruf liegt ihm am Herzen. "Polizei ist Teamarbeit", sagt er. "Wie Mannschaftssport." Er lebt seit vielen Jahren in Düsseldorf. Hier hat er seine Frau kennengelernt. Hier sind seine Söhne geboren. Hier will er bleiben. Und eine Weisheit hat er in all seinen Jahren als Ermittler auch noch parat: "Kommissar Zufall gibt es nicht - Kommissar Zufall muss man finden."

Dieser Ermittler aus OWL jagte die italienische Mafia, Rocker und Clans

Immer wieder kommt es zu Maßnahmen gegen Clankriminalität in NRW. © Symbolbild: picture alliance/dpa

Bielefeld. Thomas Jungbluth gilt als einer der Top-Ermittler in NRW - und er stammt aus OWL. Über mehrere Jahrzehnte jagte er Terroristen, Mörder, Rocker, Clans oder die italienische Mafia. Mit der Redaktion erinnert sich Jungbluth an besondere Fälle und die Organisierte Kriminalität in NRW.

Mitte Juli. Der Rechtsstaat holt zum Schlag gegen Rocker aus. Mit voller Wucht. Mit einem mal werden die Bandidos in Westdeutschland verboten - es ging um Tötungsdelikte und Revierkämpfe. Für Jungbluth, der zu dem Zeitpunkt den Bereich Organisierte Kriminalität beim NRW-Landeskriminalamt leitet und an den Ermittlungen beteiligt war, ein Erfolg. Doch wie hat einst alles angefangen?

Jungbluth ist heute 65 - und seit einigen Wochen im Ruhestand. Der Top-Ermittler mit den grau melierten Haaren und der Brille ohne Rahmen ist einer, der ganz genau weiß, wovon er spricht. Einer, dem man stundenlang zuhören könnte. Denn erlebt hat er mehr als genug.

OWL Crime

Wahre Kriminalfälle aus der Region - von unserer Redaktion beleuchtet.


Aufgewachsen in Lage

Doch von vorne: Geboren und Aufgewachsen ist er in Lage. Seine Mutter und sein Bruder leben noch immer in OWL. Jungbluth kickt damals im heimischen Fußballverein. Macht sein Abitur in Lemgo. "Meine Eltern wollten eigentlich, dass ich Lehrer werde", berichtet Jungbluth heute. Sein Entschluss: zu langweilig. Wird er Journalist? Geht es zur Bundeswehr? Studiert er Medizin? Nein. Über den Vater eines Fußball-Kollegen kommt die Idee: Kriminalpolizei. Die Eltern sind trotzdem zufrieden mit seiner Berufswahl.

Thomas Jungbluth stammt aus dem Kreis Lippe.  - © picture alliance / Flashpic
Thomas Jungbluth stammt aus dem Kreis Lippe.  - © picture alliance / Flashpic

Wenige Wochen nach seinem Abitur steht der damals 18-jährige Jungbluth aufgeregt in frisch gebügelten weißen Hemd und Stoffhose in der Bielefelder Hauptwache. Eigentlich so gar nicht das typische Outfit für ihn. Der Anlass macht es aber nötig: Am 1. August 1975 startet er seine Karriere bei der Kripo. Tag eins der Ausbildung.

Mörderjagd im Bahnhofsviertel

Absolutes Neuland. "Am ersten Tag hat uns die Ausbildungsleistung in einen Bus gesetzt und wir sind durch Bielefeld gefahren. Da wurden uns zum Beispiel Orte gezeigt, an denen wir als Komissaranwärter nicht alleine hingehen sollten", erzählt Jungbluth. Zum Beispiel das Bahnhofsviertel. Oder die ehemalige Bielefelder Disko "Badewanne".

Aber natürlich musste er dann doch in die berüchtigten Ecken Bielefelds. An eine Geschichte erinnert sich Jungbluth noch genau: Es muss das Jahr 1976 gewesen sein - vielleicht auch 1977. "Jemand hatte eine Frau getötet und ihren Schmuck geklaut", berichtet Jungbluth. Einen Verdächtigen machen die Ermittler schnell aus - nun muss er nur noch gefasst werden. "Wir mussten die einschlägigen Kneipen im Bahnhofsviertel abklappern." Mit einem älteren Kollegen betritt er schließlich eine Bar nahe des Bahnhofs. "Und wer sitzt da an der Theke? Genau die Person, die wir gesucht haben. Ich weiß nicht, wer mehr Angst hatte - er oder ich", sagt Jungbluth grinsend.

"Die Dankbarkeit der Mutter werde ich nie vergessen"

Noch stärker in Erinnerung geblieben ist Jungbluth ein anderer Fall. "Der ist gar nicht spektakulär." Eine Mutter sucht ihr Kind. Es ist verschwunden. Beim Einkaufen. Aufgelöst steht sie vor Jungbluth und den Kollegen in der vierten Etage der Bielefelder Polizei. "Wir haben die Vermisstenanzeige aufgenommen und sofort losgelegt", berichtet Jungbluth. Schon wenig später wird das Kind von einer Streife gefunden, in der Nähe eines Spielplatzes. "Die Dankbarkeit der Mutter werde ich nie vergessen."

Drei Jahre dauert die Ausbildung in Bielefeld. Dann die Versetzung nach Düsseldorf. Landeskriminalamt. Acht Jahre, aber mit kurzer Unterbrechung. Abteilung: Terrorismusbekämpfung. "Als die IRA Anschläge in Deutschland verübt hat - unter anderem in Bielefeld - war ich Teil der Ermittler-Crew", erzählt Jungbluth. Auch gegen die deutsche Terrororganisation RAF ermittelt er. Oder gegen eine rechte Gruppierung. "Da gab es den Verdacht, dass sich so etwas wie eine Wehrsportgruppe bildet."

"Adrenalin pur"

1986 beginnt Jungbluth seine zweijährige Ausbildung zum höheren Dienst, danach der Wechsel nach Duisburg. Erst der Bereich für politisch motivierte Straftaten. Später Tötungsdelikte. Jungbluth und seine Ermittler jagen beispielsweise den bekannten "Rhein-Ruhr-Ripper", der mehrere Menschen tötete. Generell eine prägende Zeit. "Dieses Gefühl, wenn der Täter gesteht oder man ihn überführt - das ist Adrenalin pur", sagt Jungbluth, der sonst ruhig und sachlich spricht, energisch. Er fügt hinzu: "Egal, ob bei Mord, Drogenhandel oder anderen Taten."

Schließlich folgt der Bereich Organisierte Kriminalität in Duisburg. "In der Zeit hatten wir einige interessante Verfahren." Zum Beispiel gegen chinesische Menschenschleuser. "Da spielte die ehemalige portugiesische Kolonie Macau eine große Rolle. Da gab es bessere Passersatzpapiere. Über den Landweg kamen die Menschen nach Deutschland", erinnert sich der Ermittler. Oder viele Rauschgiftverfahren. "Da haben wir schon mal 20 Kilo Heroin in der Stadt sichergestellt." Auch die italienische Mafia spielt eine Rolle, Duisburg und der Niederrhein gelten als Kontakt- und Rückzugsorte.

Die Mafia-Morde von Duisburg

Bis 2000 bleibt Jungbluth in Duisburg, leitet am Ende die gesamte Kripo. Über Düsseldorf und Wuppertal folgt 2007 die Rückkehr zum Landeskriminalamt. Er wird Leiter im Bereich Organisierte Kriminalität, übernimmt den Kampf gegen Mafia, Rocker, Clans. Und hat einen besonders hektischen Einstieg: "Ein paar Tage, nachdem ich den Posten angetreten habe, gab es die Mafia-Morde in Duisburg."

Auch die italienische Mafia steht im Fokus der Ermittler - wie hier bei einer Razzia 2018 in Duisburg.  - © picture alliance/dpa
Auch die italienische Mafia steht im Fokus der Ermittler - wie hier bei einer Razzia 2018 in Duisburg.  - © picture alliance/dpa

Sechs Menschen werden Mitte August 2007 vor einem italienischen Restaurant erschossen - der Gipfel einer Fehde zweier ’Ndrangheta-Familien. Für die italienische Mafia in NRW sei das "eine Katastrophe" gewesen, sagt Jungbluth heute. "Eigentlich wollen die Gruppen im Verborgenen agieren." Doch plötzlich liegt der ganze Fokus auf der "italienischen OK", wie man unter Ermittlern sagt.

Nicht das einzige heiße Pflaster. Parallel zu den Mafia-Morden eskaliert ein Konflikt zwischen Bandidos und Hells Angels. Der sogenannte Rockerkrieg. In Ibbenbüren wird 2007 ein Hells Angel in seiner Werkstatt erschossen ("kurz vor meiner Zeit als Leiter der Organisierten Kriminalität beim Landeskriminalamt", so Jungbluth). 2009 wird in Duisburg ein Bandido auf offener Straße erschossen.

Vor einigen Wochen wurden die Bandidos in Westdeutschland verboten.  - © picture alliance/dpa/Dieter Menne
Vor einigen Wochen wurden die Bandidos in Westdeutschland verboten.  - © picture alliance/dpa/Dieter Menne

Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen den Clubs, die vor allem aus territorialen Gründen aneinandergeraten. Was folgt, sind Razzien, Verhaftungen, Clubverbote. "Abendfüllende Ermittlungen." Und noch immer knallt es zwischen Rockerclubs in NRW.

"Es braucht Geduld, einen langen Atem"

Auch aktuell: Clankriminalität. "Ein Feld, das Anfang der 2000er die Polizei zunehmend beschäftigt, zuerst mit kleineren Delikten." Entstanden ist das Problem unter anderem durch libanesische Flüchtlinge. "Lange Zeit war Clankriminalität schwer greifbar." Bis klar wurde, dass eine Parallelwelt entstanden ist. "Es gibt Clans, die für sich deklarieren, welches Gesetz auf der Straße gilt. Die bestimmen wollen, wer in ein Viertel kommt - und wer nicht", sagt Jungbluth. Clankriminalität ist plötzlich im Fokus der Ermittler - und der Öffentlichkeit. NRW setzt auf "null Toleranz", es folgen zig Razzien in einschlägigen Betrieben. Festnahmen. Beschlagnahmungen. Ein extra Lagebild. Dass das Problem zeitnah gelöst wird? Schwer. "Es braucht Geduld, einen langen Atem." Mittlerweile scheinen Clans neben der allgemeinen Kriminalität häufiger im Bereich der Organisierten Kriminalität zu agieren. Zum Beispiel im Rotlichtmilieu. Oder im Handel mit Drogen. Oder im Bereich von Betrügereien.

Generell macht Jungbluth eine Beobachtung: "Organisierte Kriminalität ist weltweit überall dort stark, wo der Staat seine Aufgabe als ordnender Faktor für das soziale Zusammenleben nicht mehr einhält." Und: Es ist ein Feld, das sich stetig verändert. "Ermittlungen im Bereich OK in NRW gibt es schon länger - und nicht erst durch Rocker oder Clans", sagt Jungbluth. Früher waren die Felder aber anders. Da wäre ein Auftragsmörder der italienischen Mafia, der in Mühlheim gelebt hat. Oder Ermittlungen gegen deutsche Rotlicht-Banden. "Da gab es zum Beispiel eine Szene in Köln oder Hagen."

"Mit der Zeit wechseln die Protagonisten"

Der erfahrene Ermittler weiß: "Mit der Zeit wechseln die Protagonisten." Und heute? Mittlerweile spielen ethnische Gruppierungen eine stärkere Rolle als von 30 Jahren. Clans, zum Beispiel. Oder Mafia-Strukturen aus Osteuropa. Selbst unter Rockern gründen sich entsprechende Charter oder Chapter, denen auch Personen mit unterschiedlichen Migrationshintergründen angehören. Eine weitere Erkenntnis des Top-Ermittlers: Zweckbündnisse. Früher kaum denkbar, machen manche Gruppen nun gemeinsame Sache. "Wenn es den Geschäftsinteressen und dem Gewinn dient."

Ein Beispiel: "Crime as a Service", nennt es Jungbluth. Früher war es häufig so, dass eine Gruppe den gesamten Drogenprozess von der Produktion bis zum Verkauf geführt hat. Nun bedienen sich manche Gruppen "Subunternehmen", wie es Jungbluth nennt. Also anderer Gruppen, die den Transport oder den Weiterverkauf übernehmen. "'Crime as a Service' kann in Zukunft eine wichtige Rolle spielen."

"Kommissar Zufall muss man finden"

Was Jungbluth Sorgen bereitet, ist die Kommunikation zwischen den Tätern. Stichwort verschlüsselte Kryptohandys - für die Sicherheitsbehörden nur schwer zu knacken. "Da werden sich die Ermittler in Zukunft besser aufstellen müssen." Zudem haben synthetische Drogen einen immer höheren Stellenwert. Um großen Drogenlaboren auf die Schliche zu kommen, kooperiere man mit den Kollegen aus den Niederlanden. Dort liegt der Ursprung des Problems mit synthetischen Drogen wie Crystal Meth, das sich auf NRW ausgeweitet hat.

Jetzt will Jungbluth aber loslassen. Ruhestand. Nach mehreren Jahrzehnten. Wehmütig ist er, sagt er. Der Beruf liegt ihm am Herzen. "Polizei ist Teamarbeit", sagt er. "Wie Mannschaftssport." Er lebt seit vielen Jahren in Düsseldorf. Hier hat er seine Frau kennengelernt. Hier sind seine Söhne geboren. Hier will er bleiben. Und eine Weisheit hat er in all seinen Jahren als Ermittler auch noch parat: "Kommissar Zufall gibt es nicht - Kommissar Zufall muss man finden."

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